Anhang 13: Byzantinische Zahlenmystik
Zahlen, gr. 0 APIOMOC, auch geometrische Figuren, die sie repräsentieren, sind ein Mittel, die Welt zu beschreiben, zu vermessen und sie zu begreifen. d.h., sie in den eigenen geistigen Besitz einzugliedern. Die Alten benutzten die Zahlen, die für sie mehr waren als nur Meßeinheiten, dazu, Beziehungen zwischen der eigenen Existenz und der großen Welt herzustellen. Sie gliederten ihre Umwelt durch Zahlen, die sie im Kosmos vorfanden. Die Aufstellung eines Kalenders mit 12 Monaten nach den 12 Mordphasen stellte die Übernahme eines periodischen Himmelsereignisses als Gliederungsmittel des Gemeinschaftslebens dar, das in Übereinstimmung mit dem Rhythmus der Natur gebracht werden sollte. Die Einteilung eines Volkes (zumindest theoretisch) in zwölf Stämme (Israel) oder die Besiedlung eines Raumes mit zwölf Städten, bekundete die Absicht, in Harmonie mit der kosmischen Ordnung zu leben.
Die beiden Quellen der frühchristlichen und byzantinischen Zahlensymbolik:
* Biblische Zahlen: Das AT bevorzugt die 4, 7, 12 und die 40. Im NT werden darüber hinaus verschlüsselte Zahlzeichen genannt (Joh. 21, 11, Apokalypse), die auf der Gleichsetzung von Buchstaben des hebräischen Alphabets mit Zahlen beruhen (Zahl 10 , 15). Ephräm der Syrer benutzt in seinen Hymnen eine auf dem Hebräischen basierende Buchstaben-Zahlensymbolik. Es dürfte sicher sein, daß sich eine in frühchristlicher. Zeit betriebene, auf den hebräischen Zahlen beruhende Geheimsymbolik (z.B. Zahl 10) bis in die frühbyzantinische. Kunst hinein verfolgen läßt.
* Pythagoreische Zahlen: Pythagoras (Samos, 6. Jh. v. Chr.) sah alles Seiende konstituiert durch Zahlen. Für ihn waren sie das eigentlich Seiende - wie später für Platon die Ideen. Kosmos bedeutete für die Pythagoräer ein harmonischer Zusammenklang von Zahlen. Sie entwickelten eine ausgefallene Zahlenspekulation, deren Folgen im mediterranen Volkstum noch heute spürbar sind. Besonders wichtig die Unterscheidung von ungeraden, männlichen Zahlen (Zuordnung: rechts, ruhend, Licht, das Gerade, das Gute) und geraden, weiblichen Zahlen (Zuordnung: links , Bewegtheit, das Gekrümmte, das Böse, die Schlange).
In der frühchristlichen. und frühbyzantinischen. Kunst gibt es keinen Zahlenwert, keine Anzahl von geometrischen Figuren, von Personen oder Dingen, die man nicht versuchsweise auf ihre symbolische Bedeutung hin abklopfen sollte.
Der Symbolwert der einzelnen Zahlen:
Zahl 1: Zahl der unteilbaren Einheit, Grundbaustein aller anderen Zahlen. Gott schuf die Welt am ersten Tag, deshalb ist die Eins Zahl der Schöpfung. In vielen Religionen, auch im Islam, ist sie dargestellt durch den ersten Buchstaben des Alphabets, wie das hebräische Aleph , die Zahl Gottes, der absoluten Einheit. Das NT geht darüber hinaus, sieht Gott als den Gegensatz: "Ich bin das Alpha und das Omega, Anfang und Ende", nämlich erster und letzter Buchstabe des griech. Alphabets, zugleich erstes (Alpha = 1) und letztes (Omega = 800; der letzte hebräische Buchstabe Taw = 400, Wortbedeutung Kreuz) Zahlzeichen. Gott ist Einheit und Vielheit zugleich.
Dies wird durch die Trinitätslehre betont, die Gott zugleich als Einheit und als Dreiheit (d. h. als den Prototypus der ersten echten Vielheit) sieht und die damit festlegt, daß über Gott keine ‘ein’-deutige Aussage zu machen ist. Entsprechendes sagt die islamische Vorstellung von den 99 Namen Allahs aus (Zahl 99).
Zahl 2: Als Zahl der Zwiespältigkeit, der Polarität, wie der Paarigkeit, eine Zahl mit zweideutiger Wertigkeit. Negativ drückt sie das Zerfallen der Einheit in gegensätzliche Wesenheiten aus, positiv die Vereinigung zum Paar Mann-Frau als Vorstufe zum endgültigen Aufgehen in Einem. Der Mensch selbst ist Einheit mit Nase, Mund und Nabel - zugleichpaarig angelegt mit zwei Nasenlöchern, Augen, Ohren, Armen, Beinen und mit zwei unterschiedlich orientierten Gehirnhälften. Überraschend viele byzantinische Motive spiegeln in ihrem Aufbau die zwiespältige Einheitlichkeit der Axialsymmetrie des Menschen selbst: Maria zwischen Engeln, Christus zwischen einem Kaiserpaar, die Deesis, Konstantin und Helena. Die Zwei-Naturenlehre selbst folgt der axialsymmetrischen Struktur, betont die Zweiheit der menschlichen wie der göttlichen Natur Christi und zugleich deren Einheit. Auf sie bezieht sich die biblische byzantinische Zweiersymbolik. Bischofsleuchter mit zwei Kerzen, Prosphora aus zwei Teilen, etc.
Die hebräische Kultur bevorzugt noch strengere Dualitäten: Himmel und Erde für die Gesamtheit der Welt, Gesetz und Propheten für die Gesamtheit der Schriften des AT, Nacht und Tag für die 23 Tagesstunden. Die Poesie der Psalmendichtung besteht darin, daß ein- und derselbe Tatbestand mit zwei verschiedenen einander folgenden Formulierungen wiedergegeben wird.
Die byzantinischen Gesänge bekommen dagegen vielfach ihre Farbe durch die antithetische Gegenüberstellung von Gegensätzlichem.
Zahl 3: "Und daß Gott einer ist oder eine Wesenheit, und daß er in drei Personen gekannt wird und ist, nämlich Vater, Sohn und Heiliger Geist; und daß der Vater, Sohn und Heiliger Geist durchaus eines sind, ausgenommen des Ungezeugtseins, des Gezeugtseins und des Hervorgehens ..." (Johannes Damaskinos, Glaubenslehre I, 2).
Drei ist die göttliche Zahl, das erste echte Viele, nicht nur das in ein Paar zerfallene Eine (Zahl 1). Das in sich ruhende Eine auf der einen Seite zusammen mit dem Paar auf der andern, dem Sinnbild des Dualen, das unter sich einen Dialog führen kann, ergibt die Drei. Alle Dreiergruppierungen in Byzanz - drei Apsiden , dreimaliges Sich-Bekreuzigen, der dreiflammige Bischofsleuchter, dreiteilige liturgische Formeln (Dreimal heilig, Trisagion), die drei sichtbaren Arme im Kreuzesnimbus Christi, Dreiergruppen von Personen insbesondere die der Engel bei Abraham (Pfingsten)-, alles das weist schließlich hin auf die Dreieinigkeit Gottes.
Die Dreiheit ist eine äußere universe Gliederung - sowohl des Raumes in der Menschenwelt (indisch: Madya pada - Mittelwelt), Oberwelt und Unterwelt als auch der Zeit in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Das kommt auch in der indischen Trinität, die in Shiwa enthalten ist, zum Ausdruck. Brahma, der Schöpfer, Wishnu, der Erhalter und Kala-Rudra, der Vollender.
Auch die Andeutung der Trinität, die sich im NT findet, ist Repräsentant der Gesamtheit der Zeiten "Der da ist und der da war und der da kommen wird" (Offb. 4, 8). Das Dreieck, im Westen Symbol der Trinität, ist in Byzanz Zeichen der Gottesmutter (Maria, Proskomidie). Die drei trinitarischen Sterne auf ihrem Maphorion werden ebenfalls zeitlich gedeutet - Maria blieb Jungfrau vor, während und nach der Geburt Christi. Unter dem Einfluß der Idee des Trinitarischen haben im christlichen Osten wie im Abendland Dreiergruppierungen eine besonders große Bedeutung gewonnen: Märchen und Schauspiele setzen den Helden drei Gefahren aus oder lassen ihn beim dritten Anlauf sein Ziel erreichen. In Schriftsätzen mit Begründungen werden drei Argumente bevorzugt - in Ost-Asien dagegen vier.
Zahl 4: "Und dann wird er seine Engel aussenden und wird versammeln seine Auserwählten von den vier Winden, von dem Ende der Erde bis zum Ende des Himmels (Mk 13, 27). Vier ist die Zahl der Welt als des Lebensraum des Menschen oder aber des gesamten Kosmos . Das NT kennt die vier Winde aus den vier Himmelsrichtungen, repräsentiert durch die vier Tiere (Hesekiel), durch die vier Angesichtsengel vor Gott oder auch durch vier verschiedenfarbigen Pferde (Sacharjas 6 ff.). Bei Hesekiel 37, 9 kommt Wind aus vier Richtungen - es ist ein kosmisch allesumfassender Wind, der den toten Gebeinen Leben einhaucht.
Vier Flüsse umfließen und umgrenzen das Paradies. Vier Hörner, Symbole der Kraft, wie die Winde, hat der Altar (nach altorientalischer Tradition!) im Tempel zu Jerusalem. Sie sind das Heiligste an ihm. Vier Flüche Bileams wurden viermal in Segen für die Kinder Israel verwandelt (4 Mo 22-25).
In Asien wird der Kosmos durch vier Richtungen bestimmt - Quadrate oder Kreuze sind Symbolbilder der Welt. Das NT übernimmt die vier Winde bzw. vier Engel als Bild der gesamten Erde (Mt 24,31; Mk 13, 27; Off 7, 1-2; 9, 14-15; 20, 8).
Wichtige byzantinische Vierer-Einheiten sind u. a.:
* Vier Evangelien und vier Evangelisten, die als
Nachfolger der vier Winde die gesamte Welt und
die Ausbreitung des Logos in ihr repräsentieren
(vgl. Hesekielvision, Dan. 7, 1 ff).
* Vier Hauptteile, in die in den meisten östlichen
Liturgien das Brot als der Leib Christi gebrochen
wird.
* Vier Punktmarkierungen in den Zwischenräumen
zwischen den Kreuzbalken und auf Evangeliaren.
* Vier Kirchenväter, die die Grundlage der Dogma-
tik und Liturgie der Orthodoxie gelegt haben.
* Vier Quellen , die unter frühchristlichen und früh-
byzantinischen Kreuzen hervorsprudeln, Symbole
des Paradieses und der Welt und gleichzeitig auch
der Evangelien.
Zahl 5: Zahl der Vollkommenheit, weil sie zu den fünf Fingern einer Hand entspricht - auch weil sie sich aus der weiblichen Zahl Zwei und aus der männlichen Gotteszahl Drei zusammensetzt. Mit fünf Kerzen segnet der Bischof einen zweiflammigen und einen dreiflammigen Leuchter in Händen.
Als kosmische Zahl ist Fünf vollkommener als die Vier, weil zu den vier Richtungen die Mitte kommt. Fünf Säulen repräsentieren im alten Ägypten das Weltenganze; fünfsäulig oder fünfhügelig sind in der Regel Altäre afrikanischer Gottheiten. Die Moslems haben diese kosmologische Vorstellung vergeistigt: Die fünf Säulen des Islam sind Glaubensbekenntnis, fünfmaliges Gebet täglich, Almosengeben, Fasten im Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka. Bei den Mayas in Mittelamerika bedeuten fünf kreuzförmig angeordnete Punkte das Weltenganze, wie in Ostasien (fünf Götter in Farben bilden das Zentrum und die vier Wächter der Welt in Indien und Java, fünf Berge markieren Mitte und Enden des Reiches der Mitte).
Byzantinische Fünfer-Gruppierungen:
* fünf Hauptpunkte hat das Kreuz als Kosmogramm.
* fünf Wunden Christi spenden eucharistisches Blut.
* fünf Prosphoren werden in der griechisch-ortho-
doxen Liturgie (Proskomidie) benutzt, dargestellt
durch das Kreuz mit zusätzlich vier Kreisen oder
Punkten (Wunderspeisungen).
Pythagoras sah die Fünf als Zahl des Menschen (vier Glieder und der Rumpf; fünf Sinne) in seiner Erscheinung als Mikrokosmos, eine Deutung, die er sicherlich vom makrokosmischen Aspekt der Fünf abgeleitet hat.
Fünfer-Symbole können als Schutzzeichen dienen, auch für Verwünschungen herhalten, wie z. B. das Fünfeck bzw. der Fünfstern, das Pentagramm, in Mitteleuropa. Unter den Griechen gilt es als bösartige Beleidigung, jemandem eine Hand mit gespreizten Fingern entgegenzustrecken . Die Moutza als Abwehrgeste gegen den Bösen Blick oder Verfluchungen stammt aus Arabien oder Persien.
Zahl 6: Gehört, weil sie der Seitenzahl des Würfels entspricht, zu den vollkommenen Zahlen, hat mit der Erde (quadratisch oder würfelförmig vorgestellt) und dem Menschen zu tun - in sechs Tagen vollendete Gott die Schöpfung mit der Erschaffung Adams. Ephräm der Syrer sieht die Sechs ebenfalls kosmologisch: Vier Himmelsrichtungen, ergänzt durch unten und oben. Die häufigen frühchristlichen sechsstrahligen Sterne (Galla Placidia, Ravenna, Mitte 5. Jh.) spielen auf das Monogramm Christi an, kombiniert aus dem aufrecht stehenden großen I (für Jesus) und einem liegenden Kreuz (= Chi für Christos).
Die Byzantiner reduzieren bisweilen in Bildern aus Platzmangel Zwölfer-Gruppen von Personen auf Sechser-Gruppen. Sechszackensterne, wie der Davidstern, werden auch als zwei einander durchdringenden Dreiecke angesehen, die die Vereinigung aller Gegensätze - des männlichen und des weiblichen Prinzips - bedeuten.
Zahl 7: Zusammengesetzt aus der göttlich geistigen Drei und der erdhaft weltlichen Vier, entspricht sie der Zahl der damals bekannten Planeten (fünf + Sonne und Mond). In der Spätantike (Mithras-Religion, Gnostiker, frühe Christen) galten sie als die sieben Archonten, die ihre sieben Sphären beherrschten. Die Seele , bei der Geburt über die sieben Höllen herabgestiegen, mußte nach dem Tod den gefährlichen Aufstieg an den despotischen Archonten vorbei auf sich nehmen. Seelengeleiter war der ‘gute Hirte’, er trug das Seelen-Lamm durch die gefahrvollen Zonen.
Die sieben Töne der Tonleiter waren den Sphären zugeordnet. Der Christus - Orpheus beherrschte mit den Tönen auch die Archonten. (Sphärenkreuz, Kizil Cukur, Üzümlü-Kilise, 8. Jh .) Das gnostisch beeinflußte Perlenlied in den Thomasakten schildert die Seelenreise. Weitere Symbole der Planetensphären: Sieben Zweige der Lebensbäume - auch der Menorah (siebenarmiger Leuchter im Tempel zu Jerusalem) sowie asiatisch schamanische Baumsymbole; sieben Stufen der Zikkurats (Turmbau zu Babel); sieben Stufen eines Thrones; sieben rituelle Schritte: Die sieben Schritte der halbjährigen Gottesmutter (Marienzyklus), des neugeborenen Buddha nach Norden, versinnbildlichen das Hinausschreiten über die Planetensphären (ähnlich das Hüpfspiel ‘Himmel und Hölle’).
Als aktivierende (ungerade) Zahl sorgt die Sieben dafür, daß etwas passiert: Siebenmal betet Elias um Regen, dann kommt er (l Kön 18, 43 ff ). (Die Sieben als wichtige Zahl im Regenzauber; sieben Farben des Regenbogens). Siebenmal mußte sich Naeman im Jordan waschen, um vom Aussatz frei zu werden (4 Kön. 5, 14). Vor allem: In sieben Tagen hat Gott die Welt erschaffen.
Der Offenbarung zufolge beherrscht die Siebenzahl auch der Welt Ende: sieben Gemeinden, sieben Leuchter, sieben Sterne, sieben Engel, sieben Siegel, sieben Trompeten, sieben Plagen, das Untier mit sieben Hörnern, der Drache mit sieben Häuptern und sieben Kronen. Eine böse Sieben! Aber: sieben Bitten garantieren die Wirksamkeit des wichtigsten christlichen Gebetes - des Vaterunser.
In der orthodoxen Kirche gibt es sieben Gaben des Heiligen Geistes (Mysterien). Priester vollziehen die Krankenölung, die jeweils siebenmal wiederholt wird ; sieben Konzile werden als ökumenisch, weltweit verbindlich, anerkannt.
Zahl 8: Sie verkörpert die Vollendung: Am achten Tage der Woche ist Christus auferstanden, hat die Schöpfung vollendet. Deshalb wird am achten Tag nach wichtigen Festen eine Nachfeier (die Oktav) abgehalten. Sieben ist die Zahl des gegenwärtigen Lebens, Acht diejenige des kommenden ewigen Lebens. Die verdoppelte Vier ist aber auch Zahl der Vollkommenheit des Kosmos. Neben der Vierer- (und Fünfer-Symbolik wird in Asien das Achter- (und Neuner-) Symbol des Kosmos verwendet - der achtblättrige Lotos. Ein Kreis aus acht Waffen repräsentiert in Bali die acht Wächtergottheiten des Alls. In Athen steht der antike achtseitige Turm der Winde mit den acht Reliefs der Richtungsgottheiten. Die kosmische Bedeutung der Acht-Zahl ergab sich durch Einschieben von vier Zwischenhimmelsrichtungen zwischen die vier Kardinalpunkte. So entstand ein achtstrahliges, -blättriges oder -eckiges Symbolgebilde , das zwischen Quadrat- und Kreisform in der Bedeutung von Erde (Viereck) und Himmel (Rund) vermittelt und beides umfaßt.
Besonders beliebt war die Acht in frühkonstantinischer Zeit: Das verbreitetste Christus-Sonnenmonogramm war achtstrahlig, erscheint auch als Stern. Baptisterien und Martyrien erhielten, nach dem Vorbild der die Decke gliedernden Malerei in Katakomben-Cubicula, acht Nischen, waren selbst rund oder achteckig ummantelt. Achteckige Taufbecken wiesen hin auf die Taufe (und Bluttaufe = Märtyrertum, auch manche Phiali auf dem Athos) als den Weg zur Achtheit dem ewigen Leben, Verwirklichung räumlicher und zeitlicher Vollkommenheit).
Der feststehende Teil des byzantinischen Kirchenjahres ist in einen Zyklus von jeweils acht Wochen (Oktoichos) unterteilt.
Im byzantinischen Sakralbau ist das Oktogon (Achteck) Symbol mannigfacher Gedankenassoziationen der Vollendung. Die von ihm ausgehenden vier Basilikahallen in manchen Kirchen (z.B. die Kirche des heiligen Simeon Stylites in Antiochia, heute Qalaat Seman (der Vorläuferin der Kreuzkuppelkirchen, vgl. Stierlin, Henri: Byzantinischer Orient - von Konstantinopel bis Armenien und Syrien bis Ägypten, Belser-Verlag Stuttgart 1996, S. 41 f, Grundriß S. 25, Abb. 5-10, S. 21/22, 27, 31), die "vier Königshallen", haben einen deutlichen kosmischen Akzent insofern sie die Herrschaft des Himmelskönigs über die vier Himmelsrichtungen bedeuten und die Vorstellung von der Metamorphose des Kosmos durch den Auferstandenen (vgl. Onasch, Konrad: a.a.O., S. 206/207). Die ersten Zentralbauten frühchristlicher Architektur weisen bereits in ihrer Zahlensymbolik die Zahl Acht auf: San Constanza in Rom wie auch die Grabeskirche in Jerusalem verfügen in ihrem zentralen Stützensystem unter der Kuppel über acht Säulen, wie auch acht Säulen des Portals: Sie symbolisieren die Auferstehung und den Wochenbeginn und verdeutlichen das übergreifende Achtsystem des östlichen Christentums (vgl. Onasch, Konrad: Lichthöhle und Sternenhaus, a.a.O., S. 194; Onasch, Konrad: Liturgie und Kunst, Art. "Okteochos"; ders. in: LChI, Bd. 1-4). Die in der ostkirchlichen Baukunst nach den Anfängen des Zentralkuppelbaus erfolgte Reduzierung des zwölfeckigen Grundrisses auf das Oktogon war sowohl semantisch wie architektonisch fruchtbar. Der Zahlenkode "Acht" ließ sich einfacher entziffern als die "Zwölf", zumal die "Acht" fast alle Bereiche der byzantinischen Baukunst, Musik aber auch der Festzyklen mit ihren kosmischen Gedankenverbindungen beherrscht. "Die Achtzahl bezeichnete symbolhaft die Taufe als Tod und Auferstehung des Täuflings und gab damit der auch bei Grundrissen von Thermen anzutreffenden "Acht" auf einem mehr oder weniger situationsmilitanten Umfeld einen neuen Sinn, einen neuen nur christlichem Verständnis zugänglichen Kode. Auf diesem Umfeld mit den bekannten Konkurrenzen zwischen den imperialen Ansprüchen des Kaisers und denen Christi spielte der oktogonale Umriß nicht nur bei Baptisterien eine Rolle, sondern auch bei großen Sakralbauten" (vgl. Onasch, Konrad: Lichthöhle und Sternenhaus, a.a.O., S. 196-199).
Zahl 9: Als potenzierte Drei ist die Neun eine göttliche Zahl. In Asien wird den acht Himmelsrichtungen als neunte das Zentrum hinzugefügt (dort dienen die Vier; Fünf; Acht wie die Neun als Basis für Kosmogramme). Aber auch die neun Engelchöre des Dionysos Areopagita (Himmlische und kirchliche Hierarchie) formen einen vergöttlichten Kosmos.
Zahl 10: Die gut zum Zählen geeigneten zwei mal fünf Finger des Menschen geben der Zehn ihren herausragenden Rang. Das römische Zahlzeichen besteht aus je einer nach oben und nach unten weisenden stilisierten Hand. Daß nach Ephräm dem Syrer die Zehn für Jesus selbst steht, beruht darauf, daß das hebräische Zahlzeichen mit dem Buchstaben Jod identisch ist. Die Oranten der Katakomben und frühchristlichen Mosaiken (Sant’ Apollinare in Classe, Ravenna, Mitte 6. Jh.) und noch bei der Gebetshaltung der griechisch-orthodoxen Kirche erheben die Hände gespreizt, darin ist - zumal da im hebräischen Jod = Hand bedeutet - ein ursprünglich geheimes Zeichen für Jesus zu erblicken. Auch das griech. Jota ist Zahlzeichen für Zehn, und die lateinische Ziffer X ist dem griech. Chi (Christus) formgleich.
Zahl 12: Zahl des geschlossenen Kreises, der Tierkreiszeichen, der Monate (nach den Mondphasen), der Stunden des Tages wie der Nacht.
AT: Zwölf Stämme umfaßt Israel, zwölf Erzväter waren die Stammväter. Auf zwölf bronzenen Stieren steht das eherne Meer im Tempel: Je drei blicken in alle Himmelsrichtungen. Je drei Tore haben (nach dem apokryphen Buch Henoch) die vier Seiten der Welt.
Für das Judentum des AT ist die Zwölf die zeit- und raumgliedernde Zahl schlechthin.
NT: Zwölf Jünger hat Christus als seinen engsten Kreis - die zwölf Repräsentanten der zwölf Stämme Israels - um sich geschart. Zwölf Körbe Reste bleiben bei der Speisung der 5000 übrig, Anspielung auf die zwölf Schaubrote im Tempel (Wunderspeisungen). Zwölf Sterne trägt die Krone des apokalyptischen Weibes (Off 12, 1). Zwölf Tore und zwölf Grundsteine hat auch das himmlische Jerusalem (Off 21, 12).
Byzantinische Kirche: Zwölf Kirchenfeste (Dodekaorthon, Festtagskalender) sind die Hauptfeste, die Ostern flankieren. Zwölf Propheten heißt das Buch des griechischen AT, das die zwölf kleinen, im Gegensatz zu den vier großen Propheten umfaßt. Sie werden als Prototypen der Apostel aufgefaßt. Zwölf Evangelienlesungen bilden die Basis des Passionsgottesdienstes am Abend des großen Donnerstag (Megalh Pempth). Zwölfeckig sind die Kronleuchter in den Athoskirchen. Die Zwölf-Zahl weist in jedem Fall - ob zwölf Tauben, zwölf Lämmer oder insbesondere zwölf Sterne - auf die Apostel hin; eine Anordnung von drei mal vier Symboldetails auf das himmlische Jerusalem.
Zahl 13: In Byzanz durchaus keine Unglückszahl, bedeutet sie zwölf Apostel und Christus. Deswegen ist z. B. der äthiopische Prosphorenbrotstempel in 13 Felder eingeteilt. 13 ist die Zahl der Hauptfeste einschließlich Ostern. Die Synode der autokephalen orthodoxen Kirchen Griechenlands besteht aus zwölf Bischöfen und als 13., ihrem Vorsitzenden, dem Erzbischof von Athen und ganz Griechenlands.
Zahl 14: Eine Mondzahl, weil das Gestirn jeweils in 14 Tagen heranwächst und wieder verschwindet, kommt dreimal in der Genealogie Jesu vor (vgl. Wurzel Jesse).
Zahl 15: Die üblichen hebräischen Buchstaben für den Zahlenwert 15 sind JH, die ersten Buchstaben des Gottesnamens Jahwe (Vokale zählen im Hebräischen nicht). Da sie nicht ausgesprochen werden durfte, hat man diesen Buchstabenwert durch 6 + 9 ersetzt. Die 15 geheimnisvollen Punkte, die auf Grabstelen einer frühen judenchristlichen gnostischen Sekte, der Archontiker, auftauchen, spielen vermutlich auf Jahwe an. Die 15 war auch Zahl der Ischtar und die Archontiker verehrten eine Mutter des Lichtes im achten Himmel.
Zahl 16: Vier mal vier ergibt eine vollkommene, auf Erde und Welt bezogene Zahl. Die meisten byzantinischen Kuppelzylinder haben 16 Fenster oder sind in 16 Rippen eingeteilt, zwischen die die 16 Propheten verteilt werden. Die 16 Sterne um ein Kreuzsymbol über der Apsis der Agia Sophia in Thessaloniki symbolisieren wahrscheinlich ebenfalls die 12 + 4 Propheten des AT. 16 Jahre alt war Maria, als sie Christus gebar (Protevangelium). In mittelbyzantinischer Zeit hat man das Kirchenjahr in 16 Hauptfeste unterteilt. Die üblichen koptischen Prosphorensiegel bestehen aus 16 Feldern.
Zahl 24: 24 älteste, entsprechend den 12 + 12 Stunden des Tages und der Nacht, umgeben nach der Offenbarung 4, 4 und 9 den Thron Gottes und des Lammes. Man findet sie häufig auf Athosfresken (Apokalypse) . 24 Buchstaben hat aber auch das griech. Alphabet (24 Mondhäuser der Mond).
Da das Alphabet eine Kurzchiffre des Universums oder Gottes als des Logos darstellt, ist es der Garant kosmischer Harmonie. Die 24 Ältesten werden mitunter als Repräsentanten der einzelnen Buchstaben des Alphabetes aufgefaßt. Auf einem koptischen Fresko (Simeonkloster Assuan) folgen die Anfangsbuchstaben ihrer Namensbeischriften dem Alphabet.
Zahl 40: Die sowohl für die Bibel wie für den griech. Volksbrauch mit Abstand bedeutungsvollste Zahl steht einerseits für das Lebensalter des Menschen (Generation, Heiratsalter, Alter der Lebenserfahrung: Apg. 4, 23), andererseits für die Dauer von Übergangssituationen (Durchgangsriten, Berufungen zum Propheten) sowohl im Leben des einzelnen Menschen als auch im Sinne eines kosmischen Ereignisses. Einen Zeitraum mit 40 Einheiten durchlaufen, bedeutet für den Menschen, aus der Zeit herauszugleiten und die Ewigkeit zu berühren. 4 x 10 ist auch die Kombination der Kosmos- mit der Christuszahl. 40 Märtyrer wurden in Sebaste hingerichtet.
AT :
* 40 Tage und Nächte stieg die Sintflut durch Dau-
erregen an (das hebräische Zahlzeichen für 40
wird Mem = Wasser genannt).
* 40 Tage war Mose zum Empfang der Gesetzesta-
feln auf dem Sinai, das erste wie auch das zweite
Mal (2 Mose 24, 18; 5 Mose 10).
* 40 Tage wird Elia von Engeln in der Wüste er-
nährt.
* 40 Jahre wanderte Israel in der Wüste.
* 40 Tage mußte Ninive Buße tun.
* 40 Jahre regierten Saul sowie die Heilskönige Da-
vid und Salomon.
NT :
* 40 Tage (wie Elia) war Christus nach der Taufe in
der Wüste (Matth 4, 2, Mark 1, 19; Luk. 4, 2).
* 40 Tage wandelte Christus nach seiner Aufer-
stehung auf Erden (Apg 1, 3).
* Paulus hat von den Juden 5mal in seinem Leben
40 Schläge weniger 1 erhalten (2 Kor 11, 24).
Apokryphen des NT:
* 40 Tage und Nächte fastete Joachim in der Wü-
ste.
Byz. Kultur, griech. Brauchtum:
* 40 Fenster umkränzen die Kuppel der Agia So-
phia, was ihren kosmographischen Charakter un-
terstreicht.
* 40 Abendmahlskelche standen früher auf ihrem
Altar (Verteilung der Eucharistie in alle Welt).
* 40 Tage dauert das kleine Fasten vor Weihnach-
ten, 48 das große vor Ostern.
* 40 Tage nach dem Tod findet das wichtigste Ge-
denkfest (Mnimosyno, Sarantaimera, Totenbräu-
che) statt (bei den Kopten sind 40 Tage der Reini-
gung nach einem Todesfall erforderlich).
* 40 Tage nach dem Fest der Kreuzerhöhung dür-
fen noch heute Griechinnen nichts von dem an
diesem Festtag bereiteten Sauerteig abgeben.
* 40 Tage nach der Geburt sind Wöchnerinnen vom
Besuch der Kirche ausgeschlossen.
* 40ma1 werden kranke Menschen und Tiere mit
dem Wasser vom ‘großen Donnerstag’ besprüht.
In der islamischen Religion und der türkischen Volkskultur ist die 40 wichtig, weil im Arabischen für sie der Buchstabe M, wie Mohammed, verwendet wird.
Zahl 50: Zahl der Heilszeit: Die Hebräer feierten jedes 50. Jahr als Jobeljahr (Jobel = Signalhorn: verballhornt: "Alle Jubeljahre ..."). Schuldleibeigene wurden frei, das Land brach gelassen. Galt als das große Jahr, das nach sieben Sabbatjahren kam, in dem auch die Erde Sabbat feiern sollte (50 als Vollendung der sieben mal sieben, wie - Acht als Vollendung der Sieben). 50 Tage umfaßt die nachösterliche Freudenzeit bis Pentekosti (= 50-Tage-Fest = Pfingsten).
Zahl 70 / 72: 70 bis 72 Anhänger umfaßte der weitere Jüngerkreis um Jesus. Die westsyrischen Jakobiten symbolisieren diese Jünger durch 72 Punkte ums Kreuzeszeichen herum.
Zahl 99: Cyrill von Jerusalem bezieht das Gleichnis Jesu über das eine verirrte und wiedergefundene Schaf, über das mehr Freude herrscht im Himmel als über die 99 im Pferch verbliebenen (Matth 18,12) auf die verlorengegangene Menschheit und die bei Gott gebliebenen Engel. Da die Neun (neun Engelchöre) ohnehin eine ‘Engelzahl’ ist, und Sterne und Engel in einem engen Zusammenhang zueinander stehen, lassen sich die 99 Sterne im Kreuzkreis der Apsis von Sant’ Apollinare in Classe als Engel verstehen. Die 99 Namen Allahs im Islam, die ihn wie auf einer Kreisschale umschreiben, drücken aus, daß Allah unbeschreibbar ist, haben in dieser Hinsicht den gleichen Hintersinn wie die Lehre von der Trinität (vgl Zahl Eins). Um aber auf die Sterne in Sant’Apollinare in Classe zurückzukommen: 99, das ist auch der Zahlwert für das in griechischen Buchstaben geschriebene AMHN (überarbeitet nach Spitzing, Lexikon byzantinischer Symbole, a.a.O., S. 314-320).
Literatur:
* Becker, Udo: Herders Lexikon der Symbole, Her-
der-Verlag Freiburg 1992
* Endres, Franz Carl und Annemarie Schimmel: Das
Mysterium Zahl - Zahlensymbolik im Kulturver-
gleich, Eugen-Diederichs-Verlag 9. Auflage Mün-
chen 1996
* Onasch, Konrad: Lichthöhle und Sternenhaus -
Licht und Materie im spätantik-christlichen und
frühbyzantinischen Sakralbau, Dresden/Basel
1993
* Spitzing, Lexikon byzantinischer Symbole, a.a.O.,
S. 314-320