Anhang 5: Summary der Regierungszeit der spätrömischen u. byzantinischen Kaiser

 

 

Flavius Jovianus (363/64)

nach dem Tod Julian Apostatas während des persischen Feldzuges im Rückzugsgefecht von Samara am Tigris (26.6.363) war das römische Heer auf dem weiteren Rückzug aus Persien führerlos. Die Truppen wählten den damaligen Führer der kaiserlichen Garde Jovianus zum Kaiser; ihm gelang es das Heer ins Reichsgebiet zurückzuführen und gegen Aufgabe von 5 Grenzprovinzen und 18 Festungen einen Friedensvertrag mit Persien zu schließen. Jovianus ging es beim eiligen Friedensschluß wohl vor allem darum, seinen Thron zu sichern und die Hauptstadt zu erreichen.

 

Die Wahl Jovianus bedeutete die Wiedereinsetzung des Christentums als offizielle Religion des Reiches. Mit dem Tod seines Vorgängers endete zugleich die konstantinische Dynastie. Jovian starb bereits während des Rückmarsches nach Konstantinopel in Dadastana, einer kleinen Stadt in Anatolien am 16.2.364.

 

 

Flavius Valentianus I. (364-375)

Valentianus wurde nach dem überraschenden Tod Jovians von den Truppen zum Kaiser gewählt; er stammte aus einfachen Verhältnissen, sein Vater war Seiler; Valentianus war wenig gebildet, konnte kaum lesen und schreiben und war von ungehobeltem, jähzornigem Auftreten. Bei seiner Wahl war er 42 Jahre alt; zu seinem Mitkaiser ernannte er bei seiner Ankunft in Konstantinopel am 28.3.364 seinen Bruder Valens; Aufteilung der Herrschaft: Flavius Valentianus I. (364-375) im Westen und sein Bruder Valens im (364-378) im Osten.

 

Im Frühjahr kam es zum Aufstand gegen Valens im Osten durch die Erhebung des Prokopius, eines Vetters Kaiser Julians; der aufgrund seiner Verwandtschaft mit der konstantinischen Dynastie die Truppen in Konstantinopel und einflußreiche Kreise der Hauptstadt für sich gewinnen konnte; der Aufstand brach jedoch bereits Ende Mai selbst zusammen, Prokopius wurde in Philippopel gefangengenommen und hingerichtet. Valens reagierte mit abschreckenden Vergeltungsmaßnahmen von solchem Außmaß, daß selbst die von ihm angordnete 25prozentige Steuersenkung den Haß gegen ihn nicht beseitigen konnte (Norwich I 113).

 

Beide Kaiser waren während der ganzen Regierungszeit in fortwährende Abwehrkämpfe verwickelt. Valentinianus schlug Aufstände in Gallien nieder und wehrte nach 367 gleichzeitig einen Angriff der Schotten und Picten auf das römische England ab; da der Kaiser in Gallien unabkömmlich war, betraute er mit der Verteidigung Englands den General Theodosios, der seine Aufgabe mit sensationellem Erfolg 370 abschloß. Valentinian starb nach erfolgreicher Regierung (Befriedung im Innern, erfolgreiche Verteidigung der Reichsgrenzen) am 17.11.375 an einem Schlaganfall.

Bereits zu Lebzeiten hatte er seinen minderjährigen Söhne Gratian (Augustus seit 367) und auf dem Sterbebett den vierjährigen Valentinian zu Mitkaisern im Westen ernannt.

 

Das Reich war ab 376 dem Ansturm aus dem Osten ausgesetzt, wo die Hunnen über die Ostgoten unter Ermanarich und die Westgoten herfielen und diese aus den angestammten Gebieten vertrieben. Diese siedleten sich mit Zustimmung des Ost-Kaisers Valens in Thrakien an; da die örtlichen Behörden gegen die kaiserliche Anordnungen die Unterstützung der Flüchtlinge mit Lebensmitteln versagten, kam es im Sommer 377 zu Kämpfen, die sich zum Großangriff der nun verbündeten Goten und Hunnen auf das röm. Reich steigerten. Im Frühjahr 378 trat Kaiser Valens mit den römischen Truppen zum Gegenangriff an, verlor jedoch bei Adrianopel (9.8.378) Schlacht und Leben, sowie 2/3 des Heeres.

 

Im Westen hatte der 19jährige Kaiser Gratianus (375-383) im Februar 378 im elsässischen Argentaria einen Sieg gegen die Germanen errungen, war jedoch an der Grenze gebunden. Er beauftragte den General Theodosios, einen Sohn des in Britannien siegreichen Feldherrn Theodosios, mit dem Feldzug im Osten und ernannte ihn 379 zum Augustus des Ostens. Gratian war bemerkenswert belesen und wie sein Lehrer Ausonius bemerkt von einer "mens aurea" und war gläubiger Christ. Andererseits entwickelte er eine Schwäche für die Jagd und das Theater sowie für blonde Germanen, die er gegenüber den Römern als Offiziere bevorzugte (Norwich I 118). Er fiel dem Aufstand Magnus Clemens Maxentius (383-388) zum Opfer und wurde am 25.8.383 in Lyon ermordet. Im Westen hielt der inzwischen 12jährige Mitkaiser Valentianus II (383-392) die Herrschaft in Italien aufrecht; die Regentschaft führten seine Mutter Justina und der Bischof Ambrosius von Mailand. 387 griff Maxentius Italien an unter dem Vorwand, das Reich von dem "häretischen" Valentianus (seine Mutter war Arianerin; der Kaiser selbst bekannte sich nach deren Tod unter dem Einfluß des Ambrosius von Mailand zur nicänischen Orthodoxie) zu befreien. Valentinianus und seine Mutter Justina flohen nach Thessaloniki, wo sie mit Theodosios zusammentrafen (s.u. *)

 

Theodosios I (379-395) hatte sich zunächst nach der Hinrichtung seines Vaters, der bei Kaiser Valens aufgrund einer Intrige in Ungnade gefallen und 376 hingerichtet worden war, auf seine Güter in Spanien zurückgezogen. Nach seiner Ernennung richtete er sein Hauptquartier in Thessaloniki ein und stellte in den folgenden zwei Jahren in Thrakien die Ruhe wieder her; die Goten wurden befriedet und mit hohen Soldzahlungen als Foederati in das röm. Heer aufgenommen. Am 24.11.379 zog Theodosios in Konstantinopel ein. Es gelang ihm nach Niederschlagung eines Aufstands in Antiochia (vgl. Bericht des Johannes Chrysostomos), 386 durch einen Friedensvertrag mit Persien zu beenden, und konnte nun * zusammen mit Justina und Valentinianus die Abwehr gegen Maxentius organisieren.

 

Theodosios war inzwischen verwitwet und in zweiter Ehe mit der Tochter der Justina, Galla, verheiratet und mit dem westlichen Kaiserhaus verschwägert (Zosomos IV 44; Norwich I 120). 388 schlugen Theodosios und Valentinianus II. in der Schlacht von Siskia (das heutige Sisak) den Usurpator Maxentius Maximus.

 

 

Justin II. (565-578):

Beginn des Zerfalls des justinianischen Großreichs; Änderung der Außenpolitik und Einstellung der Tributzahlungen an Awaren und Persien; 568 Angriff der Langobarden unter Alboin auf Italien; Verlust großer Teile Italiens; langobardische Besiedlung von Ober- und Mittelitalien; erfolgreiche Sicherung von Ravenna und Unteritalien durch Byzanz; Beginn der westgotischen Gegenoffensive in Spanien; Verlust der Universalmacht; 568 Angriff der Awarer auf Dalmatien; 3jähriger erfolgloser Krieg der Byzantiner unter dem comes Excubitorum Tiberios endet mit Waffenstillstand und erneuten Tributzahlungen; 568/569 erstes Auftreten der Türken und Besuch einer Delegation in Konstantinopel; 570 Abschluß eines byzantinisch-türkischen Abkommens gegen Persien; 571 Änderung der byzantinischen Toleranzpolitik gegen die Monophysiten in Syrien und Beginn von Verfolgungen; 571 erste Anzeichen von Geisteskrankheit des Kaisers; 571 Revolte der christlichen Armenier gegen Persien mit Unterstützung durch Byzanz; 572 Beginn des 20jährigen Krieges mit Persien; 573 persische Eroberung der Bischofsstadt Dara am Tigris; persischer Raubzug in Syrien und Deportation von 290000 Christen; 574 Regierungsübernahme durch Kaiserin Sophia und Waffenstillstand mit Persien nach byzantinischen Tributzahlungen; Ernennung des Tiberios zum Caesar und Regierungsbeteiligung; 575 türkischer Bruch des Abkommens mit Byzanz nach dem byzantinisch-persischen Frieden; 577 Landnahme in Thrakien und Illyrien; Zerwürfnis zwischen Kaiserin Sophia und Caesar Tiberios; 4.10.578 Tod Justins II.

 

 

Tiberios II. Konstantinos (578-582):

unter Justin II. Oberbefehlshaber des Heeres (Comes Excubitorum) pragmatischer aber verschwenderischer Kaiser; Zerrüttung der Staatsfinanzen durch Steuersenkung und ungezügelte Ausgabenpolitik; Versuch dem steten Niedergang von Byzanz entgegenzuwirken; Zunahme des griechischen Einflusses im byzantinischen Reich; Absetzung und Verbannung der Kaiserinwitwe Sophia; Heeresverstärkung und Aufrüstung des Heeres; 581 Aufstellung eines Elitekorps aus 15000 Foederati (spätere Warägergarde); 581 byzantinischer Sieg unter Maurikios über die Perser unter Hormisdas; 582 Heirat des Generals Maurikios und der Kaisertochter Constantina; 13.8.582 Tod des Kaisers (durch Vergiftung?).

 

 

Maurikios (582-602):

zählt zu den bedeutendsten byzantinischen Kaisern, kluger und weitsichtiger Staatsmann; andererseits fehlendes Augenmerk hinsichtlich der Auswirkungen drastischer Sparmaßnahmen; Vetternwirtschaft und Günstlingssystem; Regierungszeit bildet eine wichtige Etappe in der Entwicklung von dem greisenhaften spätrömischen Staatswesen zu der neuen lebenskräftigen Ordnung des mittelalterlichen byzantinischen Kaiserreiches; Fortbestehen der Idee des Universalreiches.

Zuwendung zum Osten und die notgedrungene Aufgabe der meisten unter Justinian annektierten westlichen Gebiete bedeuten keine grundsätzliche Preisgabe der Reichsinteressen im Westen; durch epochemachende organisatorische Maßnahmen Rettung wenigstens eines Teils des westlichen Besitzes; Zusammenfassung der Überreste der justinianischen Macht und Schaffung der Exarchate von Ravenna und Karthago; Stärkung der Wehrkraft der Exarchate durch straffe militärische Organisation sowie Vereinigung von ziviler und militärischer Gewalt in einer Hand als Vorläufer der späteren *Themenverfassung. Beide Exarchate werden zu Vorposten der byzantinischen Macht im Westen; ihre Organisation eröffnete die Epoche der Militarisierung der byzantinischen Verwaltung und gab das Beispiel für die spätere Themenverfassung; Reorganisation und Straffung der Provinzeinteilung und -verwaltung.

 

Ab 582 Fortsetzung der awarischen Eroberung in Dalmatien und dem Balkan; Wiederaufnahme byzantinischer Tributzahlungen; Zweifrontenkrieg verhindert erfolgreiche byzantinische Verteidigung im Westen; 582 awarische Eroberung von Sirmium; awarisch-slavischer Einfall und Beginn der slavischen Besiedlung Griechenlands; 584 und 586 Belagerung von Thessaloniki.

 

582 Wiederaufflammen der Feindseligkeiten mit Persien; Bürgerkrieg in Persien mit byzantinischer Unterstützung von König Chosrau II beendet; 591 byzantinisch-persischer Friedensschluß führt zur Rückgabe des persischen Armeniens und des östlichen Mesopotamien mit Dara und Martyropolis an Byzanz.

 

588 Verschlechterung der Beziehungen zu Rom und Papst Pelagius durch Supremats-Forderungen des Patriarchen Johannes Nesteutes (der Faster); 590 Verschärfung der Spannungen nach Wahl von Papst Gregor dem Großen.

 

Ab 592 byzantinische Offensive gegen die Awaren und Slawen bleibt angesichts der enormen Massen der Eindringlinge insgesamt erfolglos; Fortdauer der slawischen Ansiedlung; Abwehrkämpfe bis 602.

 

Innenpolitisch Einbußen der Regierungsgewalt seit dem Scheitern des justinianischen Restaurationswerkes; Zunahme des Einflusses des Senats, sowie Freiheitsdrang des Volkes. In den kritischen Jahren um die Wende vom 6. zum 7. Jh. erreicht die Aktivität der Demen (blaue und grüne Partei) einen neuen Höhepunkt; ständige Verschärfung der sozialen und religiösen Gegensätze entlädt sich in inneren Kämpfen und häufigen Zusammenstößen zwischen den Blauen und den Grünen in allen größeren Städten des Reiches. Unfähigkeit des Kaisers die Auswirkungen seiner drastischen Sparmaßnahmen abzuschätzen; dies und seine Vetternwirtschaft verschärfen die Spannungen; im Heere starker Rückgang der Disziplin und Häufung von Meutereien aufgrund Reduzierung der Soldzahlungen kargte. Die tiefe Unruhe, die das Reich ergriffen hatte, bemächtigte sich auch des durch die Aussichtslosigkeit der Slawenkämpfe entmutigten Heeres. 602 führt der Befehl an die Truppen, in ihren Stellungen jenseits der Donau zu überwintern, zur Meuterei. Phokas, ein halbbarbarischer Subalternoffizier zieht an der Spitze der meuternden Soldaten gegen Konstantinopel. Ausbruch von Aufständen in der Hauptstadt führen 602 zu Sturz und Hinrichtung Maurikios.

 

 

Phokas, Kaiser (602-610):

Niedergang des byzantinischen Reichs; Jahre der Anarchie im Reich als letzter Ausklang des spätrömischen Staates; nach Einmarsch in Konstantinopel und Kaiserkrönung Ermordung des geflüchteten kranken Maurikios und seiner vier jüngeren Söhne in Nikomedia; Massenhinrichtungen und Terrorregime vor allem gegen die Reichsaristokratie. Orthodoxe Kirchenpolitik mit blutiger Verfolgung von Monophysiten und Juden; 607 Aussöhnung mit Rom durch Anerkennung des päpstlichen Primats. Innenpolitisch Zunahme der Spannungen und Kämpfe zwischen Blauen und Grünen; politische Ausschaltung der Grünen und Beteiligung der Blauen am Terrorregime des Kaisers führen zum Bürgerkrieg im Reich. Persischer Angriffe im Osten und Zusammenbruch der byzantinischen Verteidigung; 605 Eroberung der Festung und Diözese Dara sowie von Kaisereia (Kayseri); persische Vorstöße in Kleinasien bis Chalkedon und Ausbreitung der slawischen Flut auf dem Balkan führen Byzanz an den Rand des Untergangs; trotz Rückzug der Awaren über die Donau Fortsetzung der slawischen Besiedelung Griechenlands. 610 Erhebung des Exarchen Herakleios von Karthago und Angriff an der nordafrikanisch-ägyptischen Flotte unter dessen Sohn Herakleios auf die griechischen Inseln und Konstantinopel; Herakleios als Befreier insb. von den Grünen gefeiert; 3.10.610 Einmarsch in Konstantinopel; Sturz und Hinrichtung des Kaisers Phokas.

 

 

Herakleios (610-641):

einer der größten Herrscher der byzantinischen Geschichte; auf seiner Verwaltungsreform beruht die byzantinische Macht der folgenden Jahrhunderte (mit deren Verfall begann der Niedergang); die Themenverfassung ist das Rückgrat des mittelalterlichen byzantinischen Staates; unter Herakleios endete das spätrömische Reich und beginnt das byzantinische Zeitalter ieS.: endgültige Gräzisierung (griechisch als offizielle Reichssprache; Abschaffung der alten römischen Ehrentitel) und starke Verkirchlichung des gesamten öffentlichen Lebens geben dem Kaiserreich ein neues Gesicht.

 

Kaiserkrönung nach dem Einmarsch in der Hauptstadt direkt nach der Hinrichtung des Phokas noch am 3.10.610 nach vorheriger Heirat mit Eudokia; katastrophale Lage des Reichs führen 618 sogar zu Überlegungen, die Hauptstadt nach Karthago zu verlegen; hiergegen Widerspruch des Patriarchen *Sergios und der Bevölkerung; Fortsetzung der slawischen Einwanderung auf dem Balkan und in ganz Griechenland; nur Thessaloniki und wenige Küstenstädte in Dalmatien bleiben byzantinisch; die griechische Bevölkerung zieht sich in die Küstenregionen und auf die Inseln zurück; zugleich Ausbreitung der persischen Eroberung in Vorderasien; außer der Rückeroberung Kaisereias (611) scheitert die byzantinische Gegenoffensive in Armenien und Syrien; 613 nach der Niederlage der Byzantiner bei Antiochia erneuter persischer Vormarsch u.a. in Armenien und Kilikien sowie Eroberung der kilikischen Festung Tarsos; 614 Fall Jerusalems; 615 Fortsetzung des persischen Vormarschs u.a. bis an den Bosporus; Einkreisung von Konstantinopel durch Awaren und Perser; 619 Verlust Ägyptens an die Perser; damit ganz Vorderasien in persischer Hand.

 

In Byzanz begann gleichzeitig der Prozeß der Sammlung und inneren Festigung, Durchführung der Heeresreform und Ausbau der *Themenverfassung; an der Spitze der Themen (Thema war ursprünglich die Bezeichnung für eine Truppeneinheit) stehen Strategen, die in ihren Bezirken die oberste militärische und zivile Gewalt ausüben; die alte Provinzeinteilung blieb zunächst bestehen, weshalb sich die Einführung der Themenverfassung über eine längere Übergangszeit hinzog. Zugleich wurden in die Themen die Soldaten angesiedelt, die als Gegenleistung für den (erblichen) Militärdienst feste Lehen zugeteilt bekamen. Die Neuorganisation wurde zum Grundstein der folgenden glänzenden Erfolge im der Abwehrschlacht gegen die Zwei-Fronten-Bedrohung des byzantinischen Reiches durch Perser und Awaren.

 

Der Verwaltungsneuorganisation folgte die Reform der Staatsfinanzen und der Ausbau des Steuersystems.

 

Nicht wenig zum Erfolg trug die mächtige Kirche bei, die dem verarmten Staat ihre Schätze zur Verfügung stellte. Patriarch Sergios (610-638) verstand den kommenden Krieg als Glaubenskrieg gegen die Ungläubigen. Eine religiöse Aufbruchsstimmung wie später in den Kreuzzügen tat das übrige. Noch kurz zuvor war es zwischen Kaiser und Patriarch zu Spannungen gekommen. Kaiserin Eudokia war bereits 612 bei der Geburt ihres zweiten Kindes gestorben; die Eheschließung Kaiser Herakleios mit seiner Nichte Martina stieß wegen der nahen Verwandschaft auf die entschiedene Gegnerschaft der Kirche; die immer bedrohlichere Lage des Reichs im Zweifrontenkrieg sicherte dem Kaiser jedoch die Unterstützung des Klerus.

 

619 kommt es zum Tributfrieden mit den Awarern, der die Truppen für den Kampf gegen die Perser freisetzt. Am 5.4.622 begann der Gegenangriff in Asien unter persönlicher Führung des Kaisers (außer Maurikios war kein Kaiser seit Theodosios I. an der Spitze der Truppen gegen den Feind marschiert). Herakleios hatte intensiv Militärstrategie studiert und die Bedeutung der Kavallerie und der leichten berittenen Bogenschützen erkannt. Nach dem Aufmarsch des byzantinischen Heeres exerzierte der Kaiser ein halbes Jahr lang und trainierte die Truppen. Erst im Herbst begann der eigentliche Feldzug. Geschicktes Vorgehen mit der Flotte über den Seeweg entlang der Südküste Kleinasiens bis zur Bucht von Issos überraschte die Perser, die ein Vorgehen über das Schwarze Meer nach Armenien erwartet hatten, und zwang diese wegen der Gefahr abgeschnitten zu werden, zur Aufgabe ihrer Stellungen an den kleinasiatischen Gebirgspässen; sie waren gezwungen den byzantinischen Heer zu folgen, welches das Gesetz des Handelns an sich gerissen hatte; in der Schlacht in den kappadokischen Bergen (der genaue Ort ist nicht bekannt) überragender Sieg des byzantinischen Heeres. Auch der Feldzug 623 verlief überaus erfolgreich, das byzantinische Heer stieß bei der Verfolgung des flüchtigen persischen Großkönigs Chosrau brandschatzend bis zur persischen Hauptstadt Ktesiphon vor; das persische-zoroastrische Zentralheiligtum wurde als Rache für die Eroberung Jerusalems und die Mitnahme des Heiligen Kreuzes zerstört; nach einer erheblichen Verstärkung des Heeres durch Foederati-Truppen aus dem Gebiet westlich des Kaspischen Meeres im Winter 623/24 verlief auch der Feldzug 624 überaus erfolgreich und endete mit einem vollständigen byzantinischen Sieg über mehrere persische Heere im persisch-armenischen Grenzgebiet. Der Feldzug 625 nach der Überwinterung am Van-See führte in harten Märschen über Diyarbakir am Euphrat nach Kilikien, wo die Perser nach der unentschiedenen Schlacht bei Adana den Rückzug antraten; nur die persönliche Tapferkeit des Herakleios verhinderte die schon drohende Niederlage in der Schlacht.

 

Awarisch-persische Abstimmungen führten 626 erneut zum Zweifrontenkrieg; die Awaren griffen mit Unterstützung von 50000 Persern über Kleinasien unter Eroberung von Chalkedon mit insgesamt 80000 Mann die Hauptstadt Konstantinopel an, während die Perser durch massivste Truppenaushebungen zum Angriff von Süden her bereit standen, nur durch das byzantinische Heer am Vormarsch gehindert. Die Belagerung Konstantinopels wurde durch Patriarch Sergios und den Patrikios Bonus organisiert, die mit 12000 Soldaten und der Bevölkerung Konstantinopel alle Angriffe der Belagerer zurückschlugen. Als sich die vereinigten Angreifer zum Angriff auf die Mauern entschlossen, zog Patriarch täglich mit dem Klerus in einer Prozession die gesamte theodosianische Mauer entlang wobei er über dem Kopf die berühmte Ikone der Gottesmutter des *Akathistos-Hymnus trug.

 

Herakleios entschloß sich zur Dreiteilung des byzantinischen Heeres: der erste Heeresteil wurde auf dem Seeweg nach Konstantinopel transportiert, die zweite byzantinische Armee griff unter dem Kaiserbruder Theodoros das persische Heer in Mesopotamien an, während der Kaiser selbst mit dem kleinsten Kontingent Armenien und den Kaukasus verteidigte. Den Ausschlag gab schließlich die Überlegenheit der Byzantiner zur See: während des entscheidenden Ansturms am 10. August 626 fanden die slavischen Boote den Untergang im Kampfe mit der byzantinischen Flotte. Die Avaren mußten die Belagerung aufheben und traten in größter Verwirrung den Rückmarsch an. Die Niederlage des Avarenkhagans bedeutete aber auch das Scheitern der persischen Angriffspläne. Sahrbaraz räumte Chalkedon und zog sich mit seinen Truppen nach Syrien zurück; dem zweiten persischen Feldherrn, Sahin, brachte des Kaisers Bruder Theodoros eine schwere Niederlage bei. Der kritische Augenblick war überstanden. Jetzt konnte die große byzantinische Offensive beginnen. Im Bunde mit den kaiserlichen Truppen kämpften die Chazaren in den kaukasischen und armenischen Gegenden gegen die Perser. Im Herbst 627 begann der große Vormarsch des Kaisers nach dem Süden, ins Innere des feindlichen Landes; Herakleios stand schon Anfang Dezember vor Ninive; in der Schlacht vor der Stadt wurden die Perser vernichtend geschlagen und ins Landesinnere verfolgt; der Sturz Chosraus durch eine Revolte seines Sohnes Kovrad-Siroe führte zum Frieden und zur Rückgabe aller ehemals byzantinischen Gebiete. Sowohl Awaren wie auch Perser waren vernichtend geschlagen, ihre Macht auf Dauer gebrochen. 628 kehrte Herakleios nach 6jähriger Abwesenheit nach Konstantinopel zurück.

 

Der Sieg über die Awaren befreite zahlreiche Völker, darunter die Kroaten und Serben, welche mit byzantinischer Zustimmung aus ihrer alten Heimat jenseits der Karpaten in neue Siedlungsgebiete auf der Balkanhalbinsel wanderten.

 

Die zurückgewonnenen Provinzen in Syrien und Ägypten machten das Problem der Aussöhnung mit den Monophysiten dringlich; der Versuch der Einigung führte über den Monenergetismus und Monotheletismus (s. *monergetisch-monotheletischer Streit). "Den Ernst dieses Problems erkannte der Patriarch Sergios mit besonderer Klarheit und zeigte sich stets um die Herstellung des Kirchenfriedens bemüht. Eine Stütze fanden seine Bestrebungen in der in den östlichen Reichsprovinzen entstandenen Lehre von der einen Energie in Christo. Die Annahme, daß den zwei Naturen Christi eine einzige Wirkungsweise (Energeia) gegenüberstehe, schien zwischen dem Dogma von Chalkedon und dem Monophysitismus eine Brücke zu schlagen. Sergios machte sich die monenergetische Lehre zu eigen und trat in Verhandlungen mit den Vertretern der orientalischen Kirchen. Die politischen Ereignisse schienen den Bemühungen des Patriarchen recht zu geben, denn man konnte sich der Einsicht nicht verschließen, daß der alte Glaubenszwist zwischen Konstantinopel und der monophysitischen Bevölkerung des Ostens die persische Eroberung wesentlich erleichtert hatte. So trat denn auch Herakleios selbst dem Monenergetismus bei. Schon während seiner östlichen Feldzüge hatte er namentlich in Armenien mit der lokalen Geistlichkeit über eine Kirchenunion verhandelt. Nach der Wiedergewinnung der monophysitischen Provinzen wurden die Verhandlungen in größerem Stil und mit größerer Energie weitergeführt, denn mehr als je schien jetzt der Ausgleich mit den Monophysiten geboten. Der Anfang war vielversprechend. Die Einigung schien erreicht, wie in Armenien so auch in Syrien und in Ägypten, wo der 631 zum Patriarchen erhobene Kyros mit größtem Eifer vorging. Seine Zustimmung zu der von Sergios und Kyros befürworteten Kirchenpolitik gab auch der Papst Honorius. Indessen ließen die Enttäuschungen nicht lange auf sich warten. Das Einigungswerk war in Syrien und insbesondere in Ägypten nur infolge von Gewaltanwendung geglückt. Die Opposition wuchs, wie auf monophysitischer so auch auf orthodoxer Seite. Wortführer der orthodoxen Opposition war der durch seine Beredsamkeit bekannte Mönch Sophronios, der 634 den Patriarchenstuhl von Jerusalem bestieg. Unerbittlich geißelte er die neue Lehre als eine Abart des Monophysitismus und eine Verfälschung des orthodoxen Dogmas von Chalkedon. Anscheinend unter dem Eindruck dieser Opposition, wie auch mit Rücksicht auf die Ausführungen des Papstes Honorius, der sich über das Energienproblem zurückhaltend äußerte, dagegen einen Willen in Christo behauptete, modifizierte Sergios seine Lehre: er stellte die Energienfrage zurück, lehrte aber, daß in Christo ein Wille (Thelema) anzunehmen sei. Diese neue monotheletische Formulierung liegt dem von ihm entworfenen Edikt zugrunde, das der Kaiser 638 unter dem Namen «Ekthesis» veröffentlichte und im Narthex der Hagia Sophia anschlagen ließ. Doch obschon sich die Leiter von Staat und Kirche auf den Monotheletismus festgelegt hatten und nach dem Tode des Patriarchen Sergios (9. Dezember 638) auf den Stuhl von Konstantinopel der eifrige Monothelet Pyrrhos erhoben wurde, zeigte sich sehr bald, daß die Ekthesis ein Schlag ins Wasser war. Sie wurde abgelehnt sowohl von den Orthodoxen als auch von den Monophysiten, und auch die Nachfolger des Honorius in Rom wiesen sie energisch zurück. Eine Versöhnung hat der Monotheletismus ebensowenig herbeigeführt wie die kirchenpolitischen Kompromißversuche der vorangehenden Jahrhunderte. Gleich jenen Versuchen hat er nur neue Streitigkeiten hervorgerufen und so die Verwirrung vergrößert. Zudem befanden sich im Jahre 638 Syrien und Palästina schon unter arabischer Herrschaft, und auch Ägypten drohte unabwendbar dasselbe Schicksal. Sein politisches Ziel hat also der Monotheletismus verfehlt. Die religiöse Gärung in den östlichen Provinzen hat aber wie einst der persischen, so jetzt der arabischen Eroberung stärksten Vorschub geleistet." (Ostrogorsky, a.a.O., S. 77/78)

 

Die Kämpfe mit den Persern hatte beide Reiche erschöpft; sie waren deshalb nicht fähig dem arabischen Ansturm entgegenzutreten, der durch die von Mohammed bewirkte Einigung der Araber bewirkt wurde (622, Hedschra, Flucht Mohammeds von Mekka nach Medina). 633, wenige Jahre nach dem Tode des Propheten begann die große arabische Wanderung. "Mit elementarer Wucht trieb es die Araber hinaus aus der unfruchtbaren Heimat. Ihr Ziel war nicht so sehr Bekehrung der Völker zum neuen Glauben wie Unterwerfung neuer Länder und Herrschaft über die Ungläubigen. Die ersten Opfer ihres Eroberungsdranges wurden die beiden benachbarten Großreiche: Persien ging unter beim ersten Ansturm, Byzanz verlor seine östlichen Provinzen knapp ein Jahrzehnt nach dem Tode des Propheten. Der unentwegte gegenseitige Kampf hatte beide Reiche geschwächt und so den Arabern die Wege geebnet. In dem besiegten Persien herrschte größte Verwirrung, eine Thron-Usurpation löste die andere ab, das Rückgrat des Sassanidenreiches war gebrochen. Aber auch die Kräfte des siegreichen Byzanz waren durch das lange, anstrengende Ringen erschöpft. Zudem hatte der nicht zu beseitigende religiöse Hader zwischen Konstantinopel und seinen orientalischen Provinzen eine Mauer des Hasses errichtet, die separatistischen Bestrebungen der syrischen und koptischen Bevölkerung gestärkt und ihren Verteidigungswillen endgültig untergraben. Die Mißstände in der Heeresorganisation und der durch die Übermacht des lokalen Großgrundbesitzes zerrütteten Verwaltung taten das ihrige, um namentlich in Ägypten die Aufgabe der Eroberer zu erleichtern. Schon 634 brachen die Araber unter der Führung des Kalifen Omar, des großen Eroberers, in das Reichsgebiet ein und zogen in raschem Siegeszug durch die jüngst vom Perserreich wiedergewonnenen Provinzen. In der denkwürdigen Schlacht am Jarmuk (im heutigen Israel) erfochten sie am 20. August 636 über die 80000 Mann starken byzantinischen Streitkräfte einen überwältigenden Sieg. Damit war der byzantinische Widerstand gebrochen und der Kampf um Syrien entschieden. Die syrische Metropole Antiocheia und die meisten Städte des Landes ergaben sich dem siegreichen Feinde ohne Kampf. Stärker war der Widerstand in Palästina. Unter der Führung des Patriarchen Sophronios hat Jerusalem dem Feinde lange getrotzt, aber die Härte der Belagerung zwang schließlich auch die Heilige Stadt, dem Kalifen Omar die Tore zu öffnen (638). Inzwischen war das Perserreich unterworfen, und anschließend auch das byzantinische Mesopotamien besetzt (639/40). Von hier aus fielen die Araber in Armenien ein und erstürmten die stärkste armenische Festung Dvin (Oktober 640). Gleichzeitig begann die Eroberung Ägyptens.

 

Herakleios, der alle Kriegszüge gegen Persien persönlich geleitet hatte, nahm an den Kämpfen mit den Arabern auffallenderweise keinen rechten Anteil. Er hielt sich nach seinem Sieg jahrelang in den zurückgewonnenen Provinzen auf, um die Verwaltung neu zu ordnen und zu straffen. Nach Beginn der arabischen Vordringens versuchte er anfangs noch von Antiocheia aus die Kriegsoperationen zu leiten, nach der Schlacht am Jarmuk (636) gab er alles verloren und zog sich ganz zurück. Vor seinen Augen brach sein Lebenswerk zusammen. Das heroische Ringen gegen Persien schien unnütz gewesen zu sein: durch die Niederwerfung des Perserreiches hatte er nur den Arabern vorgearbeitet. Über die Gebiete, die er nach unsäglich schwerem Kampf den Sassaniden abgewonnen hatte, breitete sich nun gleich einer elementaren Katastrophe die arabische Flut aus. Im Heiligen Lande, das er dem Christentum gerettet zu haben glaubte, herrschten wieder Ungläubige. Dies grausame Schicksal hat den alternden Herrscher seelisch und körperlich gebrochen. Aus Syrien zurückgekehrt, blieb er längere Zeit im Palast Hiereia auf dem kleinasiatischen Ufer. Es graute ihm vor der Überfahrt nach Konstantinopel, denn er konnte den Anblick des Meeres nicht ertragen. Erst als eine Verschwörung in Konstantinopel aufgedeckt wurde, hat er sich aufgerafft und seinen Angstzustand so weit überwunden, daß er auf einer mit Sand und Laub verdeckten Schiffsbrücke sich über den Bosporus in die Hauptstadt begeben konnte. (Sollte dieser 200 Jahre später von Theophanes wiedergegeben Version zutreffen, muß der Kaiser depressiv oder geisteskrank geworden sein, wofür auch seine Charakteränderung zur Grausamkeit spricht; auch soll er an Epilepsie gelitten haben, vgl. Norwich I 369)

 

Tragisch gestaltete sich auch das Familienleben des Herakleios. Am Tage seiner Kaiserkrönung vermählte er sich mit Fabia-Eudokia, die ihm eine Tochter und einen Sohn, den Herakleios Neos Konstantinos, gebar. Indessen litt sie an Epilepsie und starb wenige Monate nach der Geburt des Sohnes (612). Ein Jahr später heiratete der Kaiser seine Nichte Martina. Diese Ehe erregte größtes Ärgernis. Kirche und Volk betrachteten sie als blutschänderisch, und in der Tat bedeutete eine solche Verbindung angesichts der nahen Blutsverwandtschaft einen Verstoß sowohl gegen die kanonischen Vorschriften als auch gegen die Gesetze des Staates. Martina war in Konstantinopel verhaßt, aber dem Hasse seiner Untertanen zum Trotz hing der Kaiser mit großer Liebe an seiner zweiten Gattin, die Freude und Leid mit ihm teilte und ihn auf den schwierigsten Feldzügen begleitete. Es bedeutete jedoch für den Kaiser eine harte Prüfung, und es war nach der allgemeinen Auffassung ein offensichtliches Zeichen des göttlichen Zornes, daß von den neun Kindern, die ihm Martina gebar, vier im zartesten Alter starben, die beiden älteren Söhne aber als Krüppel zur Welt kamen. Die Feindschaft des Volkes gegen Martina war um so größer, als die ehrgeizige Frau das Thronfolgerecht unter Umgehung des Sohnes Eudokias ihrer eigenen Nachkommenschaft zu sichern suchte. Der hieraus entstandene Familienzwist hat dem Kaiser das ohnehin bittere Lebensende noch verdüstert, nach seinem Tod aber das Reich in schwere Wirren gestürzt. Am 11. Februar 641 ist Herakleios nach schwerem Leiden gestorben." aus Ostrogorsky, a.a.O., S. 78-80)

 

 

 

 

Konstantin III. und Heraklonas (641):

noch zu Lebzeiten hatte Herakleios seinen Sohn aus der erster Ehe des Kaisers mit Eudokia, Konstantin III. als Mitkaiser eingesetzt; den Sohn aus der Ehe mit seiner Nichte Martina, Heraklonas, hatte Herakleios am 4.6.638 ebenfalls zum Mitkaiser gekrönt. Hintergrund war der Ehrgeiz und das massive Drängen der Kaiserin Martina, die kurz nach dem Tod Herakleios gedachte die Macht an sich zu reißen. Diese Absicht scheiterte zunächst an den Haltung der Bevölkerung Konstantinopels, bei der Martina seit jeher verhaßt war. Konstantin III. starb bereits 641 nach nur 3monatiger Regierungszeit. Ob er von der Kaiserin Martina beseitigt wurde, ist nach den wenigen Quellen nicht belegt. Er war seit langem krank; andererseits beschuldigte sein Sohn Herakleios die Kaiserin des Mordes. Nach dem Tod Konstantins III. riß Martina nun endgültig unter Umgehung des eigenen Sohnes Heraklonas, der 641 erst 15 Jahre alt war, die Herrschaft an sich. Die höheren Schichten des Reichs, der orthodoxe Klerus, die Militär- und Senatsaristokratie, widersetzten sich der Machtergreifung durch Martina, und forderten den Thron für den kleinen Sohn Konstantins III., Herakleios. Ein Anhänger des verstorbenen Kaisers wiegelte die kleinasiatischen Truppen auf und erschien an ihrer Spitze vor Chalkedon. Darauf wurde der kleine Herakleios zum Mitkaiser gekrönt, und nahm bei der Krönung den Namen Konstantin an, wurde aber von der Bevölkerung mit dem Diminutiv Konstanz bezeichnet. Später gab man ihm den Beinamen Pogonatus (der Bärtige). Trotz seiner Krönung kam es zum Aufstand. Martina und Heraklonas wurden auf Befehl des Senats verhaftet, ihr die Zunge, ihm die *Nase abgeschnitten (zur Bedeutung s. Anhang) und beide anschließend verbannt.

 

 

Konstanz II. Pogonatos (641-668):

Während der Minderjährigkeit des mit 11 Jahren gekrönten Kaisers, übte der *Senat (s. Anhang: Titel und Verwaltung im byzantinischen Reich) die Herrschaft aus. Allerdings gewann der verschlossene und eigenwillige Autokrat Konstanz II. Pogonatus rasch an Macht und Einfluß und duldete diese Stellvertretung nicht lange.

 

Die ganze Regierungszeit des Kaiser war überschattet vom Kampf gegen die übermächtigen *Sarazenen; Ägypten fiel erneut; Alexandria wurde 642 von byzantinischen Truppen geräumt; ein byzantinischer Gegenangriff scheiterte 646; Gründung von Kairo durch die Araber als Hauptstadt anstelle des geschleiften Alexandria; 647 erlitten die Byzantiner in Karthago eine vernichtende Niederlage. Der Angriff auf Armenien führte 647 zum Verlust von Kaisereia (Kayseri). Nach Bau einer sarazenischen Flotte wurde 649 Zypern angegriffen und die Hauptstadt Constantia erobert und zerstört; mangels ausreichender Truppen wurde die Insel wieder aufgegeben. Während eines 2jährigen Waffenstillstands, den die Sarazenen zum Ausbau ihrer Flotte nutzten, erfolgte 654 der Angriff auf Rhodos, wobei die Sarazenen unter Mujawija, dem Gouverneur von Syrien, die Trümmer des Koloß von Rhodos, die 900 Jahre lang nach einem Erdbeben, an Ort und Stelle lagen, verkauft wurden. Rhodos und Kos wurden erobert. Der Gegenangriff der byzantinischen Flotte von 655 führte zur Seeschlacht bei Phönikos (heute Finike in Lykien/Türkei), die mit der nahezu vollständigen Niederlage und dem Untergang der byzantinischen Flotte endete. Am 17.6.656 wurde Kalif Othman, es kam zum Bürgerkrieg zwischen seinem zum Nachfolger bestimmten Schwiegersohn Ali und Mujawija, der sich in Syrien zum Kalifen ausrufen ließ. Die Kämpfe unter den Sarazenen zogen sich bis 661 hin, und endeten mit der Ermordung Alis und dem Sieg Mujawijas. Fünf weitere Jahre gährte es innerhalb des Islam, Byzanz erhielt eine Verschnaufpause.

 

Bereits 659 kam es zum Waffenstillstand zwischen Mujawija und Byzanz, gegen Tributzahlungen an die Sarazenen.

 

Innenpolitisch versuchte Konstanz II. Pogonatos die Reichseinheit zu wahren durch den Versuch der Beendigung der christologischen Streitigkeiten um den Monotheletismus. Dieser hatte in Konstantinopel beim Regierungsantritt des Kaisers zahlreiche Anhänger um den Patriarchen Paulos, während sich im Exarchat Karthago eine stimmgewaltige Opposition unter Führung eines "gefährlich redegewandten Mönchs" (Norwich I 379) namens *Maximos der Bekenner sammelte (zu den Einzelheiten der Auseinandersetzung der Orthodoxie, der Reaktion des Papstes in der Auseinandersetzung mit der monotheletischen Kirchenpolitik Konstantinopels, dem Laterankonzil von 649, und der späteren Verurteilung des Monotheletismus durch die Kirche, vgl. *Maximus Confessor).

 

Die Opposition gegen die byzantinische Zentralgewalt fand bald eine gefährliche politische Auswirkung. Der Exarch von Karthago, Gregorios, warf sich zum Kaiser auf und fand Unterstützung nicht nur bei der nordafrikanischen Reichsbevölkerung, sondern auch bei den benachbarten maurischen Stämmen. Von den Gefahren, die hieraus hätten erwachsen können, wurde freilich die byzantinische Regierung durch die Araber befreit. Nach Befestigung ihrer Macht in Ägypten unternahmen die Araber 647 einen Überfall gegen das nordafrikanische Exarchat. Im Kampf mit ihnen fand der Gegenkaiser Gregorios den Tod. Nachdem sie Sufetula, die Residenzstadt des Gegenkaisers, ausgeplündert und einen reichen Tribut erhalten hatten, zogen die Araber wieder ab.

 

Die religiöse Opposition war jedoch nicht besiegt. Konstanz II. Pogonatos hatte demgegenüber, um den Auseinandersetzungen ein Ende zu machen, 647 ein Verbot erlassen, sich mit dem Für und Wider der christologischen Frage zu beschäftigen, den sog. »Typos« und ordnete 'ex cathedra' den status pro ante an. Der von Konstanz II. im September 647 verkündete »Typos«: einmal war mit der Zurücknahme der »Ekthesis« von 638 ja nicht nur die Polemik gegen den Monotheletismus, sondern auch jegliche monotheletische Agitation selbst untersagt; damit handelte eine Synode, die sich mit der umstrittenen christologischen Lehrfrage auch nur befassen wollte, von vornherein schon gegen ein ausdrückliches Verbot der Kaisermacht.

 

Der dogmatische Streit wirkte sich kirchenpolitisch aus in der Auflehnung der Opposition gegen die Verknechtung der Kirche durch die kaiserliche Macht. Maximos Confessor verkündete den Grundsatz, daß kein Kaiser als Laie das Recht habe, in Glaubensfragen zu entscheiden. Das kaiserliche Edikt wurde daraufhin auf der Lateransynode 649 unter dem neuen Papst Martin I. aufgehoben und verboten, der Kaiser wurde in einem Schreiben aufgefordert, dem Monotheletismus abzuschwören. Dem folgte der Kaiser nicht, zumal er den neuernannten Exarchen von Ravenna Olympios bereits mit Truppen abgesandt hatte, Papst Martin zu verhaften, mit der Begründung, zu dessen Wahl sei die Erlaubnis Konstantinopels nicht eingeholt worden. Der Exarch benutzte jedoch die in Italien weitverbreitete Aversion gegen Byzanz zum Versuch, die ganze Provinz an sich zu reißen. Dies gelang ihm nicht, er konnte sich schließlich mit seinem Heer nach Sizilien retten, wo er 3 Jahre später starb. Die Verhaftung des Papstes Martin I. erfolgte erst 653 durch den Nachfolger des inzwischen abgesetzten Olympios, Theodoros Kalliopas. Martin wurde nach Konstantinopel verbracht, dort gefoltert und zum Tode verurteilt, allerdings auf Bitten des sterbenden Patriarchen Paulos begnadigt und anschließend verbannt. Er starb 655 in Cherson auf der Krim. Auch *Maximos Confessor wurde verhaftet, in Konstantinopel mangels Widerruf gefoltert, verurteilt (ihm wurde die Zunge herausgerissen und die rechte abgehackt) und anschließend verbannt.

 

Konstanz II. Pogonatos widmete sich, nach Ausbruch des Bürgerkriegs in Arabien, verstärkt den westlichen Provinzen, insbesondere Italiens, wo Byzanz, auch wegen der Verhaftung des Papstes verhaßter war als je zuvor, und Sizilien seit ernsthaft von den Sarazenen bedroht war. Diese hielten seit 652 große Teile der karthagischen Provinz besetzt. 658 führte er eine Strafexpedition gegen die Slaven auf der Balkanhalbinsel durch. 662 kam es zum Beschluß die Hauptstadt in den Westen zu verlegen. Konstanz hatte die monotheletischen und monophysitischen Gemeinden durch den »Typos«, die Orthodoxie dagegen durch das Vorgehen gegen Papst Martin I. und Maximos Confessor gegen sich aufgebracht. Noch mehr lastete man ihm an, daß er 660 skrupellos die Ermordung seines Bruders Theodosios angeordnet hatt, nachdem er ihn zuvor gezwungen hatte, Priester zu werden. Der wahre Grund lag nicht, wie der Kaiser vorgab, in einer Verschwörung gegen ihn, sondern darin, daß er diesen eigentlich zum Mitkaiser hätte ernennen müssen, während der Kaiser schon 654 seinen ältesten Sohn, Konstantin IV., zum Mitkaiser krönen ließ, und 659 auch seinen jüngeren Söhnen Herakleios und Tiberios die Mitkaiserwürde verlieh. Konstanz II. wurde vom Haß der Bevölkerung Konstantinopels verfolgt, und beschloß der gefährlichen Lage 662 durch einen Zug nach Westen zu entgehen, wo er 663 Italien von den Langobarden zurück erobern wollte. Der Italienzug scheiterte jedoch trotz anfänglicher Erfolge. Das kaiserliche Heer wich nach der vergeblichen Belagerung von Benevent über Neapel nach Sizilien aus, wo sich der Hof für fünf Jahre in Syrakus einrichtete. Sizilien wurde dabei von den kaiserlichen Steuereintreibern systematisch ausgeplündert. In Syrakus wurde der Kaiser von einem Diener (in einem depressiven Anfall, nach anderen Quellen im Zuge einer Revolte) im Bad ermordet. (vgl. Norwich I, 385; Ostrogorsky, 92).

 

 

Konstantin IV. (668-685):

Die Herrschaft des jugendlich nach dem Tod seines Vaters auf den Thron gelangten Kaisers stellt eine der welthistorisch bedeutsamsten Regierungen der byzantinischen Geschichte dar; sie brachte die Hauptentscheidung im byzantinisch-arabischen Kampf.

 

Während sich Konstanz II. Pogonatos noch im Westen aufhielt nahmen die Sarazenen unter Mujawija nach Beilegung der Wirren im Kalifat 663 den Kampf gegen das byzantinische Reich wieder auf. Die Arabereinfälle wiederholten sich jährlich, das Land wurde weit und breit verwüstet, die Bevölkerung deportiert, teilweise blieben die Angreifen über Winter im Reichsgebiet und drangen sogar bis *Chalkedon vor. Die Entscheidung erfolgte zur See. Kalif Mujawija nahm seinen Eroberungsplan wieder auf, den er bereits als Statthalter von Syrien verfolgt hatte: Besetzung der Inseln Kypros-Rhodos-Kos-Chios und 670 der Halbinsel Kyzikos in unmittelbarer Nähe von Konstantinopel; letztere wurde zum Hauptbrückenkopf ausgebaut. Vor dem Angriff auf die byzantinische Hauptstadt besetzte eine sarazenische Flotte Smyrna, eine andere griff die *kilikische Küste an; 672 begann die Belagerung Konstantinopels, der Hauptangriff erfolgte 674, als eine mächtige Flotte vor der Stadt erschien; die Kämpfe dauerten den ganzen Sommer über, im Winter 674/75 zogen sich die Araber nach Kyzikos zurück und griffen 675 und bis 678 jährlich erneut an. Sie konnten die stärkste Festung der Welt (s. *Mauern Konstantinopels) jedoch nicht einnehmen, erlitten in verschiedenen Seeschlachten schwere Verluste und zogen sich 678 endgültig ab, wobei sie während eines schweren Sturmes an der *Pamphylischen Küste weitere schwere Verluste erlitten. Während Mujawijas Seestreitkräfte vergeblich gegen die Mauern Konstantinopels angestürmt waren, hatte sein Landheer, ohne sich allerdings weit von der Heimat zu entfernen, ähnliche Rückschläge hinzunehmen. Dessen Gegner waren jedoch nicht die byzantinischen Heere, sondern die sog. Mardaiten, Banden christlicher Freischärler, die von ihren Höhenfestungen in den taurischen Bergen mit Raubzügen in Syrien und im Libanon einfielen und eine endlosen Kleinkrieg gegen die Araber bis vor die Tore Jerusalems entfesselten. Kalif Mujawija wurde mit dieser Bedrohung seiner rückwärtigen Verbindungen nicht fertig und war nach der Niederlage seiner Flotte gezwungen, mit Byzanz einen 30jährigen Tribut-Frieden zu schließen.

 

Der Sieg hatte enorme außenpolitische Bedeutung und Wirkung auf die anderen angriffslustigen Völker an den byzantinischen Grenzen. Es war ein Sieg von weltpolitischer Bedeutung für ganz Europa, denn erstmals war der arabischen Lawine, die sich so gut wie widerstandslos über die Länder hinweggerollt war, Einhalt geboten worden. Der Erfolg ist höher einzuschätzen als die späteren Siege Leons III. im Jahr 718 und Karl Martells bei Tour und Poitiers (732) über die Araber; ohne Zweifel ist der Ansturm der Araber auf Konstantinopel der stärkste gewesen, den die christliche Welt jemals von arabischer Seite erlebte; Konstantinopel war der letzte Damm, der damals der arabischen Invasion entgegenstand, der Sieg war daher zugleich die Rettung für die gesamte europäische Kultur.

 

Vor neue große Schwierigkeiten stellte aber das Reich der Einbruch des Turkvolkes der Bulgaren auf der Balkan-Halbinsel. Das bulgarische, bzw. das onogurisch-bulgarische Großreich mit dem Byzanz unter Herakleios freundschaftliche Beziehungen unterhalten hatte, war um die Mitte des 7. Jahrhunderts unter dem Druck der westwärts vordringenden Chazaren zerfallen. Während sich ein Teil der Bulgaren den Chazaren unterwarf, verließen mehrere bulgarische Stämme ihre bisherige Wohnstätte. Eine größere Horde zog unter Asparuch (Isperich der altbulgarischen Herrscherliste) westwärts und erschien in den siebziger Jahren an der Donaumündung. Konstantin IV. verkannte nicht die Gefahr, die das Erscheinen dieses kriegerischen Volkes an der nördlichen Reichsgrenze für den byzantinischen Staat bedeutete. Nach dem Friedensschluß mit den Arabern begann er sofort mit Vorbereitungen zu einer Expedition gegen die Bulgaren, und schon 680 brach der Krieg aus. Eine größere Flottenabteilung durch- querte unter der persönlichen Leitung des Kaisers das Schwarze Meer und landete nördlich der Donaumündung, während zugleich auch byzantinischen Reitertruppen, die aus Kleinasien über Thrakien herangezogen kamen, die Donau überschritten. Doch machte die sumpfige Gegend die Kriegsführung für die Byzantiner sehr schwierig; den Bulgaren aber gab sie die Möglichkeit, jeder ernsteren Begegnung mit dem überlegenen Feind auszuweichen. Die byzantinische Armee erschöpfte ihre Kraft ohne Erfolg und trat schließlich, nach der Erkrankung des Kaisers den Rückzug an, wobei sie bei der Überquerung der Donau schwere Verluste durch bulgarische Angriffe erlitt. Byzanz mußte gegen Tributzahlungen Frieden schließen, die Bulgaren besiedelten die frühere Provinz *Moesia. Damit war erstmals auf altem byzantinischen Gebiet ein unabhängiges Reich entstanden.

 

Die Entwicklung im Osten stellte die byzantinische Regierung vor die Notwendigkeit einer kirchenpolitischen Umstellung. Da mit der Rückkehr der an die Araber verfallenen orientalischen Provinzen offensichtlich nicht mehr zu rechnen war, erschien ein weiteres Festhalten am Monotheletismus (s. auch *Maximos Confessor) zwecklos. Als Mittel der religiösen Aussöhnung mit der christlichen Bevölkerung des Ostens hatte sich die monotheletische Politik nicht bewährt, im Westen und in Byzanz selbst führte sie zu unheilvollen Verwicklungen. Im Einvernehmen mit Rom berief Konstantin IV. nach Konstantinopel ein Konzil, das mit dem Monotheletismus Schluß machen sollte. Dieses Konzil, das VI. ökumenische der christlichen Kirche (680/681; 3. Konzil von Konstantinopel), das die ungewöhnlich große zahl von achtzehn Sitzungen hatte und vom 7. November 680 bis zum 16. September 681 tagte, erhob die bis vor kurzem verpönte Lehre von den zwei Energien und zwei Willen zum Dogma. Der Monotheletismus wurde verdammt und die führenden Männer der monotheletischen Partei wie auch ihre früheren Vorkämpfer, darunter die Patriarchen Sergios, Pyrrhos und Kyros und der Papst Honorius, wurden mit dem Bann belegt. An den Verhandlungen des Konzils nahm der Kaiser sehr starken Anteil. Er wohnte den elf ersten und wichtigsten Sitzungen sowie der Schlußsitzung bei, wobei er den Vorsitz führte und die theologischen Diskussionen leitete. In der feierlichen Schlußsitzung, nachdem er unter die Beschlüsse des Konzils seine Unterschrift gesetzt hatte, wurde er durch Zurufe der Kirchenversammlung als Wahrer, ja als Interpret des rechten Glaubens begrüßt: «Viele Jahre dem Kaiser! Du hast das Wesen der Naturen Christi dargelegt. Herr, bewahre den Leuchter der Welt! Konstantin, dem neuen Markian, ewiges Gedenken! Konstantin, dem neuen Justinian, ewiges Gedenken! Du hast alle Häretiker zerstreut!»

 

Bald nach der Tagung des ökumenischen Konzils kam in der kaiserlichen Familie ein schwerer Konflikt zum Austrag, in dem sich der blutige Streit zwischen Konstanz II. und dessen Bruder Theodosios zu wiederholen schien. Wie Konstanz II., so erstrebte auch Konstantin IV. die uneingeschränkte Alleinherrschaft und faßte deshalb den Entschluß, seinen noch zu Lebzeiten des Vaters gekrönten jüngeren Brüdern, Herakleios und Tiberios, alle Kaiserrechte zu entziehen. Er stieß dabei auf starke Opposition sowohl im Senat als auch bei der Armee, die der bisherigen Herrschaftsordnung treu blieb und dieser eine eigentümliche neue Auslegung in christlich-mystischem Sinne gab. Ihren Protest gegen das Vorgehen des Kaisers sollen die Truppen des Themas der Anatoliken in den Worten ausgedrückt haben: «Wir glauben an die Dreifaltigkeit, drei (Herrscher) wollen wir auch gekrönt sehen.» Doch ließ sich Konstantin IV. durch den Widerstand nicht beirren. Zunächst entzog er seinen Brüdern die ihnen zukommenden Herrschertitel und Ende 681 ließ er den beiden unglücklichen Prinzen die *Nasen abschneiden. Die Vertreter des anatolischen Themas, die den Kaiser an der Durchführung seines Vorhabens hatten hindern wollen, wurden hingerichtet.

 

Der Staatsstreich Konstantins IV. hatte für die weitere Entwicklung wichtige Folgen. Nach blutigem Bruderzwist durch mehrere Generationen hindurch erscheint nun die Alleinherrschaft fest begründet. Und das bedeutet, daß das Prinzip der monarchischen Thronfolgeordnung unter Beschränkung des Thronfolgerechtes auf den ältesten Herrschersohn einen entscheidenden Fortschritt macht. Als Mittel zur Sicherung der Thronfolge behält das Institut des Mitkaisertums nach wie vor große Bedeutung, an der Ausübung der Herrschergewalt haben aber fortan die Mitkaiser, sofern der Hauptkaiser mündig und regierungsfähig ist, keinen Anteil mehr. Die ganze Gewalt liegt in den Händen des Hauptkaisers, des Autokrators.

 

Konstantin IV., dessen Regierung sowohl in der außen- als auch in der innenpolitischen Geschichte des byzantinischen Reiches, sowohl in der kirchlichen als auch in der staatlichen Entwicklung tiefe Spuren hinterließ, war erst etwa 33 Jahre alt, als er im September 685 nach siebzehnjähriger Regierung starb.

 

 

 

Justinian II. Rhinometos (685-95; 705-711):

Dem früh verstorbenen Kaiser folgte sein Sohn Justinian II. (685-95; 705-11) auf dem Thron. Ebenso wie sein Vater war er kaum 16 Jahre alt, als er die Herrschaft übernahm. Er besaß aber nicht die kluge Besonnenheit und Ausgeglichenheit, die den wahren Staatsmann auszeichnet. Eine leidenschaftliche, spontane Natur, glich er seiner seelischen Veranlagung nach eher dem Großvater. Der Herrschaftswille, der allen Vertretern der Herakleios-Dynastie eigen war, äußerte sich bei ihm, wie bei Konstanz II., in einem draufgängerischen Despotismus, der Hemmungen und Rücksichten nicht kannte. Dazu trug er einen Namen, der zu vielem verpflichtete, in dem aber auch eine große Versuchung lag. Das Vorbild Justinians 1. vor Augen, ganz durchdrungen vom Gefühl der Erhabenheit seiner Kaiserwürde, ließ sich der junge, unausgereifte und unausgeglichene Herrscher gar oft von seinem brennenden Ehrgeiz und einer unstillbaren Ruhmessucht fortreißen. Sein hemmungsloser Despotismus und seine äußerste Reizbarkeit verleiteten ihn oft zu Handlungen, die ihn bei Zeitgenossen und Nachfahren in schlechten Ruf brachten und die auch die moderne Geschichtsschreibung die Bedeutung seiner Herrschaft übersehen ließen. Dennoch war Justinian II. als echter Vertreter des Herakleios-Geschlechts ein hochbegabter Herrscher mit klarem Blick für die Erfordernisse des Staates.

 

Dank dem entscheidenden Sieg Konstantins IV. war die Lage des Reiches im Osten sehr günstig, während umgekehrt das Kalifat seit dem Tode Mujawijas durch innere Wirren gelähmt erschien. Abdalmalik, der den Kalifenthron in demselben Jahre bestieg, in dem Justinian II. die Herrschaft in Byzanz übernahm, erstrebte eine Sicherung der Verhältnisse durch einen neuen Friedensvertrag mit Byzanz. Der Vertrag brachte dem Reiche erhebliche Vorteile: nicht nur wurden die Zahlungen, zu denen sich die Araber Konstantin IV. gegenüber verpflichtet hatten, erhöht, sondern auch die Einkünfte von Kypros einerseits und von Armenien und Iberien andererseits zwischen den beiden vertragschließenden Seiten geteilt. Von da an stellte Kypros mehrere Jahrhunderte lang ein Kondominium der beiden Mächte dar.

 

Die Ruhe im Osten gab Justinian II. die Möglichkeit, sich dem Balkan zuzuwenden. Schon 687/88 ließ er Kavallerietruppen aus Kleinasien nach Thrakien überführen, um, wie Theophanes sagt, «die Bulgaren und die Sklavinien zu unterwerfen». An der Spitze dieser Armee unternahm er im Jahre 688/89 einen großen, vornehmlich gegen die Slaven gerichteten Feldzug. Nach einem Zusammenstoß mit den Bulgaren drang er gegen Thessaloniki vor und «unterwarf große Mengen von Slaven». Der Gang dieses Kriegszuges beleuchtet schlaglichtartig die damalige Lage auf dem Balkan: um von Konstantinopel nach Thessaloniki zu gelangen, mußte sich der Kaiser mit stärkeren, eigens dazu herbeigeschafften Streitkräften durch ein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Nikephoros I. (802-811):

bis zum Sturz der Kaiserin Irene deren Genikos Logothetes (fakt. Finanzminister u. Chef der kaiserlichen Verwaltung); Finanzfachmann; Reformpolitik; Aufhebung der Steuersenkungen Irenes und Sanierung der zerrütteten Reichsfinanzen; Verstärkung des Heeres und des Wehrbauernsystems; Verweigerung der Tributzahlungen an Harun al Raschid; daraufhin 803 arabischer Angriff in Kleinasien; 803 Rebellion des Bardanes Turkos niedergeschlagen; Fortdauer der Spannungen mit dem deutschen Kaiserreich nach der Kaiserkrönung Karls d. Gr. (800) und Seekrieg in der Adria; 805 Abfall der jungen Republik Venedig; 806 arabischer Angriff mit 135000 Mann auf Kappadokien und Eroberung von Tyana; Rückzug der Sarazenen nach byzantinischer Tributzahlung; 806 Tod Harun al Raschids, seither Ruhe an der Ostfront; 805 slawischer Angriff auf Patras; daraufhin griechische Neubesiedlung der Peloponnes; 805 erneute Auseinandersetzung in der orthodoxen Kirche im *moicheanischen Streit nach Rehabilitierung des Priesters Joseph (Frage der kaiserlichen Macht in der Kirche); daraufhin erneute Verbannung von Theodor Studites; Einigung und Aufstieg der Bulgaren seit 807 unter Khan Krum; 807 byzantinischer Angriff gegen Bulgarien nach Offiziersrevolte abgebrochen; 808 byzantinische Niederlage am Strymon gegen Bulgarien; 809 bulgarische Eroberung von Serdica und Ermordung der byzantinischen Verteidiger; Unruhen in Konstantinopel; byzantinischer Gegenangriff und Eroberung der bulgarischen Hauptstadt Pliska sowie Rückeroberung von Serdica; 810 Wechsel der byzantinischen Westpolitik gegenüber dem deutschen Kaiserreich und Aufnahme von Verhandlungen; 811 erneuter byzantinischer Angriff auf Bulgarien; 26.7.811 vernichtende Niederlage der Byzantiner am Paß von Verbitza; Tod Nikephoros I; sein Sohn und Mitkaiser Staurakios tödlich verwundet nach Konstantinopel zurückgebracht:

 

 

Staurakios (811):

Staurakios versucht von Krankenbett aus zu regieren und seine Frau Theophano als Kaiserin krönen zu lassen; gegen den Willen des Kaisers kommt es am 2.10.811 zur Krönung seines Schwagers Michael I. Rangabe.

 

 

Michael I. Rangabe:

Kaiser 811-913; Schwiegersohn von Kaiser *Nikephoros I. (802-811) und dessen Nachfolger nach der Niederlage in der Schlacht von *Verbitza (vgl. *Krum, Bulgarenchan); tiefreligiöser, aber willensschwacher und manipulierbarer Herrscher; geriet unter den bestimmenden Einfluß des Patriarchen *Nikephoros von Konstantinopel (806-815) und *Theodor Studites. Überzeugter Anhänger der Ikonodulen, unter ihm erlebte die Orthodoxie - am Vorabend eines neuen Ausbruchs des Bildersturms - ihre besten Tage (vgl. Norwich II., S. 21; Ostrogorsky, S. 160).

 

Nach der Schlacht von Verbitza wurde zunächst der Mitkaiser von Nikephoros I, dessen Sohn Staurakios, der Schlacht schwerverwundet und gelähmt überlebt hatte, zum Kaiser ausgerufen. Patriarch Nikephoros war nicht unbeteiligt daran, daß sich kurz darauf der Schwager des Kaisers, Michael Rangabe, zum Kaiser ausrufen ließ, noch bevor Staurakios gestorben war. Der neue Kaiser (811-813) warf das innenpolitische Steuer wieder einmal herum. Die Studiten (s. *Studios Kloster) mit Theodor *Studites an der Spitze (vgl. zu den Hintergründen der Verbannung: *Nikephoros I.) wurden aus der Verbannung zurückgerufen, der Patriarch Nikephoros mußte die Rehabilitation des Priesters Joseph wieder einmal kassieren und ihn neuerdings exkommunizieren (s. auch *Moicheanischer Streit). Theodor Studites stieg zum Berater Kaiser Michaels I. Rangabe auf.

 

Unter Michael I. Rangabe kam es zur Änderung der Westpolitik und zur Aussöhnung mit den Karolingern (möglicherweise bereits unter *Nikephoros I. eingeleitet; vgl. Norwich II., S. 23; Ostrogorsky, S. 160 f.).

 

Die Studiten triumphierten und ließen keine Gelegenheit verstreichen, den Patriarchen diesen Triumph spüren zu lassen. Michael I. Rangabe war - im Gegensatz zum seinem Vorgänger Nikephoros I. - äußerst verschwenderisch und spendete hohe Summen an Kirche und Klöster. Nur gegenüber der Armee und den Verteidigungsausgaben war er knauserig, obwohl der Bulgarenchan *Krum, in einem erneuten Angriff 812 Develtos am Schwarzen Meer erobert hatte und nun die Küstenstraße nach Süden kontrollierte.

 

Im Juni 812 versuchte der Kaiser einen Gegenangriff, das neu einberufene militärisch kaum ausgebildete und unerfahrene Heer revoltierte jedoch sofort und erzwang den Abbruch des Unternehmens. Der Rückzug führte zur Flucht der Bevölkerung aus Thrakien und Mazedonien, wichtige Grenzfestungen wurden aufgeben. Ein Friedensangebot Krums wurde auf Rat von Theodor Studites abgelehnt, worauf die Bulgaren die Stadt Mesembria (Nesebur), einen der reichsten Häfen der Balkanhalbinsel angriffen. Da die byzantinische Flotte sich im Stadium des Verfalls befand, konnte eine Versorgung der Stadt von See her nicht erfolgen, Mesembria fiel am 5.11.812. Neue Aushebungen im Winter sollten das byzantinische Heer verstärken für den Feldzug des Frühjahrs 813. Letzterer wurde von Michael I. Rangabe hinausgezögert, worauf die Bulgaren Anfang Juni die Grenze überschritten. Am 21.6.813 kam es zur Schlacht von Wersinika. Die zahlenmäßig unterlegenen Bulgaren siegten, nachdem der rechte Flügel der Byzantiner, kriegserfahrene armenische Truppen unter der Führung von Leon dem Armenier, grundlos die "Flucht" ergriffen - ein offenkundiger Verrat. Aufgrund der byzantinischen Niederlage rückten die Bulgaren gegen Byzanz vor und begannen am 17.7.1813 mit der Belagerung der Stadt. (Norwich II, 27/28)

 

Inzwischen war die Unzufriedenheit in der Armee gewachsen und schließlich putschte einer der großen Kommandeure, der Stratege des Anatolikon Leon der Armenier. Michael I. Rangabe erklärte sofort nach Rückkehr in Byzanz seinen Rücktritt. Leon der Armenier bestieg den Thron als Leon V. (813-820). (vgl. Beck, Kirchengeschichte, S. 85/86; Norwich II, 28). Michael I. Rangabe wurde verschont und trat unter dem Namen Athanasios ins Kloster ein, seine Söhne wurden entmannt, seine Gemahlin, die Kaisertochter Prokopia und seine Töchter wurden Nonnen.

 

 

 

Michael II. Psellos, der Amorier (820-829):

Kaiser 820-829; sein Beiname Psellos, der Stammler rührt von einem Sprachfehler (nicht zu verwechseln mit dem späteren gleichnamigen Chronisten und Mönch Michael Psellos, der um 1050-1080 Charistikarier des Acheiropoietos-Klosters in Konstantinopel war); stammte aus *Amorion in Phrygien; zunächst Offizier und zusammen mit seinem damaligen Freund *Leon V. an der gescheiterten Revolte des *Bardanos Turkos von 803 gegen Kaiser Nikephoros I (802-811) beteiligt. Michael II. war seinem Freund Leon nach/bei der Schlacht von Wersenikia (21.6.813) behilflich, die nach der Niederlage zum Sturz von Kaiser *Michael I. Rangabe (811-813) führte; Michael Psellos war Leon nach der verlorenen Schlacht und dem Marsch auf Konstantinopel behilflich und beim triumphalen Einzug Leons V. als neuem Kaiser in den kaiserlichen Palast dessen unmittelbarer Begleiter; Leon V. war auch der Pate von Michaels Sohn.

 

Michael gilt als ungebildet und ungeschlacht; er konnten kaum lesen und schreiben. 820 war Michael Psellos Haupt einer Revolte gegen Leon V. und wurde nach dessen Ermordung am Weihnachtstag 820 Kaiser. Gründer der amorischen Dynastie; bereits an Pfingsten 821 krönte er seinen 17jährigen Sohn Theophilos zum Mitkaiser.

 

 

 

 

 

 

 

 

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