Thessaloniki
Ein Zusammenfassender Überblick
Der Text war ein Skript für eine Führung des Autors durch Thessaloniki und Einführung in die Orthodoxie
im Rahmen einer Exkursion für Theologie-Lehrinnen/Lehrer,
veranstaltet von Pfarrer Horst Hutter, EFWI Landau im Sommer 1996
zusammengestellt und erläutert
von
Eberhard Ref
Vorwort
Seit nahezu zweitausend Jahren ist Thessaloniki (wie man es in neuer Zeit anstelle der alten Bezeichnung ‘Saloniki‘ wider nennt) die zweite Hauptstadt der griechischen Welt. Eine wechselvolle Geschichte hat die Geschicke der Stadt gezeichnet und prägt noch heute in Relikten das Aussehen der europäischsten Stadt Griechenlands.
Thessaloniki entstand Ende des vierten Jh. v. Chr. nahe dem antiken Thermai - daher hat der Thermäische Golf seinen Namen - durch welchen Xerxes 480 v. Chr. zog, während sich seine Flotte zum Feldzug gegen Griechenland neu ordnete (zuvor waren die Schiffe durch den Xerxes-Kanal auf der Athoshalbinsel gezogen worden). Der Diadoche (einer der Heerführer Alexanders d. Gr, die nach dessen Tod, das Alexanderreich teilten) Kassandros gründete die Stadt 316/315 v. Chr. durch einen Synoikismos von 26 kleinen Städten und benannte sie nach seiner Frau Thessalonike, einer der Halbschwestern Alexanders d. Gr. In makedonischer Zeit hatte die Stadt nur Bedeutung als Seehafen. Nach 168 v. Chr. war Thessaloniki Hauptstadt der der 2. makedonischen Region (Makedonia secunda), nach 148 v. Chr. Sitz eines römischen Statthalters. Unter den römischen Kaisern wurde die Stadt bald Hauptstadt von Makedonien. Hierher wurde Cicero verbannt.
Thessaloniki lag in römischer Zeit an der bedeutendsten Ost-West-Verbindung des römischen Reiches, der noch heute die Stadt von Ost nach West durchquerenden Odos Egnatias; über sie marschierten die Legionen der Caesarenmörder Cassius und Brutus wie auch des späteren Kaisers Augustus zur Schlacht von Philippi. Die Stadt stand im römischen Bürgerkrieg auf Seiten des späteren Kaisers Augustus und wurde nach dessen Sieg "freie Stadt" (Liberam Civitatem), ein Ehrentitel der mit wichtigen Privilegien, darunter dem Recht der Selbstverwaltung, versehen war. Thessaloniki wurde so zu einer der großen Städte des römischen Reiches und zur Reichshauptstadt unter Galerius, des "Caesars des Ostens". Sie lag schon in römischer Zeit am Kreuzungspunkt zwischen Orient und Okzident, wo sich hellenistische und römische Kultur kreuzten.
Der Apostel Paulus hegte eine Zuneigung zu ihren Bewohnern und schrieb an die frühchristliche Gemeinde seine zwei "Briefe an die Thessalonicher". Hier gründete er die zweite christliche Kirche auf europäischem Boden. Die Stadt war Ausgangspunkt der letzten und schwersten Christenverfolgung.
Kaiser Konstantin d.Gr. erwog eine Zeitlang die Hauptstadt des Reiches nach Thessaloniki zu verlegen. Seit dem Ende des vierten Jh, als die kämpferische Einstellung des Kaisers Theodosios gegen das sterbende Heidentum den endgültigen Sieg des Christentums heraufführte, war es das Schicksal Thessalonikis, Schauplatz endloser Belagerungen und haarspalterischer theologischer Dispute zu sein. Unter dem Schutz des Heiligen Demetrios stehend, spielte die Stadt in der Folge eine ereignisreiche und häufig heroische Rolle, die an Bedeutung nur derjenigen Konstantinopels nachstand.
Thessaloniki war seit der Eroberung 1430 türkisch, zunächst Provinzstadt, seit 17./18 Jh. eine der bedeutendsten Metropolen des osmanischen Reiches. Noch heute künden die inzwischen restaurierte Moschee, der Geburtshaus Kemal Atatürks, Reste türkischer Badehäuser und Basare von der jahrhundertealten türkischen Vergangenheit Seit dem Balkankrieg 1912 gehört die Stadt wieder zu Griechenland.
Im ersten Weltkrieg landeten die Alliierten hier ein Expeditionskorps von 20000 Mann, um den Serben gegen den deutsch-bulgarischen Angriff zu Hilfe zu kommen. Auf dem Vardar-Platz errichteten im ersten Weltkrieg die zurückgeschlagenen Kämpfer von Gallipolli, Einheiten der vielsprachigen alliierten Expeditionstruppe, ihre Lager. Saloniki war als Stützpunkt der Balkanfront in den Augen des alliierten Oberkommandos nicht mehr als ein unbedeutender Nebenkriegsschauplatz. Tausende alliierter Soldaten (Franzosen, Engländer, Italiener, Griechen und Serben) sind auf den Ehrenfriedhöfen begraben. In den innergriechischen Auseinandersetzungen um die Frage der Neutralität wurde Thessaloniki ab 1916 Sitz der provisorischen Gegenregierung Venizelos´. Im zweiten Weltkrieg war sie erstes Angriffsziel der von Norden her angreifenden deutschen Truppen und als Sitz der deutschen Heeresgruppe E, nach der Eroberung Sitz des Oberkommandos und Sammlungspunkt für die Deportationen in deutsche Konzentrationslager und Schwerpunkt deutscher *Judenverfolgung.
Heute ist Thessaloniki Hauptstadt Nordgriechenlands, Universitätsstadt und Natohauptquartier in Südeuropa. Nach einer gewaltigen Feuersbrunst 1917 wurde die Unterstadt zwischen den Bergen und dem Meer nach dem Plan sich rechtwinklig überschneidender Straßen neu erbaut. Dahin ist das Saloniki des 19. Jh., in dem der Engländer Ear auf dem Höhepunkt einer Choleraepidemie durch die übelriechenden Gäßchen streifte. Während in Athen die Antike das Übergewicht hat, ist in der großen Stadt des Nordens das Mittelalter noch lebendig. Besser noch als im heutigen Istanbul haben sich hier die Denkmale der byzantinischen Zeit bewahrt, als eine ablesbare, faßbare Entwicklung konstantinopolitanischer Kunst und Kultur.
Die reiche historische Vergangenheit hat trotz des Brandes von 1917 überall im Stadtbild Spuren hinterlassen. Die 8 km lange hellenistische Stadtmauer, die Akropolis, der Galeriusbogen, der römische Kaiserpalast, der weiße Turm, die römische Agora, die Zwölfzahl bedeutender byzantinischer Kirchen, türkische Baudenkmäler und vieles mehr, machen Thessaloniki mehr als nur eine Reise wert. Die Wahl zur europäischen Kulturhauptstadt 1997 unterstreicht die große Bedeutung der Stadt, in der trotz weitläufiger Neuanlage im frühen 20. Jh. noch immer der Hauch des Mittelalters weht.
Fehlende Kenntnis von Geschichte, Kunstgeschichte, Kultur und Religiosität des byzantinischen Reiches erschwerten dem Autor bei seinen ersten Besuchen der Stadt die Einordnung und das Verständnis der vorhandenen Kunstdenkmäler und Kirchen. Unser Buch soll deshalb dem Besucher mit einer Darstellung von Geschichte, Kunstgeschichte und der Orthodoxie eine vertiefte Annäherungsmöglichkeit geben. Ohne das Wissen um die Grundlagen und die Entwicklung dieser Bereiche ist die Einordnung der Kulturschätze Thessalonikis kaum möglich. Deshalb sollen diese Bereiche der Schilderung der Baudenkmäler der Stadt vorangestellt werden.