Teil C. Die Geschichte des Christentums

 

 

I. Die Entwicklung bis zur Regierungszeit Konstantins:

 

 

Die geschichtliche Entwicklung des Christentums bis zur ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts ist im wesentlichen die Entwicklung bestimmt durch Kaiser Konstantin d.G. und die Entwicklung des Christentums zur Staatskirche.

 

Die Geschichte des frühen Christentums war durch eine Reihe von Verfolgungen gekennzeichnet, die ihren Grund ieL in der innenpolitischen Krisenlage des römischen Imperiums hatten. Im 3. Jh erlitt das Reich den Ansturm der Randvölker (Perser, Araber, Nubier, Mauren, Picten, Germanen, Sarmaten) auf die Randprovinzen. Diesen fehlte mit dem Wegfall des sog. Clientelgürtels (bei Unmöglichkeit Hilfsgelder von Rom zu erhalten) und mit der Ortsbindung der (in sog. vexillationes) aufgeteilten Truppenkörper und ihrer Rekrutierung aus Lagerkindern seit Severus bei Fehlen einer beweglichen Feldarmee der wirkliche Schutz. Dadurch kam es zu stetiger Zunahme von Truppen in den Randgebieten als Antwort auf die von außen geführten Angriffe. Gleichzeitig kommt es infolge der Bürgerkriege der Soldatenkaiser zu wachsender Unsicherheit im Kerngebiet des Reichs.

 

Die Reichskrise wurde als göttliche Strafe wegen Abfalls von Altrom und seinen Göttern aufgefaßt. Kaiser Decius suchte die Reichseinheit auf dem Glauben an die Segenskraft der altrömischen Götter neu zu gründen. Während zuvor die Christenverfolgungen des 3.Jh Einzelerscheinungen bleiben, änderte sich die Lage mit dem Regierungsantritt des Decius (249-251) entscheidend. Dieser versucht die Reichseinheit auf dem Glauben an die Segenskraft der altrömischen Götter neu zu begründen.

 

 

1. Reichsreligion als Klammer des römischen Reichs und die Geschichte der Christenverfolgung bis 249:

 

Eine Reichsreligion als Klammer des Reiches hatte bereits Augustus angestrebt. Der sich hieraus entwickelnde Kaiserkult blieb jedoch aufgrund seiner hellenistischen Wurzeln (im hellenistischen Herrscherkult) auf den griechischen Osten be-schränkt. Seit Tiberius wurde im Westen und Rom nur der Divus Augustus verehrt, erst seit den Flaviern alle Kaiser, damit aber auch der lebende Kaiser (vgl. Plötz, Auszug aus der Geschichte, S. 268). Entsprechend ihrer Orientierung zur hellenistischen Welt hin, betonten die Flavier die Nähe ihrer Dynastie zu göttlichen Mächten.

 

Nach Vorstufen unter Calligula und Nero folgert Domitian aus der Konsekration seiner Vorgänger seine Erhabenheit; in Ephesus entsteht der 1. Tempel für den lebenden Herrscher. Die Vorstellung des Optimus Princeps und die Bedeutung des Ostens für die Kaiseridee nach 96 wandelt die Konzeption wieder ab. Hadrian stellt Roma wieder neben die Divi. Aber erst mit Aurelian (270-275), wird der lebende Herrscher zum Gott (nicht nur Divus). Die Reichsreform Diokletians (284-305) läßt auch in den neuen, kleineren Provinzen Kaiserkulte einrichten. Noch Konstantin d.G. duldet in einem Provinzteil Italiens die Errichtung eines Tempels für seine Dynastie, die "gens Flavia". Erst nach 454 ist das Amt und die Klasse der Kaiserpriester erloschen.

 

Die historische Bedeutung des Kaiserkults liegt in dem Zusammenstoß des Christentums mit der Forderung eines, wenn auch nur symbolischen Opfers am Kaiseraltar. Mit dieser Entwicklung geht die Verfolgungssituation des Christentums konform.

 

Das Zeitalter des späten Hellenismus im Osten, der Bürgerkriege im Westen hatte die Geltung der nationalen Religionen im römischen Reich erschüttert. Zudem war das römische Reich religiös sehr duldsam, was sich in der Vielzahl der vorhandenen Kulte äußert. Zwischen 64 bis kurz nach 200 kam es deshalb lediglich zu sporadischen Christenverfolgungen in einzelnen Gebieten und durch einzelne Machthaber. 112/3 fanden Christenprozesse in Bythinien statt. Der kaiserliche Statthalter Plinius d.Ä. erhält den Bescheid Kaiser Trajans (98-117): Verweigerung der Teilnahme am römischen Kult ist nur bei Anzeige strafbar. Die Christenverfolgungen des 2. Jh betreffen Einzelfälle und finden in einer Zeit des Auftretens ekstatischer Propheten (bis 140), dann christlicher Sekten unter dem Einfluß der Gnosis statt. Sie sind meist provoziert. Nach 200 folgte dann eine fast 50jährige Friedens- periode, die lediglich in Rom unter Maximus Thrax 235 kurz unterbrochen wurde (Schmidt, aaO, S. 89). Aber dem Frieden folgte der Kampf auf Leben und Tod zwischen der Kirche und dem Staat.

 

 

 

2. Von Decius bis Valerianus - Die Zeit von 249-260:

 

Indem Decius die alte Forderung nach der Reichseinheit durch Verehrung der alten Götter in einer blutigen Polizeiaktion durchsetzte, kam es zur decianischen Christenverfolgung 250, welche erstmals das ganze Reich umspannte mit dem Ziel der Wiedergewinnung der Christen für den Staatskult und damit der Vernichtung der als gefährlich eingestuften Religion von innen heraus ( Lietzmann, a.a.O., Bd.II, S. 165). Die Verfolgung endete jedoch schon 251 mit dem Tod des Kaisers in der verlorenen Schlacht bei Abrittus gegen die Goten. Valerian hat sie 258/258 erneuert.

 

Nach dem Tode des Decius endete als Folge der nun ausbrechenden Prätendentenkämpfe der Kaiserfriede. Teile des Heeres riefen 251 Treborianus Gallus, 253 den Mauren Aemilianus, 253 den Italiker Licinus Valerianus und dessen Sohn Gallienus als Kaiser aus. Zum Zusammenbruch im Innern kamen Angriffe der Völker- wanderung. Dem Reich fehlte der Grenzschutz. Gegen Piraterie und Räuberbanden wurden von den Grundherren Privatmilizen aufgestellt. Das gesamte Leben des Reiches militarisierte sich. Valerianus und Gallienus versuchten durch eine Heeresreform (Aufstellung einer übervölkischen Feldarmee hinter den Grenztruppen ‘limitanei’ aus der erweiterten Garde ‘palatini’ und selbständigen ‘vexillationes’ bewährter Legionen, sowie Aufstellung berittener Formationen) die Lage zu bessern und teilten sich regional die Grenzverteidigung.

 

Valerianus (253 - 260) war den Christen zunächst wohlgesonnen, duldete sie auch am Hof, bis ihn die Notlage des Reiches und die Forderungen seiner Umgebung, insbesondere seines besten Generals Macrianus zum Nachgeben veranlaßte. Es kam zum Erlaß des 1. Edikts gegen die Christen 257, welches jedoch lediglich die Teilnahme an den römischen Staatszeremonien forderte. Zusammenkünfte der Gemeinden, das Betreten der Katakomben in Rom wurde untersagt. Als sich die Christen hieran nicht hielten, kam es einer Verschärfung. In dieser Christenverfolgung aufgrund des 2. Edikts konnten Kleriker ohne weiteres hingerichtet werden; von den Laien wurden, auch wenn sie standhaft blieben, nur Angehörige der höheren Stände hingerichtet (Martyrium des Cyprian von Karthago, geb. 200, Christ 246, Bischof ab 248/9). Der 70jährige Valerian wurde 260 durch den Perserkönig Sapores (Schahpur I) gefangengenommen und starb in der Gefangenschaft. Sein Nachfolger Gallienus, dessen Frau Salonina Christin war, erließ daraufhin 260 das Toleranzedikt.

 

 

 

 

3. Die Entwicklung vom Toleranzedikt des Gallienus zur konstantinischen Zeit ( 260 - 312):

 

3.1. Von Gallienus bis zur Wahl Diokletians (260- 284):

 

Der Zusammenbruch dieser Verfolgungen geht sicher zum Teil auf politische Schwierigkeiten allgemeiner Art zurück. Aber entscheidend war ein Stimmungs-umschwung in der Bevölkerung. Dort war es zu einem Meinungsumschwung zugunsten der Christen gekommen, nachdem bis zu Beginn des 3. JH die Christen ausgeliefert worden waren. Man verbarg die Christen teilweise vor den Häschern. Dieser mangelnde Rückhalt im Volk entschied über den Ausgang der Verfolgungen (vgl. Schmidt, aaO., S. 90).

 

In der sich anschließenden erneuten 40jährigen Friedensperiode kam es zu weiterer Ausbreitung des Christentum. Erst unter Diokletian machte der römische Staat einen 2. Versuch zur Ausrottung des Christentums. Gallienus (260-268) betrieb eine Politik der Sicherung der Reichsgrenzen sowie der Restauration im Innern. In der Kunst kommt es zur sog. gallienische Renaissance (z.B. Philosophen- und Musensarkophage, Tempel der Minerva Medica 266). Einhergeht eine Renaissance der Philosophie (Neuphytagoreismus, Neuplatonismus des Plotin).

Entscheidend ist die Bildung von selbständigen Grenzreichen (als Pufferstaaten), deren Herrscher von Rom aus als Gegenkaiser betrachtet werden. Nach der Ermordung des Gallienus 268 besetzen die Palmyrer 269 Ägypten mit dem Ziel eines selbständigen Ostreiches.

 

Auf Gallienus folgen die illyrischen Kaiser 268-325. Claudius II. Goticus (268-270) beginnt mit der Rückgewinnung der Grenzreiche, schlägt die Alemannen am Gardasee, die Goten bei Nisch. Er stirbt 270 an der Pest. Ihm folgt L. Domitius Aurelianus (270-275). Unter Verzicht auf Dacia gewinnt er nach dem Sieg bei Placentia 270 über die Alemannen Italien, befestigt Rom (Aurelianische Mauer), und erobert Palmyra, Ägypten und Gallien (Sieg bei Chalons 274). Er gibt dem Reich eine neue Einheit in der Sol invictus (Mithras). Es kommt zur Erhöhung des Principats zum Dominat (dem Kaiser als ‘Dominus et Deus’ gebührt Anbetung). Nach seiner Ermordung 275 bei Byzanz wird Tacitus (275/276) Kaiser. Er besiegt die Alanen und Goten in Kleinasien. Ihm folgt Probus (276/278), der die Franken aus Gallien über den Neckar zurückwirft, und die Rhein- und Donaulinie durch Neubefestigungen sichert. Sein Nachfolger Carus 282/283 bekämpft erfolgreich die Sarmaten an der unteren Donau und besiegt die Neuperser. Nach der Ermordung des Carus 283 und seines Sohnes Numerianus 284 wählt das heimkehrende Heer in Nikomedia den Illyrer C. Aurelius Valerius Diocletianus zum Kaiser.

 

 

 

3.2 Die Regierungszeit Diokletians (284 - 305):

 

Diokletian (Kaiser von 284-305, gest. 316 in Spalato) war unter den Soldatenkaisern der erste Innenpolitiker und wurde so Schöpfer der neuen Reichsverfassung mit absoluter Monarchie nach dem Muster der altorientalischen Despotie als Klammer des Reichs. 285 kam es zur Mitregentschaft des Maximianus. 293 kam es zur Begründung der Tetrarchie - nicht Teilung: Aufgliederung des Reiches in vier Teilgebiete. Maximian erhält Italien und Afrika, der Caesar Konstantius Spanien, Gallien, Britannien (Residenzen Trier und York). Diokletian erhält den Osten (Residenz Nicomedia). Caesar wird sein Schwiegersohn Galerius, der das Illyricum mit Makedonien und Griechenland (Thessaloniki) erhielt. Diese Ordnung hat wohl militärische und verwaltungstechnische Gründe der Straffung, ist auch religiös-astrologisch begründet und beeinträchtigt nicht Diokletians Überordnung aufgrund göttlicher Gnade und Zugehörigkeit zum höchsten Gott Jovis. Deshalb stellt die Tetrarchie keine Reichsteilung, sondern ieL. eine verwaltungsmäßige Aufteilung des Reiches dar.

 

 

Westen Osten

 

Kaiser Maximianus Kaiser Diokletian

 

Caesar Konstantius Caesar Galerius

(Schwiegersohn

des Kaisers)

Seit Gallienus hatte sich aufgrund des nahezu 40jährigen Friedens das Christentum weiter ausgebreitet. Die Lage des Christentums wurde allgemein als günstig beurteilt. Schon Gallienus hatte die Besitzrechte der offiziell noch verbotenen Kirche anerkannt. Christen befanden sich in großer Zahl am Hof, die Bischöfe erfreuten sich achtungsvoller Behandlung seitens der Provinzstatthalter, Christen wurden bis in höchsten Verwaltungspositionen berufen. Die Kaiserin Prisca, Diocletians Gattin und seine Tochter Valeria wurden für das Christentum gewonnen. Es kam zu zahlreichen Kirchenneubauten.

 

Die erneute Christenverfolgung kam offensichtlich überraschend. Die Gründe hierfür scheinen unklar (vgl. Lietzmann, aaO., S. 45 f). Teilweise wird die Ansicht vertreten, der Kaiser hätte sich energisch der Rettung des Reiches vor dem Zerfall gewidmet (vgl. Schmidt aaO., S. 90 f), das sich wohl auch aufgrund der kurzen Regierungszeit seiner Vorgänger in schlechtem Zustand befunden haben muß. Er stützte sich hierbei auf die bäuerlichen Kreise Nordafrikas und der nördlichen Balkanhalbinsel, aus denen er selbst stammte. In diesen Kreisen aber hatte die einzige Religion, die dem Christentum ernsthafte Konkurrenz machte - der Mithraskult - seine Hauptanhänger gefunden. Daneben war der Kult stark im Heer verbreitet. Wollte sich Diokletian auf diese beiden Gruppen stützen, so sah er sich gezwungen, den Kampf gegen das Christentum aufzunehmen. Diese Ansicht erscheint deshalb zweifelhaft, weil es zur Verfolgung erst nach fast 20jähriger Regierungszeit des Kaisers kam.

 

Laktanz berichtet demgegenüber als Zeitzeuge (vgl. Schneider, aaO., S. 46 f), daß Diokletian auf einer Reise im Orient bei einem seiner gewohnten Opferorakal ohne ‘göttliche’ Antwort geblieben sei, weil das der Handlung beiwohnende christliche Personal sich zum Schutz gegen die vom Kaiser angerufenen Dämonen bekreuzigt habe. Darauf habe Diokletian die am Hof weilenden Christen zum Opfer gezwungen unter Androhung der Auspeitschung, und erließ Befehl, das Heer von Christen zu säubern. Hierbei wurde er vor allem vom Caesar Galerius bedrängt, seinem Schwiegersohn, der die Christen (seine Mutter war Kybele-Anhängerin) leidenschaftlich gehaßt haben soll.

 

Entscheidend ist wohl, daß die Verbreitung der altrömischen Götter seit Mitte der 90er Jahre zum Staatsprogramm Diocletians gehörte, und bereits seit 295 mehrere Edikte zum Schutz der alten Götter erlassen und durchgesetzt wurden (Idee der Reichsreligion als Klammer des Reiches).

 

Unter Berufung auf das Altrömertum erließ Diocletian am 23.2.303 ein Christenverfolgungsedikt für das Gesamtreich, welches allerdings von Constantius Chlorus und Maxentius (Sohn des Kaisers Maximianus) kaum befolgt wurde. Die Bekämpfung war u.a. vom Schwiegersohn Diocletians, Galerius, angeregt worden. Die Kaiserin Prisca und Tochter Valeria wurden zum Opfer gezwungen, der Bischof Anthimus von Nicomeda enthauptet, zahlreiche Kleriker und Laien umgebracht. Nachdem es gleichzeitig in Antiochia und im kappadokischen Melitene zu kleinen Putschen gekommen war, witterte Diokletian eine große christliche Verschwörung. Es erging ein zweites Edikt, in welchem die Verhaftung und Folterung aller Kleriker angeordnet wurde. Daraufhin kam es zur schwersten Christenverfolgung aller Zeiten, Zerstörung von Kirchen, Verbrennung der heiligen Bücher. Ein viertes Edikt 304 verhängt schließlich die Todesstrafe für alle hartnäckigen Opferverweigerer. 304 erkrankte Diokletian nach einer Romreise schwer, in der Zeit seines Krankenlagers hatte Galerius gegen die Christen freie Hand.

 

 

3.3. Die Zeit nach Diokletian (305 - 312):

305 trat Diokletian aus gesundheitlichen Gründen freiwillig zurück. Er zwang seinen Mitregenten Maximianus zum gleichen Schritt. Augusti wurden die bisherigen Kronprinzen Konstantius (Westen) und Galerius (Osten). Caesares wurden im Westen ein höherer Offizier namens Severus, im Osten ein Neffe des Galerius, Maximinus Daia. Als Rangältester trat Galerius an die Spitze des Kaiserkollegiums.

 

 

305 Westen Osten

Kaiser Konstantius (†306) Kaiser Galerius

Caesar Severus († 307) Caesar Maximinus Daia

 

 

306 Westen Osten

Kaiser Konstantin Kaiser Galerius

Kaiser Maxentius Caesar Maximinus Daia

 

 

Der Sohn Kaisers Maximian, Maxentius ging zunächst leer aus. Konstantin, der Sohn des neuen Kaisers Konstantius weilte zunächst am Hof des Galerius, reiste nach einigen Monaten aber fluchtartig ab und suchte seinen schwer kranken Vater, den Kaiser Konstantius, auf, den er in Boulogne traf und bis zum Hof nach York begleitete, wo dieser am 25. Juli 306 starb.. Der Sohn wurde sofort von den Truppen zum Augustus ausgerufen. Galerius mußte sich damit abfinden, und erkannte ihn als Caesar im Westen an.

 

Um die gleiche Zeit ließ sich der übergangene Sohn Maximianus, Maxentius, in Rom von der unzufriedenen Praetorianergarde auf den Schild heben. Gegen ihn wollte Galerius militärisch vorgehen, wozu er Severus, den Caesar des Westens veranlaßte. Aber dessen Truppen gingen zu Maxentius über, den sein abgedankter Vater Maximianus unterstützte, der seine Abdankung zurücknahm und an die Macht zurückkehrte. Die Lage des Severus wurde hoffnungslos, er starb 307. Maximianus nahm Verhandlungen mit Konstantin auf, den er zur Rückendeckung im Osten benötigte und ernannte ihn ebenfalls zum Augustus. Der Bund wurde durch die Heirat Konstantins mit seiner Jugendfreundin Fausta, der Tochter Maximianus besiegelt. Es kam zum Angriff des Galerius in Italien, der sich jedoch nicht halten kann und sich zurückziehen muß.

 

Im Westen kommt es zur Herrschaftsteilung. Kaiser bleibt Maximianus, Konstantin regiert als Augustus in Britannien und Gallien, Maxentius in Italien, Afrika und Spanien. Der alte Maximianus wurde jedoch bald darauf von seinem Sohn Maxentius abgesetzt und flüchtete zu seinem Schwiegersohn Konstantin. Nach dem Abfall Afrikas (308-311) und dem Ausfall der Getreidelieferungen kommt es 308 zu Hungersnot und Aufstand in Rom. Die Kaiserkonferenz in Carnuntum am 3.November 308 zwischen Galerius, Diokletian und Maximianus, die einem General aus dem Umfeld des Galerius, Licinius, die Augustuswürde im Westen überträgt.

 

 

 

3.4. Die Lage der Christen nach Diokletian:

 

Die Verfolgung der Christen wurde im Westen mit dem Regierungsantritt des Maxentius und des Konstantin beendet. Im Osten dagegen ging Galerius weiter hart gegen die Christen vor. Ganze Dörfer wurden mitsamt den Bewohnern verbrannt,die Christen in Kappadokien und im Pontus gemartert. Im Herrschaftsgebiet des Ost-Caesars Maximinius Daja, der nach seinem Amtsantritt zunächst die Maßnahmen noch verschärft hatte, besserte sich die Lage. Er ging von der Todesstrafe zum ‘Normalstrafmaß’ der einseitigen Blendung und Lähmung eines Beines und anschließender gegen die Christen vor. Ganze Dörfer wurden mitsamt den Bewohnern verbrannt,die Christen in Kappadokien und im Pontus gemartert. Im Herrschaftsgebiet des Ost-Caesars Maximinius Daja, der nach seinem Amtsantritt zunächst die Maßnahmen noch verschärft hatte, besserte sich die Lage. Er ging von der Todesstrafe zum ‘Normalstrafmaß’ der einseitigen Blendung und Lähmung eines Beines und anschließender Deportation in die Bergwerke von Kyllikien seit 307 über (vgl. Lietzmann, Band II, aaO., S. 55). 309 kam es zu einer neuen Welle des Hasses und des Versuchs der Wiederbelebung des alten Opferzwangs, der zwischenzeitig nicht mehr durchgesetzt worden war. Die Gemeinden wurden weitgehend zerschlagen, der Klerus vernichtet, soweit er nicht abschwor und die heiligen Schriften der Vernichtung übergab.

 

Eine Änderung trat erst mit dem Tode des Galerius ein. Dieser erkrankte 311 schwer, und erließ auf seinem Krankenlager am 30.April 311 das Edikt von Nikomedia, welches die Verfolgung beendete. Die Änderung erfolgte wohl aus Gründen der Staatsraison, nicht aus Reue, wie es die Christen werteten. Entscheidend war wohl, daß Konstantin die Änderung in Verhandlungen mit dem sterbenden Galerius erzwungen hat. Fünf Tage nach Erlaß des Edikts starb Galerius am 5.Mai 311.

 

Diese Entwicklung und die Politik Konstantin hat als Hintergrund, daß sich dieser im Gegensatz zu Diokletian nicht auf bäuerliche Schichten stützte, sondern seine Herrschaft auf die städtische gewerbetreibende Bevölkerung gründete. Die städti-sche Bevölkerung aber war die Hochburg des Christentums. Wenn Konstantin die Unterstützung der Städtegewinnen wollte, mußte er dem Christentum zumindest Duldung gewähren, war er 313 zusammen mit Licinius tat. Das hatte für ihn den Vorteil, daß damit die gesamte Macht des organisierten Christentums zum Einsatz für die Person des Kaisers und für das Kaisertum gewonnen wurde.

 

Dieser durch das Edikt vom 30.4.311 erlangte Friede dauerte jedoch nur 6 Monate. Dann verhängte der Caesar des Ostens, Maximinus Daia neue Einschränkungen der Kultusfreiheit. Es kommt erneut zu Hinrichtungen. Im Herbst 312 verlangen die Städte Nikomedia und Antiochia, denen sich andere anschlossen, Christen den Aufenthalt in den Städten zu versagen. Maximinus Daia gab dem Verlangen statt. Der praktisch zumindest für die beiden Hauptstädte undurchführbare Befehl wurde jedoch nur teilweise beachtet. Allerdings untersagte der Caesar die gewaltsame Durchsetzung und weitere Verfolgung, er forderte vielmehr zur Milde auf. Anlaß waren erneute Machtkämpfe.

 

 

 

3.5. Die Schlacht an der Milvinischen Brü>

Im Winter 312/313 rückte Maximinius Daia in das Gebiet Licinius, seit der Kaiserkonferenz von Carnuntum zwar formal Augustus des Westens, faktisch aber neben Maximinus Daia Herrscher des Ostens, ein und besetzte dessen Teil Kleinasiens. Licinius mußte weichen und schloß sich in der Folge Konstantin an, mit dessen Schwester Konstantia er sich verlobte. Während sich die drei Augusti Konstantin, Licinius und Maximinus Daia sich gegenseitig anerkannten und formell als echte Erben der diokletianischen Tetrarchie erscheinen, galt Maxentius als Usurpator (da er bereits 308 seinen Vater, den Kaiser Maximianus abgesetzt hatte). Ihm gegenüber ließ Konstantin seine eigene Legitimität betonen: sein Vater war der hochgeehrte Augustus Konstantius, während Maxentius von dem gestürtzen Maximianus abstammte, dessen Andenken verflucht und geächtet war (so Lietzmann, Band III, aaO., S. 59; dies erscheint fraglich, denn einerseits war Konstantin der Schwiegersohn Maximianus, andererseits war er von diesem unterstützt worden. Konstantius seinerseits war Sohn des Gotensiegers, des Kaisers Claudius II Goticus, weshalb sich Konstantin auf Vater und Großvater zur Untermauerung seiner Legitimation berufen konnte. Offensichtlich handelt es sich bei den von Lietzmann verwendeten Quellen um Propaganda, um den Angriff auf Maxentius zu verbrämen.

 

Konstantin griff Italien an, und gelangte schnell nach der der Einnahme einer Reihe von Städten zur Belagerung von Rom. Er gewann die Schlacht an der Milvinischen Brücke, wobei Maxentius auf der Flucht im Tiber ertrank. Konstantin zog am 28.Oktober 312 als Sieger und alleiniger Herrscher des gesamten Westreichs in Rom ein. Vor der Schlacht sollen Eulen des Auszug des Maxentius beobachtet haben, der sich an der Brücke Konstantin entgegenstellte. Die Eulen galten als Unglücksvögel, woraus man ein negatives Omen der Götter herleitete. Als der Senat 315 Konstantin einen Triumpfbogen errichtete, schrieb er im Widmungstext den Sieg auch "der Inspiration der Götter" zu. Später reichte das schon nicht mehr. In einer Prunkrede 312 wird vom kaiserlichen Hofrethor gerühmt, daß Konstantin bei allen seinen Unternehmungen unter göttlichem Schutz gestanden habe, daß aber im Kampf gegen Maxentius sein verstorbener Vater, Kaiser Konstantius selbst, an der Spitze einer himmlischen Heerschar Beistand geleistet habe.

Die Christen dachten offenbar nicht anders. Eusebius von Caesarea schreibt in seinem 315 verfaßten 9. Band seiner Kirchengeschichte, die Schlacht habe unter göttlichem Schutz für Konstantin gestanden, der Kaiser habe zuvor im Gebet zum Himmelsgott und seinem Logos Jesus Christus den Sieg erfleht. Der etwa um die gleiche Zeit schreibende Laktanz weiß Genaueres zu berichten: im Traum sei Konstantin angewiesen worden, das göttliche Zeichen des Christusmonogramms auf den Schilden seiner Soldaten anbringen lassen. Zwanzig Jahre später berichtet Eusebios in seiner Gedächtnisrede auf den inzwischen verstorbenen Kaiser, dieser sei in der Zeit des Entscheidungskampfes zur Erkenntnis der christlichen Wahrheit durchgedrungen und habe Gott um Beistand gebeten. Es sei ihm ein Zeichen geworden: am frühen Nachmittag vor der Schlacht habe über der Sonne ein Lichtkreuz geleuchtet mit der Beschriftung: "Hierdurch siege!". In der folgenden Nacht sei Christus dem Konstantin mit jenem Lichtkreuz in der Hand erschienen und habe ihn ermahnt, eine Nachbildung des himmlischen Zeichens als Schutzzeichen zu verwenden. Daraufhin wurde die als Labarum bekannte Standarte der kaiserlichen Garde geschaffen, welche das Kreuz mit dem Christusmonogramm trägt.

 

 

 

3.6. Die Regierungszeit Konstantins bis zur Alleinherrschaft (312 - 324):

 

Nach dem Sieg über Maxentius war Konstantin Alleinherrscher über den westlichen Reichsteil. Im Westen wurde die Christenverfolgung endgültig beendet. Konstantin hatte aus politischen Gründen ein Interesse an einer einheitlichen Reichskirche als Klammer des Reiches. Er griff deshalb sofort nach seinem Sieg und dem Ende der Kämpfe in die innerkirchlichen Auseinandersetzungen ein mit dem Ziel, die Einheit der Kirche sicherzustellen. Diese Haltung hat sicherlich nicht eine innere Wandlung des Kaisers zum Hintergrund. Es mag sein, daß er vor der Schlacht an der Milvinischen Brücke eine Vision hatte ( so Plötz, aaO., S. 273) und die neue Segenskraft des christlichen Glaubens anerkannte. Alles andere - insbesondere. die angebliche innere Wandlung ist spätere Ausschmückung. Getauft wurde er erst auf dem Totenbett (vgl. Lietzmann, aaO., Band II, S. 61)

 

Im Interesse der Reichseinigung überließ er noch 312 dem römischen Bischof Melchiades (Miltiades) den Lateranpalast. Er wandte sich gegen die, im Osten unter Maximinius Daia noch andauernde Christenverfolgung. Die Rückgabe der konfiszierten Kichengüter wurde im Westen veranlaßt. 313 kam es in Mailand zur Hochzeit zwischen der Schwester des Konstantin, Konstantia und dem Augustus des Ostens, Licinius. Anläßlich dieses Treffens einigten sich beide Kaiser über die Behandlung der Christen - sog. Mailänder Toleranzedikt, in welchem beide Kaiser anordneten, den Christen volle Kultusfreiheit und Gleichstellung mit anderen Religionen zu gewähren, damit "die Gottheit, auf ihrem himmlischen Thron, wer immer sie auch sei, uns und unseren Untertanen versöhnt und gnädig sein möge". Alle einschränkenden Bestimmungen wurden aufgehoben und auch für den Osten die Rückgabe der konfiszierten Kirchengüter beschlossen. Die Kirchengemeinden wurden als juristische Person anerkannt und der Kirche Rechtsfähigkeit zuerkannt.

 

Maximinius Daia lehnte die Mailänder Beschlüsse ab und erließ für seine Gebiete lediglich ein Verbot von Gewaltmaßnahmen gegen die Christen. Im übrigen setzte er seine Angriffe auf das Gebiet des Licinius fort, und eroberte Konstantinopel. Am 30. April 313 kam es zwischen beiden zur Entscheidungsschlacht auf dem ‘Campus Serenus’ bei Adrianopel, welche mit dem Sieg des Licinius endete. Maximinianus Daja konnte sich in Sklavenkleidern retten und stellte in Kappadokien neue Truppen auf. Licinius ging über den Bosporus und zog in der östlichen Hauptstadt Nikomedia ein, wo er am 13. Juni 313 das Toleranzedikt von Nikomedia für die Christen erließ, welches die Mailänder Beschlüsse auch für den östlichen Reichsteil umsetzte. Den Sommer hindurch währten die Kämpfe im Osten. Maximinianus Daja wich über den Taurus zurück und setzte sich in Tarsus fest. Dort erließ er im Herbst 313 ebenfalls ein Toleranzdeikt, starb jedoch kurz darauf.

 

Licinius ließ den alten Hofstaat des Diokletian, dessen Mutter und Tochter Prisca, die Witwe des Galerius und den Hofstaat des Maximinianus hinrichten. Als einziger überlebte der alte machtlose Diokletian in seinem Palast in Spalato, wo er am 3.12.316 starb.

 

Konstantin und Licinius waren nun Alleinherrscher in ihren Reichsteilen. Das Verhältnis der beiden Schwäger war jedoch schlecht, es kam bereits im Oktober 314 zwischen beiden zu den Schlachten von Ciballae am Donauknie und auf dem Campus Ardiensis bei Adrianopel, die beide mit Siegen Konstantins endeten. Die militärische Kraft Konstantins reichte jedoch zum endgültigen Sieg nicht aus, weshalb es zum Friedenschluß kam. Licinius blieben auf europäischen Gebiet nur Thrakien und die Gegend bis zur Donaumündung. Der Frieden dauerte sieben Jahre, dann verschärften sich die Spannungen zwischen beiden Kaisern erneut. Da die Christen weitgehend auf Seiten des betont christenfreundlichen Konstantin standen, entfernte Licinius alle Christen aus hohen Stellungen in Hof und Herr und erließ eine Reihe von schikanösen Verboten, bis hin zum Verbot des Kirchenbesuchs. Es kam erneut zu Verhaftungen, um die Durchsetzung der Anordnungen sicherzustellen.

 

324 kam es zwischen beiden Kaisern zu Kämpfen, Licinius verlor die Schlachten bei Adrianopel und Chrysopolis. Der Sohn Konstantins, der Caesar Chrispus vernichtete bei Gallipoli die gegnerische Flotte und sperrte den Bosporus. Licinius mußte Konstantinopel aufgeben und floh nach Chalcedon, wo er Frieden schließen mußte. Er erhielt Thessaloniki als Wohnsitz zugewiesen, wo er bald darauf starb. Konstantin war seit Herbst 324 Alleinherrscher des römischen Reiches. Als er sechs Jahre später sich an der schönsten Stelle des neugegründeten Konstantinopel einen Palast baute, ließ er über das zum Meer führende Tor schreiben, Christus habe ihm geholfen - ein deutlicher Gegensatz zur Inschrift auf dem Triumphbogen von Rom nach dem Sieg von 313. Das Christentum hatte endgültig gesiegt.

 

 

 

4. Entwicklung der Kirche bis Nicaea

 

4.1 Entwicklung zur Kirche - Organisationsformen im 1. - 3 Jahrhundert

 

 

Die Urkirche kannte keine Konzilien und Synoden. Diese entstanden erst im Laufe der Entwicklung des Christentums von der jüdischen Jerusalemer ‘Jesussekte’ zur reichsübergreifenden Religion, wodurch sich gleichzeitig und zwangsläufig die Notwendig der Herausbildung von Organisationsformen ergab.

 

Die Urgemeinde in Jerusalem verstand sich als Gemeinde der Endzeit - bedingt durch ihre eschatologische Nahzeiterwartung der unmittelbaren bevorstehenden Wiederkunft Jesus als des Messias (vgl. Bultmann, Theologie des Neuen Testaments, 9. Auflage Tübingen 1984, S. 39; vgl. Bultmann, Rudolf: Das Urchristentum, Sonderausgabe München 1992, S. 219). Sie sah sich nicht als neue Religionsgemeinschaft, und grenzte sich nicht als neue Religion gegen das Judentum ab. Die Urkirche hält deshalb am Jerusalemer Tempel und dessen Kult fest, entrichtete die Tempelsteuer (Mt 17,24-27), unterstellte sich der synagogalen Rechtsprechung (Mt 10,17; Mk 13,9), traf sich im Tempel (Act 2,46) und hielt auch an den Opferbräuchen fest (Mt 5,23f) (vgl. 2.. Bultmann, a.a.O., S. 56).

 

Auch scheint zunächst in der Urgemeinde die Heidenmission nicht als Aufgabe angesehen worden zu sein. Das Jesuswort: “Geht nicht auf den Weg der Heiden und betretet keine Stadt der Samariter! Geht vielmehr zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel” (Mt 10,5f) zeigt vielmehr, daß es in der Urgemeinde zumindest eine Richtung gab, die die Heidenmission überhaupt ablehnte. Aus Erzählungen wie der Geschichte des Hauptmanns von Kapernaum (Mt 8,5-10) und von der Syrophönizierin (Mk 7-24-30) läßt sich schlußfolgern, daß die Aufnahme von Heiden in die Urgemeinde zunächst nur ausnahmsweise und zögernd geschah (vgl. Bultmann, Theologie des Neuen Testaments, a.a.O., S. 58).

 

Die Leitung der Urgemeinde lag zunächst in den Händen der zwölf Jünger, deren beherrschende Autorität Petrus war (Mt 16, 17-19; Lk 22, 31f). Neben ihm müssen bald der Zebedaide Johannes und der Herrenbruder Jakobus eine führende Stellung gewonnen haben, wie sich aus Gal (2,9) ergibt, denn Paulus spricht dort von den Dreien als den stuloi. Als Petrus dann Jerusalem verlassen hatte, und Johannes mit seinem Bruder Jakobus hingerichtet worden war (vermutlich etwa 44), übernahm der Herrenbruder Jakobus die Leitung der Gemeinde (Act 12, 17; 21, 18). Das eigentliche Gemeindeamt sind die Ältesten, die man nach jüdischem Muster offenbar schon relativ früh wählte (vgl. Bultmann, Theologie, a.a.O., S. 62).

 

Die Ausdehnung der Urgemeinde über Juda hinaus geschah durch die Annahme des Christentums durch das hellenistische Judentum. Hellenistische Juden, die nach Jerusalem zurückgekehrt waren und dort ihre eigenen Synagogen hatten, standen dem jüdischen Gesetz und Tempelkult freier und kritischer gegenüber, wie es für den zu ihnen gehörenden Erzmärtyrer Stephanos bezeugt ist (Act 6, 1 ff). Hinter der Erzählung von der Wahl der sieben Armenpfleger (Act 6, 1 ff) verbirgt sich offenbar der Konflikt, zu dem es in der Jerusalemer Gemeinde gekommen ist; diese Sieben sind nicht Diakone gewesen, sondern sind, wie ihre Namen zeigen, Vertreter der hellenistischen Richtung (vgl. Bultmann, Theologie, a.a.O., S. 59).

 

Der entscheidende Schritt von der jüdischen Sekte zur urchristlichen Religionsgemeinschaft geschah dadurch, daß die Botschaft von Jesus dem Gekreuzigten und Auferstandenen über die Grenzen des palästinischen Judentums in hellenistische Welt hinausgetragen wurde. Damit trat der christliche Glaube in eine neue gestige Welt ein; die Verkündigung mußte in einer den hellenistischen Hörern verständlichen Sprache und Begriffswelt erfolgen. Diese hellenistische Welt war von anderen Fragestellungen und Sehnsüchten gekennzeichnet als im Judentum. Der Hauptunterschied des hellenistischen Christentums zur palästinischen Urgemeinde war, daß sein Charakter nicht mehr nur durch die eschatologische Endzeiterwartung sondern durch eine sich herausbildende Kultusfrömmigkeit. Überall dort, wo nicht eine Prägung durch die synagogale Tradition oder christliche Erziehung vorhanden war, war das Bewußtsein, zur eschatologischen Endzeitgemeinde zu gehöre, nicht mehr iS der Jerusalemer Tradition vorhanden (vgl. Bultmann, Das Urchristentum, a.a.O., S. 220). Symptomatisch ist es, daß der apokalyptische Titel ‘Mensch’ bald verschwindet; auch Paulus gebraucht ihn nicht. Daß ‘Christos’ die Übersetzung des jüdischen Titels ‘Messias’ Jesus als den König der Heilszeit bezeichnet, wird nicht mehr verstanden. Aus dem Titel wird der Eigenname. Andere Titel treten an seine Stelle: ‘Gottessohn’, und ‘Soter’ (Retter), die im heidnischen Hellenismus als Bezeichnung von Heilsbringern geläufig waren. Den inhaltliche Änderung wird vor allem an dem zunehmend verwendeten Titel ‘KurioV’ deutlich, der Jesusu als die im Kultus verehrte Gottheit kennzeichnet, deren Kräfte im Gottesdienst der Kultgemeinde wirksam werden. Der Kyrios Jesus Christos wird nach Art einer Mysteriengottheit verstanden, an dessen Tod und Auferstehung der Gälubige durch den Empfang der Sakramente teilhat (vgl. Bultmann, Urchristentum, a.a.O., S. 221).

 

Neben sakramentaler Kultusfrömmigkeit dringt schon früh gnostische Weisheit in das Urchristentum ein. Gedanken und Begriffe gnostischer Erlösungshoffnungen beschreiben Gestalt, Wesen und Werk Jesu Christi und dienen dabei der Verständlichmachung innerhalb weithin bekannter hellenistischer Zeitströmungen. Gleichzeitig wird den hellenistischen Christen die evangelische Tradition der palästinischen Gemeinde vermittelt, das alte Testament, das als Heilige Schrift im hellenistischen Christentum übernommen wird, erweist sich als verbindende Kraft (vgl. Bultmann, Urchristentum, a.a.O., S. 221).

Das Auftreten dieser hellenistischen Christen führte zu einer Empörung der jüdischen Gemeinde, die sich offenbar nicht gegen die alte christliche Urgemeinde richtete, der aber die hellenistischen Judenchristen - wie die Steinigung des Stephanos beweist - zum Opfer fielen, bzw. aus Jerusalem vertrieben wurden (vgl. Bultmann, Theologie, a.a.O., S. 59).

 

Die judenchristliche Gemeinde blieb zunächst in Jerusalem wo es in der Folge auch gegen sie zu Verfolgungen kam. Der Herrenbruder Jakobus wurde im Jahre 62 gesteinigt. Die judenchristliche Gemeinde wählte nach dem Tode des Jakobus den Vetter Jesu, Simeon, zu ihrem Vorsteher. Nach dessen Märtyrertod unter Trajan verließ auch die judenchristliche Gemeinde den ‘heißen Boden’ Jerusalems und siedelte in Pella im Ostjordanland. Dadurch, daß die Gruppe beim Kampf der Nationalisten mit Rom abseits stand, entging sie der Vernichtung. Die Gruppe blieb nach dem Bar Kochba-Aufstand in der Diaspora, mit der Vernichtung des Tempels in Jerusalem war ihr, als dem mosiaschen Gesetz und der der jüdischen Tradition verhafteten Gruppe, die Basis entzogen. Sie existierte noch einige Jahrhunderte und verschwand mit dem Vordringen des Islam.

 

Die hellenistischen Judenchristen unter Paulus hatten mit dessen Missionsreisen das Christentum in die hellenistische Welt getragen. Paulus löste die dortige Chri-stenheit vom mosaischen Gesetz und ging von der Mission unter den Diaspoajuden zur echten Heidenmission über. Diese Kirche der ersten Christenheit war eine organisationlose, rein auf die Leitung durch den Hl. Geist vertrauende Größe. Zur Kirchenbildung kam es wohl erst in den Kämpfen mit der heidenchristlichen Gnosis. In der Abwehr dieser Gefahr soll eine feste Organisationsform, die katholische Kirche, um 200 entstanden sein (so die Auffassung Albrecht Ritschls und Adolf von Harnacks). Die neuere Auffassung sieht demgegenüber die Entstehung der Kirche bereits im ersten Jh, ab dem Zeitpunkt, seit welchem man Jesus - im Unterschied von den anderen Juden - als Christus und als "Kyrios" verehrte.

 

Gerade die Mission der Vertriebenen führte jedoch zur Bildung von heidenchristlichen Gemeinde im hellenistischen Diasporajudentum (Act 8,4 ff; 11, 19 ff) (vgl. Schneider, aaO., S. 74). Diese Gemeinden, die wiederum von gewählten Ältesten geführt wurden, standen wohl - wie die Briefe des Neuen Testaments zeigen, in Verbindung mit den Aposteln bzw. Paulus, und erhielten auf diese Weise Anleitung in theologischen Streitfragen. Paulus arbeitete nach seiner Bekehrung auf hellenistischem Gebiet als Missionar, zusammen mit dem Missionar Barnabas, der ihn zur Mitarbeit nach Antiochia geholt hatte (Act 11, 25 ff) (vgl. Bultmann, Theologie, a.a.O., S. 59). Paulus erweiterte die jüdisch-hellenistische Mission zur echten Heidenmission (Schmidt, Kurt Dietrich, Grundriß der Kirchengeschichte, 5. Auflage 1967, S. 55).

 

Mit der Ausbreitung des Christentums im hellenistischen Bereich entstanden eine Vielzahl von unabhängigen Ortskirchen, deren Führung in den Händen von örtlich gewählten Presbytern oder Bischöfen und ihren Stellvertretern, den Diakonen, lag. Die Bischöfe hatten auch die theologische Leitung ihrer Gemeinden inne. Die überörtliche Leitung oblag den Aposteln, Propheten und Lehrern, die durch Briefe und Missionsreisen die unabhängigen Gemeinden zusammenhielten (vgl. Schmtdt, a.a.O., S. 74).

 

Dieser Urkirche fehlten freilich noch alle festen Organisationsformen. Es fehlte jede juristische Organisation, alles stand vielmehr unter der unmittelbaren Leitung des ‘Heiligen Geistes’. Allmählich scheinen sich drei charismatische Funktionen mit gesamtkirchlichen Wirkungskreis herausgebildet zu haben: Apostel, Propheten, Lehrer, und daneben zwei mit örtlichen Aufgaben betraute Ämter: Presbyter bzw. Bischöfe und ihre Stellvertreter, die Diakone. Aber obwohl jeder statuarische Einschlag fehlte, sah sich die Kirche als Gesamtheit, als Gemeinde und ‘Leib Christi’ (soma Christou).

 

Allerdings fehlte außerhalb der Gemeinde jede organisatorische Verbindung, die Gemeinde war die einzige Institution, die Anordnungsbefugnis und Leitungsfunktion gegenüber den ihr angehörigen Gläubigen hatte. Die Leitung oblag wohl zunächst prophetisch begabten Personen, bei deren Fehlen einem der "Ältesten". Dabei scheint sich allmählich die Stellung eines Primus inter Pares herausgebildet zu haben, einer Person der Gemeinde, der schließlich die Durchführung des Gottesdienstes und die Leitung der Gemeinde als Recht im organisatorischen Sinne übertragen war. Die Gemeinde verliert hierbei die ursprüngliche Mitbestimmung mit Ausnahme bei der Wahl dieses Leiters. Deutlich wird diese Einwicklung anläßlich eines Streits gegen Ende des ersten Jahrhunderts in Korinth, wo die Leitung des Gottesdienstes von der Gemeinde einem Wanderprediger übertragen worden war. Hiergegen empörten sich die Ältesten. Rom (!) trat dabei im sog. ersten Klemensbrief (95 n.Chr) auf deren Seite. In diesem Schreiben fällt bereits erstmals das harte Wort an die Gemeindeglieder: "lernet, Euch unterzuordnen". Zur Begründung beruft sich der Brief auf die Tradition der Apostel, die Bischöfe und Diakone für den Vollzug der Eucharistie eingesetzt hätten.

 

Auch in den Briefen des Ignatius von Antiochia, die in dem Streit mit den christlichen Gnostikern formuliert wurden, wird nunmehr die Leitungsfunktion des Bischofs und die Unterwerfung der Gemeinde formuliert. Der Bischof entscheidet, wo die Wahrheit ist. Dieser Entwicklung liegt die Aufhebung des allgemeinen Priestertums der Gemeindemitglieder sowie ein Rechtssetzungakt zugrunde. Sie verdeutlicht die Entwicklung hin zur Rechtskirche und zur Priesterkirche. Einher geht damit die Aufhebung des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen. Die Eucharistie ist nur noch gültig, wenn sie der Bischof leitet. In dieser Entwicklung schließt zugleich die Entwicklung der frühen Gemeindebildung.

 

Die Gesamtkirche existiert in der Frühzeit als lockere Verbindung von unabhängigen Ortskirchen, deren Zusammenhalt weniger durch Institution als durch die gemeinsame Glaubensüberzeugung gesichert war. Sie ist mithin nicht Ergebnis theologischer Reflexion oder rechtlicher Ordnung.

 

 

4.2 Die "inspirierten Synoden":

 

 

Aus dieser Struktur ergab sich zwangsläufig das Problem der Gesamtsteuerung der Ortskirchen, wenn man ein Auseinandertriften vermeiden wollte. Die Verfassung der Kirche zeigt um diese Zeit bereits die Anfänge einer eigentlichen Hierarchie. Zwar blieb den Gemeinden die Wahl der Geistlichen, oder wenigstens ihre Bestätigung, aber mehr und mehr schieden sich diese als "Kleros" von den "Laien" aus; es entstanden Rangunterschiede zwischen den Bischöfen je nach dem Rang ihrer Städte und mit besonderer Rücksicht auf die apostolische Stiftung gewisser Gemeinden (vgl. Burckhardt, a.a.O., S. 105). Bei Fragen von überregionaler Bedeutung wurden diese durch die gemeinsame Beratung der Ortsbischöfe gelöst, nämlich durch die Bildung von Synoden. Während diese in der Frühzeit eher regionale Treffen gewesen sein dürften2, kam es wohl erstmals in der Abwehr der montanistischen Krise in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts zu einer ersten Gesamtsynode.

 

Der Montanismus war eine von Montanus um die Mitte des 2. Jh von Montanus ins Leben gerufenen Bewegung, der eine Weiterentwicklung der Kirche in spirituellen Bahnen bezweckte. Montanus soll vorher Priester des Apollo oder der Kybele gewesen sein (möglicherweise Verleumdung späterer Zeit). Wahrscheinlich um 156/157 traten in Kleinasien, der eben erst zum Christentum übergetretene Montanus und bald mit ihm zwei Frauen, Priscilla und Maximilla auf, mit dem Anspruch, Gefährten und Werkzeuge des Heiligen Geistes zu sein, d.h. als Paraklet, die höchste Offenbarungsstufe und damit den Abschluß des christlichen Glaubens zu bringen. So sagt Montanus von seiner zu Art zu prophezeien: "Siehe, der Mensch ist wie eine Leier und ich (nämlich der Heilige Geist) fliege über sie wie das Plektron".

 

Inhaltlich bringt die montanistische Botschaft nichts Neues. Charakteristisch ist die apokalyptische Grundstimmung. Das nahe Weltende wird verkündet und zu einer rigorosen Ethik aufgerufen (Verbot der 2. Ehe, verschärfte Fastenvorschriften, Verbot der Flucht in der Verfolgung, Verbot der Vergebung der Todsünden usw.). Bei Perpuza und Tymion wird das Herabsteigen des himmlischen Jerusalem und des 1000jährigen Reiches erwartet.

 

Nur mühsam hat sich die Kirche Kleinasiens dieser Restauration urchristlicher Gedanken erwehrt. Mit Geisteraustreibung, den ersten bekannten Synoden und Gegenschriften wurde der Kampf gegen den Montanismus aufgenommen, der sich bald über Phrygien hinaus ausbreitete (in Gallien wie in Rom, wo man anscheinendseine Anerkennung erwog). Um 207 hat sich in Karthago ihm Tertullian angeschlossen. Erleichtert wurde die Auseinandersetzung erst mit dem Tode des Gründers und seiner Prophetinnen, als das vorausgesagte Weltende ausblieb. Bis etwa 200 muß die von der Enderwartung beherrschte erste Epoche des Montanismus angenommen werden, bald danach beginnt die zweite Epoche, der schon Tertullian angehört. In ihr ist die im Gegensatz zur Großkirche verschärfte Ethik das Hauptkennzeichen, während Prophetie und Endzeiterwartung verblassen. Die Schriften der montanistischen Urpropheten werden gesammelt und treten neben das alte und neue Testament als dritte Offenbarungsurkunde. Von dem wohl umfangreichen Schrifttum des Montanismus sind noch etwa ca. 20 Orakel aus den (ebenfalls verlorenen) Gegenschriften des 2. Jh nach den Zitaten der späteren Kirchenväter (insbesondere Eusebios und Epiphanius) rekonstruierbar. Dazu kommen als zusätzliche Quellen Tertullian und einige Inschriften. Es scheint, als ob der ursprüngliche Montanismus orthodox war, jedenfalls greift ihn die Polemik des 2. Jahrhunderts wegen dogmatischer Abweichung nicht an. Einflüsse kleinasiatischer Kulte werden wahrscheinlich zu Unrecht behauptet. Wie lange der Montanismus bestand, ist nicht sicher zu sagen, er wird allerdings regelmäßig in den staatlichen Gesetzen gegen die Ketzer erwähnt.

 

In der Einführung der Synode entsteht eine bedeutungsvolle Neuerung. In ihr konstituierte sich erstmals eine den Gemeinden übergeordnete Institution, in ihr beginnt der Zentralisationsprozaß der Kirche. Zugleich entwickelte sich hierin über das Entstehen einer soziologischen Gesamtkirche hinaus ein theologisches Steuerungsinstrument. Schon in der Urkirche standen sich zwei Geistprinzipien gegenüber, einerseits die geistbegabten Einzelmenschen, die im Namen Gottes durch Visionen bzw. Prophetie sprechen konnten, andererseits die Ganzheit der Gemeinde als Teil des Leibes Christi, auch sie als solcher geistbegabt. In der Synode erhielt die Kirche als Gesamtinstitution ein handelndes Organ, wie die Gemeinde es im Bischof hatte. Die Folge war, daß die Synode als vom Geist geleitet angesehen wurde, ihre Beschlüsse als inspiriert. Bereits die Apostelversammlung in Jerusalem formuliert: ‘Es gefällt dem Heiligen Geist und uns’ (Act 15,28), die Synode von Arles 316: ‘wir haben ausdrückliche Zeugnisse dafür’ ( Schmidt, a.a.O., S. 79).

 

Da nunmehr Bischöfe die einzelnen Gemeinden leiteten, ergab sich die Notwendigkeit gemeinsam Probleme allgemeiner Bedeutung zu regeln, was zur Einführung von Synoden führte und damit zur beginnenden Zentralisation der Kirche. In der Synode erhielt die Kirche als Gesamtkörper ein neues Organ im juristischen Sinne, wie es der Bischof für die Gemeinde war. Es kommt zur Legimation die Auffassung zum Durchbruch, daß die Synode als vom Heiligen Geist geleitet angesehen wirde (schon die Apostel be gründeten die Mission auf das Pfingst-erlebnis). Die Beschlüsse der Synoden galten als inspiriert; so schon in Apg. 15,28: "Es gefällt dem Hl. Geist und uns"; (vgl. auch z.B. in der Synode von Arles 316: "Wir haben ausdrückliche Zeugnisse dafür").

 

Eine Einschränkung blieb jedoch auch für die inspirierten Synoden in Kraft. Wie die Aussage des geistbegabten Propheten nur dann Gültigkeit erlangte, wenn die Gemeinde ihr Amen (hebr: "wahrlich", "gewiß"; Schlußformel nach Gebet, Segen, Predigt, aus der jüdischen Gottesdienstordnung in die christliche Kirche und die Moschee übernommen) zu seiner Rede sprach, so war auch für die Gültigkeit der inspirierten Synodalbeschlüsse ihre Rezeption durch die Gemeinden notwendig.

 

Dies darf jedoch nicht zur Annahme veranlassen, mit der Entstehung der Synodentradition sei bereits eine institutionelle Kirche entstanden. Die Bischofssynoden sind nach wie vor freie Vereinigungen und entbehren gewisser rechtlicher Kompetenzen. Sie wirken daher nur durch ihre Berufung auf den Hl. Geist und durch die Akzeptanz in den Gemeinden (vgl. Alberigo, a.a.O., S. 24). Die Leitungsstrukturen und die Gemeinschaft der Kirchen untereinander blieben nach wie vor fest verwurzelt im Horizont der Ortskirche mit ihrer reichen Vielgestaltigkeit, so daß auch im dritten Jahrhundert noch keine Instanz universeller Reichweite entsteht.

 

Dennoch kommt in diesem Zeitraum gerade dort, wo die synodale Praxis verbreitet ist (z.B. in Nordafrika vor und nach Cyprian), das Bewußtsein auf, daß bei einer betonten Eigenständigkeit des Ortsbischofs und seiner Ortskirche die Einrichtung des Konzils die einzige Möglichkeit sei, der Einheit der Gesamtkirche Ausdruck zu verleihen. Auf der anderen Seite fehlt das synodale Moment auch dort nicht, wo kirchliche lnstanzen von regionaler oder überregionaler Reichweite entstehen, wie es bei den ‘Mutterkirchen’ von Rom in Italien oder Alexandria in Ägypten der Fall ist. Hier bildet sich bereits die Dialektik zwischen dem Primatsanspruch der großen Bischofssitze und der Macht eines Konzils aus. Dies trifft nicht nur für die lokalen, sondern auch für die universalkirchlichen Konzilien zu, obgleich sie bei den ökumenischen Konzilien der Antike zumeist im verborgenen bleibt (vgl. Alberigo, a.a.O., S. 24).

 

Die vielfältigen Versuche des 3.Jahrhunderts mit ihren sehr differenzierten Typo-logien der Konzilien schufen einige der direkten Voraussetzungen für die Verwirklichung des ersten ökumenischen Konzils. Die Fragen der kirchlichen Disziplin sind nicht länger das vorrangige oder das einzige Thema der Synoden. Die eigentlichen theologischen Probleme treten immer mehr in den Vordergrund; auf der antiochenischen Synode von 268/269 (auf der der Bischof dieser Stadt, Paulus von Samosata, wegen seiner theologischen Thesen verurteilt wird) erhält diese Einrichtung den Charakter einer Gerichtsinstanz. Unter den verschiedenen, bislang geübten Verfahrensweisen handelt es sich hier um jenen Synodentypus, auf den sich die ökumenischen Konzilien der Antike für ihre Praxis am ehesten berufen werden. Einerseits eine theologische Auffassung, die als Widerspruch zur kirchlichen Tradition empfunden wird und deshalb die Einheit des Glaubens der Kirche gefährdet, und andererseits eine Verurteilung und Verwerfung, die sich entweder auf die zu-rückgewiesene Lehre oder auf ihre Anhänger bezieht - dies sind die beiden Hauptcharakteristika der ersten Konzilien. Auf den Konzilien von Nicaea bis Chalcedon stehen zwar die dogmatische Fragen im Vordergrund; die Aufgabe und Tragweite der Konzilien erschöpft sich jedoch nicht in ihnen. Neben der Lehre werden auch kirchliche Rechtsvorschriften ausgearbeitet, die oftmals Entscheidungen von großer Bedeutung enthalten (vgl. Alberigo, a.a.O., S. 25).

 

Gerade die Funktion der Synoden als Gerichtsinstanz und ihre Disziplinar-vorschriften konnten jedoch nur in einer grundlegend veränderten geschichtlichen Situation ihre volle Wirkkraft erreichen. Diese günstige Bedingung für die Festigung und Ausweitung der synodalen Praxis ist mit dem Übergang von der Zeit der Verfolgung zur Tolerierung des Christentums gegeben und wird dann unter der immer entschiedeneren christlichen Regierung Konstantins d.G. verstärkt. Die kirchliche Lage wird Gegenstand kaiserlichen Politik, da der Kaiser in der Kirche ein grundlegendes Element für seine eigene Regierung sieht. Nun ändert sich auch die Aufgabe des Konzils: bisher war das Konzil innerhalb der Kirche Ausdruck des gemeinsamen Glaubens und der gemeinsamen Disziplin; nun wird es zu einem Instrument, mit dessen Hilfe die Kirche ihre neue öffentliche Rolle ausübt: Unterstützung der Wohlfahrt und Einheit des Staates.

 

Diese Entwicklung mit ihrer ganzen Ambivalenz führt jedoch nicht einer einheitlichen Typologie. Obgleich die Kräfte, die die konziliare Einrichtung beeinflussen, auch im christlichen Reich größtenteils dieselben sind, führt doch ihre veränderte Konstellation gemäß der jeweiligen historischen Situation zu anderer Gestaltung der synodalen Tätigkeit.

 

 

 

4. Die ökumenischen Konzilien

 

 

Fortsetzung

 

 

 

Aktuelles

Homepage online

Auf meiner  Internetseite stelle ich mich und meine Hobbys vor.

 

 

Besucher seit 1.1.2014