Teil D: Die Byzantinische Kunst
I. Einführung in die byzantinische Kunst
1. Vorbemerkung
Kennzeichen byzantinischer Kunst und Kultur ist die Synthese römischen, griechischen und christlichen Erbes. Mehr als ein Jahrtausend, von der Spätantike bis an die Schwelle der Neuzeit bestand in den Ländern des östlichen Mittelmeeres das byzantinische Reich. Es ging im Laufe des 4.-6. Jh aus dem zerfallenden Imperium Romanum hervor. Während die westliche Reichshälfte des römischen Reichs in den Wirren der Völkerwanderungszeit unterging, gelang es dem Ostteil nicht nur, sich in der Weltkrise zu konsolidieren, sondern zeitweise an Stelle des alten Rom Weltmachtposition einzunehmen.
Der Beginn der byzantinischen Kunst liegt im Dunkel. Man kann nicht einfach den Beginn der Byzantinische Kunst mit der Gründung Konstantinopels (324/330) gleichsetzen, zumal in den Ostprovinzen des römischen Imperiums die spätantike Formensprache noch lange nach der Reichsteilung lebendig war, und auch die soziale Struktur und die wirtschaftlichen Bedingungen denen der Tetrarchenzeit ähnelte. Erst unter Athanasios I. (491-518) und ausgeprägter noch unter Justinian I. (527-565) wandelten sich die ökonomischen und kulturellen Bedingungen und nahmen jene, sich von der westlichen Reichshälfte deutlich unterscheidende Form an, die man bereits ‚byzantinisch’ nennen kann. Das Ende wird - zumindest für den zentralbyzantinischen Bereich markiert durch die Eroberung Konstantinopels durch die Türken (1453).
Die Bedeutung des byzantinischen Reiches für Geschichte und kulturelle Entwicklung des Abendlandes kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Jahrhundertelang war Byzanz das einzige europäische Staatswesen - der Vorposten - an der Grenze Asiens. In seinem unablässigem Existenzkampf gegen die Völker des Ostens wurde mehr als einmal auch das Schicksal des Okzidents entschieden. Kultur und Kunst des Westens verdanken ihre Grundlage und eine Fülle von Anregungen dem byzantinischen Vorbild. So ist die beispielsweise die Ikone Urform des europäischen Bildes.
Byzanz allein führte ohne Unterbrechung die Traditionen der christianisierten Spätantike fort. In Ländern griechischer Sprache und Kultur gelegen, wurde Byzanz überdies zum Sachwalter des griechischen Erbes. Als ein wahres Schatzhaus der Antike bewahrte das byzantinische Reich die Werke der Philosophen, Dichter und aller Zweige klassischer Wissenschaft, die sonst für immer verloren gewesen wären. Vom frühen Mittelalter an bis hin zu den humanistischen Akademien der italienischen Renaissance strömten immer neue Wellen byzantinischen Einflusses in die Kunst und das Geistesleben des Westens ein (aus Hutter, a.a.O., S. 64; vgl. Hutter, in: Belser Stilgeschichte Band 3, a.a.O., S. 81f).
Byzantinische Kunst ist nicht bloße Fortsetzung der klassischen griechischen Kunst, aber ohne dieselbe undenkbar und in vielerlei Hinsicht deren Nachfolgerin. So selbständig die Römer in ihrem Gemeinschaftsleben und ihrer Staatsform, in Politik und ihrem Anspruch auf imperiale Herrschaft waren, so hingebungsvoll und gelehrig nahmen sie das geistige und künstlerische Erbe des Griechentums auf, dessen Leistungen von der bildenden wie der literarischen Kunst der Römer als beispielhaft anerkannt und verbreitet wurden (Schuchardt, Walter-Herwig: Die Griechische Kunst, Stuttgart 1968, S. 5). Wenn aber die griechische Kunst ihre exemplarische Einschätzung gerade der römischen Kultur als Mittlerin und Verbreiterin verdankt, so hat letztere diese Position in immer neuen Renaissancen bewahrt. Die römische Kunst selbst ist in vieler Hinsicht ein erstes Beispiel der weiterbestehenden Kraft des griechischen Geistes. Dabei hat die Mittlerrolle des Imperium Romanum nicht nur die weltweite Verbreitung der griechisch-römischen Kultur bewirkt, sondern auch jene Einheit einer ‘antiken Welt‘ geschaffen, die für zwei Jahrtausende Gültigkeit besitzen sollte.
Auch die Kulturen des alten Orients hatten voneinander Traditionen der Kunst übernommen, die Akkader von den Sumerern, die Babylonier von beiden und die Assyrer von Babylon. Vieles von diesem alten Kulturgut war eine anonyme Erbmasse geworden, die seit dem 1. Jahrtausend vor Christi vom Vorderen Orient her in den Mittelmeerraum verbreitet wurde.
Als die Griechen um die Wende des 8. zum 7. Jh. v.Chr. aus der strengen Abgeschlossenheit und Enge ihrer Frühzeit heraustraten, und räumlich und geistig mit dem Orient Verbindung aufnahmen, adaptierten sie auch diese Erbmasse. Das Griechentum hat anschließend durch Jahrhunderte hinweg seine Gesetze des Bildens und Denkens aus eigenen Kräften entwickelt. Die antike griechische Kunst war ursprünglich göttliche Kunst in zweifachem Sinne. Sie war den Göttern geweiht und vorbehalten. Zugleich läßt sie sich aber auch als Darstellung der edlen göttlichen Eigenschaften des Menschen auffassen. Am Beginn der Klassik erlangt das Menschenbild als Verkörperung des polisgebundenen Individuums, einer dem Staat und den Göttern verpflichteten Anthropologie, überragende Bedeutung. Im 4. Jh.v.Chr. entsteht im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch der traditionellen Polis, der Gründung des makedonischen Reiches und seiner Ablösung durch die Diadochenreiche eine Änderung zur zunehmenden Individualisierung, aber auch naturalistischen Verflachung (dtv-Lexikon, Band 3, S. 10). Der Hellenismus verlagerte die Akzentuierung auf die Gefühlswelt des Menschen (Polemoi, a.a.O., S. 139). Die klassizistischen Bestrebungen des Späthellenismus verhärten die klassischen Lebensbilder zur "leeren", schönen Form (dtv-Lexikon, Band 3, S. 10), wobei es im Osten des römischen Reiches bei aller Unterschiedlichkeit in den Regionen zunehmend zu einer Vermischung mit orientalischen Formen kam (Polemoi, a.a.O., S. 132 f, 134, 145).
In der römischen Zeit wandelte sich die Kunst im Blick auf das römische Staatsziel des kriegerischen Imperiums. Römische Kaiserkunst, neben die in der Kaiserzeit eine unabhängig werdende Provinzialkunst trat, war eine imperiale machtdemonstrierende Kunst, die nicht mehr an griechisch-klassisch-hellenistischer Proportionalität und Schönheit orientiert war (vgl. Belser Stilgeschichte Band 2, a.a.O., S. 178 f). Trotz der der Bedeutung der Kaiserkunst bestanden bzw. überlebten im Imperium Romanum neben der Staatskunst vielfältige weitere Kunstströmungen. Über die Jahrhunderte hinweg gab es im Zeitablauf unterschiedliche Kunstepochen, die sich jeweils durch eigene Stile auszeichneten (vgl. Belser, a.a.O., S. 181); dagegen sehen anderen (vgl. Polemoi, a.a.O., S. 155) einen orientalischen Hellenismus als Hauptströmung der Kultur der Römerzeit. Man kann vereinfacht feststellen, daß im Imperium Pomanum verschiedene Epochen und Stilrichtungen unterschieden werden können, die sich nach den einzelnen Kaiserhäusern und der von diesen favorisierten Kunst richten (Belser, a.a.O., S. 182 ff; dtv-Lexikon der Kunst, a.a.O., Band 6, S. 227). Die im Blick auf die Thematik der Darstellung byzantinischer Kunst interessierende Zeit des 3. Jh. vor der konstantinischen Wende ist gekennzeichnet von ständigem Wechsel und großer Variationsbreite verschiedener nebeneinander bestehender Stilrichtungen (Belser a.a.O., Band 2, S. 198). Die Misere der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse förderte Tendenzen einer Eschatologisierung, die sich in den jenseitsgewandten philosophischen Systemen des Neuphytagoreismus und Neuplatonismus, dem Aufkommen orientalischer Kulte und Mysterienreligionen niederschlugen und in der Kunst zu neuen Ausdrucksformen führte. "Nach verschiedenen Versuchen der Wiederbelebung altrömischer und hellenisierend-klassizistischen Formtraditionen, jeweils nur von kurzem Bestand (z.B. Klassizismus unter Gallienus, 253-268), setzte sich Ende des 3. Jh. in der Kunst ein neues, mit dem antiken Körperideal rigoros brechendes Menschenbild durch, in dem der spirituelle Ausdruck dem Vorrang vor der Erscheinung hat" (dtv-Kunstlexikon, a.a.O., Band 6, S. 235).
Auch im Bereich der figürlichen Künste kam es im 3. Jh. zu einer tiefgreifenden Wende, indem sich nun künstlerische Vorstellungen durchzusetzen begannen, die ihre Wurzeln in der römischen Volkskunst und der stark beharrenden orientalischen Tradition der östlichen Provinzen haben. Der Aufstieg dieser beiden, wenig hellenisierten Bereiche hatte eine radikale Umformung aller antiken Gestaltungsprinzipien zur Folge, nämlich die Abkehr von der klassischen Idee der dreidimensionalen Gestalt und die Hinwendung zur Zweidimensionalität (vgl. Hutter, Frühchristliche Kunst, a.a.O., S. 9). "Zu den epochalen Erscheinungen der Spätantike gehört der Übergang der führenden Rolle unter den Bildkünsten von der Plastik auf die Malerei. Dieser Prozeß, der geistesgeschichtlich wie formal in vorchristlicher Zeit einsetzt, erlangte in der christlichen Ära beherrschende Aktualität; denn das Christentum lehnte jedes plastische Kunstbild als ein Idol ab. Freiplastik und monumentale Skulpturen behielten in der lediglich in der Hofkunst eine gewisse Bedeutung" (Hutter, Frühchristliche Kunst, a.a.O., S. 11; Anm.: Nur im Abendland vollzieht sich in der Romantik eine großartige Wiederbelebung der Plastik).
Der neue Reichs-Stil kam dem nach der konstantinischen Wende zunehmend an Einfluß gewinnenden Christentum und seiner eschatologischen und asketischen Grundhaltung entgegen, weshalb es nicht zum Bruch sondern in vielfältiger Weise zur Adaption kam. Die neue Innerlichkeit, das "Übertragen des Übersinnlichen in die sinnliche Erscheinungswelt der Kunst (ist) der wesentliche Unterschied der frühchristlichen Kunst zu der sich selbst genügenden Identität der Antike" (Hutter, Frühchristliche Kunst, a.a.O., S. 10)
Die frühchristliche Sakralkunst, die sich in der Architektur grundlegend von der klassischen Tempel-Baukunst unterscheidet, ist durch Innengerichtetheit bestimmt. "Nicht auf den Außenbau, sondern auf den Innenraum konzentrieren sich alle künstlerischen Kräfte. Die christliche Architektur führt damit eine Entwicklung, die sich im paganen Bereich seit dem frühen 3. Jh. angebahnt hatte, konsequent und mit neuer sakraler Bedeutung weiter" (Hutter, Frühchristliche Kunst, a.a.O., S. 8, 9).
Diese Entwicklung ist die Basis byzantinischer Kunst. Byzantinische Kunst und Kultur ist jedoch nicht bloße Bewahrung antiker und christlichen Traditionen, aus der Verschmelzung der Elemente entstand vielmehr eine neue eigenständige Kunst und Kultur. Der Unterschied zur Spätantike drückt sich ab dem 5. / 6. Jh. in fast allen Lebensbereichen aus, auch in der Stellung des Kaisers gegenüber der Öffentlichkeit und in seinem Verhältnis zur Kirche. Der Kaiser repräsentiert sich jetzt als Stellvertreter Christi, der sich in seinem Gottesgnadentum und seiner priesterlichen Funktion grundlegend von westlichen Herrscherpersönlichkeiten unterscheidet: Während in Frankenreich der Papst als höchste kirchliche Instanz neben den Kaiser tritt, untersteht im oströmischen Cäsaropapismus der Patriarch dem Kaiser, der ihn ernennt und absetzt. Der Kaiser ist unumschränkter Alleinherrscher über Reichsverwaltung und Kirche (vgl. hierzu ausführlich: Beck, Geschichte der orthodoxen Kirche im byzantinischen Reich, a.a.O.).
Voraussetzung für die rigorose Christianisierung des Lebens war die Ausrottung des Heidentums und der antiken, vor allem der platonischen Philosophie. Justinian schloß die Universität von Athen und die von heidnischen Professoren geleiteten Universitäten von Alexandreia und Berytos. Unter Kaiser Herakleios (610-641) waren die letzten Reste antiker Kultur verschwunden, die Götterfiguren und Tempel zerstört, während das gegen Ende des 3. und zu Beginn des 4. Jh. in Ägypten entstandene Mönchtum erstarkte.
Byzanz verschmolz damit die Traditionen Roms, des Hellenismus und des jungen Christentums. Aus dieser Synthese von Griechenland, Rom und Orient entstand eine neue, eigenständige und sich fortentwickelnde byzantinische Kunst.
2. Die Grundzüge der byzantinischen Kunst
Die byzantinische Kunst ist in Inhalt und Form ein geschlossenes Kunstsystem, das zugleich das umfassendste und beständigste des Mittelalters war. Die Bildprogramme byzantinischer Kunst und jedes einzelne Bildthema wurden zu solcher gedanklichen Klarheit ausgereift, daß sie durch kirchliche Autorität und Überlieferung sanktioniert, jahrhundertelang gültig blieben. Ihre ästhetischen Prinzipien erfüllten die doppelte Aufgabe, die Bildinhalte authentisch wiederzugeben und die in der Antike wurzelnde Tradition zu bewahren und zu erneuern. Ohne je einer starren Reglementierung unterworfen zu sein, ist die byzantinische Kunst ideologischen und formalen Konventionen verpflichtet, die der künstlerischen Freiheit Grenzen setzen, aber doch elastisch genug sind, innerhalb dieser Grenzen eine lebendige Entwicklung der Formen und Stile zu ermöglichen (aus Hutter, in: Belser Stilgeschichte a.a,O., S. 86).
Auch die Baukunst ist diesen neuen Konventionen verpflichtet. Sie war ieL kirchliche Kunst, wie auch das gerade Staatsreligion gewordene Christentum alle Bereiche oströmischer Kultur durchzog. Die jetzt entstandene neue Liturgie mit den Aufzügen der Priester und Diakone und den prunkvollen Prozessionen verlangte andere Kirchenräume, als sie die bis dahin vorherrschende Form der Basilika bot (so Volbach, a.a.O., S. 14; m.E. ist diese Begründung unzutreffend. Die Hauptliturgie der Orthodoxie - die Johannes-Chrysostomos-Liturgie stammt aus konstantinischer Zeit, während der man den Kirchentyp der Basilika bevorzugte. In der frühchristlichen Periode [4.-7. Jh.] herrscht der Typ der Basilika mit Narthex vor [vgl. hierzu: Melas, Evi, a.a.O., S. 37]. Zutreffender ist, daß die theologische Entwicklung andere achitektonische Entwürfe bedingte).
Der Bruch mit der Vergangenheit zeigt sich in justinianischer Zeit auch auf dem Gebiet der Kirchenmusik. Aus Syrien und dem Bereich der jüdischen Kirche drang in die orthodoxe Liturgie der einstimmige Gesang ohne Begleitung, die Gregorianik, ein, die den bis dahin üblichen mehrstimmigen, von Instrumenten begleiteten Kirchengesang ablöste, mit ihren Hymnen den Kult neu belebte und ihren Höhepunkt mit dem von Andreas von Kreta (um 650-720) ausgearbeiteten Zyklus der neuen Hymnen, dem Kanon, fand (vgl. Volbach, u.a.: Byzanz und der christliche Osten, in: Propyläen-Kunstgeschichte, Berlin Sonderausgabe 1990, S. 14).
Die byzantinische Kunst ist in erster Linie religiöse Kunst, aber sie ist weder Mönchskunst noch Volkskunst, die beide erst spät einen gewissen formschöpferischen Beitrag leisteten. Sie trägt vielmehr den Stempel des religiösen und humanistischen Weltbildes und des Geschmacks der hochgebildeten Elite des Hofes, der Aristokratie und hohen Geistlichkeit, die ihre wichtigsten Auftraggeber waren. Maßgebenden Einfluß hat die sehr bedeutende, auch fúr den Westen vorbildliche Kaiserkunst. Der Kaiser wird zumeist in seinen religiösen Funktionen dargestellt, mit allen Insignien seiner Macht, und zugleich durch die Strenge und Unbeweglichkeit der Darstellung erhoben in die sakrale Sphäre des Statthalters Gottes auf Erden. Jedes dieser imperialen Repräsentationsbilder ist ein politisches Dokument, Symbol der gottgewollten Legitimität des Kaisers und des Reiches. Auch das kaiserliche Mäzenatentum hat einen politisch-religiösen Akzent: Demonstration von Rechtgläubigkeit und Traditionsbewußtsein, von Macht und kultureller Überlegenheit. Die bedeutendsten Kirchen und viele der großen Klöster sind kaiserliche Stiftungen, die fùhrenden Werkstätten aller Kunstgattungen standen im Dienst von Kaiser und Hof. Kaiserliche Dekrete eröffneten und beendeten den Bilderstreit und entschieden damit über die Existenz der byzantinischen Kultur. Schließlich waren es mehrfach Gelehrte auf dem Thron, die die Wiederbelebung des klassischen Erbes entschieden förderten. So ist es vornehmlich die Kunst, die in kaiserlichem Auftrag entstand, die jeder Epoche ihr geistiges und künstlerisches Profil gibt. Mit den Namen von Herrschern und Dynastien verbinden sich denn auch die Blütezeiten der byzantinischen Kunst.
Byzantinische Kunst ist aufgrund der cäsaropapistischen Organisation des byzantinischen Reiches vor allem hauptstädtische Kunst. Von der größten und prächtigsten Stadt Europas, Konstantinopel gingen Strömungen von einer solchen Stärke aus, daß eine regionale Kunst sich nur in bescheidenen Ansätzen entwickeln konnten. Konstantinopel blieb Kern und Kraftquelle aller Kunst im byzantinischen Reich. Die Hauptstadt war zugleich das religiöse Zentrum des oströmischen Reiches; wenn auch der Patriarch von Konstantinopel in der Orthodoxie lediglich die - immer wieder bestrittene - Stellung des primus inter pares innehatte, so ging dennoch von den kaiserlichen Kirchen der Hauptstadt Vorbildfunktion aus, deren Nachahmungseffekte die christliche Architektur über die Jahrhunderte prägten.
3. Epochen byzantinischer Kunst:
Nur bei oberflächlicher Beobachtung bleiben die Eigenarten byzantinischer Kultur und Kunst konstant. Bei vertiefter Betrachtung werden scharfe Einschnitte sichtbar, ausgelöst vor allem durch Veränderungen der sozialen und ökonomischen Verhältnisse, bis die Hauptstadt 1453 dem Ansturm der Türken unterliegt. Auffallend ist, daß die Perioden der byzantinischen Kunst in großen Zügen mit der Herrschaft der einzelnen Dynastien zusammengehen, im Wechsel von höchster Entfaltung zu Stillstand und Niedergang.
Die byzantinische Kunst wird historisch in drei große Perioden eingeteilt, die als früh-, mittel- und spätbyzantinische Kunst bezeichnet werden. Verbreitet ist auch die Klassifizierung nach den herrschenden Dynastien in makedonische, komnenische und paläologische Kunst. Die großen Einschnitte in der 1000jährigen Geschichte bilden der Bildersturm (726-843) und das Lateinerreich, die fränkische Besetzung während und nach dem vierten Kreuzzug (1204-1261).
Die sog. Renaissancen der byzantinischen Kunst sind jeweils verschiedene Rückgriffe auf unterschiedliche klassische oder hellenistische Vorbilder in Zeiten des Aufschwungs bzw. der geistigen Erneuerung im Reich, und deren Einschmelzung in die byzantinische Kunst.
Wie die Geschichte des byzantinischen Staates beginnt auch die byzantinische Kunst mit einer Phase des Übergangs von der Spätantike und frühchristlichen Kunst mit ihrer Vielzahl von in Rom, Griechenland, Syrien und Palästina gepflegten Traditionen. Es folgt die Zeit der Konsolidierung einer eigentlichen homogenen Kunst in Konstantinopel, die alle diese Traditionen aufnimmt und weitgehend verschmilzt. Wie auch das Christentum ist die byzantinische Kunst daher eine synkretistische Kunst.
Die große Epoche Justinians bringt zum ersten Mal eine vom Kaisertum und von Konstantinopel ausgehende Reichskunst hervor, die den Bildillusionismus der Antike wiederbelebt, ohne die spirituell abstrahierenden Prinzipien der frühchristlichen Zeit aufzugeben. Die Zeit nach Justinian entwickelt zwei Kerntypen der byzantinischen, ja der ganzen orthodoxen Kunst: die *Kreuzkuppelkirche - Idealtypus einer theologisch fundierten Kirchensymbolik - und die Ikone, der Form nach Tafelbild und Vorläufer des westlichen Altarbildes, der Idee und Funktion nach aber Kultbild der Kirche. An seiner bis zur Idolatrie übersteigerten Verehrung entzündet sich der Bilderstreit (726-843; vgl. Hutter, in: Belser Stilgeschichte, a.a.O., S. 93).
Unter den Nachfolgern Justinians, vor allem z.Z. der isaurischen Dynastie von Leon III. (717-741) bis zur Kaiserin Irene (787-802), änderte sich die Kunstentwicklung wenig, bedingt durch den Bilderstreit, der das Reich seit 726 erschütterte. Das Kunstschaffen in dieser dunklen Zeit bis zur makedonischen Dynastie seit Basileios I. (867) muß man vor allem von peripheren Gebieten verfolgen, beispielsweise aus der Emigaration nach Italien.
Mit der Machtübernahme durch die makedonische Dynastie (im 10. Jh) ändert sich das Verhältnis zur Antike. War deren Fortleben bis zur Regierungszeit des Herakleios in der Kunst noch latent sichtbar, überwuchert vielfach durch östliche Elemente, so griff man jetzt bewußt auf antike Vorbilder zurück, auf der Grundlage einer humanistischen Gesinnung, die vor allem am Kaiserhof bestand und u.a. zur Gründung der Universität in Konstantinopel bereits vor dem Machtantritt der makedonischen Dynastie führte.
Die Kunst der komnenischen Epoche (1081-1185) entwickelte sich zwar auf der Formgrundlage der makedonischen Zeit, unterscheidet sich aber in wesentlichen Punkten und läßt sich in mancherlei Hinsicht mit der romanischen Kunst des Westens vergleichen. Vom Ende des 10. Jh. an zeichnet sich ein leichter Stilwandel ab, der sich mit einer verstärkten Tendenz zur Abstraktion und Entmaterialisierung im 11. Jh. fortsetzt.
Mit der Einnahme und Plünderung Konstantinopels durch die Teilnehmer des vierten Kreuzzuges 1204 endete die große mittelbyzantinische Epoche, und es begann eine neue Zeit, die in politischer Hinsicht zwar zwar einen Tiefstand bedeutete, die der Kultur und Kunst der Hauptstadt jedoch einen Höhepunkt bescherte. Diese letzte byzantinische Kunstepoche fällt ungefähr mit der Herrschaft der Paläologen (1250-1453) zusammen und wird nicht nur geprägt durch die starken humanistischen Strömungen in Philosophie und Literatur, sondern auch von der Mystik des Mönchtums und den Ideen des Hesychasmus. Die sog. palaiologische Renaissance des 14. und 15. Jh wirkte sich stark auf die Kunst des Westens und damit auf das Entstehen der italienischen Renaissance aus.
4. Homogenität und Tradition der byzantinischen Kunst
"Die außerordentliche Homogenität der byzantinischen Kunst - verglichen mit der Vielzahl der Stile im Westcn - beruht auf der bindenden und daher beharrenden Kraft gewisser formaler Prinzipien, die durch stilistische Besonderheiten und Entwicklungen wohl abgewandelt und auf verschiedene Weise gedeutet, aber nicht verlassen werden.
Aus den Forderungen der Bilderlehre resultiert ein strenges System von Bildmitteln, die geeignet sind, das Bild transparent zu machen für das Intelligible, das Überrationale, Zeitlose der sakralen Bildinhalte, und zugleich seine unmittelbare Beziehung zum Betrachter herzustellen.
Die Idealform ist die Frontalität der Figur im Bild, die wiederum die feste Bindung der Figur an die Bildfläche unter Verzicht auf räumliche Tiefe bedingt, sowie die strenge innere Organisation der Figur, die vor allem auf dem festen Gerüst der Kontur- und Binnenlinien beruht. Diese hieratische, monumentale Frontalität wird in szenischen Kompositionen zugunsten einer Dreiviertelansicht gelockert, die ausreicht, Handlungszusammenhänge darzustellen und zugleich diese dem Betrachter klar und übersichtlich vorzufúhren. Vergrößerung und Isolierung der Hauptfigur, spannungsvolle Ge-genüberstellung zweier Figuren oder Gruppen und eine intensive, klar lesbare Gestensprache konzentrieren jede Szene auf den Kern des Geschehens und verdichten seinen lyrischen oder dramatischen Gehalt zu einer Aktualität, die den Betrachter in die Rolle des Teilnehmers an dem heiligen Ereignis selbst versetzt.
Diese magische Überzeugungskraft der byzantinischen Bildkunst ist nur dadurch möglich, daß sie aus der Antike ein intaktes Menschenbild bewahrt und einen Großteil jener formalen Praktiken, durch die die Antike die menschliche Figur in ihrer natürlichen Erscheinung und Umgebung darstellte. Seit dem Bilderstreit ist die menschliche Gestalt der bei weitem wichtigste Bildinhalt und Formanlaß, und nie wird, wie im Westen, die Tendenz zu spiritueller Abstraktion bis zu völliger antiorganischer Formzerlegung vorangetrieben. Vielmehr bleibt immer ein sicheres Verständnis fúr die natürlichen Be-wegungsfunktionen des Körpers - selbst bei anatomischer Unrichtigkeit - lebendig, ein klares Gefühl für Maß und Harmonie, das sich in der Figurenbildung ebenso äußert wie in der Bildkomposition und in den satten oder zarten Farbharmonien.
Antiken Ursprungs sind die meisten der Kompositionsschemata, die statische monumentale Symmetrie ebenso wie die hochkomplizierten, bewegten Kompositionsmuster und jene große Zahl unnachahmlicher Feinheiten - leichte Verschiebungen der Symmetrie oder des Rhythmus, Zäsuren, Konturwiederholung, Licht- und Farbeffekte u. a. m. -, die das byzantinische Bild so lebendig, so geistreich, so schön im Sinne einer sublimierten, intellektuellen Schönheit erscheinen lassen.
Alle diese formalen Mittel und ästhetischen Wirkungen bezeugen die Kontinuität der byzantinischen Kunst; sie gehen letztlich auf die in der Spätantike geprägten Bildgesetze zurück. Aus dem ständigen Rückgriff auf ältere Formen und ihrer gleichzeitigen Wandlung, Interpretation und Läuterung entsteht jene kontinuierliche Tradition, die von der Antike her die ganze byzantinische Kunst durchzieht.
Über diesen Traditionsstrom hinaus aber werden Kenntnis und Verständnis der Antike immer wieder erneuert. In den Epochen der Rückbesinnung auf die hellenistische Vergangenheit in den Blütezeiten des Humanismus, orientiert sich auch die Kunst am Vorbild der Antike. Die byzantinischen "Renaíssancen" folgen einander wie Wellen, wie diese stehen sie untereinander in Verbindung und haben Phasen der Vorbereitung, der Kulmination und schließlich des Absinkens in die Vermischung mit weniger klassischen Formen. Jede dieser Renaissancen erwirbt ein eigenes Bild der Antike, indem sie bestimmte Ideen und Formen der klassischen illusionistischen Bildauffassung hervorhebt und andere vernachlässigt. In einigen Werken ist die Annäherung erstaunlich groß, keines jedoch dringt bis zur Wurzel der antiken Kunst vor, zur Beobachtung der Natur. Dennoch bedeutet die Nachahmung klassischer Vorbilder eine schöpferische Erneuerung, und diese befähigt die byzantinische Kunst zu ihrer großartigen, lebendigen Kontinuität. Kraft dieser Dauer im Wandel bewahrt die byzantinische Kunst im Zeitraum eines Jahrtausends die humane Würde und die erhabene Geistesklarheit der Antike, denn die Byzantiner waren Greise, aber sie waren Griechen" (W. Vöge, zitiert nach Hutter, in: Belser Stilgeschichte a.a.O., S. 93/94) .
5. Auswirkungen der byzantinischen Kunst im Osten und Westen
Alle Länder des Westens - vor allem das nahe gelegene Italien- empfingen wesentliche Anregungen aus dem Osten, teils direkt durch die Tätigkeit byzantinischer Künstler, teils durch importierte Arbeiten. In der Völkerwanderung erkauften die Kaiser immer wieder durch Tribute und kostbare Geschenke die Abwendung germanischer Stämme von den Reichsgrenzen. Um 800 vollzieht sich in der westlichen Welt eine grundlegende Wandlung, mit der sich auch das Verhältnis zur byzantinsichen Kunst ändert: Dem östlichen Basileus tritt gleichberechtigt ein westlicher Herrscher gegenüber. Papst Leo III. übertrug mit seiner Kaiserkrönung auch die Rechte, die bis dahin der oströmische Kaiser ausübte. Karl d.Gr. besaß keine engen Beziehungen zum oströmischen Hof. Seine antikisierende Kunst suchten seine Künstler in Ravenna und Rom, weniger im Osten. Als mit dem Tod Ludwigs des Kindes (911) das karolingische Kaiserhaus erlosch, änderte sich unter den Ottonen die deutsche und im Zusammenhang damit auch die italienische Politik. Heinrich I. und Otto d.Gr., unter denen das Reich zur stärkste Macht des Kontinents emporstieg, standen nun der Regierung in Byzanz gleichberechtigt gegenüber, und ihre Italienpolitik brachte sie zu Byzanz bald in Gegensatz. Nachdem Otto II. die byzantinische Prinzessin Theophanu geheiratet hatte, machte sich der Einfluß Ostroms immer stärker bemerkbar: Byzantiner weilten an ihrem Hof, zahlreiche Kunstwerke gelangten von Konstantinopel nach Deutschland. Daneben aber versuchten auch die nun erstarkten Fürsten und Bischöfe mit der byzantinischen Kunst zu wetteifern. In der Miniaturkunst, in Mosaiken, Reliefs, Buchtafeln usw. zeigt sich byzantinischer Einfluß.
Infolge der politischen und kulturellen Bindungen war naturgemäß der Einfluß in der vorromanischen Kunst Italiens besonders stark. Einfallstor für die Waren aus dem Osten waren die Häfen von Amalfi, Salerno und Neapel. Persönlich nahe standen dem byzantinischen Hof die Äbte von Monte Cassino, dessen Protektor seit Nikephoros Phokas (885) der byzantinische Kaiser war. Wenn auch die Macht des byzantinischen Reiches unter der Herrschaft der Komnenen starke Einbußen erlitt, so blickte das Abendland auch weiterhin voller Bewunderung auf die Kunstschätze des Ostens. Als im Süden Italiens die Normannen vordrangen, Sizilien eroberten und den Kirchenstaat bedrohten, blieben sie kulturpolitisch neutral. Sie brachten byzantinische Werke nach Sizilien und beauftragten byzantinische Mosaizisten mit der Ausgestaltung ihrer Kirchen. Noch mit dem Beginn der Gotik spürt man in Frankreich, Deutschland und noch mehr in Italien den Einfluß der byzantinischen Kunst. In Italien waren die Auswirkungen wegen der direkten politischen und kulturellen Beziehungen besonders intensiv, während die Anregungen in den Ländern nördlich der Alpen oft so stark verarbeitet wurden, daß die byzantinischen Vorbilder fast unerkannt bleiben. Die Künstler, die in der Zeit der frühen Gotik und des "dolce stile nuovo" byzantinische Motive übernehmen, verwenden sie in der Absicht, die Antike nachzuahmen. Auch in Konstantinopel waren die Künstler und Philosophen, vor allem in der palaiologischen Periode, stärker als in früheren Epochen zur Wiederaufnahme der klassischen Kunst übergegangen.
Nach dem Fall Konstantinopels und mit der Ausbreitung der Renaissance im Westen verschwand der byzantinische Einfluß mehr und mehr.
Teil D: Die Byzantinische Kunst
I. Einführung in die byzantinische Kunst
1. Vorbemerkung
Kennzeichen byzantinischer Kunst und Kultur ist die Synthese römischen, griechischen und christlichen Erbes. Mehr als ein Jahrtausend, von der Spätantike bis an die Schwelle der Neuzeit bestand in den Ländern des östlichen Mittelmeeres das byzantinische Reich. Es ging im Laufe des 4.-6. Jh aus dem zerfallenden Imperium Romanum hervor. Während die westliche Reichshälfte des römischen Reichs in den Wirren der Völkerwanderungszeit unterging, gelang es dem Ostteil nicht nur, sich in der Weltkrise zu konsolidieren, sondern zeitweise an Stelle des alten Rom Weltmachtposition einzunehmen.
Der Beginn der byzantinischen Kunst liegt im Dunkel. Man kann nicht einfach den Beginn der Byzantinische Kunst mit der Gründung Konstantinopels (324/330) gleichsetzen, zumal in den Ostprovinzen des römischen Imperiums die spätantike Formensprache noch lange nach der Reichsteilung lebendig war, und auch die soziale Struktur und die wirtschaftlichen Bedingungen denen der Tetrarchenzeit ähnelte. Erst unter Athanasios I. (491-518) und ausgeprägter noch unter Justinian I. (527-565) wandelten sich die ökonomischen und kulturellen Bedingungen und nahmen jene, sich von der westlichen Reichshälfte deutlich unterscheidende Form an, die man bereits ‚byzantinisch’ nennen kann. Das Ende wird - zumindest für den zentralbyzantinischen Bereich markiert durch die Eroberung Konstantinopels durch die Türken (1453).
Die Bedeutung des byzantinischen Reiches für Geschichte und kulturelle Entwicklung des Abendlandes kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Jahrhundertelang war Byzanz das einzige europäische Staatswesen - der Vorposten - an der Grenze Asiens. In seinem unablässigem Existenzkampf gegen die Völker des Ostens wurde mehr als einmal auch das Schicksal des Okzidents entschieden. Kultur und Kunst des Westens verdanken ihre Grundlage und eine Fülle von Anregungen dem byzantinischen Vorbild. So ist die beispielsweise die Ikone Urform des europäischen Bildes.
Byzanz allein führte ohne Unterbrechung die Traditionen der christianisierten Spätantike fort. In Ländern griechischer Sprache und Kultur gelegen, wurde Byzanz überdies zum Sachwalter des griechischen Erbes. Als ein wahres Schatzhaus der Antike bewahrte das byzantinische Reich die Werke der Philosophen, Dichter und aller Zweige klassischer Wissenschaft, die sonst für immer verloren gewesen wären. Vom frühen Mittelalter an bis hin zu den humanistischen Akademien der italienischen Renaissance strömten immer neue Wellen byzantinischen Einflusses in die Kunst und das Geistesleben des Westens ein (aus Hutter, a.a.O., S. 64; vgl. Hutter, in: Belser Stilgeschichte Band 3, a.a.O., S. 81f).
Byzantinische Kunst ist nicht bloße Fortsetzung der klassischen griechischen Kunst, aber ohne dieselbe undenkbar und in vielerlei Hinsicht deren Nachfolgerin. So selbständig die Römer in ihrem Gemeinschaftsleben und ihrer Staatsform, in Politik und ihrem Anspruch auf imperiale Herrschaft waren, so hingebungsvoll und gelehrig nahmen sie das geistige und künstlerische Erbe des Griechentums auf, dessen Leistungen von der bildenden wie der literarischen Kunst der Römer als beispielhaft anerkannt und verbreitet wurden (Schuchardt, Walter-Herwig: Die Griechische Kunst, Stuttgart 1968, S. 5). Wenn aber die griechische Kunst ihre exemplarische Einschätzung gerade der römischen Kultur als Mittlerin und Verbreiterin verdankt, so hat letztere diese Position in immer neuen Renaissancen bewahrt. Die römische Kunst selbst ist in vieler Hinsicht ein erstes Beispiel der weiterbestehenden Kraft des griechischen Geistes. Dabei hat die Mittlerrolle des Imperium Romanum nicht nur die weltweite Verbreitung der griechisch-römischen Kultur bewirkt, sondern auch jene Einheit einer ‘antiken Welt‘ geschaffen, die für zwei Jahrtausende Gültigkeit besitzen sollte.
Auch die Kulturen des alten Orients hatten voneinander Traditionen der Kunst übernommen, die Akkader von den Sumerern, die Babylonier von beiden und die Assyrer von Babylon. Vieles von diesem alten Kulturgut war eine anonyme Erbmasse geworden, die seit dem 1. Jahrtausend vor Christi vom Vorderen Orient her in den Mittelmeerraum verbreitet wurde.
Als die Griechen um die Wende des 8. zum 7. Jh. v.Chr. aus der strengen Abgeschlossenheit und Enge ihrer Frühzeit heraustraten, und räumlich und geistig mit dem Orient Verbindung aufnahmen, adaptierten sie auch diese Erbmasse. Das Griechentum hat anschließend durch Jahrhunderte hinweg seine Gesetze des Bildens und Denkens aus eigenen Kräften entwickelt. Die antike griechische Kunst war ursprünglich göttliche Kunst in zweifachem Sinne. Sie war den Göttern geweiht und vorbehalten. Zugleich läßt sie sich aber auch als Darstellung der edlen göttlichen Eigenschaften des Menschen auffassen. Am Beginn der Klassik erlangt das Menschenbild als Verkörperung des polisgebundenen Individuums, einer dem Staat und den Göttern verpflichteten Anthropologie, überragende Bedeutung. Im 4. Jh.v.Chr. entsteht im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch der traditionellen Polis, der Gründung des makedonischen Reiches und seiner Ablösung durch die Diadochenreiche eine Änderung zur zunehmenden Individualisierung, aber auch naturalistischen Verflachung (dtv-Lexikon, Band 3, S. 10). Der Hellenismus verlagerte die Akzentuierung auf die Gefühlswelt des Menschen (Polemoi, a.a.O., S. 139). Die klassizistischen Bestrebungen des Späthellenismus verhärten die klassischen Lebensbilder zur "leeren", schönen Form (dtv-Lexikon, Band 3, S. 10), wobei es im Osten des römischen Reiches bei aller Unterschiedlichkeit in den Regionen zunehmend zu einer Vermischung mit orientalischen Formen kam (Polemoi, a.a.O., S. 132 f, 134, 145).
In der römischen Zeit wandelte sich die Kunst im Blick auf das römische Staatsziel des kriegerischen Imperiums. Römische Kaiserkunst, neben die in der Kaiserzeit eine unabhängig werdende Provinzialkunst trat, war eine imperiale machtdemonstrierende Kunst, die nicht mehr an griechisch-klassisch-hellenistischer Proportionalität und Schönheit orientiert war (vgl. Belser Stilgeschichte Band 2, a.a.O., S. 178 f). Trotz der der Bedeutung der Kaiserkunst bestanden bzw. überlebten im Imperium Romanum neben der Staatskunst vielfältige weitere Kunstströmungen. Über die Jahrhunderte hinweg gab es im Zeitablauf unterschiedliche Kunstepochen, die sich jeweils durch eigene Stile auszeichneten (vgl. Belser, a.a.O., S. 181); dagegen sehen anderen (vgl. Polemoi, a.a.O., S. 155) einen orientalischen Hellenismus als Hauptströmung der Kultur der Römerzeit. Man kann vereinfacht feststellen, daß im Imperium Pomanum verschiedene Epochen und Stilrichtungen unterschieden werden können, die sich nach den einzelnen Kaiserhäusern und der von diesen favorisierten Kunst richten (Belser, a.a.O., S. 182 ff; dtv-Lexikon der Kunst, a.a.O., Band 6, S. 227). Die im Blick auf die Thematik der Darstellung byzantinischer Kunst interessierende Zeit des 3. Jh. vor der konstantinischen Wende ist gekennzeichnet von ständigem Wechsel und großer Variationsbreite verschiedener nebeneinander bestehender Stilrichtungen (Belser a.a.O., Band 2, S. 198). Die Misere der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse förderte Tendenzen einer Eschatologisierung, die sich in den jenseitsgewandten philosophischen Systemen des Neuphytagoreismus und Neuplatonismus, dem Aufkommen orientalischer Kulte und Mysterienreligionen niederschlugen und in der Kunst zu neuen Ausdrucksformen führte. "Nach verschiedenen Versuchen der Wiederbelebung altrömischer und hellenisierend-klassizistischen Formtraditionen, jeweils nur von kurzem Bestand (z.B. Klassizismus unter Gallienus, 253-268), setzte sich Ende des 3. Jh. in der Kunst ein neues, mit dem antiken Körperideal rigoros brechendes Menschenbild durch, in dem der spirituelle Ausdruck dem Vorrang vor der Erscheinung hat" (dtv-Kunstlexikon, a.a.O., Band 6, S. 235).
Auch im Bereich der figürlichen Künste kam es im 3. Jh. zu einer tiefgreifenden Wende, indem sich nun künstlerische Vorstellungen durchzusetzen begannen, die ihre Wurzeln in der römischen Volkskunst und der stark beharrenden orientalischen Tradition der östlichen Provinzen haben. Der Aufstieg dieser beiden, wenig hellenisierten Bereiche hatte eine radikale Umformung aller antiken Gestaltungsprinzipien zur Folge, nämlich die Abkehr von der klassischen Idee der dreidimensionalen Gestalt und die Hinwendung zur Zweidimensionalität (vgl. Hutter, Frühchristliche Kunst, a.a.O., S. 9). "Zu den epochalen Erscheinungen der Spätantike gehört der Übergang der führenden Rolle unter den Bildkünsten von der Plastik auf die Malerei. Dieser Prozeß, der geistesgeschichtlich wie formal in vorchristlicher Zeit einsetzt, erlangte in der christlichen Ära beherrschende Aktualität; denn das Christentum lehnte jedes plastische Kunstbild als ein Idol ab. Freiplastik und monumentale Skulpturen behielten in der lediglich in der Hofkunst eine gewisse Bedeutung" (Hutter, Frühchristliche Kunst, a.a.O., S. 11; Anm.: Nur im Abendland vollzieht sich in der Romantik eine großartige Wiederbelebung der Plastik).
Der neue Reichs-Stil kam dem nach der konstantinischen Wende zunehmend an Einfluß gewinnenden Christentum und seiner eschatologischen und asketischen Grundhaltung entgegen, weshalb es nicht zum Bruch sondern in vielfältiger Weise zur Adaption kam. Die neue Innerlichkeit, das "Übertragen des Übersinnlichen in die sinnliche Erscheinungswelt der Kunst (ist) der wesentliche Unterschied der frühchristlichen Kunst zu der sich selbst genügenden Identität der Antike" (Hutter, Frühchristliche Kunst, a.a.O., S. 10)
Die frühchristliche Sakralkunst, die sich in der Architektur grundlegend von der klassischen Tempel-Baukunst unterscheidet, ist durch Innengerichtetheit bestimmt. "Nicht auf den Außenbau, sondern auf den Innenraum konzentrieren sich alle künstlerischen Kräfte. Die christliche Architektur führt damit eine Entwicklung, die sich im paganen Bereich seit dem frühen 3. Jh. angebahnt hatte, konsequent und mit neuer sakraler Bedeutung weiter" (Hutter, Frühchristliche Kunst, a.a.O., S. 8, 9).
Diese Entwicklung ist die Basis byzantinischer Kunst. Byzantinische Kunst und Kultur ist jedoch nicht bloße Bewahrung antiker und christlichen Traditionen, aus der Verschmelzung der Elemente entstand vielmehr eine neue eigenständige Kunst und Kultur. Der Unterschied zur Spätantike drückt sich ab dem 5. / 6. Jh. in fast allen Lebensbereichen aus, auch in der Stellung des Kaisers gegenüber der Öffentlichkeit und in seinem Verhältnis zur Kirche. Der Kaiser repräsentiert sich jetzt als Stellvertreter Christi, der sich in seinem Gottesgnadentum und seiner priesterlichen Funktion grundlegend von westlichen Herrscherpersönlichkeiten unterscheidet: Während in Frankenreich der Papst als höchste kirchliche Instanz neben den Kaiser tritt, untersteht im oströmischen Cäsaropapismus der Patriarch dem Kaiser, der ihn ernennt und absetzt. Der Kaiser ist unumschränkter Alleinherrscher über Reichsverwaltung und Kirche (vgl. hierzu ausführlich: Beck, Geschichte der orthodoxen Kirche im byzantinischen Reich, a.a.O.).
Voraussetzung für die rigorose Christianisierung des Lebens war die Ausrottung des Heidentums und der antiken, vor allem der platonischen Philosophie. Justinian schloß die Universität von Athen und die von heidnischen Professoren geleiteten Universitäten von Alexandreia und Berytos. Unter Kaiser Herakleios (610-641) waren die letzten Reste antiker Kultur verschwunden, die Götterfiguren und Tempel zerstört, während das gegen Ende des 3. und zu Beginn des 4. Jh. in Ägypten entstandene Mönchtum erstarkte.
Byzanz verschmolz damit die Traditionen Roms, des Hellenismus und des jungen Christentums. Aus dieser Synthese von Griechenland, Rom und Orient entstand eine neue, eigenständige und sich fortentwickelnde byzantinische Kunst.
2. Die Grundzüge der byzantinischen Kunst
Die byzantinische Kunst ist in Inhalt und Form ein geschlossenes Kunstsystem, das zugleich das umfassendste und beständigste des Mittelalters war. Die Bildprogramme byzantinischer Kunst und jedes einzelne Bildthema wurden zu solcher gedanklichen Klarheit ausgereift, daß sie durch kirchliche Autorität und Überlieferung sanktioniert, jahrhundertelang gültig blieben. Ihre ästhetischen Prinzipien erfüllten die doppelte Aufgabe, die Bildinhalte authentisch wiederzugeben und die in der Antike wurzelnde Tradition zu bewahren und zu erneuern. Ohne je einer starren Reglementierung unterworfen zu sein, ist die byzantinische Kunst ideologischen und formalen Konventionen verpflichtet, die der künstlerischen Freiheit Grenzen setzen, aber doch elastisch genug sind, innerhalb dieser Grenzen eine lebendige Entwicklung der Formen und Stile zu ermöglichen (aus Hutter, in: Belser Stilgeschichte a.a,O., S. 86).
Auch die Baukunst ist diesen neuen Konventionen verpflichtet. Sie war ieL kirchliche Kunst, wie auch das gerade Staatsreligion gewordene Christentum alle Bereiche oströmischer Kultur durchzog. Die jetzt entstandene neue Liturgie mit den Aufzügen der Priester und Diakone und den prunkvollen Prozessionen verlangte andere Kirchenräume, als sie die bis dahin vorherrschende Form der Basilika bot (so Volbach, a.a.O., S. 14; m.E. ist diese Begründung unzutreffend. Die Hauptliturgie der Orthodoxie - die Johannes-Chrysostomos-Liturgie stammt aus konstantinischer Zeit, während der man den Kirchentyp der Basilika bevorzugte. In der frühchristlichen Periode [4.-7. Jh.] herrscht der Typ der Basilika mit Narthex vor [vgl. hierzu: Melas, Evi, a.a.O., S. 37]. Zutreffender ist, daß die theologische Entwicklung andere achitektonische Entwürfe bedingte).
Der Bruch mit der Vergangenheit zeigt sich in justinianischer Zeit auch auf dem Gebiet der Kirchenmusik. Aus Syrien und dem Bereich der jüdischen Kirche drang in die orthodoxe Liturgie der einstimmige Gesang ohne Begleitung, die Gregorianik, ein, die den bis dahin üblichen mehrstimmigen, von Instrumenten begleiteten Kirchengesang ablöste, mit ihren Hymnen den Kult neu belebte und ihren Höhepunkt mit dem von Andreas von Kreta (um 650-720) ausgearbeiteten Zyklus der neuen Hymnen, dem Kanon, fand (vgl. Volbach, u.a.: Byzanz und der christliche Osten, in: Propyläen-Kunstgeschichte, Berlin Sonderausgabe 1990, S. 14).
Die byzantinische Kunst ist in erster Linie religiöse Kunst, aber sie ist weder Mönchskunst noch Volkskunst, die beide erst spät einen gewissen formschöpferischen Beitrag leisteten. Sie trägt vielmehr den Stempel des religiösen und humanistischen Weltbildes und des Geschmacks der hochgebildeten Elite des Hofes, der Aristokratie und hohen Geistlichkeit, die ihre wichtigsten Auftraggeber waren. Maßgebenden Einfluß hat die sehr bedeutende, auch fúr den Westen vorbildliche Kaiserkunst. Der Kaiser wird zumeist in seinen religiösen Funktionen dargestellt, mit allen Insignien seiner Macht, und zugleich durch die Strenge und Unbeweglichkeit der Darstellung erhoben in die sakrale Sphäre des Statthalters Gottes auf Erden. Jedes dieser imperialen Repräsentationsbilder ist ein politisches Dokument, Symbol der gottgewollten Legitimität des Kaisers und des Reiches. Auch das kaiserliche Mäzenatentum hat einen politisch-religiösen Akzent: Demonstration von Rechtgläubigkeit und Traditionsbewußtsein, von Macht und kultureller Überlegenheit. Die bedeutendsten Kirchen und viele der großen Klöster sind kaiserliche Stiftungen, die fùhrenden Werkstätten aller Kunstgattungen standen im Dienst von Kaiser und Hof. Kaiserliche Dekrete eröffneten und beendeten den Bilderstreit und entschieden damit über die Existenz der byzantinischen Kultur. Schließlich waren es mehrfach Gelehrte auf dem Thron, die die Wiederbelebung des klassischen Erbes entschieden förderten. So ist es vornehmlich die Kunst, die in kaiserlichem Auftrag entstand, die jeder Epoche ihr geistiges und künstlerisches Profil gibt. Mit den Namen von Herrschern und Dynastien verbinden sich denn auch die Blütezeiten der byzantinischen Kunst.
Byzantinische Kunst ist aufgrund der cäsaropapistischen Organisation des byzantinischen Reiches vor allem hauptstädtische Kunst. Von der größten und prächtigsten Stadt Europas, Konstantinopel gingen Strömungen von einer solchen Stärke aus, daß eine regionale Kunst sich nur in bescheidenen Ansätzen entwickeln konnten. Konstantinopel blieb Kern und Kraftquelle aller Kunst im byzantinischen Reich. Die Hauptstadt war zugleich das religiöse Zentrum des oströmischen Reiches; wenn auch der Patriarch von Konstantinopel in der Orthodoxie lediglich die - immer wieder bestrittene - Stellung des primus inter pares innehatte, so ging dennoch von den kaiserlichen Kirchen der Hauptstadt Vorbildfunktion aus, deren Nachahmungseffekte die christliche Architektur über die Jahrhunderte prägten.
3. Epochen byzantinischer Kunst:
Nur bei oberflächlicher Beobachtung bleiben die Eigenarten byzantinischer Kultur und Kunst konstant. Bei vertiefter Betrachtung werden scharfe Einschnitte sichtbar, ausgelöst vor allem durch Veränderungen der sozialen und ökonomischen Verhältnisse, bis die Hauptstadt 1453 dem Ansturm der Türken unterliegt. Auffallend ist, daß die Perioden der byzantinischen Kunst in großen Zügen mit der Herrschaft der einzelnen Dynastien zusammengehen, im Wechsel von höchster Entfaltung zu Stillstand und Niedergang.
Die byzantinische Kunst wird historisch in drei große Perioden eingeteilt, die als früh-, mittel- und spätbyzantinische Kunst bezeichnet werden. Verbreitet ist auch die Klassifizierung nach den herrschenden Dynastien in makedonische, komnenische und paläologische Kunst. Die großen Einschnitte in der 1000jährigen Geschichte bilden der Bildersturm (726-843) und das Lateinerreich, die fränkische Besetzung während und nach dem vierten Kreuzzug (1204-1261).
Die sog. Renaissancen der byzantinischen Kunst sind jeweils verschiedene Rückgriffe auf unterschiedliche klassische oder hellenistische Vorbilder in Zeiten des Aufschwungs bzw. der geistigen Erneuerung im Reich, und deren Einschmelzung in die byzantinische Kunst.
Wie die Geschichte des byzantinischen Staates beginnt auch die byzantinische Kunst mit einer Phase des Übergangs von der Spätantike und frühchristlichen Kunst mit ihrer Vielzahl von in Rom, Griechenland, Syrien und Palästina gepflegten Traditionen. Es folgt die Zeit der Konsolidierung einer eigentlichen homogenen Kunst in Konstantinopel, die alle diese Traditionen aufnimmt und weitgehend verschmilzt. Wie auch das Christentum ist die byzantinische Kunst daher eine synkretistische Kunst.
Die große Epoche Justinians bringt zum ersten Mal eine vom Kaisertum und von Konstantinopel ausgehende Reichskunst hervor, die den Bildillusionismus der Antike wiederbelebt, ohne die spirituell abstrahierenden Prinzipien der frühchristlichen Zeit aufzugeben. Die Zeit nach Justinian entwickelt zwei Kerntypen der byzantinischen, ja der ganzen orthodoxen Kunst: die *Kreuzkuppelkirche - Idealtypus einer theologisch fundierten Kirchensymbolik - und die Ikone, der Form nach Tafelbild und Vorläufer des westlichen Altarbildes, der Idee und Funktion nach aber Kultbild der Kirche. An seiner bis zur Idolatrie übersteigerten Verehrung entzündet sich der Bilderstreit (726-843; vgl. Hutter, in: Belser Stilgeschichte, a.a.O., S. 93).
Unter den Nachfolgern Justinians, vor allem z.Z. der isaurischen Dynastie von Leon III. (717-741) bis zur Kaiserin Irene (787-802), änderte sich die Kunstentwicklung wenig, bedingt durch den Bilderstreit, der das Reich seit 726 erschütterte. Das Kunstschaffen in dieser dunklen Zeit bis zur makedonischen Dynastie seit Basileios I. (867) muß man vor allem von peripheren Gebieten verfolgen, beispielsweise aus der Emigaration nach Italien.
Mit der Machtübernahme durch die makedonische Dynastie (im 10. Jh) ändert sich das Verhältnis zur Antike. War deren Fortleben bis zur Regierungszeit des Herakleios in der Kunst noch latent sichtbar, überwuchert vielfach durch östliche Elemente, so griff man jetzt bewußt auf antike Vorbilder zurück, auf der Grundlage einer humanistischen Gesinnung, die vor allem am Kaiserhof bestand und u.a. zur Gründung der Universität in Konstantinopel bereits vor dem Machtantritt der makedonischen Dynastie führte.
Die Kunst der komnenischen Epoche (1081-1185) entwickelte sich zwar auf der Formgrundlage der makedonischen Zeit, unterscheidet sich aber in wesentlichen Punkten und läßt sich in mancherlei Hinsicht mit der romanischen Kunst des Westens vergleichen. Vom Ende des 10. Jh. an zeichnet sich ein leichter Stilwandel ab, der sich mit einer verstärkten Tendenz zur Abstraktion und Entmaterialisierung im 11. Jh. fortsetzt.
Mit der Einnahme und Plünderung Konstantinopels durch die Teilnehmer des vierten Kreuzzuges 1204 endete die große mittelbyzantinische Epoche, und es begann eine neue Zeit, die in politischer Hinsicht zwar zwar einen Tiefstand bedeutete, die der Kultur und Kunst der Hauptstadt jedoch einen Höhepunkt bescherte. Diese letzte byzantinische Kunstepoche fällt ungefähr mit der Herrschaft der Paläologen (1250-1453) zusammen und wird nicht nur geprägt durch die starken humanistischen Strömungen in Philosophie und Literatur, sondern auch von der Mystik des Mönchtums und den Ideen des Hesychasmus. Die sog. palaiologische Renaissance des 14. und 15. Jh wirkte sich stark auf die Kunst des Westens und damit auf das Entstehen der italienischen Renaissance aus.
4. Homogenität und Tradition der byzantinischen Kunst
"Die außerordentliche Homogenität der byzantinischen Kunst - verglichen mit der Vielzahl der Stile im Westcn - beruht auf der bindenden und daher beharrenden Kraft gewisser formaler Prinzipien, die durch stilistische Besonderheiten und Entwicklungen wohl abgewandelt und auf verschiedene Weise gedeutet, aber nicht verlassen werden.
Aus den Forderungen der Bilderlehre resultiert ein strenges System von Bildmitteln, die geeignet sind, das Bild transparent zu machen für das Intelligible, das Überrationale, Zeitlose der sakralen Bildinhalte, und zugleich seine unmittelbare Beziehung zum Betrachter herzustellen.
Die Idealform ist die Frontalität der Figur im Bild, die wiederum die feste Bindung der Figur an die Bildfläche unter Verzicht auf räumliche Tiefe bedingt, sowie die strenge innere Organisation der Figur, die vor allem auf dem festen Gerüst der Kontur- und Binnenlinien beruht. Diese hieratische, monumentale Frontalität wird in szenischen Kompositionen zugunsten einer Dreiviertelansicht gelockert, die ausreicht, Handlungszusammenhänge darzustellen und zugleich diese dem Betrachter klar und übersichtlich vorzufúhren. Vergrößerung und Isolierung der Hauptfigur, spannungsvolle Ge-genüberstellung zweier Figuren oder Gruppen und eine intensive, klar lesbare Gestensprache konzentrieren jede Szene auf den Kern des Geschehens und verdichten seinen lyrischen oder dramatischen Gehalt zu einer Aktualität, die den Betrachter in die Rolle des Teilnehmers an dem heiligen Ereignis selbst versetzt.
Diese magische Überzeugungskraft der byzantinischen Bildkunst ist nur dadurch möglich, daß sie aus der Antike ein intaktes Menschenbild bewahrt und einen Großteil jener formalen Praktiken, durch die die Antike die menschliche Figur in ihrer natürlichen Erscheinung und Umgebung darstellte. Seit dem Bilderstreit ist die menschliche Gestalt der bei weitem wichtigste Bildinhalt und Formanlaß, und nie wird, wie im Westen, die Tendenz zu spiritueller Abstraktion bis zu völliger antiorganischer Formzerlegung vorangetrieben. Vielmehr bleibt immer ein sicheres Verständnis fúr die natürlichen Be-wegungsfunktionen des Körpers - selbst bei anatomischer Unrichtigkeit - lebendig, ein klares Gefühl für Maß und Harmonie, das sich in der Figurenbildung ebenso äußert wie in der Bildkomposition und in den satten oder zarten Farbharmonien.
Antiken Ursprungs sind die meisten der Kompositionsschemata, die statische monumentale Symmetrie ebenso wie die hochkomplizierten, bewegten Kompositionsmuster und jene große Zahl unnachahmlicher Feinheiten - leichte Verschiebungen der Symmetrie oder des Rhythmus, Zäsuren, Konturwiederholung, Licht- und Farbeffekte u. a. m. -, die das byzantinische Bild so lebendig, so geistreich, so schön im Sinne einer sublimierten, intellektuellen Schönheit erscheinen lassen.
Alle diese formalen Mittel und ästhetischen Wirkungen bezeugen die Kontinuität der byzantinischen Kunst; sie gehen letztlich auf die in der Spätantike geprägten Bildgesetze zurück. Aus dem ständigen Rückgriff auf ältere Formen und ihrer gleichzeitigen Wandlung, Interpretation und Läuterung entsteht jene kontinuierliche Tradition, die von der Antike her die ganze byzantinische Kunst durchzieht.
Über diesen Traditionsstrom hinaus aber werden Kenntnis und Verständnis der Antike immer wieder erneuert. In den Epochen der Rückbesinnung auf die hellenistische Vergangenheit in den Blütezeiten des Humanismus, orientiert sich auch die Kunst am Vorbild der Antike. Die byzantinischen "Renaíssancen" folgen einander wie Wellen, wie diese stehen sie untereinander in Verbindung und haben Phasen der Vorbereitung, der Kulmination und schließlich des Absinkens in die Vermischung mit weniger klassischen Formen. Jede dieser Renaissancen erwirbt ein eigenes Bild der Antike, indem sie bestimmte Ideen und Formen der klassischen illusionistischen Bildauffassung hervorhebt und andere vernachlässigt. In einigen Werken ist die Annäherung erstaunlich groß, keines jedoch dringt bis zur Wurzel der antiken Kunst vor, zur Beobachtung der Natur. Dennoch bedeutet die Nachahmung klassischer Vorbilder eine schöpferische Erneuerung, und diese befähigt die byzantinische Kunst zu ihrer großartigen, lebendigen Kontinuität. Kraft dieser Dauer im Wandel bewahrt die byzantinische Kunst im Zeitraum eines Jahrtausends die humane Würde und die erhabene Geistesklarheit der Antike, denn die Byzantiner waren Greise, aber sie waren Griechen" (W. Vöge, zitiert nach Hutter, in: Belser Stilgeschichte a.a.O., S. 93/94) .
5. Auswirkungen der byzantinischen Kunst im Osten und Westen
Alle Länder des Westens - vor allem das nahe gelegene Italien- empfingen wesentliche Anregungen aus dem Osten, teils direkt durch die Tätigkeit byzantinischer Künstler, teils durch importierte Arbeiten. In der Völkerwanderung erkauften die Kaiser immer wieder durch Tribute und kostbare Geschenke die Abwendung germanischer Stämme von den Reichsgrenzen. Um 800 vollzieht sich in der westlichen Welt eine grundlegende Wandlung, mit der sich auch das Verhältnis zur byzantinsichen Kunst ändert: Dem östlichen Basileus tritt gleichberechtigt ein westlicher Herrscher gegenüber. Papst Leo III. übertrug mit seiner Kaiserkrönung auch die Rechte, die bis dahin der oströmische Kaiser ausübte. Karl d.Gr. besaß keine engen Beziehungen zum oströmischen Hof. Seine antikisierende Kunst suchten seine Künstler in Ravenna und Rom, weniger im Osten. Als mit dem Tod Ludwigs des Kindes (911) das karolingische Kaiserhaus erlosch, änderte sich unter den Ottonen die deutsche und im Zusammenhang damit auch die italienische Politik. Heinrich I. und Otto d.Gr., unter denen das Reich zur stärkste Macht des Kontinents emporstieg, standen nun der Regierung in Byzanz gleichberechtigt gegenüber, und ihre Italienpolitik brachte sie zu Byzanz bald in Gegensatz. Nachdem Otto II. die byzantinische Prinzessin Theophanu geheiratet hatte, machte sich der Einfluß Ostroms immer stärker bemerkbar: Byzantiner weilten an ihrem Hof, zahlreiche Kunstwerke gelangten von Konstantinopel nach Deutschland. Daneben aber versuchten auch die nun erstarkten Fürsten und Bischöfe mit der byzantinischen Kunst zu wetteifern. In der Miniaturkunst, in Mosaiken, Reliefs, Buchtafeln usw. zeigt sich byzantinischer Einfluß.
Infolge der politischen und kulturellen Bindungen war naturgemäß der Einfluß in der vorromanischen Kunst Italiens besonders stark. Einfallstor für die Waren aus dem Osten waren die Häfen von Amalfi, Salerno und Neapel. Persönlich nahe standen dem byzantinischen Hof die Äbte von Monte Cassino, dessen Protektor seit Nikephoros Phokas (885) der byzantinische Kaiser war. Wenn auch die Macht des byzantinischen Reiches unter der Herrschaft der Komnenen starke Einbußen erlitt, so blickte das Abendland auch weiterhin voller Bewunderung auf die Kunstschätze des Ostens. Als im Süden Italiens die Normannen vordrangen, Sizilien eroberten und den Kirchenstaat bedrohten, blieben sie kulturpolitisch neutral. Sie brachten byzantinische Werke nach Sizilien und beauftragten byzantinische Mosaizisten mit der Ausgestaltung ihrer Kirchen. Noch mit dem Beginn der Gotik spürt man in Frankreich, Deutschland und noch mehr in Italien den Einfluß der byzantinischen Kunst. In Italien waren die Auswirkungen wegen der direkten politischen und kulturellen Beziehungen besonders intensiv, während die Anregungen in den Ländern nördlich der Alpen oft so stark verarbeitet wurden, daß die byzantinischen Vorbilder fast unerkannt bleiben. Die Künstler, die in der Zeit der frühen Gotik und des "dolce stile nuovo" byzantinische Motive übernehmen, verwenden sie in der Absicht, die Antike nachzuahmen. Auch in Konstantinopel waren die Künstler und Philosophen, vor allem in der palaiologischen Periode, stärker als in früheren Epochen zur Wiederaufnahme der klassischen Kunst übergegangen.
Nach dem Fall Konstantinopels und mit der Ausbreitung der Renaissance im Westen verschwand der byzantinische Einfluß mehr und mehr.