Teil A: Die Byzantinischen Kaiser und ihre Zeit

 

Teil A: Die Byzantinischen Kaiser und ihre Zeit

 

 

 

1. Vorbemerkung:

 

1.1. Das politische Umfeld

 

1.1.1. Die Völkerwanderung

 

Entscheidende Merkmale der Epoche ab 375 im nördlichen Umfeld des römischen Reiches sind: Eindringen der Turkvölker, Abwanderung der Germanen, Landnahme der Slawen bis zur Ostsee, Adria, Balkan und oberen Wolga, Anfänge slawischer Staatenbildungen sowie Angliederung der osteuropäischen Völker an die antik - christlich bestimmte Kulturwelt. Die Eindämmung der Gefahren von seiten der Nomadenvölker durch Byzanz und das Karolingerreich und die geschlossene Ausbreitung der Slawen sowie das Eingreifen der Skandinavier in der russischen Tiefebene verleihen mit der Aufnahme des Christentums und der überlegenen Ordnungsformen der christlichen Imperien dem sich bildenden "Osteuropa" die "europäischen" Züge.

 

Die Hunnen brechen aus unbekannten Gründen etwa 374 unter Balamir (oder Balamber) über die Wolga vor, vernichten das starke Reich der sarmatischen Alanen an Terek, Kuban und unterem Don und greifen ab 375 die Ostgotenherrschaft des greisen Ermanarich zwischen Don und Dnjestr an. Sie dehnen ihre Herrschaft dann über die Karpaten bis in die Donau- und Theißebene aus (Unterwerfung der Gepiden), wohin sich der Schwerpunkt aus Südrußland verlagert: Zeitweise drei Horden unter Führung dreier Bruder (Ruas, Mundzuk und Oktar), seit 434 das Reich unter Bleda und Attila (Mundzuks Söhnen) geteilt. Tributzahlungen und Verträge mit wirtschaftlichen Zugeständnissen sichern dem römischen Imperium vorübergehend Ruhe an der Nordgrenze zu (Hunnenzüge nach Persien). Seit 441 Eroberungen auf der Balkanhalbinsel unter Attila, der 445/6 die Alleinherrschaft an sich reißt. Nach Attilas Tod Auflösung der hunnischen Herrenschicht und teilweiser Rückzug nach Südrußland, wo unter den Attilasöhnen Dengizich (bis 468) und Irnek sich ein Reststaat hält. Die Hunnen verschmelzen mit den von Osten nachdrängenden verwandten Turkvölkern (u. a. Saraguren, Oguren, Onoguren, oft als Verbündete der Byzantiner gegen die Perser benutzt) zum Volk der Bulgaren (482 von Byzanz erstmalig aus Südrußland gegen die Ostgoten aufgeboten). Teile der Hunnen verbleiben im Donauraum und gehen in den nachfolgenden Germanen und Steppenvölkern (Avaren) auf. Als direkte Folgen des weltgeschichtlich bedeutsamen Hunneneinfalls sind festzuhalten :

 

Der südrussische Steppenweg ist seither zum Einfallstor für eine ununterbrochene Kette neuer türkisch - mongolischer Nomadenvölker geworden, die durch ihre überlegene Kriegstechnik eine ständige Bedrohung der europäischen Völker- und Staatenwelt, mindestens in ihrem östlichen Zweig, darstellen und seit dem 13. Jahrhundert das Gesicht der russischen Reichsbildung entscheidend beeinflussen. Der Wanderzug der Ostgermanen in die osteuropäische Tiefebene wird unterbrochen, nach Süden und Westen abgelenkt und führt zur Errichtung germanischer Herrschaften auf weströmischem Boden, bis schließlich das Eindringen nordgermanischer Kriegerkaufleute in die osteuropäische Tiefebene seit dem 9. Jahrhundert eine neue Welle germanischer Machtentfaltung einleitet. Die schnelle Ausbreitung und Landnahme der Slawen als selbständiger Kolonisationsvorgang, teilweise auch im Gefolge der erobernden Turkvölker, beginnt und erreicht noch während des 6. und 7. Jahrhunderts im Süden und Westen die Grenzen der Kulturwelt und das Gebiet der oberen Wolga.

 

In der Reihe der türkisch - mongolischen Steppenvölker erscheinen nach der Bildung des Bulgarenvolkes in Südrußland 558 die Avaren, zunächst als Bundesgenossen der Byzantiner, bald als ihre gefährlichsten Feinde und dringen von ihren Wohnsitzen im Kaukasus an die Donau vor. Ihr erster Vorstoß gegen das Frankenreich 562 scheitert am Widerstand König Sigberts in Thüringen. Im Bunde mit den Langobarden, die sich nach Italien wenden, vernichten sie 567 das Reich der Gepiden, deren Sitze in Dacien und Pannonien unter dem Kagan Bajan (565-602) zum Zentrum einer sich von der Wolga bis zu den Ostgrenzen des Frankenreiches erstreckenden Herrschaft werden, der auch der erste politische Verband der Slawen, die Anten, erliegt.

 

Unter avarischer Führung nehmen die ständigen Einfälle hunnisch-bulgarischer (seit 514) und slawischer (seit 518) Kontingente in die oströmischen Donauprovinzen für Byzanz einen höchst bedrohlichen Charakter an: 582 wird Sirmium erobert; erst 601 gelingt den Byzantinern der Gegenstoß bis zur Theiß. Der Angriff der Perser und innerbyzantinische Wirren ermöglichen neue Vorstöße der Avaren (610 gegen Friaul, 626 gemeinsam mit den Persern gegen Konstantinopel). Den anfänglichen Raubzügen folgt die Niederlassung der Slawen auf dem ganzen Balkan einschließlich der Peloponnes im 7. Jahrhundert.

 

Gegen die Persergefahr und die Barbaren aus dem Norden und zur Sicherung seines Handels mit Indien und China findet Byzanz vorübergehend Erleichterung in der Herbeirufung der Türken (567) gegen die Avaren auch im Bündnis mit dem Frankenreich. Die Schwächung der Avarenmacht spiegelt sich in ihrer militärischen Niederlage vor Konstantinopel (626) und in den Aufständen der Slawen im Westen (Zentrum wahrscheinlich in Mähren) unter Führung des fränkischen Kaufmanns Samo und der Bulgaren in Südrußland, wo sich ein Großbulgarisches Reich unter Kovrat oder Kubrat (seit etwa 619 byzantinischer Parteigänger, gest. 642) gebildet hat. Auch die Wanderung der Serben und Kroaten aus den Gebieten nördlich der Karpaten und ihre Ansiedlung auf dem Balkan durch Herakleios I. bringt dem Byzantinischen Reich große Entlastung. Das Avarenreich im Donauraum überlebt die kurze Herrschaft Samos und besteht fort bis zur Vernichtung durch Karl den Großen 791-796.

Um 650 Ende des Großbulgarischen Reiches durch die von 0strom gegen die Perser seit 626 gebrauchten innerasiatischen Chazaren an unterer Wolga und im Kaukasus, die ihre Herrschaft während des 8. und 9. Jahrhunderts bis zum oberen Dnjepr ausweiten und wiederholt in politisch - dynastischen Beziehungen zum byzantinischen Hof stehen. Griechisch-missionarische Einflüsse im Chazarenland; Vermittlerrolle im Handel zwischen Orient und Norden. Hauptstadt Balanger, seit 730 Itil an der Wolgamündung. Seit etwa 860 Anhänger der jüdischen Lehre. Niedergang in der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts durch Konkurrenz der warägischen Reichsgründung am Dnjepr, Durchzug der Magyaren und dann Einzug der Petschenegen. Mit der Auflösung der bulgarischen Macht in Südrußland seit etwa 650 erfolgt die Abwanderung bulgarischer Stämme: 1. An die mittlere Wolga: Entstehung des Wolgabulgarischen Reiches mit der wichtigen Handelsmetropole Bulgar als Hauptstadt am Einfluß der Kama in die Wolga. Zu Beginn des 10. Jahrhunderts Annahme des mohammedanischen Glaubens. Niedergang und Ende durch die Mongolen. 2. Nach Pannonien: Vereinigung mit den übrigen Bulgaren unter avarischer Herrschaft; nach deren Ende Aufgehen im Bulgarischen Reich. 3. Nach Mazedonien: Aufgehen in den Balkanslawen. 4. Nach Benevent und vor allem 5. unter Asperuch (Isperich; 641-702) über die Donau nach dem Balkan: Unterwerfung der hier inzwischen eingewanderten Slawen und Begründung des Donaubulgarischen Reiches zwischen Isker, Balkan und Schwarzem Meer bis zu den Grenzen der Avaren und Chazaren im Norden nach dem Friedensschluß mit Byzanz ; Schwerpunkt südlich der Donau; Hauptstadt Pliska; Verwaltung in Händen der bulgarischen Herrscher- und Militärkaste, die bis zu Beginn des 9. Jahrhunderts von den Slawen streng geschieden bleibt; Nähe von Byzanz bedeutsam.

 

Unter und hinter der Kontrolle der türkischen Steppenvölker vollzieht sich seit Ausgang des 4. Jahrhunderts die Ausbreitung und Landnahme der Slawen. Nach Süden durch die Mährische Pforte und Pannonien bzw. östlich des Karpatenbogens: Um 500 in der Dobrudscha, im 6. Jahrhundert fortgesetzte Einfälle über die Donau nach Thrakien, Mazedonien, Griechenland, Dalmatien mit anschließender Kolonisierung dieser Gebiete, in denen Mitte des 7. Jahrhunderts die Slawisierung beendet ist; Rehellenisierung Griechenlands infolge zahlenmäßig schwacher Slaweneinwanderung von den Städten aus mit Hilfe der orthodoxen Mission bis Ende des 10. Jahrhunderts vollzogen; ähnlich in Transsilvanien und der Walachei; Romanisierung der dünnen Slawenschicht; nach Westen noch während des 6. Jahrhunderts Elbe und Ostalpen (Berührung mit Restgermanen in Ostdeutschland), nach Nordosten zur gleichen Zeit die Gebiete um Ilmensee und obere Wolga erreicht. Die Weiträumigkeit und die Unterschiede der historischen Voraussetzungen führen zur Bildung der geschichtlich bekannten Gruppierung von Stämmen und Völkern; Südslawen: Slowenen, Kroaten, Serben, Bulgaren; Westslawen: Polen, Pomoranen, Nordwest- Slawen (zwischen Oder und Elbe); Sorben; Tschechen und Slowaken; Ostslawen: Russen mit ihren späteren, historisch bedingten Zweigen der Ukrainer, Weißrussen und Großrussen.

 

Diese weitläufige Aufspaltung der Slawen wird weiterhin bedingt durch die ständige Differenzierung der Dialekte (Übernahme des Namens Karls des Großen zur Bezeichnung "Herrscher" eine der letzten gemeinslawischen Entlehnungen) und der kulturellen Grundlagen: Übergang vom Sippenverband zu territorialen Gemeinschaften in durch ständige Rodung erweiterten 0ffenlandschaften, mit sozialer Gliederung in Adel, Freie und Sklaven, stark demokratischen Lebensformen (Volksversammlung) und frühem Auftreten von Gaufürsten; Burgbezirksverfassung; Kriegstüchtigkeit, Piraterie in Ägäis und Ostsee; Handwerk: Metallarbeit, Textilien, Keramik vorwiegend unter Einfluß der Nachbarn entwickelt; Handel mit Frankenreich und Orient, Märkte mit Stadtcharakter in Anlehnung an Burgen; primitiver Naturkult und Ahnenverehrung, später (unter nordgermanischem Einfluß?) z.B. bei Nordwestslawen Götterbilder; Tempel und Priesterkaste; keine Schrift vor Einführung des Christentums.

 

Nach ersten Herrschaftsbildungen der slavischen Wander- bzw. frühen Landnahmezeit (u. a. Verband der Anten in Südrußland; der Kroaten am Nordrand der Karpaten) und nach dem Zusammenbruch der Avarenmacht erfolgt zum Abschluß dieser Periode im Wirkungsbereich der griechisch-byzantinischen und der romanisch-germanischen Kultur- und Missionstätigkeit sowie der durch den arabischen Handel geförderten skandinavischen Expansion durch tatkräftige Dynastien die Bildung dauerhafter Großflächenstaaten. Ihre Einbeziehung in das diplomatische Spiel der führenden Kulturmächte dieser Zeit wird zu einem Vorgang von eminenter Bedeutung: Die Annahme der christlichen Lehre sowie die Nachahmung und Einführung bewährter Ordnungsprinzipien der als Muster dienenden Kulturwelt leiten den Prozeß der "Europäisierung" der osteuropäischen Staaten- und Völkerwelt ein, der um die Jahrtausendwende für fast alle Slawen und die Magyaren seinen ersten Abschluß findet.

 

Ausgelöst wird diese Entwicklung durch Karls des Großen Avarensieg, wodurch es zum Machtanstieg des Donaubulgarischen Reiches (gemeinsame Grenzen mit dem Frankenreich in der Theißebene) und Entstehung des Mährischen Staatsgebildes kommt, die beide in das Spannungsfeld der politisch-diplomatischen und missionarischen Bestrebungen der führenden Großmächte, des karolingischen und des oströmischen Imperiums, geraten.

 

 

 

1.1.2. Die Perser:

 

Das Bestehen des Partherreichs bedeutete für das Römerreich der Kaiserzeit eine ständige Gefährdung seiner Ostgrenze vom Schwarzen Meer bis nach Syrien. Der Mittelpunkt der iranischen Reichsbildung liegt weiterhin in Mesopotamien in der Doppelstadt Seleukeia-Ktesiphon. Armenien bleibt Pufferstaat zwischen den beiden Großmächten. Die Ablösung der Parther durch die Perser (226 n. Chr.) erhöht die Gefahr noch, obwohl die Sassaniden oder Neu-Perser stets eine zweite Front im Osten gegen Indien haben. Doch orientiert sich Armenien nach früher Christianisierung unter einer den parthischen Arsakiden verwandten Dynastie stärker nach Westen zu Rom.

 

20 v. Chr. Phraates IV. (um 38-2 v. Chr.) gibt die 53 und 54 v.Chr. erbeuteten römischen Feldzeichen zurück. Phraatakes (Phraates V., 2 v.- 4 n. Chr.) verzichtet auf Armenien. Gegen den als Geisel in Rom erzogenen Ponones (7-12) erhebt der Adel Artabanus III. von Media Atropatene zum Partherkönig (12-38). Er vertreibt die Alanen, die von Norden, die Römer unter L. Vitellius, die (mit Tridates III. von Armenien) von Westen ins Partherreich einfallen. Selbständigkeitstendenzen der Lehensherren, so in Adiabene (seit 30 zum Judentum bekehrt), schließlich Bruderkrieg im Herrscherhaus unter Vardanes und Gotarzes 43-48. Unter Vologaeses I. (51-79) neue Ansprüche auf Armenien erhoben, von Rom unter Cn. Corbulo 57-63 mit Feldzügen am oberen Euphrat abgewehrt. Vologaeses` Bruder Tiridates von Rom in Armenien anerkannt. 72 neuer Einfall der Alanen. Rom unterstützt gegen sie die Iberer am Kaukasus. Aufblühen der Neugründung Vologasia bei Babylon. Handel mit Palmyra und mit China unter Umgehung des Kuschan-Reiches in Indien; 97 und 100 Beziehungen zum chinesischen Kaisertum bezeugt. Um 100 Blüte des Araber-Stadtstaates in Hatra in Assyrien (11 Tempel). Thronkämpfe unter Pacorus II. (79-116) veranlassen Traians Vordringen aus Armenien gegen Adiabene (mit Nisibis) und Edessa 114. Dieses leitet trotz Hadrians Verzicht auf die Neuerwerbungen 117 den Zusammenbruch des Partherreiches ein. In dieser Zeit dringt vom römischen Grenzgebiet das Christentum auf jüdischer Grundlage in die Gebirgsgegenden am Tigris, doch kaum in die Städte (zuerst in Arbela nach Bischofschronik von dort), dann ins Gebiet von Susa ein; Voraussetzung ist die Zugehörigkeit des Königtums von Adiabene zum Judentum.

 

Unter Vologaeses III. (148-192) wird Seleukeia-Ktesiphon von den Römern unter Avidius Cassius genommen. Der Vormarsch des Septimius Severus 196-199, obwohl (auch vor Hatra) erfolglos, und Caracallas Einfall in Medien 216 unter Artabanus V. (213 bis 227) erschüttern die Geltung des Königtums. Seit dieser Zeit ist der Euphrat und der Chaburfluß Reichsgrenze, an ihr Dura römische Grenzfestung. Das Ende des Partherreichs führt eine nationaliranische Reaktion herbei, die vom Priesterstaat um Stachr ausgeht. 226 n. Chr. stürzt Ardaschir (Artachschassa), Enkel des Priesters Sasan, den letzten Arsakiden Ardawan V. (208-226) und begründet die nationaliranische Dynastie der Sassaniden, die alsbald eine straff zentralistische Staatsverwaltung aufbaut. Die Religion Zarathustras wird Staatsreligion ; die bisherige Linie der Duldung aller Bekenntnisse wird damit verlassen.

Vier organisierte Stände, die ihrerseits wieder in Klassen geteilt sind, bilden sich heraus: 1. die Magier (Priester und Juristen); 2. die Krieger unter einem Oberbefehlshaber mit umfassenden Befugnissen; 3. die Beamten; 4. die Bauern und Handwerker. Daneben großer Einfluß des Hochadels (7 Sippen davon führend) . Großer Beamtenapparat unter 7 Staatssekretären, denen ein Kanzler vorsteht. Stehendes Heer; Hauptangriffskraft die vom Adel gestellte gepanzerte Kavallerie und die Elefantentruppe. Garde der "Unsterblichen" wie in der Zeit der Achämeniden (S. 109) . Gründung von Städten mit eigenem Landgebiet auf Königsland. Der Staat gilt als Familiengut des Königs und wird später nach oströmischem Vorbild geformt. Die Sassanidenzeit ist bestimmt durch den dauernden Gegensatz zwischen zentralisierendem Königtum und Feudaladel. Nur eine starke Königsgewalt (unter Ardaschir und Schahpur I., dann unter Chosrau I.) kann eine wirkliche Außenpolitik führen.

 

Die achämenidischen und parthischen Vorbildern nacheifernde Bau- und Bildkunst ist im wesentlichen Hofkunst. An die Stelle von Ardaschirs Hauptstadt Firuzabad und der Anbringung von Felsreliefs bei den Achämenidengräbern von Naksch-i-Rustem tritt bald wieder die Partherresidenz Ktesiphon mit dem Palast Taq-i-Kisra in halbparthischem Stil, aber die historischen Felsreliefs werden weiterhin in der Persis angebracht. Die Erhebung der Religion Zarathustras zur Staatsreligion war mit keiner echten Neubelebung dieser schon erstarrten Magierreligion verbunden. Unter Schahpur I. und Hormizd I. (272-273) wäre fast die damals von Mani (216-276) gestiftete gnostische, synkretistische Religion des Manichäismus, die sich dank zielbewußter Mission und dem Anspruch auf Weltgeltung (manichäische Handschriften in Ägypten in koptischer Sprache) schnell ausbreitete Staatsreligion geworden; Mani fällt aber unter Bahram I. (273 bis 276) in Ungnade und stirbt im Gefängnis.

 

In der Außenpolitik steht der Gegensatz zu Rom im Vordergrund. Schahpur I. dringt weit nach Kleinasien vor; 260 Kaiser P. Licinius Valerian wird nach der von den Römern 260 verlorenen Schlacht von Edessa gefangengenommen, Dura erobert und zerstört. Der Aufstieg des Feudaladels unter Bahram II. (276-293) ermöglicht den römischen Gegenstoß unter dem römischen Kaiser Carus (282/283), der die Hauptstadt Ktesiphon 283 einnimmt. Verzicht auf Armenien und Mesopotamien (283). Die römischen Kriegsgefangenen dieser Zeit werden für die Kulturentwicklung des Sassanidenreiches wichtig, führen Brücken- und Städtebau aus. Entwicklung römischer Stadtkultur in Schahpurs Neugründungen, so in Veh-Schahpur (Bishapur); in dessen Nähe finden sich weitere Felsreliefs historischen Inhalts (Investitur des Königs durch Ahuramazda, Triumph über Valerian) in Verbindung spätantiken und iranischen Stils.

 

Einfluß der Kriegsgefangenen ist vor allem die Ausbreitung des Christentums; seine Mittelpunkte werden wie im Römerreich die Residenzen vor allem der Susiana und Mesopotamiens . 297 schwere Niederlage des Narsé (293-302) durch Galerius, nach der auch Landschaften am oberen Tigris römisch werden. Schahpur III. (309-379) gewinnt aber nach Julians Tod im Frieden von 363 den größeren Teil Mesopotamiens mit Nisibis zurück. Fortan tritt, auch in der Anbringung von Felsreliefs, seit Ardaschir II. (379=383) und Schahpur III. (383 bis 388) die Gegend um das Tor von Asien am Zagros-Paß hervor. Unter Bahram IV. (388-399) wird Ostarmenien wieder sassanidisch.

Die Behandlung der Christen ist abhängig von ihrem Verhalten zum Oströmischen Reich. Seit 339 blutige Christenverfolgung des Schahpur III. Unter Jesdegerd I. (399-421) wird eine kirchliche Organisation (unter einem Katholikos mit 5 Erzbischöfen) möglich (Synoden von Seleukeia 410, 420). Dann wird die Religionsfrage in die inneren Kämpfe (Absetzung der Dynastie Jesdegerds durch die Magnaten) hineingezogen unter Bahram V. (421-438) und Jesdegerd II. (439-457).

 

Einfälle hunnischer Völker im Nordosten (z. B. der Kidariten). Lange und wechselvolle Kämpfe gegen die Hephthaliten ("weiße Hunnen"), die aus Kansu in das Gebiet von Samarkand einbrechen und nach einem großen Sieg über Peroz I. (459-84), der im Kampf fällt, jahrelang Tribut einziehen können.

 

Gegen die Willkür des Adels richtet sich mit religiöser Begründung (Einfluß des Manichäismus) die sozialistische Bewegung des Mazdak, auch mit der Forderung von Weiber- und Besitzgemeinschaft. Hörigkeit und Grundadel, also der Feind des Königtums, werden beseitigt. Kavadh I. (488-531) neigt dem Mazdakismus zu, duldet auch die Entwicklung einer christlichen Nationalkirche in Persien (Priesterausbildung in Nisibis), seitdem unter Barsaum 484 in Front gegen Ostrom sich der Nestorianismus hier durchsetzt.

 

(Anm: In der Osthälfte des römischen Reichs nach Erlöschen des Arianismus christologischer Streit um die Natur des Gottessohnes (Logos) nach seiner Entstehung und damit seines Verhältnisses zu seiner Mutter, zugleich Auseinandersetzung zwischen der allegorischen Bibelerklärung der Schule von Alexandria (seit 412 Bischof Kyrillos) mit ihrer Lehre von der einen Natur (mone physis) des Logos und der historischen von Antiochia unter Diodoros von Tarsos, Theodoros von Mopsuestia und dessen Schüler Nestorios (seit 428 Patriarch von Konstantinopel). Dieser ersetzt den Titel Theotokos für Maria durch Christotokos. Kyrillos (Cyrill) und Papst Coelestin I. (422-432) lehnen das ab. Absetzung des Nestorios und Bekämpfung seiner dyophysitischen Lehre nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen Alexandria und Antiochia: Verwerfung des Nestorianismus durch das 3. ökumenische Konzil in Ephesus (431). Kyrillos wird von Theodoret von Kyrrhos und Ibas von Edessa angegriffen, aus deren Lehre sich der Nestorianismus weiterentwickelt in Anknüpfung an Theodoros von Mopsuestia (ihre Lehren, die sog. "drei Kapitel"). Cyrills Nachfolger Dioskoros (444-451) versucht seinen Standpunkt durchzusetzen auf der (ertäuschten) sog. "Raubersynode" von Ephesus 449. Seine Kreatur als Gegner des Nestorios ist der Mönch Eutyches. Er überspitzt die Entgegnung zur Lehre vom Vorrang der göttlichen Natur in Christus (seine menschliche Natur nur Scheinleib): Eutychianismus oder Monophysitismus, angenommen von den nicht Griechisch sprechenden Christen des oströmischen Reichs: den Kopten in Ägypten, Jakobiten in Syrien, den Armeniern. Anhänger des Nestorios (Nestorianer) bewahren ihr Christentum zunächst in Edessa (436-488), seit 457 in Mesopotamien außerhalb des Römerreichs unter der Herrschaft der Sassaniden, deren christliehe Untertanen seit 410 eigene Kirchenverfassung, 423 mit staatlicher Anerkennung haben; 498 dyophysitisches Patriarchat der Reichshauptstadt Ktesiphon mit syrischer Kirchensprache.

 

Durch Unterdrückung des Mazdakismus wird unter Chosrau I. Anoscharvan (Chosroes) (531-579) eine umfassende Staatsreform möglich: Vermessung des Landes, Steuerreform mit Ausschaltung der Grundherrn in der Erhebung von Kopf- und Grundsteuern , Schaffung eines neuen Beamtenadels, kleiner Rittergüter, dazu von Soldatenlehen an der Nordgrenze. Im Dienste des Kampfes gegen die anderen Religionen wird der zarathustrische Kanon, das Avesta, nunmehr autoritativ (Benützung des vor 200 erfundenen Vokalalphabets mit aramäischen Zeichen).

 

Dank der Stärkung der Königsmacht kann Chosrau I. erfolgreich gegen Indien, die Araber und das Oströmische Reich kämpfen, mit dem er 562 für 50 Jahre einen Frieden schließt (Grenze wie bisher). Nach Eroberung von Antiochia 540 wird bei Ktesiphon eine Kopie der Stadt errichtet, um die wertvollen Facharbeiter an Persien zu fesseln. Riesige Beute wird aus den syrischen Städten erpreßt, die Befestigung der Nordgrenze (562-565) aus oströmischen Tributen bestritten. Chosrau schlägt 567 auch die Hephtaliten vernichtend. Doch fallen unter Hormizd IV. (579-590), als sich der neue Militäradel bereits wieder gegen das Königtum wandte, neue Turkvölker in Persien ein (Besetzung von Herat). Kriegerischer Höhepunkt unter Chorsrau II. Parwez (590-628), der 608 große Teile Kleinasiens, 614 Syrien und 619 den Norden Ägyptens erobert, aber, wegen Grausamkeit und Habgier verhaßt, vom Adel gestürzt und ermordet wird. Seine Eroberungen müssen nach dem Gegenschlag des Herakleios 629 aufgegeben werden. Von seiner Residenz bei Dastadgerd bleibt nur der Palast Impret-i-Khusrau (wie der des Peroz I. von Taq-i-Bostan am Zagros). Nach langen Thronkämpfen folgt Jesdegerd III. (632-651), der das geschwächte Reich nicht gegen den Ansturm der islamischen Araber halten kann und nach den Niederlagen von Kadissija (637) und Nehavend (642) 651 in Ostiran ermordet wird. Iran wird ein Teil des Kalifenreiches. Wenige Anhänger der alten Religion Irans leben heute noch in Indien (Parsen).

 

 

1.1.3 Armenien:

 

Nach römischem Eingreifen 1 n. Chr., 18 und 36 steht seit 66 Armenien unter einer arsakidischen Dynastie, gegen die sich jedoch immer wieder Teile des durch Gebirge stark aufgegliederten Landes erheben. Die Umwandlung (114) in eine römische Provinz (nach Abtrennung von Armenia minor schon 72) durch Trajan hat nur kurze Dauer. Die Herrschaft der Sassaniden (238-280) im Lande wird durch Tiridates (gest. 320 ?) beseitigt. Dieser duldet die Einführung des Christentums durch Gregor den Erleuchter (vor 290) unter Zerstörung zoroastrischcr Feuerheiligtümer, Ersetzung durch Kirchen (daher heidnische Relikte bis heute). Gründung einer Nationalkirche mit 12 Bistümern, die Stellung des Oberhaupts (Katholikos mit Sitz in Aschtischtat, später Walarschapat) in Gregors Familie bis 438 erblich. Starke Gegensätze zwischen Staat und Kirche unter Tiran II., schließlich Lösung der Kirche von der Heimatmetropole Neocaesarea in Pontus (unter Katholikos Sahak 390 bis 438); fortan armenische Liturgie und Literatur. König Pap begünstigt das Heidentum, schwankt zwischen Rom und Persien; 374 ermordet. 387 Teilung Armeniens zwischen Persien und (Hauptteil) Ostrom. Erfindung der armenischen Schrift durch Mesrop, Beginn der (Übersetzung griechischer Literaturwerke, nach 450 eigene armenische theologische und historische Literatur (Geschichtswerk des Lazur von Pharni für Zeit 385-485). Aufstieg einheimischer Familien als Teilfürsten unter den Sassaniden. Neue Teilung 591; seit 640 ist Armenien Ziel arabischer Angriffe; 653/5 Eroberung durch die Araber; seither, oft in gelockerter Form, unter gelockerter Form unter der Herrschaft der Araber; diese wird nur vom Schwarzen Meer her durch die Chazaren streitig gemacht (u, 715-764 und 799). Alte kirchliche Kultur: Rundbau von Etschmiadzin um 650. Historiker Bischof Sebeos, für 662-670 Leontios. Die arabische Herrschaft (693-885) bedeutet vor allem Steuerdruck und Verfolgung der Häuptlinge, die sich (auch nach Massaker 704) immer wieder in lokalen Revolten (bes. 851/2) erheben, auch mit persischen Gebirgsstämmen Fühlung halten. In Hocharmenien seit 859 Bagratuni anerkannt, seit 885 auch als Könige durch Byzanz. Südarmenien kommt 940 an die Staatsbildung der Hamdaniden von Mardin unter Hassan.

 

Armenien erlebt im 10. Jahrhundert unter Asdot III. (952-977) und Gagik I. (990-1020) eine durch die Reste kirchlicher Bauten noch heute eindrucksvolle Blüte: Hauptstadt Ani, dort zahlreiche Kirchen (Kathedrale nicht vor Ende des 9. Jahrhunderts, Fresken von 1010; Grabkapelle "des Schäfers" 1060), größte Stadt und geistiger Mittelpunkt Kars, von Simbal II. (977-990) befestigt (daneben Königtum von Van in Vaspurakan seit 909 und Emirat weiter im Süden des Sees). Dann treffen Bruderkrieg in der Dynastie und Seldschukeneinfälle (diese seit 1048) zusammen zur Schwächung. Basileios II. besetzt (1020) Vaspurakan und errichtet mehrere kleine Themata-Bezirke. Konstantin IX. annektiert ganz Armenien, verliert damit freilich auch den Pufferstaat zwischen Byzanz und den Seldschuken, die 1064 Ani zerstören und gewinnt eine durch Zugehörigkeit zur schismatischen armenischen Kirche dem Reich fremdgewordene Bevölkerung. Die Fürsten erhalten Landbesitz in Kappadokien, so entsteht aus ihrem Gefolge die armenische Bevölkerung von "Klein-Armenien". Die Kirche wahrt im Zusammenhang mit der alten Heimat (seit 1441 wieder dort in Etschmiadzin Sitz des kirchlichen Oberhaupts, des Katholikos). 1100 seldschukischer Kleinstaat von Khilat (mit Titel Schah von Armenien) bis 1185, dann unter Marmeluken, seit 1207 unter Aiyubiden mit dem gleichen Schah-Titel. 1244 mongolisch.

 

(Anm: Die Mongolen, die geschichtsträchtigen Erben der Hunnen und Turkvölker sind, unterwerfen sich aus der inneren Mongolei kommend fast ganz Asien und dringen bis an den Rand Mitteleuropas vor. 1206 wird Temüdschin, nachdem er in schweren Kämpfen gegen Nebenbuhler die Stämme der Mongolei geeint hat, von der Wahlversammlung unter dem Namen Dschingis Khan zum Großchan aller mongolischen Stämme erwählt. Besessen von dem Willen, die ganze Welt zu beherrschen, schafft er eine straffe Heeresorganisation und aus dem alten feudalen Gewohnheitsrecht ein gemeinverbindliches Recht. 1215 wird Peking erobert. 1220 wird das Reich des Choresmischen Schahs vernichtet, der zuvor ganz Westasien beherrschte. Damit ist ganz Zentralasien von China bis zum Oxus unter der Herrschaft der Mongolen. 1227 Tod Dschingis Khans und Teilung des Reichs. Der Westen fällt an seinen Sohn Tschagatai (nach ihm benannt das Reich Tschagatai, das sich mit Übernahme des Islam völlig türkisiert), der Osten an seinen Sohn Ügedei, Großchan 1229-1241. 1368 Vertreibung der Mongolen aus China und Beschränkung auf das Stammland. 1586 Einführung des Lamaismus in der Mongolei; Ende der weltgeschichtlichen Rolle der Mongolen.

 

Armenien ist im Spätmittelalter in der Hand der Mongolen. Um 1290 Einwanderung der turkmenischen Horden des Weißen und Schwarzen Hammels (Ak- und Kara-Kogunlu, nach ihren Fahnen). 1386 Einfall Timur Lenks, 1394 auch Einnahme von Kars. Herrschaft der Kara-Kogunlu 1418-1467 in Vaspurakan und Erzindjan, unter mongolischer Oberhoheit. 1441 Neubegründung des Katholikos-Sitzes in Etschmiadzin (als Schisma neben Sis), zugleich als Haupt des armenischen Volkes. 1469 Armenien zum Reich des Uzun Hasan von der Horde des Weißen Hammels; Einströmen der Kurden; nach persischer Herrschaft 1514 türkisch.

 

 

1.1.4. Kleinasien

 

Kleinasien ist nach dem raschen Durchzug Alexanders d.G. Schauplatz und Objekt der Diadochenkämpfe bis zum Untergang von Lysimachos' Reich 281 v.Chr. Danach gibt es ptolemäische, 204-197 v.Chr. auch makedonische, 197-188 v.Chr. seleukidische Besitzungen nur an der West- und Südküste. Das Binnenland gehört, wie Kilikien, dem Seleukidenreich, ist unabhängig 239-228 unter Antiochos Hierax; seine Randgebiete entfalten zunehmende Selbständigkeit: im Osten Kappadokien im Besitz des Hochlandes und der östlich angrenzenden Becken, im Westen Pergamon in Mysien, dann auch in Phrygien und im Südwesten Rhodos. Veränderungen werden ausgelöst durch die Galater, dann durch Rom. An der Nordküste im Westen gelangt Bithynien, im Osten Pontos zu größerer Selbständigkeit. Die Nordküste des Schwarzen Meeres verbleibt im Bosporanischen Reich. Eine Neuordnung der Besitzverhältnisse bringt 63 v. Chr. Pompeius.

 

Die römische Organisation Kleinasiens geht von den Provinzen im Westen und Süden schrittweise vorwärts durch Einziehung der Klientel-Fürstentümer, die Pompeius und Augustus noch belassen hatten: Galatien, Lykaonien und Pamphylien werden (als kaiserliche Provinzen) 25 v. Chr. organisiert, das Reich des Galaters Deiotarus 7 v. Chr., das iranische Königtum Cappadocia erst 18 n. Chr., sogar erst durch Claudius Lycia (43), durch Nero Pontus Polemoniacus östlich vom Iris-Fluß gewonnen. Dann wird Cappadocia 72 konsularische Provinz mit den Legionslagern im hinzugewonnenen Armenia minor in Satala und Melitene, 76 mit Galatia vereinigt. Die Nähe der Euphratgrenze bestimmt die Bedeutung dieser östlichen Landschaften, die daher ein besonders dichtes Netz von Militärstraßen erhalten; dagegen macht hier die Urbanisierung keine Fortschritte; von den alten Gau-Hauptstädten heißt Mazaka Eusebeia seit 9 v. Caesarea, Archelais wird colonia des Claudius. Erst recht erhöht die Mesopotamienpolitik der Severer die Bedeutung des Ostens; nur Neros Orientpolitik war von Pontos ausgegangen unter Corbulo (dessen Feldherrn hatten ab 62 n.Chr. die militärische Kontrolle über das Bosporanische Reich errungen; Corbulo ab 55 n.Chr. Cappadocia und gegen parthisches Eingreifen die armenischen Hauptstädte Artaxata und Tigraocerta).

 

Dagegen genießt der Westen Kleinasiens den Kaiserfrieden; die räuberischen Gebirgsstämme des Taurus (Pisider, Homonadeis) werden seit Augustus durch die Anlage von Veteranenkolonien in Schach gehalten (besonders Antiochia Pisidiae), die Hellenisierung an den Westrand der anatolischen Steppe vorgetragen, seit Hadrian auch das Waldland Mysiens (mit dem Jagdgebiet des Kaisers) von ihr erfaßt und die Stammesgebiete in Stadtgebiete verwandelt (urbanisiert) . Durch Handel und Gewerbe (Tuche von Laodikeia) reich geworden, schmückt das Großbürgertum die Städte mit glänzenden Bauten: Ephesus, Pergamon mit seinem Traianeum, Milet mit Markttor und Markthalle unter Hadrian, Aphrodisias in Karien usw., an der Südküste die Reihe der Städte Pamphyliens mit Side bis nach Kilikien mit Pompeiopolis, vor allem Tarsos als Mittelpunkt der Leineweberei, früh auch des geistigen Lebens. Landeinwärts wird das Verhältnis von Stadt und Land mit zahlreichen großen Dörfern zum Problem; daneben halten sich noch Tempelfürstentümer (Pessinus, Olba, Komana). Durch Erdbeben werden Städte 17, 155, 177 (Smyrna) verheert (doch bald erneuert), durch den Parthereinfall unter Vologaeses III. 162 der 0stteil heimgesucht (Sieg bei Elegeia).

 

Die Städte des westlichen Kleinasiens nehmen früh die christliche Lehre an. Paulus hat in ihnen und am Südrand der anatolischen Hochfläche im damaligen Provinzialgebiet von Galatien (daher Brief an die Galater) missioniert, überall auf den Spuren einer lebhaften jüdischen Mission (z.B. in Aparneia Kibotos). Wie Bithynien (z. Z. des Plinius: Statthalter in Bithynien - 112/13 Beginn der Christenprozesse wegen Verweigerung der Teilnahme am römische Kult) ist die Schwarzmeerküste insgesamt früh mit Gemeinden besetzt; im Westen treten die Christen von Smyrna früh hervor (Martyrium des Polycarb und Karpos um 177). Im westlichen Gebirgsland mit starken heidnischen Elementen altphrygischer Herkunft entwickeln sich christliche Sekten (Montanisten um Pepuza, Novatianer). In Cappadocia wird die Unterschicht von jüdischer und christlicher Mission erfaßt, der Feudaladel iranischer Herkunft hält an der persischen Magier-Religion fest.

 

Nach langer Friedenszeit, aber Erschöpfung des Besitzbürgertums schon durch Steuerdruck und Konfiskationspolitik der Severer bringt der Einfall der Perser (256/7) unter Schahpur I. die erste Katastrophe. Bis zur Westgrenze des Rauhen Kilikien und nach Iconium am Südwest-Ende der inneren Hochfläche dringen die Perser damals und 260 neu bis Pompeiopolis vor; 253, 256, 262/3 verheeren gotische Heruler die Küsten im Westen und Nordwesten; Milet muß gegen sie neu befestigt werden. Dann folgt im Osten der Einfall der Palmyrener; 279 Erhebung der Isaurer von Kaiser Probus unterdrückt in Kremna. So bedarf es des Wiederaufbaus unter Diocletian (von Nikomedeia), Galerius (mit heftiger Christenverfolgung in Kleinasien; gallienische Restauration), Maximinus Daia und Konstantin. Die Gründung der Hauptstadt Konstantinopel (330) bringt eine Veränderung der Verkehrslinien und eine Verlagerung des Schwergewichts. Der alte Statthaltersitz von Asia, Pergamon, aber auch Milet und Ephesus (beide von den Überschwemmungen der Flüsse bedroht) treten für den Verkehr mit dem Westen des Reichs zurück hinter der großen Verbindungsstraße von der Donau- zur Euphratgrenze; die gewerbliche und landwirtschaftliche Versorgung der neuen Hauptstadt führt zum Aufblühen des Nordwestens, der Städte Bithyniens (Nicaea, Nikomedeia) und Phrygiens; die Route über Ancyra, nördlich der Steppe, ja auch Straßen durch Paphlagonien werden wichtig für den Truppennachschub zur Armenienfront des 4. Jahrhunderts. Kilikien bleibt wie zu allen Zeiten Vorland Syriens, Tarsos bedeutend. Die Kulturbedeutung von Ephesus zeigen Kirchenbauten des 4. und 5. Jahrhunderts. 378, 379 gotische Einfälle nach Kleinasien.

 

Im 4. Jahrhundert wird für das iranische Grundherrentum griechische Bildung und christliche Bischofswürde erstrebenswert in Kappadokien: Kirchenväter Basileios von Caesarea, Gregor von Nazianz, Gregor von Nyssa, Amphilochos von Iconium. An der Südküste reges gewerbliches Leben in Korykos nahe dem Wallfahrtsplatz der Hl. Thekla. Die Provinz-Neuorganisation, um 370 abgeschlossen mit der Teilung von Cappadocia mit den Hauptstädten Caesarea und Tyana, verselbständigt die alten Stammeslandschaften der vorhellenistischen Zeit und sucht ihre nationale Eigenart, die z. T. noch in den alten Sprachen erhalten war, als Selbstschutz zu aktivieren.

 

Auch die Gebirgs-Räuberstämme melden sich wieder, gewinnen Anteil an der Kultur des südlichen Steppenrandes und beanspruchen politische Rechte; Isaurier-Aufstände bis zur Erhebung Zenons zum Kaiser 474. Hier liegen die Voraussetzungen für die Verwendung von Truppen aus Reichsbewohnern (zuerst als foederati), dann die Aushebung solcher (seit Maurikios I.), endlich die Heeresreform des Herakleios. Mit den arabischen Einfällen während und nach dessen Regierung endet für Kleinasien die Antike. Die Fortdauer der Stadtkultur wird ermöglicht durch die Reduzierung der wichtigsten Städte zu Festungen durch Justinian; das Land der Kolonen, der abhängigen Bauern in den Dörfern, die z. T. erst damals durch die monophysitische Mission des Johannes von Asia Christen werden, wird preisgegeben. Neubau der Johanneskirche in Ephesus (Kern der mittelalterlichen Siedlung H. Theologos) als Kuppelbasilika Justinians.

 

Im frühen Mittelalter gehört Kleinasien bis zum Taurus dem Byzantinischen Reich, ja es bildet geradezu dessen Kerngebiet (nach dem Verlust großer Teile der Balkanhalbinsel an die Slawen), aber auch die anatolische Hochfläche ist unaufhörlich arabischen Vorstößen ausgesetzt, die nur durch innere Veränderungen im Kalifat unterbrochen werden. Noch als Statthalter macht Muawija 647 (Muawija, 661-680, Urenkel des Omaija, eines Verwandten Mohammeds, gründet eine sunnitische Dynastie, verlegt die Residenz von Medina nach Damaskus, kämpft jahrelang gegen das byzantinische Reich, das stärksten Widerstand leistet. Durch die Byzantiner werden die Araber als Sarazenen im Okzident bekannt. Die Eroberung Konstantinopels mißlingt) den 1. Vorstoß ins anatolische Hochland über Kaisareia bis Amorion, ab 649 Flottenexpeditionen: Einnahme von Cypern 649, Rhodos und Kos 654. Nach Sicherung seiner Macht in Syrien jährliche Einfalle Muawijas zu Lande 663-678, Besetzung von Chios, 670 von Kyzikos, 672 von Smyrna durch die Flotte, Belagerung von Konstantinopel 674-678 bis zum byzantinischen Sieg und Tributfrieden von 679 (neugeregelt 697). Seit 709 (Einnahme von Tyana am Ausgang der Taurus-Pässe, der sog. Kilikischen Pforte) geht Kilikien zeitweise an die Araber verloren, 718/9 wird zwar Konstantinopel gegen sie gehalten, aber 726-740 wieder jährliche Einfälle bis zum Sieg Leons III. bei Akroinon 740. 746-752 ist Byzanz im Gegenangriff im Taurus (747 Seesieg bei Cypern), aber 776, 779, 781, 796, 798 und 806 ist wieder das innere Kleinasien Kriegsschauplatz.

 

Bei der Spärlichkeit von Selbstzeugnissen der Zeit (nur Bistümerlisten außer Angaben über die Feldzüge) ist das Ausmaß der Verheerung Kleinasiens nur abzulesen an der Flucht der Bevölkerung vor allem des östlichen Kappadokiens in höhlenreiche Tuffgebiete. Die stattlichen Kirchen des 7. Jahrhunderts werden zunehmend durch Höhlenkirchen (seit 10. Jahrhundert mit Fresken) ersetzt. Die Stadtfestungen bieten nur den Truppen und Verwaltungsorganen Schutz. Die bäuerliche Bevölkerung, seit Phokas aus dem Kolonat befreit, trägt die Folgen der Verwüstungen und die Last des Heeresdienstes; Themen-Organisation schafft Militärgrenzen, nach denen die Themata Armeniakon und Anatolikon heißen. Mit dem Vordringen der Araber nach Westen greift diese Militarisierung des Lebens aus, bis schließlich die Bildung von kleinen Grenzschutz-Einheiten (und Aushebungsbezirken für sie: Kleisurarchiai, Topoteresiai) - entsprechend einer arabischen Parallele seit 789 - die Voraussetzungen für den byzantinischen Gegenschlag (ab 957) schafft (Aufzählung in arabischen Quellen). Kleinasiatische Bewegungen in Politik und Geistesleben (Sekte der Paulikianer von Tephrike an der armenischen Grenze) bestimmen zunehmend das byzantinische Leben - nach mehr als einem Jahrtausend wird Kleinasien, besonders in der Zeit des Bilderstreits, wieder führend. 821 sozialistische Unruhen der Bilderverehrer unter Thomas von Gaziura in Kleinasien bis Konstantinopel. 830/3, 838 neue arabische Vorstöße und byzantinische Gegenstöße in festem Rhythmus. 856 Beginn der byzantinischen Offensive zum Euphrat, 860 aufgehalten. 900 byzantinischer Sieg bei Adana, 910 Cypern erobert und verloren. Seit 828 Bedrohung der Westküste von Kreta aus (byzantinische Niederlage bei Samos 911, Sieg bei Lemnos 922). Die dauernden Kämpfe der zwangsangesiedelten Bevölkerung auf beiden Seiten bilden den Stoff des Epos von Degenis Akritas.

 

Kleinasien wird durch das byzantinische Ausgreifen zunächst im Antitaurus bis zum Euphrat (Einnahme von Melitene = Malatya 931, 934, Amida, Nisibis 943; Germaniceia = Marash 949, 962, schließlich Kilikiens und Cyperns 965) von den bisherigen sich jährlich in festem Rhythmus wiederholenden Einfällen der Araber, zuletzt Saif-ad-Daulahs, befreit und erlebt eine Periode friedlicher Entwicklung, die jedoch durch den Bürgerkrieg zwischen Bardas Skleros und Bardas Phokas 976 bis 979 und 987-989 beeinträchtigt wird ; in ihm erheben die siegreichen Verteidiger der Ostgrenze Anspruch auf innerpolitische Macht, werden aber von der sog. Makedonischen Dynastie unter Begünstigung der Kleinbauern ausgeschaltet. 989 Erdbeben in Konstantinopel. In Kleinasien wird gegen den Pazifismus der Hofbeamten-Aristokratie Isaak I. Komnenos erhoben (1057), ebenso dann (1077) Nikephoros Botaneiates .

 

Seit 1057 fallen die Seldschuken in häufigen Raubzügen in Kleinasien ein (Erstürmung von Kaisareia unter Sultan Alp Arslan). Byzantinische Niederlage bei Malazgerd-Mantzikert (1071) am Van-See in Armenien ebnet den Seldschuken den Weg in das seit 50 Jahren durch Latifundienwirtschaft entvölkerte Kleinasien, in dem 1073-1074 eine normannische Staatsbildung versucht wird (Roussel de Bailleul). Türkische Söldner des Botaneiates machen sich 1078 in Nikaia selbständig. Hier befindet sich so die erste seldschukische Residenz unter Suleiman. Die byzantinische Schwäche hat diesen nicht organisierten Einfällen die Bildung des Sultanats von Konya oder Rum, dazu des Emirats der Danischmenditen um Kaisareia-Sivas, nach 1100 bis Melitene, so die Hauptwege im Euphrattal beherrschend, und eines Tzakhas in Smyrna (ab 1081) ermöglicht.

 

Das weite Hochland ist das Betätigungsfeld dieser Reiterscharen, die die Latifundien-Hörigen für frei erklären; dagegen bleiben Nord- und Südküste in byzantinischer Hand. In Kilikien entsteht durch Einwanderung aus dem seldschukischen Herrschaftsgebiet Armenien seit 1071 das Gebiet Kleinarmenien durch Abfall des Rupen und Vahram (Philaretos Brachamios), zunächst in selbständigen Kleinstaaten (wie einst nach dem Zusammenbruch des Hethiterreichs).

 

Bei Annäherung der Scharen des Ersten Kreuzzugs (1097) machen die Seldschuken Kleinasien zur verbrannten Erde, beginnen aber 1110 ihre Vorstöße wieder (1117 bis Philomelion). 1129 Fürstentum Kleinarmenien durch Einigung Kilikiens unter den Rupeniden, 1137 byzantinisch, nach seldschukischen Vorstößen 1139-42 erneut 1158. Das Kerngebiet dieser Staatsgründung behauptet sich unter Leo II. (1185-1219, seit 1198 König mit päpstlicher Anerkennung) nach allen Seiten und gleicht die Verwaltung den Kreuzfahrerstaaten an (neue Hauptstadt Sis).

 

Unter Kilidsch Arslans (1092-1097) Nachfolgern wird Iconium-Konya zum Mittelpunkt eines neuen Seldschuken-Staates, der als Sultanat von Rum nach dem Besitz bisher byzantinischen (rhomäischen) Gebiets heißt (Kunst unter armenischem Einfluß). Mit ihm haben sich die Teilnehmer des Zweiten und Dritten Kreuzzuges auseinanderzusetzen .

 

Cypern macht sich 1183 von Byzanz unabhängig und wird wie Kleinarmenien 1194 bzw. 1195 deutsches Lehen. Rum steht nach Besetzung von Attaleia 1207 in Geheimbeziehungen zum Lateinischen Kaisertum seit 1209, hat unter Kaika'us I. (1210-1219) und Kaikobad (1219-1237) seine größte Blüte (Moscheen in Konya), wird 1243 Vasall der Tataren. Vor 1204 ist an der Nordküste das Kaiserreich Trapezunt mit georgischer Hilfe gegründet) selbständig, ab 1204 im Reich von Nicaea der byzantinische Besitz im Nordwesten stark eingeschränkt, dazu den Angriffen des Lateinischen Kaisertums ausgeliefert. Das Ergebnis dieser Bewegungen ist die Entvölkerung und Versteppung Kleinasiens.

 

Die auf den Mongolensturm von 1243 folgende türkische Eroberung erfolgt in kleinen Trupps, die sich unter eigenen Fürsten zunächst zwischen anderen Staaten einen Raum suchen. So stehen neben dem Restbesitz des Byzantinischen Reichs (Reich von Nicaea), der seit 1261 wieder nach Westen über den Bosporus hinweggreift, dem Kaiserreich Trapezunt an der Nord-, dem Königreich Kleinarmenien an der Südküste, den Resten der Seldschuken-Herrschaft (Ende der Münzen 1302) unter den zahlreichen Scharen, die seit dem 11./12. Jahrhundert nach Kleinasien gekommen waren, dann beim Zusammenbruch der von ihren Stammesgenossen getragenen Abbassidenherrschaft durch diese Verstärkung erhalten hatten, türkische Kleinstaaten in Germijan (Phrygien), Attalia-Satala, die Aidipoghlu in Tralleis und Ephesos, in Magnesia; besser bekannt nur das Fürstentum Mentesche mit dem Mittelpunkt in Mylasa (Moschee von 1378), dann in Milet, vor allem aber die bewußt türkische Staatsgründung des Karaman in Laranda (südöstlich Konya, das 1275 und 1308-1319 gewonnen wurde), das fortan Karaman heißt. Nur eine von vielen ist also zunächst die Emir-Würde über die Kriegergemeinschaft der Osmanen, die Osman 1299 annimmt. Das Sangarios-Tal mit der Hauptstadt Sögüd (Sugyut) und der Beherrschung des Straßenknotenpunktes Eskishehir (alt Dorylaion) ist der Ausgangspunkt seiner Herrschaft. 1301 rückt er näher an Brussa (Bursa) heran, und so ist fortan die Geschichte der byzantinischen Türkenkriege die der Auseinandersetzung mit den Osmanen, die sich Ghazis (Glaubenskämpfer) nennen: nach Abzug der Katalanen aus Kleinasien 1305 wird 1326 Bursa von Osman (1281-1326), dann Gemlik-Civitot, 1331 Nikaia (Iznik) von Urchan (1326-1359), nach Kämpfen mit den Aidinoghlu und den Byzantinern 1337 Nikomedeia (Izmid) erobert. Nun nimmt Urchan den Titel Sultan der Osmanen an, begründet die Janitscharen-Truppe und (1328) die Münzprägung nach byzantinischem Fuß (Aktsche = Asper) . Osmanische Söldner nehmen an Byzanz' Kämpfen mit Serbien und Venedig (1353) teil, türkische beginnen die Landnahme von Thrakien auf europäischem Boden (dort Hauptort Adrianopel seit 1362). Damit tritt das Osmanenreich selbst in die Verwicklungen mit den Balkanstaaten ein. Sieg an der Maritza unter Murad I. (1359-1389), 1389 Sieg auf dem Kosovo-Feld; Gräber der Dynastie in Burssa (Moscheen von 1365, 1379, dann 1400, 1423, 1447).

 

Auch nach Süden und Osten (hier Rum = Amasia und Sivas) wird die Osmanenherrschaft unter Murad I. ausgedehnt (Alt- und Neu-Phokaia-Foglia mit Alaungruben werden 1358 bzw. 1351 genuesisch): nacþ der Vernichtung des Sultanats von Rum durch die Mongolen (1300) wird 1354 Ankara gewonnen, 1362 gesichert, 390 den Byzantinern Philadelphia abgenommen, 1391 Mentesche einverleibt. Eroberung von Konya 1396 und Einverleibung der Emirats Karaman 1390 durch Sultan Bajezid (1389 bis 1402). Damit wird aus der Grenzmarkgrafschaft des Seldschukenreichs, als die die Osmanen begonnen hatten, die Nachfolge des Reiches und seiner zentralanatolischen Erben Karaman, seitdem Karaman vom Nordwest-Taurus aus - von Ermenek-Germanikeia - vorgestoßen war und in Teilfürstentümern die Hochebene beherrscht hatte, doch ohne Kaysari, das den Artena gehörte. Auch die Turkmenen von Kaysari, Tokat, Sivas, 1393 auch der Emir von Kastamuni in Paphlagonien verlieren ihr Gebiet an die Osmanen. Von ihnen zu Hilfe gerufen, besetzt der Mongolenherrscher Timur 1400 Sivas.

 

1402 kommt es zur Niederlage (durch Überlaufen der Seldschuken) Bajezids in der Schlacht bei Ankara-Tshikukabad gegen Timur. Sie wirft die Osmanen in Kleinasien auf ihr Ausgangsgebiet in Bithynien zurück. Die Seldschukenfürsten und die Aidinoghlu von Smyrna werden wieder eingesetzt. Erst 1413 wird der europäische und der kleinasiatische Besitz der Osmanen durch Mohammed wieder vereinigt. Sektenunruhen am Stylarios-Berg gegenüber Chios. 1426 Wiedergewinnung von Mentesche. Unter Murad II. (1421-1451) beginnt eine eigene türkische Literatur zu entstehen. Sultan Mohammed II., genannt Mehmed Fatih, der Eroberer (1451-1481). 1487 Ende der Karamanoghlu.

 

Kaiserreich Trapezunt am Schwarzen Meer, seit 1214 nach Westen zum Iris und Thermodon (Jesil Irmak) reichend, im Besitz der Krim, aber wie diese unter stärkster genuesischer Kontrolle (genuesisches Kastell in Trapezunt), jedoch Bewahrung reinen Griechentums. Trotz Tributzahlungen an Seldschuken, dann Mongolen wichtig durch die Vermittlung des Handels mit Rußland. Sophienkloster unter Manuel I. (1238-1263). 1344 türkischer Angriff, 1390 Heeresfolgepflicht Manuels III. (1390-1417). Fresken in Kirche Hl. Sabas 1411, H. Sophia 1443. Anlehnung an die Reichsbildung der Turkmenen "vom Weif3en Hammel" (Ak-Kogunlu) von Diarbekir aus in Armenien; nach deren Besiegung 1461 Ende des Kaiserreichs Trapezunt (unter David Komnenos, seit 1458).

 

Kleinarmenien kommt als Königtum mit Hethum I. (1226-1270) an eine neue Dynastie (bisher nur in Lambron an der Gebirgsgrenze). Diese tritt gegen die Seldschuken in Abhängigkeit vom neuen Mongolenreich (1244) und eröffnet so ihrem Handel vom Hafen Lajazzo aus den nach China. So bietet Klein-Armenien die Voraussetzung für die Reisen des Wilhelm von Roebruck, Niccolo Polo (Rückreisen 1255, 1268) , Marco Polo (Hinreise 1272). 1254 reist Hethum I. selbst nach Karkorum. Verheerung des Landes durch Baibars von Ägypten, erneut 1274 mit Zerstörung von Tarsos; aber Siege 1276 über Mameluken, 1278 über Seldschuken von Iconium unter Leo III. (1270-1289). Niederlagen 1281, 1289, Mongo-leneinfall 1302 bringen den Niedergang (einheimische Opposition gegen Pläne der Kirchenunion mit Europa und vergebliche Hilfegesuche dorthin), schließlich Anerkennung der Tributpflicht an die Mamelucken. Ende der Dynastie 1342. Erben Prinzen aus dem Haus Lusignan bis 1375 (der letzte König Leo Vl. stirbt 1393 in Paris). Titularkönigtum der Lusignans bis 1489. 1516 wird das Gebiet türkisch.

 

 

1.1.5. Griechenland:

 

Die römische Reichskultur berührt die Heimat der griechischen Bildung (nun Provinzen Achaia und Creta) wenig. Die Veteranenkolonien augusteischer Zeit werden, auch in den Provinzhauptstädten Thessalonike und Corinthus, rasch vom umgebenden Griechentum absorbiert, erst recht als dies durch Hadrian eine klassizistische Wiederbelebung hellenistischer Organisation erfahrt. Sparta wird von Augustus begünstigt (Grenzfestsetzung gegen Messenien 25 n. Chr.). In Athen hat Augustus bis 17 v. Chr. den Roma-Tempel errichtet, den von Traian vollendeten Römischen Markt begonnen, Philopappos 114/6 sein Grabmal erhalten, Hadrian 129 das Olympieion vollendet, einen neuen Markt mit Bibliothek gestiftet und 124-129 die östliche Villenvorstadt als Hadrians-Stadt ummauert (Hadrianstor). Städtebund Panhellenion unter Führung Athens mit Abgaben für Eleusis. Der Latifundien-Milliardär Herodes Atticus (101-176) schmückt alle Heiligtümer Griechenlands mit Bauten (Stadion in Athen 128, nach 165 Nymphaeum in Olympia ; große Propylaen in Eleusis). Dagegen fehlt es den alten Poleis meist an Mitteln zur Erhaltung ihrer Bauten. Eine große Anzahl verödet, der Rest lebt von den Stiftungen der Grundherren, die in ihnen wohnen. Die West-Orientierung des Landes begründet das Aufblühen von Korinth (Colonia Julia Laus Corinthiensium) und Patras wie das von Nicopolis, der Hauptstadt von Epirus; die Bergländer des Westens bleiben verödet, in Albanien das Bergland um den Mati als Heimat der Albaner von der römischen Kultur unberührt; im Drinos-Tal gründet Hadrian Hadrianopolis (gegenüber Argyrokastro). Sparta zehrt im 2./3. Jahrhundert von der romantischen Belebung seines alten Brauchtums. In Chaironeia lebt Plutarchos. Byzantion wird 198 von Septimius Severus erobert und entrechtet, aber bald erneuert.

 

Im 3. Jahrhundert zwingen die Einfälle der Heruler zu Neubefestigungen (so 267 in Athen, daher sog. Valerianisch Mauer unter Preisgabe der Agora, unter Probus errichtet). Dann stellt Konstantinopel Athen ganz in den Schatten (Wegführung von Kunstwerken aus griechischen Heiligtümern). Nur als Universitätsstadt gewinnt Athen im 4. Jahrhundert wieder Ansehen (Studentenleben in der Jugendzeit Julians). Es bleibt Hochburg der heidnischen Bildung bis zur Schließung der platonischen Akademie durch Justinian (529). Als Residenz des Galerius (Triumphbogen, Mausoleum), dann Sitz des Vicarius von Macedonia und der Praefekten von Illyricum ist Thessalonike seit um 300 bedeutend. 249, 254 und 380, 391 Goteneinfälle nach Macedonien, 295/6 Einfall der Westgoten unter Alarich bis zur Peloponnes (Sieg Stilichos am Pholoe-Gebirge). 459 Dyrrhachium von den Ostgoten genornmen. Bald nach 600 bedrohen die Slawen das Land; sie besetzen Epirus nova (ohne Dyrrhachium) und Serbien (Raþka).

 

Das Christentum hat in Griechenland trotz der frühen Missionstätigkeit des Paulus unter Juden und Heiden (Areopag-Predigt) wenig Wirkung gehabt; doch stets Gemeinden in Athen, Korinth, Saloniki, Larissa, um 170 auch schon Sparta, auf Kreta in Knossos und der Provinzhauptstadt Gortyn, sicher im 3. Jahrhundert auch in Nicopolis. Kirchenbauten erst Ende des 5. Jahrhunderts in Thessalonike, Pyrasos (Phthiot-Theben, jetzt Nea Anchialos), Philippi, Korinth, Athen, Nicopolis u. a., auch in den Heiligtümern Delphi, Dodona, Delos, Epidauros, des 6. Jahrhunderts in Saloniki und Philippi, Umwandlung der Tempel von Athen in Kirchen.

 

 

Für die Nordküste der Ägäis ist zunächst der Verlauf der Via Egnatia (von den Adria-Häfen Dyrrhachium und Apollonia nach Byzanz) dann ihrer Seitenlinien nach Belgrad und zur unteren Donau (über Philippopolis), endlich die Verbindung Serdica (Sofia) - Konstantinopel wichtig; das Schwergewicht verschiebt sich seit dem 4. Jahrhundert immer mehr nach Osten, besonders nach Heraclea-Perinthos; doch bleiben die Knotenpunkte Saloniki, Philippi (ab 42 v. Chr. römische colonia, früh mit Bischofsverfassung), Hadrianopolis stets wichtig, weiter nach Norden Stobi am Wege nach Scupi (Skoplje) nahe der lateinisch-griechischen Sprachgrenze. Diese ist seit Trajan die Südgrenze Südosteuropas. Zu diesem gehören also nicht die Provinzen Makedonia, das um 27 verselbständigte Achaia (beide 14-44 kaiserliche Provinzen), ferner Epirus (bei Neros Freiheitserklärung für Achaia 67 abgetrennt, später an der Linie der Via Egnatia geteilt in Epirus vetus im Süden mit Nicopolis, Epirus nova im Norden mit Dyrrhachium) und Thracia. Dies wird erst unter Claudius aus einem Klientel-Königtum (seit 22 v. Chr. der Dynastie des Kotys und Rhoimetalkes) zur Provinz. Es nimmt nur den Süden Bulgariens zum Balkan ein und spricht griechisch unter dem Einfluß der Griechenstädte der Adria- und Schwarzmeerküste. Nur Apri und Deultum, dies früh mit einem Christenbistum, sind römische Veteranenkolonien. Thracia steht stets unter dem Einfluß des stammverwandten Bithynien, auch in der Christianisierung, bewahrt aber Erinnerungen an das alte Reiterkriegertum des Tafellandes (lange Verehrung des sog. Thrakischen Reiters als Totengott). Seit der Gründung Konstantinopels liegt es ganz in dessen Schatten (doch kirchliche Sonderrechte von Heraclea); der Ostteil wird in Haemimontus und Europe aufgegliedert; der Süden als Rhodope mit Traianopolis selbständig. Nach Sieg bei Marcianopolis 377 dringen die Westgoten 378 durch Thracia bis vor Konstantinopel vor und bewirken Bauernaufstände bei Hadrianopolis (Edirne). Um 509 beginnen die Einfälle der Bulgaren. 517 Sieg Kaiser Justins I. über die Anten.

 

Serbien, Albanien, Griechenland erlebt als Teil des Byzantinischen Reichs 539, 577, 585 Slaweneinfälle als rasche Raubzüge, 591, 609, 678-680, 688 Belagerungen von Saloniki. Im Gebirge südwärts wandernd, siedeln sich Slawen (sprachlich zu den Macedo-Slawen gehörend) in den Gebirgstälern, dann auch am Rand der großen Ebenen an (Unterwanderung an Ortsnamen ablesbar). Um 750 ist die Halbinsel Peloponnes "ganz slawisch". Doch halten sich die großen Stadtfestungen und abgelegene Küstengebiete (Tzakonia, Maina). Von ihnen geht dann die Christianisierung und Gräzisierung der Slawen aus. Die verwaltungsmäßige Verbindung mit Konstantinopel wird durch die Einrichtung von Themata 687/695 nur für Mittelgriechenland, 783 für Peloponnes wiederhergestellt.

 

Im Jahre 799 kommt es zum Slawen-Aufstand in Ost-Thessalien. 805 Erhebung gegen Patras niedergeschlagen. Saloniki und Durazzo sowie Kephallonia werden wohl unter Nikephoros I. (802-811) als Themata Ausgangspunkt e byzantinischer Unternehmungen gegen Bulgarien für die Adria. Die alte Streitfrage der Ersetzung des alten Hellenentums durch die Slawen ist nur für die weniger fruchtbaren Gebiete positiv zu beantworten; kulturell hat sich das Griechentum immer behauptet, völkisch nur in den Städten - soweit es dort nicht später Opfer des 4. Kreuzzugs, der Katalanen, schließlich der Türken, wurde. Alt-Serbien wird früh christianisiert. Die Inseln haben kaum Slawen aufgenommen. Griechenlands Küsten sind arabischen Seeräubern preisgegeben. Kreta ist 827-962 in der Hand der Araber. 904 Saloniki von ihnen geplündert. Die Inseln vor der Küste Kleinasiens stellen einen Teil der byzantinischen Flotte (Thema Aigaion Pelagos seit 710/782); nur 654 sind Rhodos und Kos kurz von den Arabern besetzt.

 

Albanien und Griechenland erleben im Hochmittelalter als wiedergesicherter Besitz des Byzantinischen Reichs die Gewinnung der Slawen für Christentum und byzantinische Kultur, ja dank dieser Verbindung auch für die griechische Sprache. Das Griechentum wird dadurch wieder wie im Altertum ein Kulturbegriff gegenüber der völkischen Problematik der Ablösung des Restes der antiken Landbevölkerung durch die slawische Unterwanderung. Nur im Gebirge halten sich Slavenstämme noch geschlossen. Neuaufbau der kirchlichen Hierarchie, Missionstätigkeit, bezeugt für S. Nikon Metanoeite in Sparta (Reste der Klosterkirche des 10. Jahrhunderts) und Hosios Lukas in Mittelgriechenland erfolgen in der Notzeit der Sarazenengefahr. In den Gebirgsgebieten vollzieht sich die Einwanderung der eine romanische Sprache sprechenden Vlachen (Wallachen oder Aromunen, Spottname Kutzovlachen, die Hinkenden ?) zunächst als Hirtenbevölkerung; das Vorland des Pindos-Gebirges im Westen und Osten wird im 11. Jahrhundert Groß-Vlachien. Gleichzeitig geht vom gleichen, weiter nördlich (bei Nisch) gelegenen Ausgangspunkt die Besiedelung Rumäniens durch dasselbe Volks (das in seinen alten Sitzen sprachlich slawische Elemente aufgenommen hat) vor sich bis zur Wallachei, dem dortigen Vlachien.

 

In Albanien erscheinen um 1100 zum erstenmal die Albaner, ebenfalls ein Restvolk (im Mati-Gau erhalten, erste Erwähnung 1042, Hauptort dann Kroja), das aber sogar seine vorromanische thrakisch-illyrische Sprache sich erhalten hat. Wie vorher gegen die Slawen haben die Stadtfestungen und Machthaber nun die größeren Ebenen gegen die vlachische bzw. albanische Unterwanderung zu verteidigen. Die kaiserlichen Statthalter haben vor allem die Aufgabe des Küstenschutzes in den Themata Hellas (Hauptstadt Theben), Peloponnes (ab 805, Hauptstadt Korinth mit der starken Festung Akrokorinth), seit der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts vereinigt; desgleichen das Dukat Thessaloniki (ebenso damals aus mehreren Themata gebildet), die Themata Kephallenia (seit 880) und Nikopolis (mit Korfu und Ithaka, Hauptstadt Naupaktos), das Dukat Dyrrhachion (Durazzo, in seinem Hinterland in Makedonien seit 1020 Thema Bulgaria mit Hauptstadt Ochrida als Erbe des zweiten Bulgaren-Reichs; die Grenzen des Erzbistums Ohrid 1020 bewahren mit dem Ausgreifen nach Epiros die Ausdehnung dieses Reiches in der Erinnerung). Die Einfälle der Bulgaren 918, nach 924, 978 und vor allem 996 bis zum Sieg bei den Thermopylen, dann der Normannen auf den Ionischen Inseln, in Epiros und bis Larisa in Thessalien (Bohemund 1082, Robert Guiscard 1085, geschildert in der Alexias der Anna Komnena), schließlich nach Theben und Korinth (Roger II., 1147) bringen starke Verwüstungen und wirtschaftliche Schäden (für die Seidenweberei mit jüdischen Handwerkern) , denen nur große Grundherren begegnen können. So kommt gegen 1200 ein byzantinisches Magnatentum auf (Sguros in Argos, Melissenos in Magnesia). Dasselbe gilt von Kreta, das 961 wiedergewonnen, um 1100 von Konstantinopel aus neu besiedelt und mit Burgen ausgestattet wird. Philippi kommt nach der bulgarischen Besetzung 836 nicht wieder hoch. Kämpfe um Durazzo 1018, 1040. 1018 Basileios II. besucht die Parthenonkirche in Athen. Seine Zeit leitet eine Blüte des Kirchenbaues ein, vor allem in Athen, kleine Kirchen auch in der Peloponnes (Eigenkirchen). Stiftungen des Kaisers oder der Statthalter (wie schon 872 Skripu) sind wohl die mosaikschmückten Klosterkirchen von Hosios Loukas in Phokis (um 1060) und Daphni bei Athen (1080). Die Entwicklung der Athosklöster (Anachoreten-Niederlassungen seit um 850) beginnt mit dem Typikon von 971/2 und der Anlage von Laura unter Nikephoros Phokas (Kreuzkuppelkirche nach 1000; 1015 300 Mönche), im zweiten Typikon (1046) erscheint zuerst die Bezeichnung "Der heilige Berg".

 

Die Begründung des Lateinischen Kaisertums bezeichnet für Griechenland den Beginn einer selbständigen Entwicklung unter der sog. Frankenherrschaft. Die byzantinische Tradition hält auf dem Balkan nur noch das Despotat von Epiros nach 1204 aufrecht. Von einer Seitenlinie des Kaiserhauses unter Michael Angelos mit der Hauptstadt Arta gegründet, schaltet es unter Theodor I. (1215-1230) schon 1224 das Kreuzfahrerreich Thessaloniki aus und treibt seither vor allem eine makedonisch - thessalische Politik (1236 Trennung von Epiros und Thessalien). So können sich im Südosten und Süden dieser Staatsbildung die Staaten der Kreuzfahrer entwickeln: in Mittelgriechenland die Markgrafschaften Budonitsa (Mendenitsa), Salona (einst Amphissa), die Herrschaft Athen (Hauptstadt Theben), das Fürstentum Achaia oder Morea, durch Wilhelm von Champlitte von Norden, Gottfried von Villehardouin von Südwesten her gegründet und daher lockerer mit dem Königreich Thessaloniki verbunden als die Besitzungen des Otto de la Roche in Athen und die Lehen dreier lombardischer Adliger (daher Tertieri genannt, Dreiherren) aus Verona auf der Euboia. Während Rhodos byzantinisch bleibt, kommen die Ägäis-Inseln als Herzogtum Archipelago (von Aigaion Pelagos, der byzantinischen Verwaltungsbezeichnung, Hauptort Naxos) an den Venezianer Marco I. Sanuda (1207-1227), den Neffen des Dogen Dandolo. Venedig selbst sichert sich außer Kreta als Stützpunkt der Fahrt dorthin die Südwestspitze der Peloponnes (Medoni, Coroni) und Kythera (Lehen der Venieri), gibt dagegen Korfu 1214 an Epiros preis. Kephallenia, Ithaka und Zante stehen seit 1194 unter den italienischen Pfalzgrafen aus dem Haus Orsini (bis 1323). Vom wichtigen Hafen Negropont (Chalkis) aus gewinnt Venedig auf Euboia Einfluß (ab 1209). Kreta wird gegen den Widerstand des einheimischen Adels (Aufstände unter Führung der Kalerghi) zur Ansiedlung venezianischer Militärkolonisten verwandt, Anfang 14. Jahrhundert durch Festungsbauten geschützt. Die Insel heißt fortan nach dem Sitz des Duca Candia. Zwischen 1214 und 1259 entfaltet sich nach französischem Vorbild fränkisches Lehenswesen in den Hauptstädten Theben, Naxos, Andravida (Parlament der 12 Barone von Morea nach Assises de Romanie) kommt es bald zu Fehden. Ein Bündnis mit Michael II. von Epiros gegen den Kaiser Michael VIII. von Nikaia führt zum Untergang der fränkischen Ritterschaft in der Schlacht von Pelagonia (1259).

 

Während Epiros sich rasch erholt, freilich staufische Hilfe unter Manfred von Staufen (Sohn Kaiser Friedrich II. von Staufen und unter Kaiser Konrad IV. [Konradin] Statthalter in Italien) mit Verzicht auf Korfu und das albanische Küstenland um Durazzo erkaufen muß (schon 1254 als Königreich Albanien besetzt), herrschen im fränkischen Gebiet nun nur die Frauen. Der gefangene Wilhelm von Achaia (1246-1278) muß auf seine wichtigsten Festungen in der Peloponnes verzichten, um freizukommen. So entsteht als Kern neuer byzantinischer Machtbildung auf der Peloponnes die Herrschaft Mistra (mit Monemvasia). Seit dem Vertrag von Nymphaion 1261 wird auch Genua eine Levantemacht in der Ägäis. Das wiedererstandene Kaiserreich Byzanz spielt alle Staaten gegeneinander aus. 1262 - 1278 Aufstieg byzantinischen Macht in Griechenland. Der Übergang des staufischen Besitzes in Korfu und Albanien an Karl von Anjou (1267) leitet die Einmischung der Anjou in Griechenland ein; als Franzose wird er Lehensherr des Fürsten von Achaia; nach dem Aussterben der Villehardouins 1278 übernimmt Karl selbst die Regierung in Achaia-Morea, beansprucht auch die Lehenshoheit über Athen und Kephallenia (häufiger Wechsel der Vertreter des Königs). Auch Epiros sucht seit 1279 unter Nikephoros I. (1271-1296) bei den Anjou Halt gegen Byzanz, erst recht beim Angriff des (aus Thessalien) entstandenen Herzogtums Neopatras (einst Hypata) 1295 auf Epiros. Seit 1301 ist Achaia Sekundogenitur der Anjou (Philipps von Tarent, Johanns von Gravina, dann Roberts von Tarent). Die Macht in Griechenland aber liegt in den Händen der Herzöge von Athen (Guido II. 1287-1309); gegen die Anjou wehrt sich nur das von allen Seiten umzingelte Despotat Epiros unter Thomas I. (1296-1318) (Fresken der Kirchen in und bei Arta um 1280).

 

Die Inseln vor Kleinasiens Westküste kommen erst nach 1300 in abendländischen Besitz: 1304 besetzt Benedetto Zaccaria, schon seit 1275 der Alaungruben von Alt-Foglia (Phokaia), die bereits 1261 Genua zugesprochene Insel Chios. Auf Rhodos und den Nachbarinseln (sog. Dodekanes) richtet der Johanniterorden seine Herrschaft auf (befestigtes Ritterviertel in der Stadt Rhodos).

 

Seit 1306 kam es zum Niedergang der Frankenherrschaften auf dem Festland. 1311 erfolgte der Einfall der katalanischen Söldnerkompanie unter selbstgewählten Führern. Diese Truppe katalanischer Söldner mit einer Stärke von 6500 Mann unter Roger de Flor war zunächst von Kaiser Andronikos II. aus dem westmittelmeerischen Aragonenreich gegen die erste Türkenwelle gegen Konstantinopel angeworben worden und waren in den Abwehrkämpfen gegen die Türken erfolgreich (vgl. Gaitanides: Geschichte Griechenlands, a.a.O., S. 135; Weber/Baldamus: Geschichte des Mittelalters, a.a.O., S. 622; a.A. de Jongh: Griechenland, a.a.O., S.421: ursprünglich von dem Herzog von Athen, Gautier von Brienne, angeworben worden, um gegen die Byzantiner zu kämpfen).

 

Da sie den Krieg als Beruf betrieben waren sie eine schwere Belastung für das byzantinische Reich (Weber/Baldamus, a.a.O., S. 622), nach ihrem Sieg betätigten sie sich als Räuberbanden (Gaitanides, Geschichte Griechenlands, a.a.O., S. 135), indem sie die Ermordung ihres Anf hrers durch furchtbare Pl nderung rächten (Weber/Baldamus, S. 622) und zwei Jahre plündernd durch Thrakien und anschließend durch Thessalien zogen.

 

Sie stießen im Winter 1311 plündernd durch Böotien auf die Attika vor. Als sie begleitet von einem großen Troß von Frauen und Kindern, nach Böotien vorstießen, traten ihnen der fränkische Herrscher der Attika mit Rittertruppen unter dem Befehl des Herzogs von Athen, Gautier de Brienne entgegen (hier meint De Jongh,ÿ Griechenland, a.a.O., S. 621 daß die katalanische Kompaganie von den Franken unter Brienne angeworben, jedoch nicht bezahlt worden seien, weshalb es zum Aufstand gekommen sei). Zu ihm gestoßen waren außerdem mit ihren Truppen der Marquis von Budonitza, der Herzog von Naxos, Thomas d'Autrementcourt und die Barone der Morea und Euboias.

 

Die Katalanen waren zahlenmäßig unterlegen, besaßen jedoch das bessere taktische Konzept. Sie überschwemmten die Wiesen und Felder zwischen Skripou und Levadia, indem sie das Wasser des Kephissos hineinleiten. So waren sie im Augenblick des fränkischen Angriffs von einem sumpfigen Morast geschützt, der aber immer noch wie Grasland aussah. Der Herzog von Athen führte persönlich den Angriff an. Die schwergepanzerten Franken ritten mit ihren Pferden in den Morast, konnten weder vorwärts noch zurück und boten steckengeblieben die besten Zielscheiben. Es kam zu einem grauenvollen Massaker. Ein Chronist behauptet, 20000 Mann Fußvolk und 700 Ritter seien getötet worden, unter ihnen Gautier de Brienne, dessen abgeschlagenes Haupt auf eine Pike gespießt, in das katalanische Lager getragen wurde.

 

Die Schlacht war entscheidend. Die fränkische Macht in Mittelgriechenland war in wenigen Stunden gebrochen, und die Griechen öffneten der "glückhaften Kompagnie der Katalanen" die Tore von Levadia. Die Straße nach Athen lag dem katalanischen Zugriff offen und hinfort wurden Attika und Boiotien zum Herrschaftsgebiet spanischer und später florentinischer Oberherrn. Von 1311 bis 1388 stellten die Führer der Katalanischen Kompagnie die Herzöge von Athen.

 

Seit 1306 Niedergang der Frankenherrschaften auf dem Festland; 1311 Einfall der katalanischen Söldnerkompanie unter selbstgewählten Führern. Nach Sieg bei Kephissos in Boiotien 1311 Besetzung von Südthessalien und Mittelgriechenland (Neopatras, Athen). Der abendländischen Restaurationspolitik Karls von Valois und Philipps von Tarent im Geiste Karls von Anjou ist damit der Boden entzogen. Gleichzeitig Vordringen der Serben durch Albanien nach dem Despotat (Besetzung von Durazzo 1319-1322). Der Angriff der Byzantiner auf das Despotat Epiros 1333-1337 ist erfolgreich, beseitigt aber zugleich ein Bollwerk gegen die Serben. Makedonien, Thessalien, seit 1349 auch Epiros werden serbisch und auch gegen die Einfalle des letzten Despoten Nikephoros II. (1356-1359) gehalten. Mit Schwergewichtsverlagerung nach Joannina im Norden ersteht das Despotat als serbische Sekundogenitur neu unter Thomas II. (1366-1384).

 

Die Gründung des Katalanenstaates (mit zahlreichen Burgwarten, Hauptstadt Lebadeia mit großer Festung) zieht Griechenland in den Gegensatz von Anjou und Aragon hinein; die Katalanen unterstellen sich Friedrich III. von Sizilien. Andererseits zwingt die Nähe des Katalanenstaates Venedig zur Verstärkung seiner Stellung auf Euboia. Mit Hilfe der Griechen von Mistra schlägt Ludwig von Burgund als Fürst von Achaia 1316 den katalanischen Angriff auf sein Land (unter Ferdinand von Aragon zurück. Die Byzantiner sind die eigentlichen Gewinner; nachdem schon um 1300 die fränkischen Herrensitze größtenteils gräzisiert worden waren, ist nun auch außenpolitisch das Byzantinertum von Mistra als Despotat entscheidend, erst recht seitdem dies seit 1348 Sekundogenitur des Kaiserhauses der Kantakuzenen wird. Kephallenia löst unter Leonardo Tocco (1357 bis um 1375) die Verbindung mit Achaia (1324 - 1357) . Auf den Inseln der Ägais und in der Argolis bilden sich kleine Herrschaften. Die Insel Lesbos kommt von Byzanz 1355 an die genuesische Familie Gattilusi (Ikaria 1362 an die der Arangio). Von Chios, Samos, den Alaungruben von Alt- und Neu-Foglia nimmt 1346 eine genuesische Handelskompanie (Maona) Besitz; als Inhaberin der Mastix-Pacht (seit 1357) erwirbt sie die Gesellschaft (nicht Familie) Giustiniani 1526.

 

Krise der Frankenherrschaft: 1373-1381 Venezianisch - genuesischer Krieg in der Ägäis, 1380 Aufstand des kretischen Adels gegen Venedig im Zeichen der Gräzisierung der Kolonisten. Usurpation des Herzogtums Naxos durch Francesco Crispo von Melos 1383. Übernahme der Insel Korfu durch Venedig 1386. 1380 Einfall der Navarresischen Söldnerkompanie in Mittelgriechenland; die Katalanen werden 1388 auf Attika beschränkt. Im Kampf gegen sie bemächtigt sich der Florentiner Nerio Acciajuoli, seit 1385 Herr von Korinth, der Stadt und Burg Athen. Sein Verwandter Esau macht sich nach Ermordung des Thomas II. (Despot von Epiros, 1366-1384) zum Herrn von Epiros (Despotes seit 1387) und drängt die Albaner zurück, denen Thomas die westlichen und südlichen Teile von Epiros zur Landnahme (in ersteren bis 1912) hatte preisgeben müssen. Die weiterwandernden Albaner werden zur Wiederbevölkerung der verödeten Argolis und Attikas sowie Süd-Euboias verwendet (dort sprachlich z. T. noch heute erhalten). Begünstigung der Griechen durch die Florentiner, Entstehen einer griechisch - italienischen Mischkultur in Attika - Korinth wie gleichzeitig auf Kreta. Ausweitung des byzantinischen Besitzes auf der Peloponnes unter den Palaiologen-Despoten von Mistra seit 1383. Einmischung Venedigs auf dem Festland: Erwerb von Argos und Nauplia durch Kauf 1388, Übernahme Athens aus Nerios Testament 1395, aber 1405 Einsetzung seines Sohnes Antonio. 1390 Tenedos und Mykonos, 1401 Parga an der epirotischen Küste, 1407 Lepanto (Naupaktos) venezianisch. Gegen neue albanische Besitznahme von Epiros wenden sich die Pfalzgrafen von Kephallenia: Carlo I. Tocco (1413-1429) erobert Epiros, 1417 Navarino. Seit 1390 ist ganz Euboia venezianisch unter einem Bailo.

 

In Albanien schließen sich an das Königtum der Anjou Staatsbildungen der Stammesfürsten um Kroja und im Norden an (Geschlecht der Balsa in Scutari 1366-1421, stets im Kampf mit Serben und Bulgaren). Doch sind ihre Gegensätze zu stark, um einen wirklichen Staat zu schaffen. An der Küste wirkt der Einfluß der Anjou, dann der Byzantiner und der dalmatinischen Küstenstädte (vor allem Ragusas). Im 14. Jahrhundert beginnt die Volkswanderung der Albaner nach Nordosten und Süden.

 

Einfall der Türken 1393 unter Evrenosbeg in Griechenland, seither Thessalien osmanisch. 1397 Athen besetzt, Argos erstürmt. Bajezids Niederlage bei Ankara (1402) rettet auch Griechenland. So wird Thessaloniki 1403 wieder frei und unterstellt sich 1423 Venedig, wird jedoch 1430 von den Türken genommen. Kaiser Manuel II. stellt 1415 die Isthmossperrfestung (Hexamilion) wieder her. Kulturelle Blüte des Despotats von Mistra (der Humanist Gemistos Plethon, Vollendung des Despotenpalastes von Mistra). 1414 Eroberung der Markgrafschaft Budonitsa durch die Türken. In Familienstreitigkeiten verlieren die Tocchi 1480 Joannina an die Türken; mit Carlo II. (1429-1448) endet die Selbständigkeit von Epiros. In der Peloponnes beenden nicht die Türken, sondern die Palaiologen von Mistra die Herrschaft der Franken, d. h. seit 1382 der Navarresischen "Statthalter" der Könige von Neapel. Nach dem Türkeneinfall unter Turakhan 1423 bemächtigen sich die drei Palaiologenbrüder der ganzen Halbinsel und behaupten sie gegen albanische Erhebungen mit türkischer Hilfe. Mit dem Feldzug Mohammeds II. nach Griechenland (1458) endet die Selbständigkeit christlicher Staaten auf dem griechischen Festland mit Ausnahme der venezianischen Küstenplätze: Argos wird 1463, Negropont und Pteleon 1470, Lepanto 1499, Medoni, Coron 1500, Nauplia und das 1464 erworbene Monemvasia 1540 türkisch. Mit der Niederwerfung der Erhebung des Skanderbeg (Georg Kastriotis, 1443-1448) endet die Freiheit Albaniens. Skanderbegs Anhänger werden von Alfons von Neapel in Sizilien und Unteritalien angesiedelt. Antivari bleibt bis 1571 der Hort der katholischen Nordalbaner (weiterhin in der Mirdita). Mehr als die Hälfte der Albaner nimmt unter türkischer Herrschaft (bis 1913) den mohammedanischen Glauben an.

 

Die Johanniter halten Rhodos auch trotz Belagerung 1480 (gewinnen 1481 Ikaria dazu) und räumen nach erneuter Einschließung 1522 die Insel erst am 1.1.1528. Die Genuesen behaupten Lesbos bis 1462, Samos bis 1475, Chios bis 1558 bzw. 1566.

 

Die Inselbesitzungen der Venezianer werden noch länger gegen die Türken gehalten: Mykonos und die Nordsporaden bis 1537/8, Andros bis 1514, Paros 1518-1520, 1531-1536. Das Herzogtum Naxos wird 1494-1500 und 1511-1517 von Venedig kontrolliert und hält sich noch bis 1579. Kephallenia und Zante sind seit 1482 venezianisch und bleiben es wie und Kythera bis 1797, Tenos bis 1715, ebenso lang die kleinen Inseln der Nordküste von Kreta. Kreta wird durch neue Festungsbauten (Candia 1538, Rethymnon 1573) verstärkt und gewinnt mit der Entfaltung venezianisch - griechischen Mischkultur (auch Interesse für die Reste der Antike) Bedeutung für die Übermittlung byzantinischer Kunsttradition nach dem Westen (El Greco aus Fodele bei Candia); Aufnahme europäischen Barocks in Baukunst und Literatur (Klöster, Epos Erotokritos). Erst 1645 fällt die Insel, 1669 erst ihre Hauptstadt Candia in türkische Hand.

 

 

 

2. Das römische Reich: Von den Severern bis zur konstantinischen Zeit:

 

 

2.1. Das severische Herrscherhaus (193-235):

 

Imperator Caesar L. Septimius Severus 193-211. Kultur: Hervortreten von Afrikanern: Apuleius von Madaurus, Verfasser des Eselsromans "Metamorphosis" - mit der Novelle von "Amor und Psyche" als Einlage - und Syrern: Lukianos von Samosata mit kynischen Satiren in Prosa. Verbreitung orientalischen Wunderglaubens (Leben des Wundermanns Apollonios von Tyana von Philostrat aus Lemnos).

 

Nach den Kaisern aus längst romanisierten Provinzen erreicht mit Severus ein bewährter Feldherr die Kaiserwürde. Er stammt aus der spätgewonnenen Grenzzone Nordafrikas, aus Leptis magna an der Syrte, das er dann großartig ausbauen läßt. Als Anhänger orientalischer Theosophien ist er durch Heirat mit Julia Domna verbunden mit der Dynastie der Priesterkönige von Emesa. Orientalischen Vorstellungen folgt er auch mit der Einziehung des Grundbesitzes aller seiner Gegner; Bildung großer kaiserlicher Domänen in allen Reichsteilen. Einreihung der Bogenschützen von Palmyra (nun colonia) ins Heer. Aufhebung der Sonderstellung Italiens: eine Legion hierhin gelegt, Prätorianer aus Donau-Heeren ergänzt, Söhne von centuriones in den Senat aufgenommen, aber Wahrung der Rechtseinheit (berühmter Jurist Papinianus, gest. 211) und der Stellung Roms als Hauptstadt (203 Triumphbogen des Severus, Fassadenbau des Septizonium, 204 Argentarierbogen). Fortsetzung des antoninischen Stils, aber Eindringen volkstümlicher Elemente (Bogenreliefs: Frontalität vielleicht parthischer Herkunft am Bogen von Leptis). Lebhafte, meist unterschätzte, Wiederaufbautätigkeit in Rom (Vesta-Tempel, Pantheon u. a.).

 

195 - 196 Vordringen über den Euphrat nach Edessa (Abgar VIII. von Edessa [179-214] macht an der Reichsgrenze gegen das Partherreich im Vasallenstaat Osrhoene das Christentum zur Staatsreligion), Nisibis.

 

197 Niederwerfung eines Aufstands des Albinus in Gallien (seit 195 von Lyon aus) durch Sieg bei Trinurtium. 197 erfolgreicher Krieg gegen die Parther. Erstürmung von Ktesiphon 197, Vordringen bis zum Persischen Golf, doch halten sich die Araber in Hatra. 199 Wiederherstellung der Provinz Mesopoiamia Traians zwischen mittlerem Euphrat und Chaboras (216 dazu Osrhoene mit Edessa). Neueinteilung von Syrien. Aufenthalte des Kaisers in Ägypten 199/200 (zahlreiche Reskripte) und Africa 203. Gründung mehrerer coloniae in Syrien und Africa, meist mit Kapitol und Triumphbogen. Karthago wird wieder Weltstadt 202 ludi saeculares. Willkürakte der Kaisersöhne Caracalla (Caesar 196, Augustus 198) und Geta (Caesar 198, Augustus 209).

 

208-210 Britannienfeldzug (209 bis zur Nordspitze) gegen Einfälle der nordschottischen Caledonier. Severus gest. in Ebura (York). Plan der Reichsteilung durch die Kaiserinwitwe Julia Domna verhindert.

 

M. Aurelius Antoninus Caracalla (211-217) (Beiname nach keltischem Soldatenmantel) ermordet 212 seinen Bruder und Mitregenten Geta (nun durch damnatio memoriae ausgelöscht) mit Tausenden seiner Anhänger. Er vollendet zur Erhöhung der Rekrutenzahl und der Steuereingänge die Angleichung der Provinzen an Rom: durch Constitutio Antoniniana erhalten. 212: alle freien Reichsangehörigen erhalten das römische Bürgerrecht, ausgenommen nur die dediticii, Angehörige halbkultivierter Stämme. Einführung von Beamtentiteln und Gehaltsklassen, aber Anerkennung der längst erreichten Nivellierung des Stufenbaus der Rechte durch eine ihm fremde Dynastie. Der Sieg des orientalischen Geistes kündigt sich in der Blütezeit des Romans mit dem Motiv der Liebesabenteuer im Orient an: Jamblichos noch unter Kaiser Marcus, Achilles Tatios, Longos mit "Daphnis und Chloe", Quellen des Alexanderromans des Pseudo-Kalisthenes (mit Einwirkung auf Curtius Rufus ?). Sophist Philostratos, Dichter Oppianos, Blüte der Sammelliteratur durch Athenaios, Aelianus. 206 bis 216 Caracalla-Thermen in Rom erbaut.

 

213 bekämpft Caracalla die Alemannen jenseits des rätischen Limes, die Goten an der unteren Donau (214), greift 216 als neuer Alexander u.a. mit makedonischen und spartanischen Truppen die Parther an. Er wird in Mesopotamien auf Anstiften des Macrinus 217 ermordet. Zum Kaiser ausgerufen, erkauft Macrinus (217/8) nach Niederlage bei Nisibis von den Parthern den Frieden, erliegt aber einer Meuterei und wird 218 in Antiocheia getötet. Die Truppen erheben auf den Thron Caracallas Verwandten (angeblichen Sohn)

 

Varius Avitus Bassianus Elagabalus 218-222, der als Sonnenpriester von Emesa den syrischen Baalskult offiziell als Staatsreligion einführt, geleitet von seiner Großmutter Julia Maesa. Nach seiner Ermordung regieren unter Verzicht auf die syrische Religionspolitik mit ihren Ausschweifungen deren Tochter Julia Mammaea und als praefecti praetorio (viri clarissimi) die Juristen Domitius Ulpianus (222-228) und Julius Paulus für Mammaeas Sohn M. Aurelius Severus Alexander zur Wiederherstellung römischer Staatsgesinnung.

 

M. Aurelius Severus Alexander 222/235: Gegen das Neupersische Reich der Sassaniden seit 226 wird trotz schwerer Niederlagen im Feldzug 230/2 die Reichsgrenze behauptet. Vor einem Feldzug zur Sicherung von Rhein und Limes werden Alexander und Mammaea 235 in Mainz ermordet.

 

 

 

2.2. Die Krise des Reichs und ihre Überwindunng: die Soldatenkaiser (235-325):

 

a. Von 235 bis zu den illyrischen Kaisern

 

Maximinus Thrax (235-238): Die Truppen am Rhein erheben zum Kaiser den C. Julius Maximinus Thrax (nach seiner Heimatgegend genannt, vielleicht gotischer Abstammung), dagegen die Truppen in Africa 238 als neuen Senatskaiser den greisen Senator Gordianus I. und seinen Sohn Gordianus II. (238-244), die Prätorianer nach Maximins Ermordung bei der Belagerung von Aquileia seinen Enkel Gordianus III. Unter ihm werden die Karpen an der unteren Donau, 242 die Neu-Perser dank gotischer Hilfstruppen durch Timesitheus bei Resaena, 243 bei Carrhae und Nisibis geschlagen. Der Urheber des Sieges, der Gardepräfekt Philippus Arabs (244-249), einst Scheich im benachbarten Hauran, ermordet den Kaiser und macht sich selbst zu seinem Nachfolger, sein Heimatdorf zur colonia Philippopolis, gibt aber 244 Armenien und Mesopotamien preis. Er schlägt die Quaden 246, die Karpen 247, feiert 248 das tausendjährige Bestehen Roms, wird aber 249 von den moesischen Legionen unter dem Illyrier C. Messius Decius gestürzt und getötet (bei Verona).

 

Kaiser C. Messius Decius (249-251) sucht die Reichseinheit auf dem Glauben an die Segenskraft der altrömischen Götter neu zu begründen (Reichreligion als Klammer des Reichs; daher Christenverfolgung 250), verliert aber im Kampf mit 251 einfallenden Goten nach Niederlage bei Beroea 250, Sieg und Leben in der Schlacht bei Abrittus. Danach rufen die Heere 251 Trebonianus Gallus, 253 den Mauren M. Aemilius Aemilianus, den Italiker P. Licinius Valerianus (253-260) und dessen Sohn Gallienus (253-269) zu Kaisern aus.

 

252 verbreitet sich von Äthiopien aus die Pest im Reich (sog. Cyprianische Pest, da von Cyprianus in de immortalitate geschildert).In diesen Jahren vollendet sich als Folge der Prätendentenkämpfe der Zusammenbruch des Kaiserfriedens. Gegen Piraterie und Räuberbanden können sich die Grundherren nur durch Bewaffnung ihrer coloni als Privatmiliz wehren, die schon Severus als Grenzschutz verwendete. Die Schwäche der Staatsautorität führt bei den steigenden Geldforderungen der Soldateska zur Münzverschlechterung (Anlaß: Abfließen des Silbers wie stets des Goldes aus dem Reich), schließlich zur Inflation und zur Ersetzung der Geld- durch Tauschwirtschaft. Wiederaufkommen der Gutswirtschaft, Verengung der Wirtschaftsgebiete, Verlagerung der Exportindustrien in Grenznähe. Aber zur Krise der alten Welt wird die Reichskrise erst durch den Eintritt neuer Völker in die Geschichte. Von mittelasiatischen Reitervölkern, vom Aufstieg der Sassaniden, Vorstoß süd-arabischer Nomaden und der Dromedarreiter südlich der afrikanischen Provinzen sowie der äthiopischen Blemmyer nimmt eine Völkerbewegung ihren Ausgang, die, gleichzeitig auch mit Bewegungen der schottischen Picten, von allen Seiten die Grenzen des Reichs bedroht.

 

Dem Reich fehlt der Grenzschutz. So muß sich das gesamte Leben des Reiches militarisieren. Valerianus und Gallienus suchen eine übervölkische Feldarmee hinter den Grenztruppen (limitanei) aus der erweiterten Garde (palatini) und selbständigen vexillationes bewährter Legionen und mit Aufstellung berittener Formationen gegen die neue Taktik des Feindes zu schaffen und teilen sich regional in die Grenzverteidigung. Sie erliegen jedoch dem gleichzeitigen Ansturm der berberischen Gebirgsstämme Mauretaniens, der Franken (mit vorbereitendem Durchstoß bis nach Marokko 257), Alemannen, die bis Oberitalien kommen, der Goten an der Donau, der Heruler in der Ägäis, der Sassaniden; Gefangennahme des 7Ojährigen Valerian (260) durch den Perserkönig Schahpur I. nach der verloren Schlacht von Edessa (260), dargestellt auf dessen Siegesrelief von Naksch-i-Rustam. Erstes Auftreten germanischer Stammesverbände. In Gallien Räuberbanden (Bagauden). 254-262 Unruhen in Afrika. 259 Erhebung des Regalianus in Carnuntum. 257/8 Christenverfolgungen. Toleranzedikt des Gallienus (260). 261 Sieg über die bis Rom vorgedrungenen Alemannen bei Mailand dank neuem Reiterheer. Erhebungen in Emesa (Macrianus 260/1) und Ägypten (Aemilianus 262) niedergeworfen.

 

Eine Sicherung der Grenzen kommt zunächst nicht von der Reichsmitte. Die Restaurationspolitik des Gallienus (260-268) greift bei der Einsetzung hoher Beamten aus dem griechischen Osten wie der Kunst (sog. gallienische Renaissance, z. B. Philosophen- und Musensarkophage, Tempel der Minerva Medica 266) und Philosophie (Neupythagoreismus, Neuplatonismus des Plotinos, 204-270, schreibt sechs Enneaden, die Porphyrios, 232-304, herausgibt und erklärt) auf das Griechenzum gegen die Barbarisierung zurück; um 260 Beginn der christlichen Sarkophagkunst mit sog. kryptochristlichen Symbolen. Entscheidend wird vielmehr die Bildung von selbständigen Grenzreichen (als Pufferstaaten), deren Herrscher von Rom aus als Gegenkaiser (sog. 80 Tyrannen, nach der Formulierung der Biographen der Scriptores Historiae Augustae) betrachtet werden. 261-268 Postumus, dann 270-274 Tetricus als Restitutor Galliae mit fränkischen Hilfstruppen, 260 der Palmyrener beduinischer Herkunft Odaenaphus, der 262-266 den Persern Mesopotamia wieder abnimmt (265 dafür Augustus), in Syrien und Ost-Kleinasien mit einem Privatheer nach parthischem Muster; ihm folgt seine Witwe Zenobia Augusta und sein Sohn Vaballath Augustus (ab 267). Bei ihm finden die Neuplatoniker Zuflucht. Mit dem Ziel eines selbständigen Ostreichs besetzen die Palmyrener 269 nach Gallienus' Ermordung Ägypten.

 

 

b. 268-325 Die illyrischen Kaiser:

 

Claudius II. Gothicus (268-270) beginnt die Rückgewinnung der Grenzreiche in Gallien, schlägt die Alemannen am Garda-See, die Goten bei Nissus (Nisch), daher Beiname Goticus, stirbt an der Pest. Als Rangnächster im Aufbau des Stabsoffizierkorps der protectores divini lateris (nach Vorbild germanischer Königsgefolgschaften) folgt ihm L. Domitius Aurelianus (270-275). Unter Verzicht auf Dacia und auf Bekämpfung der Neu-Perser gewinnt er nach Vertreibung der 270 bei Placentia noch siegreichen Alamannen aus Italien (Sieg bei Pavia 271) und Neubefestigung der Hauptorte (Aurelianische Mauer 273 Roms, ebenso Milets und Athens, Nicaeas) durch Eroberung von Palmyra, Ägypten, Gallien (Sieg bei Chalons 274) die Grenzreiche wieder. Er gibt dem Reich eine neue Einheit in der Reichsreligion des Sol invictus (Sonne als Reichssymbol, 274 Templum Solis); gleichzeitig aktive Wendung des Neuplatonismus gegen das Christentum (Porphyrios' Schrift gegen die Christen 270). In der Erhöhung des Principats zum Dominat (dem Kaiser als Dominus et Deus gebührt Anbetung wird Aurelian restitutor orbis, doch in der neuen Begrenzung als Romanus: Rom muß eine außerrömische Welt außerhalb des Mittelmeerkreises anerkennen. Aber die Kaisermorde gehen weiter.

 

275/6 Tacitus besiegt Alanen und Goten in Kleinasien,

 

276/8 Probus die Franken und Alemannen am Rhein, die Burgunder, Vandalen, Goten an der Donau und sichert Rhein- und Donaulinie 282/3 durch Neubefestigungen.

 

Garus 282/3 kämpft erfolgreich gegen Sarmaten an der unteren Donau und Neu-Perser (Einnahme von Ktesiphon 283). Das heimkehrende Heer wählt nach der Ermordung des Carus 283 und seines Sohnes Numerianus 284 (noch vor der des 2. Sohnes Curinus 285) in Nikomedeia zum Kaiser den Illyrer Diokles (geb. 243), fortan programmatisch genannt

 

C. Aurelius Valerius Diocletianus (284-305, gest. 316 in Spalato). Unter den Soldatenkaisern ist er der erste Innenpolitiker und wird so Schöpfer einer neuen Reichsverfassung mit absoluter Monarchie nach dem Muster der orientalischen Despotie als Klammer des Reichs, in Anknüpfung an die römische Entwicklung zum Dominat hin (auch Zeremoniell und Tracht). Diocletian berücksichtigte die neuen Verhältnisse, die das Krisenzeitalter des 3. Jh.s schuf in seinem großen Reformwerk. Indem er aus der vorangegangenen Entwicklung Schlußfolgerungen zog und die eingetretenen Wandlungen zu einem System zusammenfaßte, führte er eine grundlegende Reorganisation der gesamten Reichsverwaltung durch. Das diokletianische Reformwerk wurde später von Konstantin d. Gr. ausgebildet und vervollkommnet, wodurch eine neue Verwaltungsordnung entstand, von der dann das byzantinische System seinen Ausgang nahm. In allem wesentlichen bestand die diokletianisch-konstantinische Ordnung die ganze frühbyzantinische Zeit hindurch. Ihre leitenden Grundsätze, die Autokratie der kaiserlichen Macht, die Zentralisation und die Bürokratisierung des Staatswesen, blieben bestehen, solange der byzantinische Staat währte.

 

Allen Maßnahmen Diokletians und Konstantins liegt unverkennbar die Absicht zugrunde, die in der Wirrenzeit erschütterte kaiserliche Autorität zu festigen und die kaiserliche Macht zu steigern. Daher das Bestreben, nicht nur den Einfluß des Senats und der sonstigen in der republikanischen Vergangenheit Roms begründeten Faktoren einzuschränken, sondern auch die Befugnisse der einzelnen Regierungsstellen genau festzulegen und so jede größere Machtanhäufung wo immer zu unterbinden. Die Zivil- und die Militärverwaltung, die Zentral- und die Provinzialverwaltung werden sorgfältig gegeneinander abgegrenzt. Zusammengehalten werden die einzelnen Verwaltungszweige durch die Person des Kaisers, der an der Spitze des hierarchisch aufgebauten Staatswesens steht und den gesamten Staatsapparat vom Zentrum aus lenkt.

 

Mit Rücksicht auf den gewaltigen Umfang des Reiches wird jedoch eine Teilung des Reichsgebiets und der Herrschergewalt vorgenommen, um die größtmögliche Wirksamkeit der kaiserlichen Kontrolle zu gewährleisten. In Anlehnung an das schon der früheren Kaiserzeit bekannte Institut der Mitregentschaft schuf Diokletian ein vierköpfiges Herrscherkollegium, bestehend aus zwei Augusti und zwei Cäsaren. Der eine Augustus sollte über die östliche, der andere über die westliche Reichshälfte gebieten; jedem von ihnen stand ein Cäsar zur Seite, der, mit seinem Augustus nicht durch Blutsverwandtschaft, sondern durch Adoption verbunden, mit Rücksicht auf seine persönlichen Fähigkeiten erkoren werden sollte. Nach dem Rücktritt der Augusti sollten die Cäsares an ihre Stelle treten und die Tetrarchie durch Ernennung eines neuen Cäsarenpaares auffüllen. Indes waren endlose Bürgerkriege die Folge dieses allzu logisch ausgeklügelten Systems. Aus den blutigen Kämpfen als Sieger hervorgegangen und zur Alleinherrschaft gelangt, errichtete 30 Jahre Konstantin der Große wieder eine mehrköpfige Gesamtherrschaft und nahm eine neuerliche Teilung des Reichsterritoriums vor. Allerdings verzichtete er dann auf das künstliche diokletianische Ausleseprinzip, teilte vielmehr das Reich unter seinen Nachkommen auf, aber auch die Familienherrschaft der Konstantinsöhne führte zu schweren, blutigen Verwicklungen. Dennoch hielt man am System der Reichsteilung fest, und die Mehrherrschaft bildete auch weiterhin die Regel.

 

Die von Diokletian vorgenommene Umgestaltung der Provinzialverwaltung setzte einen Strich unter die Sonderstellung Italiens und hob die bedeutungslos gewordene Unterscheidung zwischen den kaiserlichen und den senatorischen Provinzen auf. Fortan war die Verwaltung sämtlicher Provinzen dem Kaiser allein unterstellt, und gleich den übrigen Reichsteilen wurde auch das einstige Herrenland Italien in Provinzen aufgeteilt und der Steuerpflicht unterworfen.

 

Nicht minder bezeichnend ist es, daß größere Provinzen in kleinere Einheiten zerschlagen wurden. So stieg die Zahl der Provinzen sehr erheblich: seit Diokletian zählte das Kaiserreich annähernd 100, im 5. Jahrhundert sogar mehr als 120 Provinzen. Ferner teilte Diokletian das Reichsterritorium in 12 Diözesen ein; gegen Ende des 4. Jahrhunderts stieg ihre Zahl auf 14 an. Schließlich wurde das Reich unter Konstantin in Präfekturen eingeteilt, so daß jede Präfektur mehrere Diözesen und jede Diözese eine größere Anzahl von Provinzen umfaßte, die Provinzen Unterteilungen der Diözesen und diese Unterteilungen der Präfekturen waren: ein zentralistisches, hierarchisch aufgebautes Verwaltungssystem. Der Umfang und die Zahl der Präfektursprengel schwankten anfangs, und erst seit dem Ende des 4. Jahrhunderts erscheinen ihre Grenzen fest umrissen.

 

Die riesengroße Präfektur des Ostens (praefectura praetorio per Oientem), die aus den fünf Diözesen Aegyptus, Oriens, Pontus, Asiana und Thracia bestand, unfaßte Ägypten mit Lybien (der Cyrenaica), Vorderasien und Thrakien. An sie schloß sich dann die Illyrische Präfektur (praefectura praetorio per Illyricum) an, die sich aus den Diözesen Dacia und Macedonia zusammensetzte, d. h. Griechenland und die Balkanmitte umfaßte. Zur Italienischen Präfektur (praefectua praetorio Illyrici, Italiae et Africae) gehörte neben Italien einerseits der größte Teil des lateinischen Afrika und andererseits Dalmatien, Pannonien, Noricum und Raetia. Die Gallische Präfektur (praefectura praetorio Galliarum) bestand aus dem römischen Britannien, Gallien, der Iberischen Halbinsel und dem dieser gegenüberliegenden westlichen Teil Mauretaniens. So erstreckte sich jede der Präfekturen über ein Gebiet, das mehrere moderne Staaten umschließt. An der Spitze jedes Präfektursprengels stand ein Prätorianerpräfekt, mitunter wurde das Amt auch von zwei Präfekten kollegialisch verwaltet. Der Prätorianerpräfekt des Ostens, der in später in Konstantinopel residierte, und der von Italien waren die höchsten Beamten des Reiches; ihnen folgten der Prätorianerpräfekt des Illyricum, der seinen Sitz in Thessalonike hatte, und der von Gallien.

 

Das wichtigste Kennzeichen der diokletianisch-konstantinischen Verwaltungsordnung war die grundsätzliche Trennung der militärischen und der zivilen Gewalt. Die zivile Verwaltung einer Provinz unterstand nunmehr ausschließlich dem Provinzstatthalter, die militärische dem Dux, der in einer oder auch in mehreren Provinzen das Kommando führte. Dieses Prinzip wurde in der gesamten Provinzialverwaltung sorgfältig durchgeführt. Selbst die Prätorianerpräfektur, das einzige Regierungsorgan, das noch unter Diokletian zivile wie militärische Befugnisse besaß, büßte unter Konstantin ihren einstigen militärischen Charakter endgültig ein und wurde zu einer rein zivilen Obrigkeit. Als solche hatte sie aber die ganze frühbyzantinische Zeit hindurch außerordentlich weitgehende Vollmachten.

 

Die Machtfülle, welche die Prätorianerpräfekten als kaiserliche Statthalter besitzen und in unverhohlenem Wettstreit rnit den Organen der Zentralverwaltung noch zu steigern suchen, ist ein hervorstechender Zug der frühbyzantinischen Verwaltungsordnung, der dem ganzen System gewissermaßen das Signum gibt. Andererseit ist aber die kaiserliche Gewalt immer wieder bestrebt, die Macht der Prätorianerpräfekten einzudämmen, indem sie ihren Wirkungskreis einschränkt, ihre Vikare, die Diözesanstatthalter, gegen sie auszuspielen sucht und vor auf ihre Kosten gewisser Organe der Zentralverwaltung erweitert. In diesem Kampf der einzelnen Regierungsorgane gegeneinander liegt das dynamische Element in der Entwicklung des frühbyzantinischen Verwaltungssystems (aus Ostrogorsky, a.a.O., S. 8 f).

 

Eine grundlegende Neuordnung erfuhr in der Zeit Diokletians und erweitert in der Zeit Kobstantins d.Gr. das Heerwesen. Die Armee der früheren Kaiserzeit war im wesentlichen eine Grenzarmee gewesen. Fast die gesamten Streitkräfte verteilten sich als Festungsbesatzungen längs den endlos langen römischen Grenzen. Es fehlte an mobilen Truppen und an einer stärkeren Armeereserve im Innern des Reiches; als solche stand eigentlich nur die Prätorianergarde zur Verfügung. Daß dieses System erhöhten militärischen Anforderungen nicht genügte, hatte sich schon lange gezeigt, und während der Krisenzeit des 3 Jh.s erlebte es seinen völligen Zusammenbruch. Diokletian hat nun zunächst das Grenzheer erheblich. Er schuf, was obertstes Erfordernis war, eine mobile Armee-Reserve im Innern, die ,exercitus comitatensis‘. Diese sowohl als mobile Truppe gegen den Ansturm äußerer Feinde wie auch als Stütze der kaiserlichen Macht gegen jedes Umstürzlertum im Innern dienen. Die alte Prätorianergarde wurde wegen ihrer politischen Unzuverlässigkeit und bekannten Neigung zur Erhebung von Thronprätendenten bereits unter Diokletian kaltgestellt und von Konstantin nach der Schlacht an der Milvinischen Brücke endgültig aufgelöst. die neuen Truppen wurden bald zum eigentlichen Kern des römischen Heeres, denn Konstantin zögerte später nicht, den von Diokletian verstärkten Grenzschutz zugunsten der mobilen Armee zu vermindern. Damit verlor aber der exercitus comitatensis seinen ursprünglichen Charakter als Gardekorps. Seine vornehmsten Regimenter wurden durch den Titel ,palatini‘ ausgezeichnet, das eigentliche Leibkorps bildeten aber die ,scholae palatinae‘ unter dem Befehl des ,magister officiorum‘. Erst seit der Schaffung des starken beweglichen Heeres der comitatenses gewinnt auch das das Grenzheer der ,limitanei‘ die Bedeutung einer besonderen Heereskategorie, die speziell dem Zweck der Grenzverteidigung dient. Die im Limesgebiet stationierten Grenzsoldaten besitzen als Lohn für ihren Verteidigungsdienst eigenen Grundbesitz. Sie stellen also eine Miliz seßhafter Bauern dar, die vom Ertrag ihrer Landgüter leben und den Grenzschutz versehen. Die Einrichtung der ,limitanei‘ hatte später im byzantinischen Kaiserreich eine große Zukunft. Charakteristisch für die Entwicklung ist auch die zunehmende ,Barbarisierung‘ des Heeres. Das tüchtigste und meistgeschätzte Element der Armee bilden Barbaren, insbesondere Germanen, unter den Reichsangehören die Illyrer. Die Zahl der fremden Söldner ist dauernd im Wachsen, und seit dem 4. Jh. dringen vornehme Barbaren in steigendem Maß auch in das Offizeriskorps ein. Charkateristisch ist ferner die zunehmende Bedeutung der Reiterei, was nicht zuletzt damit zusammenhängt, daß sich das Kaiserreich an die Kampfweise des persischen Sassanidenreich anpassen mußte, dessen militärische Macht vorwiegend auf berittenen Truppen beruhte (vgl. Ostrogorsky, a.a.O., S. 17-19).

 

Kennzeichnend für die unter Diokletian beginnende Zeit ist auch die Verschiebung des Schwergewichts nach Osten. Hierfür war vor allem die größere Wirtschaftskraft der stärker bevölkerten östlichen Provinzen ausschlaggebend. Übersehen werden aber darf auch nicht die militärische Notwendigkeit, bedingt durch den Germanendruck im Zuge der Völkerwanderung auf die untere Donau und durch die neupersischen Sassaniden auf die Ostgrenzen. Diokletian behielt sich gegenüber seinem Mitkaiser die östliche Reichshälfte vor und residierte meist in Nikomedia in Bitynien. Erst Konstantin jedoch verlegte die Reichshauptstadt in die alte griechische Kolonie Byzantion

 

Nach diesen Ausblick in die byzantinische Verwaltungsentwicklung und Zukunft des diokletianisch-konstantinischen Verwaltungssystems wollen wir zur Regierungszeit Diokletians zurückkehren. Seit 285 bestand Mitregentschaft des M. Aurelius Valerius Maximianus. Feldzüge gegen die Franken 287, 288, die Alemannen 291/2, gegen Aufrührer in Ober-Ägypten 292/3, in ganz Ägypten 296/7, daher Umwandlung des Landes in Provinzen (Ende der Münzstätte Alexandria 296). Rückgewinnung des seit 286/7 aufständischen Britannien. Nach persischem Vordringen Sieg von Diocletians Schwiegersohn Galerius in Armenien 298, der die Rückeroberung des alten römischen Besitzes und einen vierzigjährigen Frieden bis zum Ende der Regierungszeit Konstantins d.Gr. brachte (vgl. Burckhardt, Jacob: Die Zeit Constantins des Großen, S. 82). Persien erkennt römische Oberhoheit über Armenien (Tiridates III., 287-324) an. Errichtung der Verteidigungslinie von Bostra über Damaskus nach Sura am Euphrat (strata Diocletiana) vor 292. 293 Begründung der Tetrarchie: Aufgliederung des Reichs in vier Teilgebiete der beiden Kaiser und der neuernannten zwei Caesaren Constantius Chlorus und Galerius. Maximianus (293-305) erhält Italien und Africa (Residenz nicht Rom, sondern Mailand), Constantius Chlorus Spanien, Gallien, Britannien (Residenzen Trier und York), Galerius Illyricum, Makedonien und Griechenland (Residenz Sirmium a. d. Save), Diocletian den Osten (mit Residenz Nikomedeia in Bithynien, d. i. Izmid). Einheit der Gewalt, der Gesetzgebung, Münzprägung, des Kaiserkults, keine förmliche Abgrenzung, aber Verbeamtung des Kaisertums durch Schaffung regionaler Verwaltung zur Überwindung der Sonderentwicklung von Grenzreichen.

 

Diese Ordnung (auch religiös-astrologisch begründet) geht von Bedürfnissen des Augenblicks aus und beeinträchtigt nicht Diocletians Überordnung auf Grund göttlicher Gnade und Zugehörigkeit zum höchsten Gott (daher Beiname Jovius gegenüber Herculius für Maximian), bedeutet nicht Reichsteilung. Einführung der lateinischen Amtssprache auch im Osten. Neuordnung der Reichsverwaltung 297, Einteilung des Gesamtreichs in 12 Diözesen unter vicarii des praefectus praetorio jedes Tetrarchen. Unterteilung der Provinzen zunächst an den Grenzen, Vorbereitung der (späteren) Einteilung des Reichs in 101 kleine Provinzen und der Trennung von Militär- und Zivilgewalt in ihnen. Errichtung von 15 gleichberechtigten Münzstätten. Einführung der Ertrags- und Arbeitskraftbesteuerung. Bindung an Scholle, Berufsgenossenschaft, Curialenstand, zur Sicherung der Versorgung von Heer und Beamtentum erforderlich, begründen den Zwangsstaat mit Untertanen.

 

Mit dieser neuen Grundlegung (nach Vorbild Ägyptens) verbindet sich eine Reduzierung des geistigen und kulturellen Lebens. Sie zeigt auch die Kunst der Tetrarchenzeit (Tetrarchenstatuen an San Marco in Venedig, Decennalienreliefs vom Forum 303/4) trotz der "Bauwut", der Kühnheit (in Wölbungen) und des Glanzes der Palastbauten: Diokletianspalast mit Befestigungen in Spalato, Diokletians-Thermen (299-306) und Maxentius-Basilika (ab 306) in Rom, Palast des Galerius in Saloniki, mit Tetrapylon und Mausoleum.

 

Einführung des Höchstpreistarif (301) (edictum de pretiis für das Gesamtreich) zwecks Senkung der Preise zugunsten der in Geld besoldeten Beamten und Offiziere, aber erfolglos ohne staatliche Lenkung der privaten Wirtschaft (wie Königswirtschaft des Orients).

 

Christenverfolgung 303 (vgl. dazu Teil B). 304 Feier der Vicennalia in Rom, 305 Abdankung Diocletians und des Maximian aus römischer Offiziershaltung. Galerius und Constantius Chlorus werden Augusti. Bevorzugung der Kreaturen des Galerius bei der Ernennung neuer Caesares (Severus für Africa, Italien, Pannonien, ab 306 auch Spanien, Galerius' Schwestersohn Maximinus Daia für Asien jenseits des Taurus und Ägypten) bringt mit Störung des Tetrarchensystems neuen Partikularismus: Prägung von Münzen der einzelnen Tetrarchen, Ausrufung von Constantius' Sohn Konstantin (Constantinus, geb. um 285) zum Augustus in York als Erbe, ebenso Erhebung von Maximians Sohn Maxentius in Rom und Rückkehr des Maximian. Severus ergibt sich 307 in Ravenna, Galerius kann Italien nicht behaupten. Hungersnot und Aufruhr in Rom (308) als Folge des Abfalls Afrikas (308-311). Kaiser-Konferenz von Carnuntum 308 überträgt dem Licinius die Augustuswürde im Westen; im Osten usurpiert sie Daia. 311 Toleranzedikt und Tod des Galerius in Serdica (Sofia). Kriegsbündnisse der Tetrarchen wechselseitig gegen ihre Nachbarn 311/2. Verstärkung vom Roms Mauern.

 

Konstantin siegt über Maxentius bei Saxa rubra und bei der Milvischen Brücke (312) (hoc signo vinces oder victor eris), 313 Licinius siegt über Galerius' Schwestersohn Maximinus Daia bei Zirallum nahe Adrianopel. 314 Gleichstellung der Sieger, dazu Illyricum für sein Westreich und das Recht getrennter Gesetzgebung gewinnt Konstantin durch Sieg über Licinius bei Ciballae am Donauknie und auf dem Campus Ardiensis bei Adrianopel; neue Residenz Serdica als Ausgangspunkt der Donausicherung (316 Erneuerung des Tropaeum Traiani von Adamklissi); Schutz der Donaugrenze 322, 323 gegen Sarmaten und Goten. Auseinandersetzung von Konstantin hinausgezögert. Seine Siege 324 über Licinius bei Adrianopel und Chrysopolis begründen seine Alleinherrschaft. Die gallisch - germanischen Truppen siegen über die bisher entscheidenden illyrischen.

 

 

 

3. Die christliche Monarchie (325-476)

 

3.1. Die (sog. 2. flavische) Dynastie Konstantins (325-363):

 

Klassizismus und Christentum: In Erneuerung des Glaubens an die Überlegenheit und Dauer der Roma aeterna hatten die illyrischen Soldatenkaiser dem Reiche neue Festigkeit gegeben durch die Übertragung des Heeresaufbaus auf das Beamtentum (auch dies fortan militia), indes auch, entsprechend der Barbarisierung des Heeres durch die ansässigen Grenztruppen, eine Reduzierung des geistigen und kulturellen Lebens gebracht. Mit der Wiederherstellung der Alleinherrschaft im Gesamtreich beginnt unter Konstantin eine Zeit friedlichen Aufbaus, der auch den Frieden mit dem Christentum einschließt.

 

Gegenüber der selbstbewußten, revolutionären Haltung der Tetrarchenzeit knüpft Konstantin bewußt an Augustus und Alexander an (in Rom Konstantinsbogen 312/5, Vollendung der Basilika des Maxentius) in Vorliebe für klassische Formen (Sarkophage z. B. der Kaiserinmutter Helena). Er gibt der neuen Monarchie erst den geistigen Gehalt durch sein Verhältnis zum Christentum. Vom Gott der Christen erwartet er 312 den Sieg im Kampf vor Rom, fühlt sich durch diesen ihm verbunden (wie Aurelianus dem Sol invictus), greift daher sofort in den Donatistenstreit (s. Anhang ein. Er nimmt das Kreuzeszeichen seit 324 (Labarum) als Symbol des Reichsgottes, wendet sich von den Kulten des heidnischen Rom ab (326) und gibt christlichen Gedanken in seiner Gesetzgebung Raum. Ab 320 steht die christliche Kirche im Vordergrund des öffentlichen Lebens. Der Glaube an den im Kaiser wirkenden Gott erhält christliche Prägung.

 

Konstantin begründet damit das politische Dogma, daß der Kaiser als Stellvertreter Christi Herr des Staates wie der Kirche ist. Mit ihm leitet er die Entwicklung des Byzantinischen Reichs und seiner Staatsidee ein. Das gleiche gilt von der Verlegung der Reichshauptstadt; doch beginnt die mittelalterliche Entwicklung des byzantinischen Reiches erst Jahrhunderte später mit Herakleios. 325 findet die 1. allgemeine Kirchenversammlung in Nicaea unter Vorsitz des Kaisers zur Stärkung der Reichseinheit statt (1. ökumenisches Konzil). 326 erwählt Konstantin Byzantion unter dem Namen Konstantinopel zur Hauptstadt (eingeweiht 11. 5. 330) in bewußter Gegenüberstellung zum heidnischen Rom (als 2. Rom), dessen Volk ebenso wie das des ersten Getreideverteilungen aus der Annona erhält. Rom wird wieder zum Stadtstaat, der Senat sein Gemeinderat, aber in Konstantinopel nachgeahmt (ebenso die Stadteinteilung). Abschluß der (von Commodus und den Severern, also vor sassanidischem Einfluß begonnenen Entwicklung des Hofzeremoniells zur Betonung der Gottähnlichkeit des Kaisers: Goldgewand, Perlenkranz, Proskynese, Darstellung mit Nimbus (so in heidnischer Tradition, doch Abrücken vom Sonnenkult); statt der rechtlichen nun die religiöse Bindung der Untertanen an den Herrscher betont. Strenge Rangordnung, ständiger Kronrat (sacrum consistorium) unter Ministern des kaiserlichen (fortan sacer!) Hauses (quaestor sacri palatii) mit den comites:

 

1. Kanzler, dh. magister officiorum über den Vor-

tragenden Räten (referendarii) als Chef des Perso-

nal-, Waffen- und Staatspolizeiamtes (agentes in

rebus)

2. Finanzminister (comes sacrarum largitionum)

3. Domänenminister (comes rerum. privatarum)

4. Chef des Heerespersonalamts (primicerius no-

tariorum)

5. Oberbefehlshaber von Kavallerie und Infanterie

(magistri praesentales)

6. praefeceus praetorio per Orientem.

 

Dabei wird die Präfektur zurückgedrängt und in den Reichsteilen vervielfacht: Einteilung des Reichs in 4 Präfekturen (Oriens, Illyricum, Italia, Gallia) mit 14 Diözesen und 117 Provinzen unter Trennung von Zivil- und Militärgewalt. Die praefecti so als zivile Stellvertreter des Kaisers Ersatz der Tetrarchen. Endgültige Trennung von Feld- und Grenzarmee, diese als lokale Miliz der Provinzen, jene (comitatenses) unter 2-5 magistri (Heermeister) equitum und peditum mit comites und duces aus dem Generalstab der protectares. Abschaffung der Prätorianer, Erhöhung der Legionenzahl von 52 auf 75, Palastgarde (scholae palatinae,).

 

Strenge Durchführung der erblichen Berufsbindung, auch der Curialen, seit 332 der coloni an den Boden (glebae adscripti). Aber Rückkehr zur Geldwirtschaft. Geldsteuern zur Besoldung der Beamten: Vermögenssteuer der Grundherrenkaste, die als solche den ordo senatorius bildet, aurum coronarium der Städte und Umsatzsteuer mit Münzreform. Die Goldwährung bleibt für 700 Jahre. Förderung der höfischen Bildung (Kunstdichtung z. B. Figurengedicht des Optatianus Porphyrius), der Literatur (Preis des Kaisers); Beginn der Excerpta aus älterer Geschichtsschreibung, der Kleinkunst (Elfenbein-Diptychen und Kästchen, Mumienportraits in Ägypten, auch der Monumentalplastik (Kaiserporträts), vor allem aber des Kirchenbaus; Kunstraub in Griechenland zugunsten der Nova Roma. 336 Gründung der 1. kaiserlichen Bibliothek in Konstantinopel.

 

321 Einführung des Sonntags (dies Solis) als Ruhetag (wie dies bisher nur den Christen vertraut). Ab 330 offener Kampf gegen das Heidentum, nur Schonung von Roms heidnischer Tradition und Beibehaltung des Kaiserkultes. 328 Alemannen-, 332 Gotenzug des Kaisersohns Constantin II.; 332 Neuordnung der Grenzen: Erneuerung des (augusteischen) Prinzips der Klientelpufferstaaten vor der befestigten Grenze, aber diese foederati zu Reichsangehörigen erklärt und zur Truppenstellung herangezogen auch fern von ihren Wohnsitzen. 334 Persischer Angriff unter Schahpur II. auf Armenien.

 

Am 22.5.337 stirbt Konstantin der Große nach Empfang der Taufe; kirchliches Begräbnis (als 13. Apostel), aber heidnische Consecratio in Rom, wo heidnischer Hochadel Träger der alten Romidee bleibt (diese 352 bis um 470 in Neujahrsmedaillen, den sog. Kontomiaten, verherrlicht); Historiker des Kaisers der Christ Eusebios.

 

Constans (340-350) im Westen - Constantius 340-361 im Osten

 

Konstantin hatte bei seinem Tode 337 drei Söhne hinterlassen: Konstantin II. (Flavius Iulius Constantinus), Flavius Iulius Constantius (II.) und Flavius Iulius Constans. In einer dunklen Affäre wurden kurz nach dem Tod des Kaisers fast alle männlichen Angehörigen des Kaiserhauses ermordet. Vermutlich hatte der alternde Kaiser geplant, das Reich Konstantin II. allein zu überlassen. Indes war die militärische Macht in den Händen der Armee und an ihrer Spitze stand Constantius II. Schnell kam zwischen Konstantin II. und dem jüngeren Constantius II. ein Abkommen über die Teilung des Reichs zustande. Konstantin fielen der Westen und Illyrien, Constantius der Osten zu. Constans, der dritte Bruder blieb landlos. Aber auch er zögerte nicht, sich eine eigene Kanzlei unter der Leitung eines Prätorianerpräfekten zuzulegen, und er erließ Gesetze für Italien, die Donauprovinzen und Afrika. Anfang 340 benutzte Konstantin II. den Umstand, daß Constantius II. mit Kleinkriegen mit den Persern beschäftigt war, und machte sich daran, Constans um die Früchte seiner Usurpation zu bringen, wurde aber bei Aquileia geschlagen und getötet. Damit bestand eine faktische Reichsteilung zwischen Konstantin II. und Constans.

 

Wenn es zu keinem Bruch zwischen den beiden Kaisern und nicht schon nach 340 zu einer Teilung des Reiches in zwei getrennte Staaten kam, so nur aus dem Grunde weil die Brüder und ihr kirchlicher Anhang die Dinge nicht auf die Spitze treiben wollten. Im Osten es kam während der Regierungszeit von Konstantius II (337-361) zu einer antinicaenischen Bewegung (vgl. hierzu Alberigo, Giuseppe [Hrsg.]: Geschichte der Konzilien, Düsseldorf 1993, S. 60 ff), seine Reichshälfte war weitgehend arianisch gesinnt, der Kaiser unterstützte offen die Semiarianer; der Westen unterstützte dagegen den Athanasios. Die Universalmonarchie, die Constantius II. anstrebte, war ohne die Einigung der Kirchenrichtungen nicht zu verwirklichen; die Einheit des Reichs war nach wie vor an diese konstantinische Voraussetzung gebunden. Nichts zeigt den Kontrast zwischen den beiden Teilen des Reichs so deutlich wie die Religionspolitik. Constantius II. herrschte über eine Bevölkerung mit starker christlicher Mehrheit, deren Glaubensbekenntnis (im Osten !!!) arianisch war (vgl Seston, William: Verfall des römischen Reiches im Westen, in: Propyläen Weltgeschichte Band 4, S. 509). Er selbst fand im Arianismus - wie Konstantin vor ihm - eine bequeme Stütze der monarchischen Gewalt, mit uneingeschränkter Machtfülle in weltlichen wie kirchlichen Fragen. Anders verhielt sich der orthodoxe Constans im Westen, der die athanasianische Richtung vertrat. Die orthodoxen Bischöfe, von denen sich Constans im Westen seine Religionspolitik vorzeichnen ließ, konnten auf den Vernichtungskampf gegen die arianische Richtung, die im Osten herrschte, nicht verzichten. Annäherungsversuche unternahmen beide Seiten. Constantius holte zwar den von ihm verbannten Athanasios mehr als einmal aus dem Exil zurück, und den östlichen Synoden, so z.B. auf der sog. "Zueignungssynode" von Antiochia 338/339, legte er Dogmenformulierungen nahe, die als orthodox gelten konnten. Nach wie vor bestimmten jedoch die Eusebianer (Anhänger des Bischofs Eusebios von Nikomedien †341/42, des einflußreichen Freundes des Arius am Kaiserhof in Konstantinopel - vgl. Altaner / Stuiber, a.a.O., 270) die kaiserliche Kirchenpolitik.

 

Alle Versuche scheiterten, weil die theologische oder kirchliche Vorfrage nicht zu klären war: weder wollten die östlichen Christen dem Arianismus abschwören, noch waren die westlichen Christen bereit, die Absetzung des Athanasius nachträglich zu genehmigen. Was sich hinter dem Streit zwischen beiden Kaisern und den hinter ihnen stehenden Theologen verbarg, waren im Grunde zwei getrennte Kirchen. Im Osten stand die Geistlichkeit im Dienst des Kaisers. Nach dem Erfolg seiner Armeen unversöhnlicher geworden, zog Constantius II. seine Bischöfe von der Synode von Serdica 343 zurück. Umgekehrt gaben im Westen die Bischöfe den Ton an, auch auf die Gefahr hin, das Papsttum zu stärken; dieses, von dem auf den ersten ökumenischen Konzil von Nicaea 325 kaum etwas zu bemerken war, hatte unterdes als Oberschiedsrichter für das westliche Christentum offizielle Anerkennung gefunden.

 

Alles wurde mit einem Schlag anders, als Magnentius, ein Offizier barbarischer Abkunft, in Amiens geboren, einen gewaltigen Aufstand anzettelte. Constans wurde aus Gallien vertrieben und schließlich in der Kirche eines Pyrenaendorfes getötet, so daß der ganze Westen einem Usurpator zufiel. Magnentius war ein kraftstrotzender Schönredner, der einerseits den Heiden im Senat von Rom, anderseits den Freunden Athanasius' gefallen wollte. Gegen ihn konnte Constantius, der nun im Westen keinen Bruder zu schonen oder zu kontrollieren hatte, die dynastische Treue und die Konstantin-Ergebenheit der Gallier anrufen. Seine Schwester Flavia Iulia Constantia förderte in Illyrien die Usurpation des Milizkommandanten Vetranion. Die Erhebung im Westen wurde zum Stillstand gebracht. Während er seinen Neffen Nepotianus nach Rom entsandte, marschierte Constantius selbst gegen Magnentius. Er stieß mit ihm am 28. September 351 bei Mursa an der Drau zusammen; seine gepanzerten gotischen Reiter verrichteten wahre Wunderdinge: es war die blutigste Schlacht des Jahrhunderts. Magnentius zog sich nach dem Westen zurück, aber er vermochte die Alemannen und Franken nicht zurückzuwerfen, die Constantius über Gallien hatte herfallen lassen; in der Nähe von Lyon wählte er 353 den Freitod.

 

Durch den Krieg war Constantius - wie Konstantin 324 - zum alleinigen Herrscher geworden, er stellte die Reichseinheit wieder her. Im Kirchenstreit kam es zum Eingreifen zugunsten der Arianer (Synoden von Arles 353, Mailand 355, Ariminum und Seleukia Ciliciae 359, Verbannung des Papstes Liberius I 355-358). Die Opposition, die mit Athanasios von Alexandria sich ihm entgegenstellte, schlug er nieder und ließ auf den Synoden in Sirmium und Rimini den Arianismus zum Staatsglauben proklamieren (359).

 

Zu Caesaren - ohne wesentliche eigene Machtbefugnisse setzte der Kaiser seine Neffen, die einzigen männlichen Überlebenden des Massakers von 338, Flavius Claudius Constantius Gallus und Flavius Claudius Julianus ein. Gallus wurde wegen des Versuchs, die Vormundschaft des Prätorianer-Präfekten des Ostens abzuschütteln, von Constantius zurückbeordert und 354 in Konstantinopel hingerichtet. Der geschicktere Julian überlebte jedoch im Westen. Diesen betraute Constantius II. 355 mit der Abwehr des Franken- und Alemannensturms am Rhein. Dieser sicherte nach Sieg bei Straßburg 357 die Rheingrenze. 358 kam es zu erneutem persischem Angriff, Verlust der Festungen Amida 359, Singara, Bezabde 360. Die Truppen in Gallien lehnen die Unterstützung des Kaisers ab, und erhoben durch ein Pronunziamento den Heiden Flavius Claudius Julianus, genannt Apostata, zur Macht empor. Der Caesar Julian wurde zum Augustus ausgerufen, der sterbende Constantius II. mußte dies 361 als vollendete Tatsache hinnehmen und legitimieren. Tod Constantius II. 361 auf dem Rückmarsch von der persischen Grenze.

 

Flavius Claudius Julianus (361-63), genannt Apostata, weil er als Anhänger der heidnischen Philosophie vom Christentum abfiel, löste die heidnische Reaktion aus. Der letzte Vertreter des konstantinischen Hauses versuchte eine Wiederherstellung des heidnischen Gottesdienstes, aber in Nachbildung der christlichen Hierarchie und Wohltätigkeit, wie auch die Umgestaltung der noch immer geduldeten heidnischen Philosophie zur Theologie. Weltweite Wirkung des Rhetors Libanios (314 bis um 393), Neuplatonismus des Jamblichos und Theosophie des Maximos von Ephesus, eigene philosophische Schriften und Briefe des Kaisers. 362 begann unter Julian Apostata die Christenbekämpfung, es kam zum Verbot christlicher Hochschulen, Begünstigung der Sektengegensätze und der Juden. Der Kaiser stand unter der klaren Erkenntnis der Gefahr von Osten, weshalb er als Hauptstadt zunächst Antiochia später Tarsos wählte. 363 unternahm er einen kühnen und erfolgreichen Vorstoß Persien bis Ktesiphon, erlitt aber eine tödliche Verwundung 27.6.363, die ihm angeblich durch den Christen Kura (Mercurius) zugefügt wurde.

 

Vom Heer zum Nachfolger erhobene, christlich gesinnte, Flavius Jovianus (363-364), schließt einen Schmachfrieden mit Persien. Es kam zur Aufgabe des Gebiets jenseits des Tigris und der Festungen Nisibis und Singara, sowie zur Preisgabe des christlichen Armeniens. Damit war allerdings der bedrohliche Zweifrontenkrieg nach Osten und Norden zunächst beendet, brach unter den Nachfolgern jedoch wieder aus. Mit dem Beginn der Völkerwanderung erwuchsen dem Kaiserreich neue Probleme von unabsehbarer Tragweite, die Byzanz in einen Zweifrontenkrieg zwangen, der bis zur türkischen Eroberung 1453 dauerte.

 

 

3.2. Die pannonischen Kaiser 364-375:

 

Bereits 364 stirbt der Kaiser Flavius Jovinanus überraschend. Wieder wird das Heer zum entscheidenden Faktor. Von den Truppen wird Flavius Valentinianus I. 364-375 zum Kaiser erhoben, der auf Druck der Armeechefs bei der Reichsteile kurz darauf seinen Bruder Valens (364-378) zum Mitkaiser ernennt. Zum letztenmal kommt es zur erneuten Suprematie des Westens: Valens erhält nur die Präfektur Oriens (mit Konstantinopel). 365-366 versucht der Usurpator Procopius (Verwandter Julians) an die Macht zu gelangen, bis zu seiner Niederlage bei Nakoleia. Die kirchlichen Gegensätze steigern zunächst die Entfremdung der Reichshälften: der Westen ist meist athanasianisch, im Osten begünstigt Valens bis 366 die Arianer. Unter der Regierungszeit Valens findet der Osten, unter dem Einfluß der drei großen Theologen Kappadokiens, Basileios‘ von Caesarea, Gregors von Nazianz und Gregors von Nyssa, den Weg zurück zur Orthodoxie von Nicaea (vgl. Seston, a.a.O., S. 526), zum endgültigen Zusammenbruch des Arianismus kommt es nach der Niederlage Valens‘ gegen die Goten (vgl. Ostrogorsky, a.a.O., S. 28). 371-372 Verfolgung der Heiden in Antiochia, 372 Verbot der Manichäer, aber auch Zusammenstöße mit der Orthodoxie der sog. Kappadokischen Kirchenväter (373 mit Basileios von Caesarea).

 

Soweit der Ausblick auf die religiöse Entwicklung. Schon bald nach dem Regierungsantritt des Kaisers Valens traten die religiösen Streitigkeiten - bedingt durch die außenpolitische Situation - in ihrer Bedeutung für das Ostreich zurück. Der Einbruch der Sachsen und Iren in Britannien, die harten Kämpfe mit den Sarmaten und Quaden im Donaugebiet waren nur Vorboten der großen Krise, die das Erscheinen der Westgoten an der Donau auslöste. Zur Gefährdung der Osthälfte wird bei dauernden persischen Einfällen in Armenien der Beginn des Zweifrontenkriegs durch den ersten Angriff der Westgoten (367/9). Seit 370 römische Erfolge im Osten. Westresidenz Mailand, aber Belebung des Romgedankens. Schutz der kleinen Leute (durch defensores plebis) gegen die Patrociniumsbewegung (freiwillige Unterordnung unter Grundherren, d. i. patroni, zum Schutz gegen Steuerdruck). Angriffe der Picten und Scoten 368 in Schottland, beide vom magister militum ("Heermeister") Theodosios zurückgeschlagen (370, 374). 372 Erhebung der Kabylen, d. i. West-Mauretanier, unter Firmus, von Theodosios 375 niedergeworfen. 375 erfolgreiche Grenzsicherung am Rhein (368-374) und an der mittleren Donau. Verbot der Ehe zwischen Provinzialrömern und Ausländern (375), aber Barbarisierung des Heeres durch Werbung jenseits der Grenzen und Verwendung von Germanen in Kommandostellen. Höchste Blüte von Trier. Kämpfe am Rhein.

 

Um 375 wird die germanische Völkerwanderung durch den Einfall der Hunnen in Europa ausgelöst. Diese verließen - wie der zeitgenössische griechische Historiker Zosimos (vgl. Veh, O.: Zosimos, (Übersetzung und Kommentar), Stuttgart 1990) in seiner »Nea Historia« berichtet - wegen der damals besonders strenger Winter und wegen Hungers ihre seit Jahrhunderten angestammten Steppengebiete nördlich des Aralsees und drängten nach Westen. Zunächst drangen die Hunnen in das Gebiet der Alanen, eines iranischen Steppenvolkes , nördlich des Kaukasus ein, und überrannten und unterwarfen diese. Auf ihrem weiteren Zug nach Westen stießen sie in das Gebiet der Ostgoten vor, die als Bauern im Gebiet zwischen Ostsee und Schwarzem Meer siedelten. Wie alle seßhaften Völker wurden die Ostgoten mit der Reitertaktik der Hunnen nicht fertig, die im blitzschnellen Zuschlagen der Reitertrupps ohne die sonst üblichen festen Fronten bestand. Da die Goten als Bauern auf verstreuten Gehöften lebten, konnten sie in der Abwehr, mangels ausreichender Beweglichkeit und Geschwindigkeit, keine ausreichenden Schwerpunkte bilden. Mit ihren schnellen Reiterverbänden waren die Hunnen zudem in der Lage, die Truppen der Goten, die geschlossen kämpften, zu umzingeln und diese mit ihren überlegenen Bogen aus der Distanz, mit - hohe Verluste fordernden - Pfeilregen überschütten. Zugleich konnten sie, aufgrund ihrer überlegenen Schnelligkeit, den langsamen Gegenstößen der Goten geschickt ausweichen. Die Goten waren daher den Hunnen völlig unterlegen. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich mit den Hunnen zu arrangieren. Teils wurden sie unterworfen und in den hunnischen Heerbann eingegliedert, teils wichen sie nach Westen ins Gebiet der Westgoten aus.

 

Die Westgoten hatten, nachdem sie 269 von Kaiser Claudius II. Gothicus geschlagen worden waren, seit 271 die ehemals römische, inzwischen jedoch aufgegebene Provinz Dacia (Rumänien) besiedelt. Sie waren teilweise als foederati in der Pufferregion mit dem römischen Reich verbunden, bzw. durch Geldzahlungen zum Frieden veranlaßt worden. Die aus dem asiatischen Raum in die Schwarzmeerküste und weiter nach Westen drängenden Hunnen brachten die bislang noch stabile Abwehrfront Roms und Konstantinopels zum Einsturz. Sie schoben die seßhaften Germanenstämme, soweit sie nicht sofort - wie die Ostgoten - eingegliedert worden waren, vor sich her und drängten sie über die Donau ins Römische Reich ab (vgl. Firnkes, Manfred: Völkerwanderung und germanische Reichsbildungen im 4.-6. Jh; in: Weltgeschichte in zwölf Bänden, Band 3, Kreuz und Halbmond, Gütersloh 1996, S. 54 ff; Riehl, Hans: Die Völkerwanderung - Der längste Marsch der Weltgeschichte, Wiesbaden 1988, S. 133 ff).

 

Das römische Reich wies den Westgoten Land in der Provinz Thrakien zu, unter Einräumung einer weitgehenden Autonomie. Die Westgoten verpflichteten zum Waffendienst gegen Geldzahlungen und Nahrungsmittellieferungen. Zudem hatte sich Kaiser Valens für eine Übergangszeit zu kostenloser Saatgut- und Brotgetreidelieferungen verpflichtet. Sei es aus Überforderung, sei es aus eigenem Gewinnstreben, die Zusagen wurden von den örtlichen Behörden nicht eingehalten. In der darauf unter den Westgoten ausbrechenden Hungersnot versuchten römische Amtsträger und Spekulanten Profit zu schlagen, indem sie gegen horrende Bezahlung teilweise verdorbene Nahrungsmittel und Fleischabfälle - zeitgenössischen Berichten zufolge - sogar Hunde, Katzen und Ratten verkauften. Die Not unter den Goten war schließlich so groß, daß sie schließlich Teile der eigenen Bevölkerung als Sklaven verkaufen mußten (vgl. Riehl, a.a.O., S. 141).

 

Daraufhin kam es unter den Westgoten zur Erhebung gegen die Unterdrücker. Von Trakien aus schwärmten gotische Trupps auf Beutezug über die ganze Balkanhalbinsel, die Spitzen gotischer Heerhaufen erreichten sogar Konstantinopel.

 

Die Auseinandersetzungen Ostroms unter Kaiser Valens konzentrierten sich in der ersten Phase der Völkerwanderung nach 375 auf die Westgoten. Valens eilte nach der Zunahme des Drucks aus dem Norden 378 vom persischen Kriegsschauplatz über Konstantinopel nach Norden und stellte sich dem westgotischen Feind bei Adrianopel. Hier kam es am 3. August 378 zur der denkwürdigen Schlacht, in der die Westgoten, von den Ostgoten unterstützt, das römische Heer bis zur Vernichtung schlugen, wobei der Kaiser selbst ums Leben kam. Die Westgoten waren unmittelbar vor der Schlacht noch ein Kontingent versprengter Ostgoten verstärkt worden. Gemeinsam nahmen sie die Truppen Valens in die Zange, wobei die Schlacht vor allem dank der überlegenen gotischen Reiterei zu einem völligen Debakel für die Römer wurde. Die Folgen der Katastrophe waren unermeßlich, die militärische Überwindung der Goten schien aussichtslos.

 

Im Westen war es Valentinianus I. (364-375) gelungen die Grenzen zu sichern. Zunächst kam es 365 zum Angriff der, von Kaiser Julian Apostata noch geschlagenen und zurückgedrängten, Alemannen auf Gallien. Sie stürmten die Rheingrenze, verwüsteten die gallische Ostregion und eroberten 368 Mainz. Erst von Paris aus, dann von Reims, schließlich von Trier aus, wo er sieben Jahre blieb, säuberte Valentinianus I. das Land von den alemannischen Banden (vgl. Seston, a.a.O., S. 521). Er überschritt den Rhein und schlug die Alemannen mitten in ihren Stammlanden. Da diese nicht endgültig zu schlagen waren, und sich Valentinianus über den Rhein zurückziehen mußte , gingen die Kämpfe weiter. Auf dem Rheinstrom kam es 374 zum Friedensschluß. Währenddessen sicherte Theodosios, ein christlicher römischer General aus Galicia dem Frieden in Britannien. Er schlug die Pickten in Schottland und sie Scoten aus Irland, die Wales gebrandschatzt hatten, und befreite London aus der Belagerung durch die Sachsen. 373 ging er nach Africa, wo es ihm mit Hilfe seiner beweglichen Kolonnen gelang, die aufständigen Nomaden aus der libyschen Wüste zu schlagen. Theodosios war der beste Feldherr des Reichs und wurde wegen seines Einflusses 376 vom Sohn und Nachfolger Valentinianus‘, dem Kaiser Gratianus hingerichtet. Die Verteidigung der Grenzen war für Valentinianus der ausschlaggebende Gesichtspunkt, dem er auch seine Haltung zur Religionsfrage unterordnete. Als Arianer geboren, schlug er sich später zum Nicaeanum, dem die große Mehrheit der westlichen Christen angehörte. Doch verfolgte er die Arianer Norditaliens uns Illyriens nicht, sondern wartete den Tod des arianischen Bischofs von Mailand ab, um ihn 374 durch den Athanasianer Ambrosius von Mailand zu ersetzen. Erst als die Donastisten in Africa für den Rebellen Firmus Partei ergriffen, setzte er polizeiliche Mittel zu ihrer Bekämpfung ein. In Trier erlaubte er noch 371 die heidnische Opferbeschau, und erinnerte bei dieser Gelegenheit daran, der er den Heiden stets Religionsfreiheit zugestanden hatte. Valentinianus, der große Organisator der Grenzverteidigung starb bereits 375 in Brigetio an den Folgen eines Schlaganfalls.

 

 

 

3.3. Die Theodosianische Dynastie

 

Im Westen gab es nach dem Tode des Valentinianus‘ II, zwei Kaiser. Kaiser Gratianus 375-383 (sein Erzieher Ausonius, Dichter der Mosella, Bissula u. a.), ältester Sohn und Nachfolger des Westkaisers Valentinian I., war bereits angesichts bevorstehender Usurpation als achtjähriges Kind 367 zum Augustus erhoben worden. Er hatte - aufgrund seiner schöngeistigen Erziehung - nur Sinn für Bücher und Religion, und wurde deshalb von seiner Umgebung unter Aufsicht gehalten. Beim Tod seines Vaters wurde von dessen engsten Beratern deshalb beschlossen, den zweiten Sohn Valentinianus, den vierjährigen Valentinianus II. ([375] 383-392) zum Augustus zu ernennen.

 

Unter dem Eindruck der Goteninvasion und der Niederlage des Valens 378, ernennt Gratianus 379 Theodosios I. 379-395, den Sohn jenes Heermeisters, zum Augustus und betraute ihn mit der Verwaltung der östlichen Reichshälfte. In Erkenntnis der militärisch aussichtslosen Lage suchte Theodosios I. den friedlichen Ausgleich. Nach zunächst erfolgtem Zurückdrängen der Goten hinter den Balkan, schloß er mit ihnen ein foedus. Die Ostgoten werden 382 in Pannonien, die Westgoten auf Reichsgebiet übernommen und im nördlichen Teil der thrakischen Diözese angesiedelt. Sie erhielten volle Autonomie, volle Steuerfreiheit und als Foederaten des römischen Heeres hohe Soldzahlungen. Viele traten in unmittelbaren Dienst des Kaisers.

 

Der Untergang des Valens führte auch den endgültigen Zusammenbruch des Arianismus herbei. Seit 380 kommt es zur Verfolgung der Arianer, gebilligt durch das 2. ökumenisches Konzil in Konstantinopel 381. Dieses Konzil besiegelte den Sieg der Rechtgläubigkeit, und gab, die nikaeanischen Bestimmungen ergänzend und bestätigend, dem Glaubensbekenntnis seine endgültige Fassung gab. Theodosios I., ein glühender Anhänger des nikaeanischen Glaubens förderte die Orthodoxie mit allen Kräften und bekämpfte unerbittlich sowohl das Heidentum als auch die heterodoxen christlichen Sekten. Erst unter seiner Regierung wurde die Christianisierung des Reichs vollendet. Das orthodoxe Christentum erlangte 391 als Staatsreligion Monopolstellung. Die Verbote heidnischer Kulte (393 letzte Olympiade) bezeichnen die große Wende. Theodosios begründete den (oströmischen) Caesaropapismus.

 

Der Schlag gegen das Heidentum hängt neben religiösen Gründen auch mit der innenpolitischen Lage zusammen. In dem ausgedehnten und an seinen vielen Grenzen ständig bedrohten Reich hatten sich seit zwei Jahrhunderten immer wieder Usurpatoren erhoben, die Versuche unternahmen, dem Namen Roms im Sinne seiner alten Tradition zum Sieg zu verhelfen. Bezeichnenderweise stützten sich in der Ära Gratians und Theodosius’ die Usurpatoren, auch die christlichen, stets auf die Heiden, vor allem auf die Träger der politischen Heidentums, die Aristokraten von Rom. Besonders deutlich wird dies am Ende der gratianischen Regierung. Der Kaiser befand sich auf einem Feldzug gegen die Alemannen in Rätien. Er war aber beim Heer nicht besonders beliebt. Diese Stimmung machte sich der Oberbefehlshaber in Britannien Magnus Maximus zunutze. Er ließ sich erst von seinen eigenen Truppen, dann von der Garnisonen Belgiens und Germaniens zum Augustus ausrufen und fand die Unterstützung der großen heidnischen Herren Roms. Möglicherweise trägt er die Mitverantwortung dafür, daß Gratian, von seinen Soldaten verlassen, am 15. August 383 in Lyon ermordet wurde (vgl. Seston, a.a.O., S. 532)..

 

Kämpfe flammen erneut mit den Westgoten in Thrakien, Steuerunruhen im Osten auf. 387 erfolgt die Teilung von Armenien in eine römische und eine persische Zone durch Vertrag mit Schahpur III.

 

Im Westreich regieren nach dem Tod Gratians der Usurpator Magnus Maximus (383-388) und Valentinianus II. (383-392). Maximus, 384 von Theodosios anerkannt, ist den Arianern zugeneigt, findet Unterstützung bei den Heiden Roms. Er wird nach Gallien verdrängt, von Theodosios 388 bei Siscia und Poetovio geschlagen und schließlich in Aquileia gefangengenommen. Wegen blutiger Unterdrückung von Circusunruhen in Thessaloniki wird Theodosios 390 exkommuniziert bis zur Buße. 24.2.391 und 8.11.392 erfolgt das Verbot heidnischer Kultausübung im ganzen Reich. Nach der Ermordung Valentinianus II. 393 wird der Höfling Eugenius (392-394) von der Armee unter dem »Heermeister« Arbogast mit Zustimmung der Franken und Alemannen auf den Schild gehoben. Dieser beabsichtigte, die heidenfeindliche Gesetzgebung Gratians und Theodosios‘ zu Fall zu bringen, und wurde daher tatkräftig von den führenden Heiden Roms unterstützt. Dieser Staatsstreich wurde am Flusse Frigidus (Wippach) 394 von Theodosios niedergeschlagen. Eugenius steht in Verbindung mit der stadtrömischen Adelsbewegung zur Wiederherstellung des Heidentums, den Familien der Symmachi und Nicomachi. Aus dieser Strömung kommt die Vergil-Allegorese des Macrobius (Saturnalien um 400), angeregt vom Neuplatoniker Vettius Praetextatus (gest. 384), und die Historia Augusta verschiedener Kaiserbiographen. Nach der Wirkung auf die griechische Gebildetenschicht durch Libanios geht der Neuplatonismus so ein Bündnis ein mit der Romverherrlichung. Auf tiefsinnige Astrologie gründet der letzte große griechische Epiker Nonnos von Panopolis (um 380) in seinen Dionysiaka die Verherrlichung des Römerreichs (und der Rechtsschule von Beirut); sein Schüler ist Musaios (Epos Hero und Leander). Lateinische Epigrammata Bobbiensia des Naucellius (310 bis 405).

 

Theodosios I. hat kurz vor seinem Tod das gesamte römische Reich nochmals in einer Hand vereinigt. Folge seines Sieges im Bürgerkrieg um die Reichseinigung war die immer stärker werdende Einbindung von »Barbaren« in das römische Heer, sei es als Foederati oder als direkte Armeeangehörige. Meist lebten die Foederati in autonomen Stammesverbänden auf römischen Boden. Zwangsläufig mußte dadurch die Verteidigungskraft des Reiches geschwächt werden. Es kommt zum Einfall der Hunnen in Thrakien, Armenien, Kleinasien, Syrien, und 396 der Westgoten unter Alarich nach Griechenland.

 

Zur Sicherung der Reichverteidigung entschließt sich der alte Kaiser auf dem Sterbebett 395 zur Reichsteilung: der Osten unter dem älteren Kaisersohn Arcadius 395-408 (Vormund Rufinus, dann Eutropius), der Westen unter dem jungen Honorius 395-423, bis 408 gelenkt von dem Vandalen Stilicho (Gatte der Kaisertochter Serena) als alleinigem Heermeister (magister utriusque militiae) und Reichsverweser des Gesamtreichs. Verfassungsmäßig blieb das Reich auch weiterhin zugleich einheitlich und zweigeteilt. Stilicho suchte Theodosios' Germanenpolitik fortzusetzen; er scheiterte am oströmischen Widerstand gegen seine von Theodosios verfügte Reichsverweserschaft über beide Reichsteile und ist zur Abberufung der römischen Truppen aus Britannien und vom Rhein gezwungen. Sein Verherrlicher wird der Epiker Claudius Claudianus (seit 395 in Rom).

 

Trotz der kulturellen Auseinanderentwicklung der Reichshälften war mit Theodosios' Erbteilung nur eine Verwaltungsteilung, doch unter einheitlicher Dynastie gemeint. Aber die Spannungen wurden verschärft durch Streit um die Abgrenzung. Die Zerschlagung der Diözese Illyricum schwächt die Widerstandskraft beider Reiche gegen die Germanen (besonders in Pannonien). Die Grenze, spätere Sprachgrenze zwischen Griechisch und Lateinisch, wurde gebildet durch die Donau von Preßburg bis zur Savemündung, dann von Save und Drina bis zur montenegrinischen Grenze, weiter nach SO zu einem Punkt zwischen Scupi und Stobi und wenig südlich der heutigen Straße Prizren - Skutari zur Adria bei Alessio.

 

Das Zusammenwirken beider Reiche wurde zudem erschwert durch zunehmenden Antigermanismus am Hof von Konstantinopel unter Einfluß der Kaiserin Eudoxia (obwohl selbst fränkischer Abkunft), vertreten von dem Neuplatoniker und Humanisten (später Bischof) Synesios von Kyrene (um 370 - 415, auch Hymnendichter). Am Anfang des 5. Jh. brach mit den Hunnen das Unheil der Völkerwanderung endgültig über Europa herein. Bereits der erste Ansturm auf die Goten war durch äußerst schlecht klimatische Bedingungen und Hunger in den seit Jahrhunderten angestammten Gebieten der Hunnen ausgelöst.

 

In Afrika kam es bereits unter Theodosios 386 zum Aufstand des Kabylen Gildo, soziale Unruhen der Circumcelliones im Zusammenhang mit Donatismus werden 309 von Stilicho unterworfen. Neue Residenz des Westreichs wurde Ravenna als See- und Sumpffeste gegen die Gotengefahr, bei den Einfällen des Alarich 401/3 (geschlagen bei Pollentia 402, Verona 403) und Radagais (bei Faesulae vernichtet 405). Beim Eingreifen in Thronwirren des Ostens wurde Stilicho gestürzt und hingerichtet. Fortan Abwehr der Goten unmöglich, aber die 408 föderierten germanischen Volkskönige werden "Söhne des Kaisers" in ihren neuen Sitzen im Westreich; dessen Einheit wird also in der Theorie (wie in der Stadtkultur) aufrechterhalten. Gallien und Spanien sind seit 406 praktisch großenteils an die Germanen verloren.

 

410 Einnahme Roms durch Alarich erschüttert das ganze Imperium. Sie wird zum Anlaß der Entstehung des Geschichtswerks des Orosius (gegen die Heiden, um 418) und des Werks De civitate Dei (413-426) des Bischofs Augustinus (354-429); die Ehrfurcht vor Rom ist auch unter den Dichtern, Heiden (wie Rutilius Namatianus, de reditu suo 416) und Christen (Prudentius, gest. um 410, dichtete Märtyrerlegenden), gemeinsam.

 

Die Westgoten werden 415 Roms Foederati in Südfrankreich. Große Selbständigkeit Afrikas unter Heraclianus, nach dessen Einfall in Italien 418 und Unterdrückung der Donatisten unter comes Bonifatius.

 

Theodosios II. (408-450), unter Einfluß seiner wenig älteren bigotten Schwester Pulcheria, dann seiner Gattin Athenais Eudokia aus den Adelskreisen des heidnischen Athen, veranlaßt die Einsetzung des Valentinianus III. (425-455) im Westen unter Vormundschaft seiner Mutter Galla Placidia (daher ihr Mausoleum in Ravenna). Er betont die Reichseinheit auch in der Gesetzgebung: Für das Gesamtreich gilt Codex Theodosianus 438 (Zusammenfassung der kaiserlichen Constitutiones mit Gesetzeskraft von 312-437), aber fortan neue Gesetze nur gültig, wenn beiden Reichsteilen zugesandt (was oft unterbleibt). Ebenso abschließend wirken die Statistik des Staats- und Heeresapparats (notitia dignitatis um 420) und die Städteliste (nur für den Osten erhalten in Hierokles' Synekdemos von 535, doch kaum erweitert seit 430). Die Geschichte der antiken Dichtung endet mit Apollinaris Sidonius (431-479), die der antiken Kultur mit der Schilderung des Salvianus (de gubernatione Dei 440). Fragment ist die Küstenbeschreibung des Avienus (de ora maritima um 400).

 

Gallien und Spanien werden durch den magister utriusque militiae Flavius Constantius seit 411 wiedergewonnen. Seit 417 Gatte von Honorius' Halbschwester Galla Placidia, wird er 421 zum Kaiser als Constantius III. 421 erhoben, stirbt aber bald darauf. Nach Wiederherstellung der Reichseinheit gegen den Usurpator Johannes (423 - 425) in Ravenna genießt das Restreich eine Friedenszeit; allerdings muß auf Spanien (425 vandalisch, dann westgotisch), seit 442 endgültig auch auf Afrika, wohin Bonifatius 429 die Vandalen gerufen hatte, verzichtet werden; in Afrika verliert Rom seine Kornkammer. Diese Friedenszeit wird nur durch den christologischen Kirchenstreit des Nestorios beeinträchtigt: 3. ökumenisches Konzil von Ephesus 431 mit Straßenkämpfen, 449 sog. Räubersynode in Ephesus. Konstantinopel wird seit 412, erneut 439, 447 als Musterfestung ausgebaut gegen Isaurierunruhen in Kleinasien, Angriffe vandalischer Flotten; Bedrohung durch die Hunnen und die Tzanen (des Kaukasusvorlandes). Seit 441 Erhebungen der Isaurier und Tzanen, Einfälle der Hunnen in Thrakien (441-447), der Blemmyer in Ägypten (erst 452 besiegt). Perser unter Jesdegeerd II. erzwingen die Aufgabe der Grenzfestungen.

 

Das Westreich verdankt unter Valentinian III. (425-455) sein Fortbestehen, auch die Wiederherstellung der Rheingrenze 445, den guten Beziehungen seines Heermeisters Aetius (429-454 im Amt, 438 als Patricius) zu den Hunnen (bis 448), 445-455 auch zu den Vandalen, andererseits, vielleicht gegen den Willen der Galla Placidia und des Kaisers, auch zu den Grundherren Galliens als patroni großer Gefolgschaften. Förderung der Zentralisierung der abendländischen Kirche durch Unterstützung des päpstlichen Primats unter Papst Leo I. (445). Einfall der Hunnen unter Attila auf den Katalaunischen Feldern 451 durch Aetius und den Westgotenkönig Theoderich abgewehrt. Mit der Ermordung Valentinians III. 455 durch die Rächer des Aetius endet die Dynastie des Theodosios im Westen. 455 Plünderung Roms durch Geiserich.

 

Im Ostreich wird Marcianus 450-457 durch Heirat mit Pulcheria erhoben, als erster vom Patriarchen von Konstantinopel gekrönt. Durch die Beeinflussung des 4. ökumenischen Konzils in Chalcedon 451 entscheidet er sich gegen den Monophysitismus wie die Anhänger des Nestorios, sichert damit zwar Ägyptens Reichszugehörigkeit, verlagert aber die Spannungen zu den z. T. monophysitischen Untertanen in Syrien. Der Zusammenbruch des Hunnenreichs nach Attilas Tod 453 und der Angriff der Hephthaliten auf Persien erlaubt Einstellung der Tribute an Hunnen und Perser. Leo I. 457-474, von dem arianischen Alanen Aspar und dem Senat erhoben, muß Einfälle der Ostgoten in Illyricum (459, 472), der Hunnen in Thrakien (469, 472) dulden. Unter ihm lehrt in der heidnischen Hochburg Athen der Neuplatoniker Proklos (gest. 485).

Die verschiedene wirtschaftliche Entwicklung (patronicia im Westen 415 anerkannt) und geistige Eigenart (Gründung der Universität Konstantinopel 425), die besondere Bedrängung des Ostreichs seit 441, schließlich die Ersetzung des Heermeisters Aspar durch den Häuptling der bis reichsfeindlichen Isaurier, Tarasicodissa 474, nach Vertreibung erneut als Kaiser Zeno I. erschwert oströmisches Eingreifen in die Wirren des Westens. Dort wirkt nach dem Scheitern eines Vandalenzugs des Maiorianus (457-461) der Suebe Ricimer als Kaisermacher des Libius Severus (461 bis 465), Olybrius (472). Der aus dem Ostreich 467 entsandte Kaiser Anthemius kommt 472 im Straßenkampf in Rom um. Sein Nachfolger Julius Nepos (474-475) wird durch den Heermeister Orestes vertrieben, der seinen kleinen Sohn Romulus als Kaiser ausruft. Der letzte römische Kaiser des Westens ist Romulus, genannt Augustulus, 476. Seine Absetzung bedeutet nicht das Ende des römischen Reiches im Westen. Der Herrscher in Konstantinopel betrachtet die Reichseinheit als wiederhergestellt, die Machthaber im Westen als seine Beauftragten, so Odwakar und die Ostgotenkönige, diese als patricii und Heermeister. Nach der Abkehr von Kleinasien und Syrien unter dem "orthodoxen und römischen" Kaiser Anastasius I. (491-518) und dem Illyrier Justinus I. (518-527) verwirklicht Justinian I. 527-565 die Einheit des römischen Reichs. Er vernichtet die Vandalen und Goten, bekräftigt die Reichseinheit im Corpus iuris civilis 534 und führt die Reform der Reichsverwaltung, in Novellae spezialisiert, unter Betonung des Romgedankens und des Lateinischen, der Muttersprache des Kaisers, durch. Das Ende des römischen Reiches als Idee fällt im Osten unter Kaiser Herakleios 610-641 mit der Einführung des griechischen Kaisertums in Konstantinopel und der Neuordnung der Reichsverwaltung und -verteidigung infolge der sozialen Revolution unter Phokas (602-610) unter den Schlägen der Slawen und der letzten Sassaniden. So bezeichnet das Jahr 476 nicht das Ende der Antike, sondern nur einen Einschnitt in der Entwicklung im Übergang von der Römerherrschaft zum Mittelalter: mit dem Fernerrücken des Repräsentanten der Reichsgewalt verblaßt die Romidee für die Germanenkönige.

 

 

 

 

 

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