Teil A: Geschichte Byzanz´, Griechenlands und des frühen Christentums im Überblick

 

 

 

I. Geschichte Griechenlands in der Antike

 

 

1. Die kretische (2500-1425) und helladische Kultur (2500-1150):

 

Da das Ursprungsgebiet der Erzverarbeitung in der Bronzezeit (ca. 1700-800) der vordere Orient ist, wo Kupfer ab dem 4. Jahrtau­send, Bronze ab ca. 2500 verarbeitet wurde, bildeten sich die ältesten Bronzekulturen in Mesopotamien. Von dort dringt die Kenntnis der Bronze nach Norden (Kaukasus und Anatolien), nach Ägypten, in den ägäischen Raum und nach Kreta, das für die westeuropäi­schen Kulturen ein wichtiges Ausstrahlungszentrum wird. In der zweiten Hälfte des 2. Jts. wird Kreta abgelöst von Mykene. Ungarn gerät sehr bald unter mykenischen Einfluß, etwas später folgt das germanische Gebiet. Goldfunde in Irland weisen ebenfalls auf enge Verbindung mit Mykene hin.

 

Im heutigen griechischen Raum entwickelten sich zwei Kulturkreise: die kretische und die helladische Kultur.

 

 

a. Die kretische Kultur (2600-1425):

 

Die kretische Kultur wird nach ihrem Entdecker Sir Arthur Evans in eine früh-, mittel- und spätminoische Periode eingeteilt. Jede dieser Perioden ist in sich noch durch drei Zeiträume begrenzt (Frühminoisch - FM - I-III, Mittelminoisch - MM - I-III, Spätminoisch - SM - I-III). Auf die neolithische und subneolithische Zeit folgt 2600-2000 die minoische Frühzeit (FM I-III), bekannt durch die Ha­fenstädte in Ostkreta und die Rundgräber in der Mesara (Tholoi = Grabkammern). Funde: Siegel, kupferne und bronzene Dolche, Goldschmuck. Die minoische Kultur erlebt um 2200 eine Blütezeit (zur selben Zeit wird Troja II zerstört).

 

Die mittelminoische Zeit (2000 bis 1570) ist die Epoche der ersten (‘älteren’) unbefestigten Paläste (MM I-II) in Knossos, Phaistos und Mallia. Wirtschaftliche Mittelpunkte sind die Paläste mit ihren riesigen Speicheranlagenfür Öl, Getreide und Wein. Die Bewoh­ner treiben Handel mit dem griechischen Festland und den syrischen und ägyptischen Häfen. Unter ägyptischem Einfluß bildet sich eine Bilderschrift. Es finden keine Eroberungen statt. Das Kunstgewerbe ist die Blütezeit der Kamareskeramik, von Stein- und Fa­yencegefäßen. Zur Zeit des Hyksoseinfalls in Ägypten (um 1650) werden die ersten Paläste zerstört. Die religiösen Vorstellungen der Epoche sind gekennzeichnet durch bildlose, ekstatische Kulte in Naturheiligtümern und heiligen Höhlen, eine Mutter- und Erdgöttin (als Herrin der Tiere, Schlangengöttin, Schildgöttin) und männliche Götter werden verehrt.

 

1570 - 1425 ist die Blütezeit der (‘jüngeren’) Paläste (MM III - SM II) in Knossos ("Labyrinth"), Phaistos und Hagia Triada. Es wer­den großartige, um einen Mittelhof gelagerte Bauten errichtet. In diese Zeit fällt die Reichsgründung, es kommt zum Aufbau einer zentral gelenkten Verwaltung und Wirtschaft nach ägyptischem Vorbild. Kreta besitzt die unbestrittene Seeherrschaft. Lebhafter See­handel findet mit dem Neuen Reich in Ägypten statt. Die Bilderschrift wird ersetzt durch die Linearschrift A (vorgriechische Sprache; nach neuerer Sprachforschung eine semitische Sprache). Die Frauen nehmen in der Gesellschaft eine bevorzugte Stellung ein. Im 16. Jh wird der Palast von Knossos durch Erdbeben zweimal beschädigt, jedoch jeweils wieder aufgebaut. Im 15. Jh. beginnen die Achai­er vom Festland her die Insel zu besiedeln, und gewinnen rasch an Einfluß. Die Ureinwohner verlassen die Paläste von Mallia, Hagia Triada und Phaistos. Die Eroberer verwenden von nun an die Linearschrift B, die für die griechische Sprache auf dem Festland schon in Gebrauch ist. Es kommt zur letzten Blüte von Knossos. In der Kunst kommt es zur Veränderung des ornamentalen Formenschat­zes, ein Palaststil bildet sich in Keramik und Freskomalerei heraus.

 

Um 1425 erfolgt die Zerstörung des Palastes von Knossos durch Brand nach einem erfolglosen Aufstand der kretischen Bevölkerung gegen die neuen Herren von Mykene, Kreta gerät endgültig unter minoische Herrschaft (Anm.: Die Sage von Theseus, der Ariadne und des Minotaurus erinnert an die Eroberung Kretas).

 

 

b. Die helladische Zeit (2500-1150):

 

In der früh- und mittelhelladischen Epoche (2500-1600) kommt es zur Bildung von verschiedenen Kulturkreisen im ägäischen Raum. In Griechenland entsteht eine Bauernkultur, die Thrakien, Phokis, Boiotien, Attika, Argolis und Korinth umfaßt (Kennzeichen: ‘Urfir­nis’-Keramik). Sprachlich sind Spuren dieser altmediterranen Bevölkerung nachweisbar: Ortsnamen auf ‘nthos’ und ‘ssos’ (Thassos) sind nicht indogermanisch (Namen der Pflanzen, der Metalle, aus der Schiffahrt und dem Fischereiwesen werde von den Griechen übernommen).

 

In der mittelhelladischen Epoche (1850-1600) kommt es zur Einwanderung indogermanischer Stämme (‘Protogriechen’): Ioner und Aioler (Achaier). Sie vollzieht sich nicht in einem einmaligen großen Heereszug, sondern durch langsames Eindringen von Stämmen und Stammessplittern (nebeneinander friedliches Zusammenleben und kriegerische Auseinandersetzungen). Die Verschmelzung diese Gruppen mit der mittelmeerischen Urbevölkerung bereitet eine bruchlosen Übergang in die späthelladische (mykenische Zeit) von 1600 bis 1150 vor.

 

Das Kennzeichen der späthelladischen Epoche sind adlige Herren, Streitwagenkämpfer, die auf monumentalen Burgen mit dem Me­garon als Mittelpunkt leben (‘Kyklopische Mauern’) Es gibt Zeugnisse kriegerischer Auseinandersetzungen unter den mykenischen Herren (kantonale Herrschaftsbereiche), aber auch friedliche Koexistenz unter einem Oberherrn (Herrscher des ‘goldreichen Myke­nai’ in der Argolis). Voraussetzung des Burgenbaues ist eine große Anzahl Sklaven. Das adlige Leben besteht aus Krieg, Jagd, höfi­schen Festlichkeiten. Im 15. Jh. kommt es zur Ausdehnung des Machtbereichs nach Kleinasien (Milet), Melos und Kreta (Raubzüge). Aus der minoischen Kultur werden die Keramik und die Kuppelgräber für den Ahnenkult der Herrenschicht übernommen. Kreta, Rhodos und Zypern werden erobert und besiedelt.

 

Besonderes Kennzeichen der Spätmykenischen Zeit (1400-1150) sind Kuppelgräber und Befestigungsanlagen vom gigantischen Aus­maßen (Mykene, Tyrins, Gia und Athen). Berühmt sind das Löwentor und das Schatzhaus des Atreus (Durchmesser der Kuppel 14,5 m) in Mykene. Im 13. Jh. kommt es zu monumentalen Erweiterungen der Burgbefestigungen zur Abwehr der aus dem Balkan ein­wandernden Stämme.

 

 

 

2. Die "griechische Völkerwanderung" (dorische Wanderung):

 

Um 1250 wird Griechenland von einer neuen Einwanderungswelle (‘Ägäische Wanderung’) erreicht. Deren Folgen ist der Zusam­menbruch der mykenischen Kultur und der dadurch bedingte Aufstieg des mittelassyrischen Reichs sowie der phönikischen Stadt­staaten. Es kommt zur Zerstörung von Troja VIIa, sowie um 1150 der mykenischen Burgen.

 

Die dorische Wanderung (1200 bis 1000) wird ausgelöst durch den Vorstoß der Illyrer zum Mittelmeer. Nordwestgriechen nehmen in Epiros, Aitolien und Arkananien ihre Sitze ein; die Dorer erreichen auf dem Seeweg Kreta und Südwestkleinasien und zu Land den Peloponnes. Die Achaier werden auf die ionischen Inseln verdrängt. Attika, Euboia die Kykladen bleiben, von der Wanderungswelle unberührt, in den Händen der Ionier. Die Westküste Kleinasiens wird besiedelt. Die Wanderungsbewegungen spiegeln sich in der Ver­breitung der wichtigsten Sprachgruppen (Dialekte) der griechischen Stämme: Ionisch, Archaisch (Aiolisch) und Dorisch.

 

Die Einwanderer zeigen sich militärisch aufgrund ihrer modernen Kampfesweise überlegen: Reiterkämpfer mit Eisenwaffen gegen Streitwagenkämpfer mit Bronzewaffen.

 

Es kommt zur allmählichen Ausbildung neuer politischer Ordnungen. Die Weiterbesiedlung einer alten mykenischen Burg (Polis) führt zum Stadtstaat. Aus Niederlassungen in neueroberten Gebieten entstehen Dorfsiedlungen, in denen die alte Heeresordnung (Versammlung von König und freien Kriegern) aufgegeben wird und sich eine grundbesitzende Schicht (Adel) bildet. Das Königtum bleibt in den griechischen Randgebieten (Epiros, Makedonien) bestehen.

 

 

3. Die Zeit der Staatenbildung:

 

Gesamtgriechische Bindungen sind die von den Phönikern übernommene Schrift und das von den Griechen aus ihr weiterentwickelte Alphabet (erste reine Lautschrift, Wiedergabe von Vokalen durch entbehrliche Konsonantenzeichen).

 

Die aus der mykenischen Zeit stammenden Mythen (‘Atriden’, ‘Perseus’, ‘Ödipus’, ‘Sieben gegen Theben’, ‘Helena’, ‘Menelaos’) sind Vorläufer der homerischen Epen. Der Religion mit Kultheiligtümern panhellenischer Bedeutung (Delphi, Delos, Samos, Olym­pia) und die aus dem Kult erwachsende Spiele haben gesamtgriechische Funktion: die olympischen Spiele zu Ehren des Zeus mit Siegesaufzeichnungen seit 776, die Pythien in Delphi zu Ehren Apolls, die Isthmien auf der Landenge Korinths zu Ehren Poseidons und die Nemeen zu Nemea in der Argolis zu Ehren des Zeus.

 

Es bildet sich der Gegensatz ‘Hellenen’ (Menschen, die an der griechischen Kultur teilhaben) und Barbaren heraus.

 

In der Kunst wirken zwei Bereiche auf die griechisch-geometrische Epoche ein: die kretisch-mykenische Kunst (etwa Anfang 3. Jts. - etwa 1400) und die mykenische Kunst (etwa 1600 - 1200). Unter der submykenischen Kunst (12. - 11. Jh.) setzt eine Verwilderung und Verarmung des mykenischen Formschatzes ein, in der protogeometrischen Kunst (1050 - 950) erfolgt eine weitere Schrumpfung des Traditionsstoffs, zugleich aber auch ein Neubeginn (Geometrisierung) mit dem Aufbau eines ornamentalen Kosmos aus einfa­chen geometrischen Ornamenten (Linien, Mäander, Halbkreis) bei den Amphoren. Es entwickelt sich eine Festigung des Kunstwerks durch straffen Aufbau (Tektonik = Verhältnis der Waagerechten und Senkrechten zueinander), sowie eine Entwicklung zur abstrakten Darstellung (Statuetten).

 

An Staatsformen ist die Polis und das Königtum vorhanden.

 

Die Polis, der Stadt- oder Gemeindestaat, entsteht aus den Stadtsiedlungen und dem sich daran anschließenden Gemeindeland. Sie ist gekennzeichnet durch innen- und außenpolitische Selbständigkeit (Autonomie und Eleutherie), wirtschaftliche Selbstgenügsamkeit (Autarkie) und lokale Kulte (staatliche und religiöse Gemeinschaft). Der völkerrechtliche Verkehr der Stadtstaaten untereinander wird durch Friedensschlüsse und Bündnisverträge geregelt. Den Namen erhält die Polis nicht nach dem Ort, sondern nach dem davon abgeleiteten Namen der Bewohner. Die Polis steht unter dem Schutz der Gottheit und unter den von ihr gestifteten Gesetzen. Fläche der Stadtstaaten: Attika 2250 qkm, Korinth 880 qkm, Argos 1400 qkm, 22 Stadtstaaten in Phokis mit zusammen 1650 qkm.

 

Im Anfang wird die Regierungsform der Unterworfenen übernommen, das Königtum. ‘Basileios’, d.h. der König, ist ein Wort nicht­griechischen Ursprungs. Der König hat keine uneingeschränkte Macht, sie ist ihm von Zeus übergeben (Bild: Hirte und anvertraute Herde). Nach dem Abschluß der Landnahme durch die griechischen Stämme ist die straffe königliche Gewalt und einheitliche Füh­rung überflüssig. In Lakonien, Argos, Arkadien, Elis und Makedonien besteht das Königtum unter Einschränkung seiner Macht wei­ter. In den anderen Landschaften wird das Königtum durch den Adel entmachtet, der, gestützt auf seinen Landbesitz und die große Gefolgschaft von Hintersassen und Hörigen, die Herrschaft übernimmt: Aristokratie als Kastenherrschaft der Großgrundbesitzer (Kriegerkaste). Das adlige Leben ist gekannzeichnet durch Kampfspiele, Wagenrennen, Jagd und Muße, sowie die Pferdezucht als Basis der militärischen Macht. Es kommt zur Einführung der Oligarchie ("Herrschaft weniger"), von denen die "Vielen" (Freie, Halb­freie, Sklaven) oder Armen beherrscht werden. Im 7. und 6. Jh. machen sich Usurpatoren aus dem Adel mit Hilfe der unzufriedenen Kleinbürger und des Bauernstandes zu Alleinherrschern (Tyrannen); es kommt zum Kampf gegen Großgrundbesitz und Großbürgertum, zur Begünstigung der Handwerker und Kleinbauern. Am Schluß der Entwicklung steht die Demokratie ("Herrschaft des Volkes") mit der Verleihung der Bürgerrechte an immer breitere Schichten der Polisangehörigen (Beanspruchung von Rechten für auferlegte Pflichten). Sie wird ermöglicht durch die Einführung der Sklaverei, durch die freie Bürger Muße zur politischen Betätigung findet.

 

Zwei Kulturbereiche liefern ihren Beitrag zur Religion der Griechen:

 

- der altmediterrane (bäuerliche): Fruchtbarkeits- und Muttergöttinnen (die der Erde und der Unterwelt nahestehen) und der sterbern­de Frühjahrsgott; daneben bestehen Bauernkulte

 

- der indogermanische (verschiedene Einwanderungswellen zwischen 2000 und 1100): Zeus, der Wetter- und Lichtgott, Hüter des Rechts und göttlicher Erzeuger; vielleicht Hestia, die Göttin des Herdes (lat. Vesta).

 

Seit 1600 verschmelzen in der kreitsch-mykenischen Adelswelt altmediterrane und indogermanische Gottesvorstellungen unter star­kem minoischen Einfluß. Götter dieser Zeit sind Zeus, Hera, Poseidon, Athena, Hermes, Artemis, Paion (Apollon = Apullu = Baal) und Eileithea, vielleicht auch Dionysos. Eine Weitergestaltung dieser feudalen Religion, die der hierarchisch gegliederten Gesell­schaft auf den mykenischen Burgen entspricht, erfolgt in der durch Homer verbreiteten Adelsreligion (olympische Götter): Zeus der Himmelsgott; seine Gemahlin Hera, die Göttin des Herdes und der Ehe; Demeter, die mütterliche Erde; Poseidon, der Herr der Mee­re; Hephaistos, der Gott der Schmiede (und damit des für die Eroberung und des weiteren Machterhalts wichtigen Eisens); Ares, der Kriegsgott; Apollon, der Gott der Helle, der Reinheit und der Erkenntnis; seine Schwester Artemis, die Göttin der Jagd; Aphrodite, die Göttin der Liebe; Hermes, der Gott der Diebe und Kaufleute (!); Athena, die Beschützerin des Handwerks, der Künste und der Wissenschaften.

Daneben tritt die Volksreligion: Lokalgötter in Form alter Fetische, Personifizierungen der Naturgewalten, Himmelskörpern (Sonne, Mond) und abstrakten Begriffen (Streit, Hoffnung etc.). Dogmen, Magie, Priester, Aberglaube sind unbekannt. Bei Hesiod in der ‘Theogonie’ tritt starker sittlicher Eifer und naiver Glaube an die Gerechtigkeit (Zeus als göttlicher Rechtsprecher) in den Vorder­grund. Neue religiöse Gedanken sind bei der Orphikern und Pythagoräern (Gedanken über Lohn und Strafe nach dem Tode) und in den Mysterienkulten (Eleusis) zu finden, die dem Eingeweihten (Mysten) ein Leben nach dem Tode zusichern.

 

Im 7. Jh. kommt es zum Vordringen des aus Thrakien stammenden Weingottes Dionysos. Mit seiner Aufnahme durch Apollon in Del­phi findet der letzte Gott Aufnahme in den Olymp.

 

 

4. Die griechische Kolonisation (750-550):

 

Die griechische Kolonisation bildet die Grundlage für das Aufkommen des gesamtgriechischen Gefühls und hat folgende Ursachen:

 

Aufschwung des Handwerks, Ausweitung des Seehandels, Bevölkerungsüberschuß Rat des Hesiod, sich auf ein Kind zu beschränken und Aussetzung von Neugeborenen), Verschuldung der Bauern, politische Emigration, soziale Gegensätze (Megara, Korinth und Athen). Die Kolonisation ist aber nicht zuletzt auch Ausdruck eines neuen Lebensgefühls. Die Gründung einer Kolonie erfolgt durch eine Mutterstadt, die - oft aufgrund eines Orakelspruchs - einen Gründer (Oikisten) bestimmt, oder von zentral gelegenen Seehäfen aus. Eine zentralistische Lenkung fehlt.

 

Es entstehen zwei Arten von Kolonien: Handelsplätze und Agrarkolonien. Diese sind politische selbständig, halten jedoch Verbin­dung mit der Mutterstadt durch ++++++++

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

II. Entstehung des byzantinischen Reiches

 

 

 

Das byzantinische Reich, das sich immer als römisches Reich bezeichnete, hat seine Wurzeln im römischen Reich und im Christen­tum. Deshalb soll im folgenden eine Kurzfassung der geschichtlichen Entwicklung bis zum Beginn der Regierungszeit Justinians I. (527-565) und des Christentums der Geschichte des byzantinischen Reiches erfolgen.

 

 

 

 

1. Das römische Reich: Von den Severern bis zur konstantinischen Zeit:

 

 

1.1. Das severische Herrscherhaus (193-235):

Imperator Caesar L. Septimius Severus 193-211. Kultur: Hervortreten von Afrikanern: Apuleius von Madaurus, Verfasser des Esels­romans "Metamorphosis" - mit der Novelle von "Amor und Psyche" als Einlage - und Syrern: Lukianos von Samosata mit kynischen Satiren in Prosa. Verbreitung orientalischen Wunderglaubens (Leben des Wundermanns Apollonios von Tyana von Philostrat aus Lemnos).

 

Nach den Kaisern aus längst romanisierten Provinzen erreicht in Severus ein bewährter Feldherr die Kaiserwürde. Er stammt aus der spätgewonnenen Grenzzone Nordafrikas, aus Leptis magna an der Syrte, das er dann großartig ausbauen läßt. Als Anhänger orientali­scher Theosophien ist er durch Heirat mit Julia Domna verbunden mit der Dynastie der Priesterkönige von Emesa. Orientalischen Vorstellungen folgt er auch mit der Einziehung des Grundbesitzes aller seiner Gegner; Bildung großer kaiserlicher Domänen in allen Reichsteilen. Einreihung der Bogenschützen von Palmyra (nun colonia) ins Heer. Aufhebung der Sonderstellung Italiens: eine Legion hierhin gelegt, Prätorianer aus Donau-Heeren ergänzt, Söhne von centuriones in den Senat aufgenommen, aber Wahrung der Recht­seinheit (berühmter Jurist Papinianus, gest. 211) und der Stellung Roms als Hauptstadt (203 Triumphbogen des Severus, Fassadenbau des Septizonium, 204 Argentarierbogen). Fortsetzung des antoninischen Stils, aber Eindringen volkstümlicher Elemente (Bogenreli­efs: Frontalität vielleicht parthischer Herkunft am Bogen von Leptis). Lebhafte, meist unterschätzte, Wiederaufbautätigkeit in Rom (Vesta-Tempel, Pantheon u. a.).

 

195 - 196 Vordringen über den Euphrat nach Edessa. Abgar VIII. von Edessa [179-214] macht an der Reichsgrenze gegen das Par­therreich in Vasallenstaat Osrhoene das Christentum zur Staatsreligion, Hauptstadt Nisibis.

 

197 Niederwerfung eines Aufstands des Albinus in Gallien (seit 195 von Lyon aus) durch Sieg bei Trinurtium. 197 erfolgreicher Krieg gegen die Parther. Erstürmung von Ktesiphon 197, Vordringen bis zum Persischen Golf, doch halten sich die Araber in Hatra. 199 Wiederherstellung der Provinz Mesopoiamia Traians zwischen mittlerem Euphrat und Chaboras (216 dazu Osrhoene mit Edessa). Neueinteilung von Syrien. Aufenthalte des Kaisers in Ägypten 199/200 (zahlreiche Reskripte) und Africa 203. Gründung mehrerer coloniae in Syrien und Africa, meist mit Kapitol und Triumphbogen. Karthago wird wieder Weltstadt 202 ludi saeculares. Willkürakte der Kaisersöhne Caracalla (Caesar 196, Augustus 198) und Geta (Caesar 198, Augustus 209).

 

208-210 Britannienfeldzug (209 bis zur Nordspitze) gegen Einfälle der nordschottischen Caledonier. Severus gest. in Ebura (York). Plan der Reichsteilung durch die Kaiserinwitwe Julia Domna verhindert.

 

M. Aurelius Antoninus Caracalla (211-217) (Beiname nach keltischem Soldatenmantel) ermordet 212 seinen Bruder und Mitregenten Geta (durch damnatio memoriae aus der Kaiserliste ausgelöscht) mit Tausenden seiner Anhänger. Er vollendet zur Erhöhung der Re­krutenzahl und der Steuereingänge die Angleichung der Provinzen an Rom. die Maßnahmen sind durch die Constitutio Antoniniana erhalten. 212: alle freien Reichsangehörigen erhalten das römische Bürgerrecht, ausgenommen nur die dediticii, Angehörige halbkul­tivierter Stämme. Einführung von Beamtentiteln und Gehaltsklassen, aber Anerkennung der längst erreichten Nivellierung des Stu­fenbaus der Rechte durch eine ihm fremde Dynastie. Der Sieg des orientalischen Geistes kündigt sich in der Blütezeit des Romans mit dem Motiv der Liebesabenteuer im Orient an: Jamblichos noch unter Kaiser Marcus, Achilles Tatios, Longos mit "Daphnis und Chloe", Quellen des Alexanderromans des Pseudo-Kalisthenes (mit Einwirkung auf Curtius Rufus ?). Sophist Philostratos, Dichter Oppianos, Blüte der Sammelliteratur durch Athenaios, Aelianus. 206 bis 216 Caracalla-Thermen in Rom erbaut.

 

213 bekämpft Caracalla die Alemannen jenseits des raetischen Limes, die Goten an der unteren Donau (214), greift 216 als neuer Alexander u. a. mit makedonischen und spartani-schen Truppen die Parther an. Er wird in Mesopotamien auf Anstiften des Macrinus 217 ermordet. Zum Kaiser ausgerufen, erkauft Macrinus (217/8) nach Niederlage bei Nisibis von den Parthern den Frieden, erliegt aber einer Meuterei und wird 218 in Antiocheia getötet. Die Truppen erheben auf den Thron Caracallas Verwandten (angeblichen Sohn).

 

Varius Avitus Bassianus Elagabalus 218-222, der als Sonnenpriester von Emesa den syrischen Baalskult offiziell als Staatsreligion einführt, geleitet von seiner Großmutter Julia Maesa. Nach seiner Ermordung regieren unter Verzicht auf die syrische Religionspoli­tik mit ihren Ausschweifungen deren Tochter Julia Mammaea und als praefecti praetorio (viri clarissimi) die Juristen Domitius Ulpia­nus (222-228) und Julius Paulus für Mammaeas Sohn M. Aurelius Severus Alexander zur Wiederherstellung römischer Staatsgesin­nung.

 

M. Aurelius Severus Alexander 222/235: Gegen das Neupersische Reich der Sassaniden seit 226 wird trotz schwerer Niederlagen im Feldzug 230/2 die Reichsgrenze behauptct. Vor einem Feldzug zur Sicherung von Rhein und Limes werden Alexander und Mam­maea 235 in Mainz ermordet.

 

 

 

 

1.2. Die Krise des Reichs und ihre Überwindung: die Soldatenkaiser (235-325):

 

a. von 235 bis zu den illyrischen Kaisern

Maximinus Thrax (235-238): Die Truppen am Rhein erheben zum Kaiser den C. Julius Maximinus Thrax (nach seiner Heimatgegend genannt, vielleicht gotischer Abstammung), dagegen rufen die Truppen in Africa 238 als neuen Senatskaiser den greisen Senator Gor­dianus I. und seinen Sohn Gordianus II. (238-244) zu Kaisern aus, die Prätorianer nach Maximins Ermordung bei der Belagerung von Aquileia seinen Enkel Gordianus III. Unter ihm werden die Karpen an der unteren Donau, 242 die Neu-Perser dank gotischer Hilfs­truppen durch Timesitheus bei Resaena, 243 bei Carrhae und Nisibis geschlagen. Der Urheber des Sieges, der Gardepräfekt Philippus Arabs (244-249), einst Scheich im benachbarten Hauran, ermordet den Kaiser und macht sich selbst zu seinem Nachfolger, sein Hei­matdorf zur colonia Philippopolis, gibt aber 244 Armenien und Mesopotamien preis. Er schlägt die Quaden 246, die Karpen 247, fei­ert 248 das tausendjährige Bestehen Roms, wird aber 249 von den moesischen Legionen unter dem Illyrier C. Messius Decius ge­stürzt und getötet (bei Verona).

 

Kaiser C. Messius Decius (249-251) sucht die Reichseinheit auf dem Glauben an die Segenskraft der altrömischen Götter neu zu be­gründen (Reichreligion als Klammer des Reichs; daher Christenverfolgung 250), verliert aber im Kampf mit 251 einfallenden Goten nach Niederlage bei Beroea 250, Sieg und Leben in der Schlacht bei Abrittus. Danach rufen die Heere 251 Trebonianus Gallus, 253 den Mauren M. Aemilius Aemilianus, den Italiker P. Licinius Valerianus (253-260) und dessen Sohn Gallienus (253-269) zu Kaisern aus.

 

252 verbreitet sich von Äthiopien aus die Pest im Reich (sog. Cyprianische Pest, da von Cyprianus in ‘de immortalitate‘ geschildert).In diesen Jahren vollendet sich als Folge der Prätendentenkämpfe der Zusammenbruch des Kaiserfriedens. Gegen Pirate­rie und Räuberbanden können sich die Grundherren nur durch Bewaffnung ihrer coloni als Privatmiliz wehren, die schon Severus als Grenzschutz verwendete. Die Schwäche der Staatsautorität führt bei den steigenden Geldforderungen der Soldateska zur Münzver­schlechterung (Anlaß: Abfließen des Silbers wie stets des Goldes aus dem Reich), schließlich zur Inflation und zur Ersetzung der Geld- durch Tauschwirtschaft. Wiederaufkommen der Gutswirtschaft, Verengung der Wirtschaftsgebiete, Verlagerung der Exportin­dustrien in Grenznähe. Aber zur Krise der alten Welt wird die Reichskrise erst durch den Eintritt neuer Völker in die Geschichte. Von mittelasiatischen Reitervölkern, vom Aufstieg der Sassaniden, Vorstoß süd-arabischer Nomaden und der Dromedarreiter südlich der afrikanischen Provinzen sowie der äthiopischen Blemmyer nimmt eine Völkerbewegung ihren Ausgang, die, gleichzeitig auch mit Bewegungen der schottischen Picten, von allen Seiten die Grenzen des Reichs bedroht.

 

Dem Reich fehlt der Grenzschutz. So muß sich das gesamte Leben des Reiches militarisieren. Valerianus und Gallienus suchen eine übervölkische Feldarmee hinter den Grenztruppen (limitanei) aus der erweiterten Garde (palatini) und selbständigen vexillationes be­währter Legionen und mit Aufstellung berittener Formationen gegen die neue Taktik des Feindes zu schaffen und teilen sich regional in die Grenzverteidigung. Sie erliegen jedoch dem gleichzeitigen Ansturm der berberischen Gebirgsstämme Mauretaniens, der Fran­ken (mit vorbereitendem Durchstoß bis nach Marokko 257), Alemannen, die bis Oberitalien kommen, der Goten an der Donau, der Heruler in der Ägäis, der Sassaniden; Gefangennahme des 7Ojährigen Valerian (260) durch den Perserkönig Schahpur I. nach der verloren Schlacht von Edessa (260), dargestellt auf dessen Siegesrelief von Naksch-i-Rustam. Erstes Auftreten germanischer Stam­mesverbände. In Gallien Räuberbanden (Bagauden). 254-262 Unruhen in Afrika. 259 Erhebung des Regalianus in Carnuntum. 257/8 Christenverfolgungen. Toleranzedikt des Gallienus (260). 261 Sieg über die bis Rom vorgedrungenen Alemannen bei Mailand dank neuem Reiterheer. Erhebungen in Emesa (Macrianus 260/1) und Ägypten (Aemilianus 262) niedergeworfen.

 

Eine Sicherung der Grenzen kommt zunächst nicht von der Reichsmitte. Die Restaurationspolitik des Gallienus (260-268) greift bei der Einsetzung hoher Beamten aus dem griechischen Osten wie der Kunst (sog. gallienische Renaissance, z. B. Philosophen- und Musensarkophage, Tempel der Minerva Medica 266) und Philosophie (Neupythagoreismus, Neuplatonismus des Plotinos, 204-270, schreibt sechs Enneaden, die Porphyrios, 232-304, herausgibt und erklärt) auf das Griechenzum gegen die Barbarisierung zurück; um 260 Beginn der christlichen Sarkophagkunst mit sog. kryptochristlichen Symbolen. Entscheidend wird vielmehr die Bildung von selbständigen Grenzreichen (als Pufferstaaten), deren Herrscher von Rom aus als Gegenkaiser (sog. 80 Tyrannen, nach der Formulie­rung der Biographen der Scriptores Historiae Augustae) betrachtet werden. 261-268 Postumus, dann 270-274 Tetricus als Restitutor Galliae mit fränkischen Hilfstruppen, 260 der Palmyrener beduinischer Herkunft Odaenaphus, der 262-266 den Persern Mesopotamia wieder abnimmt (265 dafür Augustus), in Syrien und Ost-Kleinasien mit einem Privatheer nach parthischem Muster; ihm folgt seine Witwe Zenobia Augusta und sein Sohn Vaballath Augustus (ab 267). Bei ihm finden die Neuplatoniker Zuflucht. Mit dem Ziel eines selbständigen Ostreichs besetzen die Palmyrener 269 nach Gallienus' Ermordung Ägypten.

 

b. 268-325 Die illyrischen Kaiser:

 

Claudius II. Gothicus (268-270) beginnt die Rückgewinnung der Grenzreiche in Gallien, schlägt die Alemannen am Garda-See, die Goten bei Nissus (Nisch), daher Beiname Goticus, stirbt an der Pest. Als Rangnächster im Aufbau des Stabsoffizierkorps der protec­tores divini lateris (nach Vorbild germanischer Königsgefolgschaften) folgt ihm L. Domitius Aurelianus (270-275). Unter Verzicht auf Dacia und auf Bekämpfung der Neu-Perser gewinnt er nach Vertreibung der 270 bei Placentia noch siegreichen Alamannen aus Italien (Sieg bei Pavin 271) und Neubefestigung der Hauptorte (Aurelianische Mauer 273 Roms, ebenso Milets und Athens, Nicaeas) durch Eroberung von Palmyra, Ägypten, Gallien (Sieg bei Chalons 274) die Grenzreiche wieder. Er gibt dem Reich eine neue Einheit in der Reichsreligion des Sol invictus (Sonne als Reichssymbol, 274 Templum Solis); gleichzeitig aktive Wendung des Neuplatonis­mus gegen das Christentum (Porphyrios' Schrift gegen die Christen 270). In der Erhöhung des Principats zum Dominat (dem Kaiser als Dominus et Deus gebührt Anbetung wird Aurelian restitutor orbis, doch in der neuen Begrenzung als Romanus: Rom muß eine außerrömische Welt außerhalb des Mittelmeerkreises anerkennen. Aber die Kaisermorde gehen weiter.

 

275/6 Tacitus besiegt Alanen und Goten in Kleinasien, 276/278 Probus die Franken und Alemannen am Rhein, die Burgunder, Vanda­len, Goten an der Donau und sichert Rhein- und Donaulinie 282/3 durch Neubefestigungen.

 

Garus 282/3 kämpft erfolgreich gegen Sarmaten an der unteren Donau und Neu-Perser (Einnahme von Ktesiphon 283). Das heim­kehrende Heer wählt nach der Ermordung des Carus 283 und seines Sohnes Numerianus 284 (noch vor der Erhebung des 2. Sohnes Curinus 285) in Nikomedeia den Illyrer Diokles (geb. 243) zum Kaiser, fortan programmatisch C. Aurelius Va1erius Diocletianus (284-305, gest. 316 in Spalato) genannt. Unter den Soldatenkaisern ist er der erste Innenpolitiker und wird so Schöpfer einer neuen Reichsverfassung mit absoluter Monarchie nach dem Muster der orientalischen Despotie als Klammer des Reichs, in Anknüpfung an die römische Entwicklung zum Dominat hin (auch Zeremoniell und Tracht). Seit 285 Mitregentschaft des M. Aurelius Valerius Maxi­mianus. Feldzüge gegen die Franken 287, 288, die Alemannen 291/2, gegen Aufrührer in Ober-Ägypten 292/3, in ganz Ägypten 296/7, daher Umwandlung des Landes in Provinzen (Ende der Münzstätte Alexandria 296). Rückgewinnung des seit 286/7 aufständi­schen Britannien. Nach persischem Vordringen Sieg von Diocletians Schwiegersohn Galerius in Armenien 298. Persien erkennt römi­sche Oberhoheit über Armenien (Tiridates III., 287-324) an. Errichtung der Verteidigungslinie von Bostra über Damaskus nach Sura am Euphrat (strata Diocletiana) vor 292. 293 Begründung der Tetrarchie: Aufgliederung des Reichs in vier Teilgebiete der beiden Kaiser und der neuernannten zwei Caesaren Constantius Chlorus und Galerius. Maximianus (293-305) erhält Italien und Africa (Re­sidenz nicht Rom, sondern Mailand), Constantius Chlorus Spanien, Gallien, Britannien (Residenzen Trier und York), Galerius Illyri­cum, Makedonien und Griechenland zunächst Residenz Sirmium a. d. Save, später mit der Hauptstadt Thessaloniki, Diocletian den Osten (mit Residenz Nikomedeia in Bithynien, d. i. Izmid). Einheit der Gewalt, der Gesetzgebung, Münzprägung, des Kaiserkults, keine förmliche Abgrenzung, aber Verbeamtung des Kaisertums durch Schaffung regionaler Verwaltung zur Überwindung der Sonde­rentwicklung von Grenzreichen.

 

Diese Ordnung (auch religiös-astrologisch begründet) geht von Bedürfnissen des Augenblicks aus und beeinträchtigt nicht Diocle­tians Überordnung auf Grund göttlicher Gnade und Zugehörigkeit zum höchsten Gott (daher Beiname Jovius gegenüber Herculius für Maximian), bedeutet nicht Reichsteilung. Einführung der lateinischen Amtssprache auch im Osten. Neuordnung der Reichsver­waltung 297, Einteilung des Gesamtreichs in 12 Diö- zesen unter vicarii des praefectus praetorio jedes Tetrarchen. Unterteilung der Provinzen zunächst an den Grenzen, Vorbereitung der (späteren) Einteilung des Reichs in 101 kleine Provinzen und der Trennung von Militär- und Zivilgewalt in ihnen. Errichtung von 15 gleichberechtigten Münzstätten. Einführung der Ertrags- und Arbeitskraft­besteuerung. Bindung an Scholle, Berufsgenossenschaft, Curialenstand, zur Sicherung der Versorgung von Heer und Beamtentum er­forderlich, begründen den Zwangsstaat mit Untertanen.

 

Mit dieser neuen Grundlegung (nach Vorbild Ägyptens) verbindet sich eine Reduzierung des geistigen und kulturellen Lebens. Sie zeigt auch die Kunst der Tetrarchenzeit (Tetrarchenstatuen an San Marco in Venedig, Decennalienreliefs vom Forum 303/4) trotz der "Bauwut", der Kühnheit (in Wölbungen) und des Glanzes der Palastbauten: Diokletianspalast mit Befestigungen in Spalato, Diokle­tians-Thermen (299-306) und Maxentius-Basilika (ab 306) in Rom, Palast des Galerius in Saloniki, mit Tetrapylon und Mausoleum.

 

Einführung des Höchstpreistarif (301) (edictum de pretiis für das Gesamtreich) zwecks Senkung der Preise zugunsten der in Geld be­soldeten Beamten und Offiziere, aber erfolglos ohne staatliche Lenkung der privaten Wirtschaft (wie Königswirtschaft des Orients).

 

Christenverfolgung 303. 304 Feier der Vicennalia in Rom, 305 Abdankung Diocletians und des Maximian aus römischer Offiziersge­fangenschaft. Galerius und Constantius Chlorus werden Augusti. Bevorzugung der Kreaturen des Galerius bei der Ernennung neuer Caesares (Severus für Africa, Italien, Pannonien, ab 306 auch Spanien, Galerius' Schwestersohn Maximinus Daia für Asien jenseits des Taurus und Ägypten) bringt mit Störung des Tetrarchensystems neuen Partikularismus: Prägung von Münzen der einzelnen Te­trarrhen, Ausrufung von Constantius' Sohn Konstantin (Constantinus, geb. um 285) zum Augustus in York als Erbe, ebenso Erhebung von Maximians Sohn Maxentius in Rom und Rückkehr des Maximian. Severus ergibt sich 307 in Ravenna, Galerius kann Italien nicht behaupten. Hungersnot und Aufruhr in Rom (308) als Folge des Abfalls Africas (308-311). Kaiser-Konferenz von Carnuntum 308 überträgt dem Licinius die Augustuswürde im Westen; im Osten usurpiert sie Daia. 311 Toleranzedikt und Tod des Galerius in Serdica (Sofia). Kriegsbündnisse der Tetrarchen wechselseitig gegen ihre Nachbarn 311/2. Verstärkung vom Roms Mauern.

 

Konstantin siegt über Maxentius bei Saxa rubra und bis zur Milvischen Brücke (312) (‘hoc signo vinces‘ oder ‘victor eris‘), 313 Lici­nius siegt über Galerius' Schwestersohn Maximinus Daia bei Zirallum nahe Adrianopel. 314 erreicht Konstantin durch Sieg über Li­cinius bei Ciballae am Donauknie und auf dem Campus Ardiensis bei Adrianopel die Gleichstellung der Sieger, dazu Illyricum für sein Westreich und das Recht getrennter Gesetzgebung gewinnt; neue Residenz Serdica als Ausgangspunkt der Donausicherung (316 Erneuerung des Tropaeum Traiani von Adamklissi); Schutz der Donaugrenze 322, 323 gegen Sarmaten und Goten. Auseinanderset­zung von Konstantin hinausgezögert. Seine Siege 324 über Licinius bei Adrianopel und Chrysopolis begründen seine Alleinherr­schaft. Die gallisch-germanischen Truppen siegen über die bisher entscheidenden illyrischen Streitkräfte.

 

 

 

2. Die christliche Monarchie (325-476)

 

2.1. Die (sog. 2. flavische) Dynastie Konstantins (325-363):

 

Klassizismus und Christentum: In Erneuerung des Glaubens an die Überlegenheit und Dauer der Roma aeterna hatten die illyrischen Soldatenkaiser dem römischen Reich neue Festigkeit gegeben durch die Übertragung des Heeresaufbaus auf das Beamtentum (auch ‘dies fortan militia‘), indes auch, entsprechend der Barbarisierung des Heeres durch die ansässigen Grenztruppen, eine Reduzierung des geistigen und kulturellen Lebens gebracht. Mit der Wiederherstellung der Alleinherrschaft im Gesamtreich beginnt unter Kon­stantin eine Zeit friedlichen Aufbaus, der auch den Frieden mit dem Christentum einschließt.

 

Gegenüber der selbstbewußten, revolutionären Haltung der Tetrarchenzeit knüpft Konstantin bewußt an Augustus und Alexander an (in Rom Konstantinsbogen 312/5, Vollendung der Basilika des Maxentius) in Vorliebe für klassische Formen (Sarkophage z. B. der Kaiserinmutter Helena). Er gibt der neuen Monarchie erst den geistigen Gehalt durch sein Verhältnis zum Christentum. Vom Gott der Christen erwartet er 312 den Sieg im Kampf vor Rom, fühlt sich durch diesen ihm verbunden (wie Aurelianus dem Sol invictus); er greift daher sofort in den Donatistenstreit ein; nimmt 324 das Kreuzeszeichen (Labarum) als Symbol des Reichsgottes an, wendet sich von den Kulten des heidnischen Rom ab (326) und gibt christlichen Gedanken in seiner Gesetzgebung Raum. Ab 320 steht die christliche Kirche im Vordergrund des öffentlichen Lebens. Der Glaube an den im Kaiser wirkenden Gott erhält christliche Prägung.

 

Konstantin begründet damit das politische Dogma, daß der Kaiser als Stellvertreter Christi Herr des Staates wie der Kirche ist. Mit ihm leitet er die Entwicklung des Byzantinischen Reichs und seiner Staatsidee ein. Das gleiche gilt von der Verlegung der Reichs­hauptstadt; doch beginnt die mittelalterliche Entwicklung des byzantinischen Reiches erst Jahrhunderte später mit Herakleios. 325 findet die 1. allgemeine Kirchenversammlung in Nicaea unter Vorsitz des Kaisers zur Stärkung der Reichseinheit statt (1. Ökumeni­sches Konzil). 326 erwählt Konstantin Byzantium unter dem Namen Konstantinopel zur Hauptstadt (eingeweiht 11.5.330) in bewuß­ter Gegenüberstellung zum heidnischen Rom (als 2. Rom), dessen Volk ebenso wie das des ersten Getreideverteilungen aus der An­nona erhält. Rom wird wieder zum Stadtstaat, der Senat sein Gemeinderat, aber in Konstantinopel nachgeahmt (ebenso die Stadtein­teilung). Abschluß der, von Commodus und den Severern, also vor sassanidischem Einfluß begonnenen Entwicklung des Hofzeremo­niells zur Betonung der Gottähnlichkeit des Kaisers: Goldgewand, Perlenkranz, Proskynese, Darstellung mit Nimbus (so in heid­nischer Tradition, doch Abrücken vom Sonnenkult); statt der rechtlichen nun die religiöse Bindung der Untertanen an den Herrscher betont. Strenge Rangordnung, ständiger Kronrat (sacrum consistorium) unter Ministern des kaiserlichen (fortan sacer!) Hauses (quae­stor sacri palatii) mit den comites: 1. Kanzler, dh. magister officiorum über den Vortragenden Räten (referendarii) als Chef des Perso­nal-, Waffen- und Staatspolizeiamtes (agentes in rebus), 2. Finanzminister (comes sacrarum largitionum), 3. Domänenminister (co­mes rerum. privatarum), 4. Chef des Heerespersonalamts (primicerius notariorum), 5. Oberbefehlshaber von Kavallerie und Infante­rie (magistri praesentales), 6. praefeceus praetorio per Orientem. Dabei wird die Präfektur zurückgedrängt und in den Reichsteilen vervielfacht: Einteilung des Reichs in 4 Präfekturen (Oriens, Illyricum, Italia, Gallia) mit 14 Diözesen und 117 Provinzen unter Tren­nung von Zivil- und Militärgewalt. Die praefecti sind als zivile Stellvertreter des Kaisers Ersatz der Tetrarchen. Endgültige Trennung von Feld- und Grenzarmee, diese als lokale Miliz der Provinzen, jene (comitatenses) unter 2-5 magistri (Heermeister) equitum und peditum mit comites und duces aus dem Generalstab der protectares. Abschaffung der Prätorianer, Erhöhung der Legionenzahl von 52 auf 75, Palastgarde (scholae palatinae).

 

Strenge Durchführung der erblichen Berufsbindung, auch der Curialen, seit 332 der coloni an den Boden (glebae adscripti). Aber Rückkehr zur Geldwirtschaft. Geldsteuern zur Besoldung der Beamten: Vermögenssteuer der Grundherrenkaste, die als solche den ordo senatorius bildet, aurum coronarium der Städte und Umsatzsteuer mit Münzreform. Die Goldwährung bleibt für 700 Jahre. För­derung der höfischen Bildung (Kunstdichtung z. B. Figurengedicht des Optatianus Porphyrius), der Literatur (Preis des Kaisers); Be­ginn der Excerpta aus älterer Geschichtsschreibung, der Kleinkunst (Elfenbein-Diptychen und Kästchen, Mumienportraits in Ägyp­ten, auch der Monumentalplastik (Kaiserporträts), vor allem aber des Kirchenbaus; Kunstraub in Griechenland zugunsten der Nova Roma. 336 Gründung der 1. kaiserlichen Bibliothek in Konstantinopel.

 

321 Einführung des Sonntags (dies Solis) als Ruhetag (bisher nur bei den Christen). Ab 330 offener Kampf gegen das Heidentum, nur Schonung von Roms heidnischer Tradition und Beibehaltung des Kaiserkultes. 328 Alemannen-, 332 Gotenzug des Kaisersohns Constantin II.; 332 Neuordnung der Grenzen: Erneuerung des (augusteischen) Prinzips der Clientelpufferstaaten vor der befestigten Grenze, aber diese foederati zu Reichsangehörigen erklärt und zur Truppenstellung herangezogen auch fern von ihren Wohnsitzen. 334 Persischer Angriff unter Schahpur II. auf Armenien. 22.5.337 stirbt Konstantin der Große nach Empfang der Taufe; kirchliches Begräbnis (als 13. Apostel), aber heidnische Consecratio in Rom, wo heidnischer Hochadel Träger der alten Romidee bleibt (diese 352 bis um 470 in Neujahrsmedaillen, den sog. Kontomiaten, verherrlicht); Historiker des Kaisers der Christ Eusebios.

 

340 Aufteilung des Reiches in zwei Verwaltungsbereiche: Constans (340-350) Kaiser im Westen, Constantius 340-361 im Osten.

 

Konstantin hatte bei seinem Tode 337 drei Söhne hinterlassen: Konstantin II. (Flavius Iulius Constantinus), Flavius Iulius Constanti­us (II.) und Flavius Iulius Constans. In einer dunklen Affäre wurden kurz nach dem Tod des Kaisers fast alle männlichen Angehöri­gen des Kaiserhauses ermordet. Vermutlich hatte der alternde Kaiser geplant, das Reich Konstantin II. allein zu überlassen. Indes war die militärische Macht in den Händen der Armee und an ihrer Spitze stand Constantius II. Schnell kam zwischen Konstantin II. und dem jüngeren Constantius II. ein Abkommen über die Teilung des Reichs zustande. Konstantin fielen der Westen und Illyrien, Con­stantius der Osten zu. Constans, der dritte Bruder blieb landlos. Aber auch er zögerte nicht, sich eine eigene Kanzlei unter der Lei­tung eines Prätorianerpräfekten zuzulegen, und erließ Gesetze für Italien, die Donauprovinzen und Afrika. Anfang 340 benutzte Konstantin II. den Umstand, daß Constantius II. mit Kleinkriegen mit den Persern beschäftigt war, und machte sich daran, Constans um die Früchte seiner Usurpation zu bringen, wurde aber bei Aquileia geschlagen und getötet. Damit bestand eine faktische Reichs­teilung zwischen Constantius II.im Osten und Constans im Westen.

 

Wenn es zu keinem Bruch zwischen den beiden Kaisern und nicht schon nach 340 zu einer Teilung des Reiches in zwei getrennte Staaten kam, so nur aus dem Grunde weil die Brüder und ihr kirchlicher Anhang die Dinge nicht auf die Spitze treiben wollten. Der Osten war jedoch weitgehend arianisch gesinnt, während der Westen Athanasios unterstützte. Die Universalmonarchie, die Constanti­us II. anstrebte, war ohne die Einigung der Kirchenrichtungen nicht zu verwirklichen; die Einheit des Reichs war nach wie vor an diese konstantinische Voraussetzung gebunden. Nichts zeigt den Kontrast zwischen den beiden Teilen des Reichs so deutlich wie die Religionspolitik. Constantius II. herrschte über eine Bevölkerung mit starker christlicher Mehrheit, deren Glaubensbekenntnis (im Osten) arianisch war (vgl Seston, William: Verfall des römischen Reiches im Westen, in: Propyläen Weltgeschichte Band 4, S. 509). Er selbst fand im *Arianismus - wie Konstantin vor ihm - eine bequeme Stütze der monarchischen Gewalt (Gott-Vater als Herrscher, der Sohn im Subordinationsverhältnis; Herrschertheologie), mit uneingeschränkter Machtfülle in weltlichen wie kirchlichen Fragen. Anders verhielt sich Constans im Westen, der die athanasianische Richtung vertrat. Die Bischöfe, von denen sich Constans im Wes­ten seine Religionspolitik vorzeichnen ließ, konnten auf den Vernichtungskampf gegen die arianische Lehre, die im Osten vor­herrschte, nicht verzichten. Annäherungsversuche unternahmen beide Seiten. Constantius holte den von ihm verbannten Athanasios mehr als einmal aus dem Exil zurück, und den östlichen Synoden, so z.B. auf der sog. "Zueignungssynode" von Antiochia 341, legte er Dogmenformulierungen nahe, die als rechtgläubig im Sinne der theologischen Mehrheitsmeinung gelten konnten.

 

Alle Versuche scheiterten, weil die theologische oder kirchliche Vorfrage nicht zu klären war: weder wollten die östlichen Christen dem Arianismus abschwören, noch waren die westlichen Christen bereit, die Absetzung des Athanasius nachträglich zu genehmigen. Was sich hinter dem Streit zwischen beiden Kaisern und den hinter ihnen stehenden Theologen verbarg, waren im Grunde Tren­nungstendenzen der Kirche. Im Osten stand die Geistlichkeit im Dienst des Kaisers, nach dem Erfolg seiner Armeen unversöhnlicher geworden, zog Constantius seine Bischöfe von der Synode von Serdica zurück. Umgekehrt gaben im Westen die Bischöfe den Ton an, auch auf die Gefahr hin, das Papsttum zu stärken, von dem auf dem ersten ökumenischen Konzil von Nicaea 325 kaum etwas zu bemerken war; der Bischof von Rom hatte unterdes als Oberschiedsrichter für das westliche Christentum offizielle Anerkennung ge­funden.Alles wurde mit einem Schlag anders, als Magnentius, ein Offizier barbarischer Abkunft in Amiens geboren, einen gewaltigen Aufstand anzettelte. Constans wurde aus Gallien vertrieben und schließlich in der Kirche eines Pyrenaendorfes getötet, so daß der ganze Westen einem Usurpator zufiel. Magnentius war ein kraftstrotzender Schönredner, der einerseits den Heiden im Senat von Rom, anderseits den Freunden Athanasius' gefallen wollte. Gegen ihn konnte Constantius, der nun im Westen keinen Bruder zu scho­nen oder zu kontrollieren hatte, die dynastische Treue und die Konstantin-Ergebenheit der Gallier anrufen. Seine Schwester Flavia Iu­lia Constantia förderte in Illyrien die Usurpation des Milizkommandanten Vetranion. Die Erhebung im Westen wurde zum Still­stand gebracht. Während er seinen Neffen Nepotianus nach Rom entsandte, marschierte Constantius selbst gegen Magnentius. Er stieß mit ihm am 28. September 351 bei Mursa an der Drau zusammen; seine gepanzerten gotischen Reiter verrichteten wahre Wun­derdinge: es war die blutigste Schlacht des Jahrhunderts. Magnentius zog sich nach dem Westen zurück, aber er vermochte die Ale­mannen und Franken nicht zurückzuwerfen, die Constantius über Gallien hatte herfallen lassen; in der Nähe von Lyon wählte er 353 den Freitod. Durch den Krieg war Constantius - wie Konstantin 324 - zum alleinigen Herrscher geworden, er stellte die Reichseinheit wieder her. Im Kirchenstreit kam es zum Eingreifen zugunsten der Arianer (Synoden von Arles 353, Mailand 355, Ariminum und Se­leukia Ciliciae 359, Verbannung des Papstes Liberius I 355-358).

 

Zu Caesaren - ohne wesentliche eigene Machtbefugnisse setzte der Kaiser seine Neffen, die einzigen männlichen Überlebenden des Massakers von 338, Flavius Claudius Constantius Gallus und Flavius Claudius Julianus ein. Gallus wurde wegen des Versuchs, die Vormundschaft des Prätorianer-Präfekten des Ostens abzuschütteln, von Constantius zurückbeordert und 354 in Konstantinopel hin­gerichtet. Der geschicktere Julian überlebte jedoch im Westen. Diesen betraute Constantius II. 355 mit der Abwehr des Franken- und Alemannensturms am Rhein. Julian sicherte nach dem Sieg bei Straßburg 357 die Rheingrenze. 358 kam es zu erneutem persischem Angriff, Verlust der Festungen Amida 359, Singara, Bezabde 360. Die Truppen in Gallien lehnen die Unterstützung des Kaisers ab, und erhoben durch ein Pronunziamento den Heiden Flavius Claudius Julianus, genannt Apostata, zur Macht empor. Der Caesar Julian wurde zum Augustus ausgerufen, der sterbende Constantius II. mußte die Erhebung 361 als vollendete Tatsache hinnehmen und legi­timieren. Tod Constantius II. 361 auf dem Rückmarsch von der persischen Grenze.

 

Flavius Claudius Julianus, genannt Apostata, weil er als Anhänger der heidnischen Philosophie vom Christentum abfällt. Er versucht eine Wiederherstellung des heidnischen Gottesdienstes, aber in Nachbildung der christlichen Hierarchie und Wohltätigkeit, wie die Umgestaltung der noch immer geduldeten heidnischen Philosophie zur Theologie. Weltweite Wirkung des Rhetors Libanios (314 bis um 393), Neuplatonismus des Jamblichos und Theosophie des Maximos von Ephesus, eigene philosophische Schriften und Briefe des Kaisers. Seit 362 Christenbekämpfung. Verbot christlicher Hochschulen, Begünstigung der Sektengegensätze und der Juden, aber klare Erkenntnis der Gefahr von Osten; darum Hauptstadt Antiochia, dann Tarsos, 363 Vorstoß erfolgreich gegen Persien bis Ktesi­phon, aber tödliche Verwundung des Kaisers am 27.6.363, angeblich durch den Christen Kura (Mercurius).

 

363-364 Vom Heer erhoben schließt Flavius Jovianus (363-364) einen Schmachfrieden mit Persien. Aufgabe des Gebiets jenseits des Tigris und der Festungen Nisibis und Singara. Preisgabe des christlichen Armeniens. Beendigung des Zweifrontenkrieges.

 

 

 

2.2. Die pannonischen Kaiser 364-375:

 

Wieder vom Heer werden erhoben Flavius Valentinianus I. 364-378 und sein Bruder Valens. Zum letztenmal Suprematie des Wes­tens: Valens erhält nur die Präfektur Oriens (mit Konstantinopel). Doch steigern die kirchlichen Gegensätze die Entfremdung der Reichshälften: der Westen ist meist athanasianisch, im Osten begünstigt Valens bis 366 die Arianer. 365-366 Usurpator Procopius (Verwandter Julians) bis zur Niederlage bei Nakoleia. 371/2 Verfolgung der Heiden in Antiochia, 372 Verbot der Manichäer, aber auch Zusammenstöße mit der Orthodoxie der sog. Kappadokischen Kirchenväter (373 mit Basileios von Caesarea). Zur Gefährdung der Osthälfte wird bei dauernden persischen Einfällen in Armenien der Beginn des Zweifrontenkriegs durch den Angriff der Westgoten (367/9). Seit 370 römische Erfolge im Osten. Westresidenz Mailand, aber Belebung des Romgedankens. Schutz der kleinen Leute (durch defensores plebis) gegen die Patrociniumsbewegung (freiwillige Unterordnung unter Grundherren, d. i. patroni, zum Schutz gegen Steuerdruck). Angriffe der Picten und Scoten 368 in Schottland, beide vom magister militum ("Heermeister") Theodosios zurückgeschlagen (370, 374). 372 Erhebung der Kabylen, d. i. West-Mauretanier, unter Firmus, von Theodosios 375 niedergeworfen. 375 erfolgreiche Grenzsicherung am Rhein (368-374) und an der mittleren Donau. Verbot der Ehe zwischen Provinzialrömern und Ausländern (375), aber Barbarisierung des Heeres durch Werbung jenseits der Grenzen und Verwendung von Germanen in Kommandostellen. Höchste Blüte von Trier. Kämpfe am Rhein.

 

Um 375 Beginn der germanischen Völkerwanderung. Kaiser Valens 378 bei Adrianopel gegen die Westgoten gefallen. 378 Verzicht auf Armenien und Iberien (Kaukasus-Gebiet).

 

 

 

2.3. Die Theodosianische Dynastie:

 

Valentinians Sohn Gratianus 375-383 (sein Erzieher Ausonius, Dichter der Mosella, Bissula u. a.) erhebt 379 selbst den magister mi­litum Theodosios I. 379-395 auf den Thron des Ostens. 382 Übernahme der Westgoten auf Reichsgebiet und Verbote heidnischer Kulte (393 letzte Olympiade) bezeichnen die große Wende. Kämpfe mit den Westgoten in Thrakien, Steuerunruhen im Osten. Seit 380 Verfolgung der Arianer, gebilligt durch 2. ökumenisches Konzil in Konstantinopel 381. Dabei Rangeinordnung der Nova Roma unmittelbar hinter Rom. Seit 391 Christentum Staatsreligion und Begründung des (oströmischen) Caesaropapismus. 387 Teilung von Armenien in eine römische und eine persische Zone durch Vertrag mit Schahpur III.

 

Im Westreich germanische Befehlshaber als Kaisermacher für Magnus Maximus (383-388), Valentinianus II. (383-392). Letzterer 384 von Theodosios anerkannt, den Arianern geneigt, nach Gallien verdrängt. Maximus 388 von Theodosios bei Siscia und Poetovio geschlagen, in Aquileia gefangengenommen. Wegen blutiger Unterdrückung von Circusunruhen in Thessaloniki wird Theodosios 390 exkommuniziert bis zur Buße. 24.2.391 und 8.11.392 Verbot heidnischer Kultausübung im ganzen Reich. Nach Ermordung Valenti­nians II. erhebt der Heermeister Arbogast mit Zustimmung der Franken und Alemannen Eugenius (392-394) zum Kaiser, dieser wird am Flusse Frigidus (Wippach) 394 von Theodosios geschlagen. Eugenius steht in Verbindung mit der stadtrömischen Adelsbewegung zur Wiederherstellung des Heidentums: Familien der Symmachi und Nicomachi. Aus dieser Strömung kommt die Vergil-Allegorese des Macrobius (Saturnalien um 400), angeregt vom Neuplatoniker Vettius Praetextatus (gest. 384), und die Historia Augusta ver­schiedener Kaiserbiographen. Nach der Wirkung auf die griechische Gebildetenschicht durch Libanios geht der Neuplatonismus so ein Bündnis ein mit der Romverherrlichung. Auf tiefsinnige Astrologie gründet der letzte große griechische Epiker Nonnos von Pano­polis (um 380) in seinen Dionysiaka die Verherrlichung des Römerreichs (und der Rechtsschule von Beirut); sein Schüler ist Musaios (Epos Hero und Leander). Lateinische Epigrammata Bobbiensia des Naucellius (310 bis 405).

 

Folge der Westorientierung unter Theodosios I. Einfall der Hunnen in Thrakien, Armenien, Kleinasien, Syrien, 396 der Westgoten un­ter Alarich nach Griechenland. Zur Sicherung der Reichverteidigung Reichsteilung 395: der ältere Kaisersohn Arcadius 395-408 im Osten (Vormund Rufinus, dann Eutropius), der junge Honorius 395-423 im Westen, bis 408 gelenkt von dem Vandalen Stilicho (Gat­te der Kaisertochter Serena) als alleinigem Heermeister (magister utriusque militiae). Stilicho sucht Theodosios' Germanenpolitik fortzusetzen; er scheitert am oströmischen Widerstand gegen seine von Theodosios verfügte Vormundschaft über beide Kaiser und ist zur Abberufung der römischen Truppen aus Britannien und vom Rhein gezwungen. Sein Verherrlicher wird der Epiker Claudius Claudianus (seit 395 in Rom).

 

Trotz der kulturellen Auseinanderentwicklung der Reichshälften ist mit Theodosios' Erbteilung nur eine Verwaltungsteilung, doch un­ter einheitlicher Dynastie gemeint. Aber die Spannungen werden verschärft durch Streit um die Abgrenzung. Die Zerschlagung von Illyricum schwächt die Widerstandskraft beider Reiche gegen die Germanen (besonders in Pannonien). Die Grenze, spätere Sprach­grenze zwischen Griechisch und Lateinisch, bildet die Donau von Preßburg bis zur Savemündung, dann Save und Drina bis zur mon­tenegrinischen Grenze, weiter nach SO zu einem Punkt zwischen Scupi und Stobi und wenig südlich der heutigen Straße Prizren - Skutari zur Adria bei Alessio.

 

Zusammenwirken beider Reiche erschwert durch Antigermanismus am Hof von Konstantinopel unter Einfluß der Kaiserin Eudoxia (obwohl selbst fränkischer Abkunft), vertreten von dem Neuplatoniker und Humanisten (später Bischof) Synesios von Kyrene (um 370 - 415, auch Hymnendichter).

 

In Afrika Aufstand des Kabylen Gildo 386, soziale Unruhen der Circumcelliones im Zusammenhang mit Donatismus werden 399 von Stilicho unterworfen. Neue Residenz Ravenna als See- und Sumpffeste gegen die Gotengefahr, bei den Einfällen des Alarich 401/3 (geschlagen bei Pollentia 402, Verona 403) und Radagais (bei Faesulae vernichtet 405). Beim Eingreifen in Thronwirren des Ostens Stilicho gestürzt und hingerichtet. Fortan Abwehr der Goten unmöglich, aber die 408 föderierten germanischen Volkskönige werden "Söhne des Kaisers" in ihren neuen Sitzen im Westreich; dessen Einheit wird also in der Theorie (wie in der Stadtkultur) auf­rechterhalten. Gallien und Spanien sind seit 406 praktisch großenteils an die Germanen verloren.

 

410 Einnahme Roms durch Alarich erschüttert das ganze Imperium. Sie wird zum Anlaß der Entstehung des Geschichtswerks des Orosius (gegen die Heiden, um 418) und des Werks De civitate Dei (413-426) des Bischofs Augustinus (354-429); die Ehrfurcht vor Rom ist auch unter den Dichtern, Heiden (wie Rutilius Namatianus, de reditu suo 416) und Christen (Prudentius, gest. um 410, dich­tete Märtyrerlegenden), gemeinsam.

 

Die Westgoten werden 415 Roms Foederati in Südfrankreich. Große Selbständigkeit Afrikas unter Heraclianus, nach dessen Einfall in Italien 418 und Unterdrückung der Donatisten unter comes Bonifatius.

 

Theodosios II. (408-450), unter Einfluß seiner wenig älteren bigotten Schwester Pulcheria, dann seiner Gattin Athenais Eudokia aus den Adelskreisen des heidnischen Athen, veranlaßt die Einsetzung des Valentinianus III. (425-455) im Westen unter Vormundschaft seiner Mutter Galla Placidia (daher ihr Mausoleum in Ravenna). Er betont die Reichseinheit auch in der Gesetzgebung: Für das Ge­samtreich gilt der Codex Theodosianus 438 (Zusammenfassung der kaiserlichen Constitutiones mit Gesetzeskraft von 312-437), aber fortan neue Gesetze nur gültig, wenn beiden Reichsteilen zugesandt (was oft unterbleibt). Ebenso abschließend wirken die Statistik des Staats- und Heeresapparats (notitia dignitatis um 420) und die Städteliste (nur für den Osten erhalten in Hierokles' Synekdemos von 535, doch kaum erweitert seit 430). Die Geschichte der antiken Dichtung endet mit Apollinaris Sidonius (431-479), die der anti­ken Kultur mit der Schilderung des Salvianus (de gubernatione Dei 440). Fragment ist die Küstenbeschreibung des Avienus (de ora maritima um 400).

 

Gallien und Spanien werden durch den magister utriusque militiae Flavius Constantius seit 411 wiedergewonnen. Seit 417 Gatte von Honorius' Halbschwester Galla Placidia, wird er 421 zum Kaiser als Constantius III. 421 erhoben, stirbt aber bald darauf. Nach Wie­derherstellung der Reichseinheit gegen den Usurpator Johannes (423 - 425) in Ravenna genießt das Restreich eine Friedenszeit; aller­dings muß auf Spanien (425 vandalisch, dann westgotisch), seit 442 endgültig auch auf Afrika, wohin Bonifatius 429 die Vandalen gerufen hatte, verzichtet werden; in Afrika verliert Rom seine Kornkammer. Diese Friedenszeit wird nur durch den christologischen Kirchenstreit des Nestorios beeinträchtigt: 3. ökumenisches Konzil von Ephesus 431 mit Straßenkämpfen, 449 sog. Räubersynode in Ephesus. Konstantinopel wird seit 412, erneut 439, 447 als Musterfestung ausgebaut gegen Isaurierunruhen in Kleinasien, Angriffe vandalischer Flotten; Bedrohung durch die Hunnen und die Tzanen (des Kaukasusvorlandes). Seit 441 Erhebungen der Isaurier und Tzanen, Einfälle der Hunnen in Thrakien (441-447), der Blemmyer in Ägypten (erst 452 besiegt). Perser unter Jesdegeerd II. erzwin­gen die Aufgabe der Grenzfestungen.

 

Das Westreich verdankt unter Valentinian III. (425-455) sein Fortbestehen, auch die Wiederherstellung der Rheingrenze 445, den gu­ten Beziehungen seines Heermeisters Aetius (429-454 im Amt, 438 als Patricius) zu den Hunnen (bis 448), 445-455 auch zu den Van­dalen, andererseits, vielleicht gegen den Willen der Galla Placidia und des Kaisers, auch zu den Grundherren Galliens als patroni gro­ßer Gefolgschaften. Förderung der Zentralisierung der abendländischen Kirche durch Unterstützung des päpstlichen Primats unter Papst Leo I. (445). Einfall der Hunnen unter Attila auf den Katalaunischen Feldern 451 durch Aetius und den Westgotenkönig Theo­derich abgewehrt. Mit der Ermordung Valentinians III. 455 durch die Rächer des Aetius endet die Dynastie des Theodosios im Wes­ten. 455 Plünderung Roms durch Geiserich.

 

Im Ostreich wird Marcianus 450-457 durch Heirat mit Pulcheria erhoben, als erster vom Patriarchen von Konstantinopel gekrönt. Durch die Beeinflussung des 4. ökumenischen Konzils in Chalcedon 451 entscheidet er sich gegen den Monophysitismus wie die An­hänger des Nestorios, sichert damit zwar Ägyptens Reichszugehörigkeit, verlagert aber die Spannungen zu den z. T. monophysiti­schen Untertanen in Syrien. Der Zusammenbruch des Hunnenreichs nach Attilas Tod 453 und der Angriff der Hephthaliten auf Persi­en erlaubt Einstellung der Tribute an Hunnen und Perser. Leo I. 457-474, von dem arianischen Alanen Aspar und dem Senat erhoben, muß Einfälle der Ostgoten in Illyricum (459, 472), der Hunnen in Thrakien (469, 472) dulden. Unter ihm lehrt in der heidnischen Hochburg Athen der Neuplatoniker Proklos (gest. 485).

 

Die verschiedene wirtschaftliche Entwicklung (patronicia im Westen 415 anerkannt) und geistige Eigenart (Gründung der Universität Konstantinopel 425), die besondere Bedrängung des Ostreichs seit 441, schließlich die Ersetzung des Heermeisters Aspar durch den Häuptling der bis dahin reichsfeindlichen Isaurier, Tarasicodissa 474, nach Vertreibung erneut als Kaiser Zeno I. erschwert oströmi­sches Eingreifen in die Wirren des Westens. Dort wirkt nach dem Scheitern eines Vandalenzugs des Maiorianus (457-461) der Suebe Ricimer als Kaisermacher des Libius Severus (461 bis 465), Olybrius (472). Der aus dem Ostreich 467 entsandte Kaiser Anthemius kommt 472 im Straßenkampf in Rom um. Sein Nachfolger Julius Nepos (474-475) wird durch den Heermeister Orestes vertrieben, der seinen kleinen Sohn Romulus als Kaiser ausruft. Der letzte römische Kaiser des Westens ist Romulus, genannt Augustulus, 476. Seine Absetzung bedeutet nicht das Ende der Idee des römischen Reiches. Der Herrscher in Konstantinopel betrachtet die Reichsein­heit als wiederhergestellt, die Machthaber im Westen als seine Beauftragten, so Odwakar und die Ostgotenkönige, diese als patricii und Heermeister. Nach der Abkehr von Kleinasien und Syrien unter dem "orthodoxen und römischen" Kaiser Anastasius I. (491-518) und dem Illyrier Justinus I. (518-527) verwirklicht Justinian I. 527-565 die Einheit des römischen Reichs. Er vernichtet die Vandalen und Goten, bekräftigt die Reichseinheit im Corpus iuris civilis 534 und führt die Reform der Reichsverwaltung, in Novellae speziali­siert, unter Betonung des Romgedankens und des Lateinischen, der Muttersprache des Kaisers, durch. Das Ende des römischen Rei­ches als Idee fällt im Osten unter Kaiser Herakleios 610-641 zeitlich zusammen mit der Einführung des griechischen Kaisertums in Konstantinopel und der Neuordnung der Reichsverwaltung und -verteidigung infolge der sozialen Revolution unter Phokas (602-610) unter den Schlägen der Slawen und der letzten Sassaniden. So bezeichnet das Jahr 476 nicht das Ende der Antike, sondern nur einen Einschnitt in der Entwicklung im Übergang von der Römerherrschaft zum Mittelalter: mit dem Fernerrücken des Repräsentanten der Reichsgewalt verblaßt die Romidee für die Germanenkönige.

 

 

 

3. Das politische Umfeld

 

3.1. Die Völkerwanderung

 

Entscheidende Merkmale der Epoche ab 375 im nördlichen Umfeld des römischen Reiches sind: Eindringen der Turkvölker, Abwan­derung der Germanen, Landnahme der Slawen bis zur Ostsee, Adria, Balkan und oberen Wolga, Anfänge slawischer Staatenbildun­gen sowie Angliederung der osteuropäischen Völker an die antik-christlich bestimmte Kulturwelt. Die Eindämmung der Gefahren von seiten der Nomadenvölker durch Byzanz und das Karolingerreich und die geschlossene Ausbreitung der Slawen sowie das Ein­greifen der Skandinavier in der russischen Tiefebene verleihen schließlich mit der Aufnahme des Christentums und der überlegenen Ordnungsformen der christlichen Imperien dem sich bildenden "Osteuropa" die "europäischen" Züge.

 

Die Hunnen brechen - wohl infolge klimatischer Schwankungen und übermäßigen Frostperioden in ihren Siedlungsgebieten (vgl. Riehl, Völkerwanderung, a.a.O., S. 133) etwa 374 unter Balamir (oder Balamber) über die Wolga vor, vernichten das starke Reich der sarmatischen Alanen an Terek, Kuban und unterem Don und greifen ab 375 die Ostgotenherrschaft des greisen Ermanarich zwischen Don und Dnjestr an. Sie dehnen ihre Herrschaft dann über die Karpaten bis in die Donau- und Theißebene aus (Unterwerfung der Ge­piden), wohin sich der Schwerpunkt aus Südrußland verlagert: Zeitweise drei Horden unter Führung dreier Bruder (Ruas, Mundzuk und Oktar), seit 434 das Reich unter Bleda und Attila (Mundzuks Söhnen) geteilt. Tributzahlungen und Verträge mit wirtschaftlichen Zugeständnissen sichern dem römischen Imperium vorübergehend Ruhe an der Nordgrenze zu (Hunnenzüge nach Persien). Seit 441 Eroberungen auf der Balkanhalbinsel unter Attila, der 445/6 die Alleinherrschaft an sich reißt. Nach Attilas Tod Auflösung der hunni­schen Herrenschicht und teilweiser Rückzug nach Südrußland, wo unter den Attilasöhnen Dengizich (bis 468) und Irnek sich ein Reststaat hält. Die Hunnen verschmelzen mit den von Osten nachdrängenden verwandten Turkvölkern (u. a. Saraguren, Oguren, Onoguren, oft als Verbündete der Byzantiner gegen die Perser benutzt) zum Volk der Bulgaren (482 von Byzanz erstmalig aus Sü­drußland gegen die Ostgoten aufgeboten). Teile der Hunnen verbleiben im Donauraum und gehen in den nachfolgenden Germanen und Steppenvölkern (Avaren) auf. Als direkte Folgen des weltgeschichtlich bedeutsamen Hunneneinfalls sind festzuhalten:

 

Der südrussische Steppenweg ist seither zum Einfallstor für eine ununterbrochene Kette neuer türkisch - mongolischer Nomadenvöl­ker geworden, die durch ihre überlegene Kriegstechnik (vgl. Maenchen-Helfen, a.a.O., S. 155 f) eine ständige Bedrohung der euro­päischen Völker- und Staatenwelt, mindestens in ihrem östlichen Zweig, darstellen und seit dem 13. Jahrhundert das Gesicht der rus­sischen Reichsbildung entscheidend beeinflussen. Durch den Vorstoß der Hunnen wird der Wanderzug der Ostgermanen in die osteu­ropäische Tiefebene unterbrochen, nach Süden und Westen abgelenkt und führt zur Errichtung germanischer Herrschaften auf weströ­mischem Boden, bis schließlich das Eindringen nordgermanischer Kriegerkaufleute in die osteuropäische Tiefebene seit dem 9. Jahrhundert eine neue Welle germanischer Machtentfaltung einleitet. Die schnelle Ausbreitung und Landnahme der Slawen als selbständiger Kolonisationsvorgang, teilweise auch im Gefolge der erobernden Turkvölker, beginnt und erreicht noch während des 6. und 7. Jahrhunderts im Süden und Westen die Grenzen der Kulturwelt und das Gebiet der oberen Wolga.

 

In der Reihe der türkisch - mongolischen Steppenvölker erscheinen nach der Bildung des Bulgarenvolkes in Südrußland 558 die Ava­ren, zunächst als Bundesgenossen der Byzantiner, bald als ihre gefährlichsten Feinde und dringen von ihren Wohnsitzen im Kaukasus an die Donau vor. Ihr erster Vorstoß gegen das Frankenreich 562 scheitert am Widerstand König Sigberts in Thüringen. Im Bunde mit den Langobarden, die sich nach Italien wenden, vernichten sie 567 das Reich der Gepiden, deren Sitze in Dacien und Pannonien un­ter dem Kagan Bajan (565-602) zum Zentrum einer sich von der Wolga bis zu den Ostgrenzen des Frankenreiches erstreckenden Herrschaft werden, der auch der erste politische Verband der Slawen, die Anten, erliegt.

 

Unter avarischer Führung nehmen die ständigen Einfälle hunnisch-bulgarischer (seit 514) und slawischer (seit 518) Kontingente in die oströmischen Donauprovinzen für Byzanz einen höchst bedrohlichen Charakter an: 582 wird Sirmium erobert; erst 601 gelingt den Byzantinern der Gegenstoß bis zur Theiß. Der Angriff der Perser und innerbyzantinische Wirren ermöglichen neue Vorstöße der Avaren (610 gegen Friaul, 626 gemeinsam mit den Persern gegen Konstantinopel). Den anfänglichen Raubzügen folgt die Niederlas­sung der Slawen auf dem ganzen Balkan einschließlich der Peloponnes im 7. Jahrhundert.

 

Gegen die Persergefahr und die Barbaren aus dem Norden und zur Sicherung seines Handels mit Indien und China findet Byzanz vorübergehend Erleichterung in der Herbeirufung der Türken (567) gegen die Avaren auch im Bündnis mit dem Frankenreich. Die Schwächung der Avarenmacht spiegelt sich in ihrer militärischen Niederlage vor Konstantinopel (626) und in den Aufständen der Slawen im Westen (Zentrum wahrscheinlich in Mähren) unter Führung des fränkischen Kaufmanns Samo und der Bulgaren in Sü­drußland, wo sich ein Großbulgarisches Reich unter Kovrat oder Kubrat (seit etwa 619 byzantinischer Parteigänger, gest. 642) gebil­det hat. Auch die Wanderung der Serben und Kroaten aus den Gebieten nördlich der Karpaten und ihre Ansiedlung auf dem Balkan durch Herakleios I. bringt dem Byzantinischen Reich große Entlastung. Das Avarenreich im Donauraum überlebt die kurze Herr­schaft Samos und besteht fort bis zur Vernichtung durch Karl den Großen 791-796.

 

Um 650 Ende des Großbulgarischen Reiches durch die von 0strom gegen die Perser seit 626 gebrauchten innerasiatischen Chazaren an unterer Wolga und im Kaukasus, die ihre Herrschaft während des 8. und 9. Jahrhunderts bis zum oberen Dnjepr ausweiten und wiederholt in politisch - dynastischen Beziehungen zum byzantinischen Hof stehen. Griechisch-missionarische Einflüsse im Chaza­renland; Vermittlerrolle im Handel zwischen Orient und Norden. Hauptstadt Balanger, seit 730 Itil an der Wolgamündung. Seit etwa 860 Anhänger der jüdischen Lehre. Niedergang in der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts durch Konkurrenz der warägischen Reichsgrün­dung am Dnjepr, Durchzug der Magyaren und dann Einzug der Petschenegen. Mit der Auflösung der bulgarischen Macht in Südruß­land seit etwa 650 erfolgt die Abwanderung bulgarischer Stämme: 1. An die mittlere Wolga: Entstehung des Wolgabulgarischen Rei­ches mit der wichtigen Handelsmetropole Bulgar als Hauptstadt am Einfluß der Kama in die Wolga. Zu Beginn des 10. Jahrhunderts Annahme des mohammedanischen Glaubens. Niedergang und Ende durch die Mongolen. 2. Nach Pannonien: Vereinigung mit den übrigen Bulgaren unter avarischer Herrschaft; nach deren Ende Aufgehen im Bulgarischen Reich. 3. Nach Mazedonien: Aufgehen in den Balkanslawen. 4. Nach Benevent und vor allem 5. unter Asperuch (Isperich; 641-702) über die Donau nach dem Balkan: Unter­werfung der hier inzwischen eingewanderten Slawen und Begründung des Donaubulgarischen Reiches zwischen Isker, Balkan und Schwarzem Meer bis zu den Grenzen der Avaren und Chazaren im Norden nach dem Friedensschluß mit Byzanz ; Schwerpunkt süd­lich der Donau; Hauptstadt Pliska; Verwaltung in Händen der bulgarischen Herrscher- und Militärkaste, die bis zu Beginn des 9. Jahr­hunderts von den Slawen streng geschieden bleibt; Nähe von Byzanz bedeutsam.

 

Unter und hinter der Kontrolle der türkischen Steppenvölker vollzieht sich seit Ausgang des 4. Jahrhunderts die Ausbreitung und Landnahme der Slawen. Nach Süden durch die Mährische Pforte und Pannonien bzw. östlich des Karpatenbogens: Um 500 in der Dobrudscha, im 6. Jahrhundert fortgesetzte Einfälle über die Donau nach Thrakien, Mazedonien, Griechenland, Dalmatien mit an­schließender Kolonisierung dieser Gebiete, in denen Mitte des 7. Jahrhunderts die Slawisierung beendet ist; Rehellenisierung Grie­chenlands infolge zahlenmäßig schwacher Slaweneinwanderung von den Städten aus mit Hilfe der orthodoxen Mission bis Ende des 10. Jahrhunderts vollzogen; ähnlich in Transsilvanien und der Walachei; Romanisierung der dünnen Slawenschicht; nach Westen noch während des 6. Jahrhunderts Elbe und Ostalpen (Berührung mit Restgermanen in Ostdeutschland), nach Nordosten zur gleichen Zeit die Gebiete um Ilmensee und obere Wolga erreicht. Die Weiträumigkeit und die Unterschiede der historischen Voraussetzungen führen zur Bildung der geschichtlich bekannten Gruppierung von Stämmen und Völkern; Südslawen: Slowenen, Kroaten, Serben, Bulgaren; Westslawen: Polen, Pomoranen, Nordwest - Slawen (zwischen Oder und Elbe); Sorben; Tschechen und Slowaken; Ostsla­wen: Russen mit ihren späteren, historisch bedingten Zweigen der Ukrainer, Weißrussen und Großrussen.

 

Diese weitläufige Aufspaltung der Slawen wird weiterhin bedingt durch die ständige Differenzierung der Dialekte (Übernahme des Namens Karls des Großen zur Bezeichnung "Herrscher" eine der letzten gemeinslawischen Entlehnungen) und der kulturellen Grundlagen: Übergang vom Sippenverband zu territorialen Gemeinschaften in durch ständige Rodung erweiterten 0ffenlandschaften, mit sozialer Gliederung in Adel, Freie und Sklaven, stark demokratischen Lebensformen (Volksversammlung) und frühem Auftreten von Gaufürsten; Burgbezirksverfassung; Kriegstüchtigkeit, Piraterie in Ägäis und Ostsee; Handwerk: Metallarbeit, Textilien, Kera­mik vorwiegend unter Einfluß der Nachbarn entwickelt; Handel mit Frankenreich und Orient, Märkte mit Stadtcharakter in Anleh­nung an Burgen; primitiver Naturkult und Ahnenverehrung, später (unter nordgermanischem Einfluß?) z.B. bei Nordwestslawen Göt­terbilder; Tempel und Priesterkaste; keine Schrift vor Einführung des Christentums.

 

Nach ersten Herrschaftsbildungen der slavischen Wander- bzw. frühen Landnahmezeit (u. a. Verband der Anten in Südrußland; der Kroaten am Nordrand der Karpaten) und nach dem Zusammenbruch der Avarenmacht erfolgt zum Abschluß dieser Periode im Wir­kungsbereich der griechisch-byzantinischen und der romanisch-germanischen Kultur- und Missionstätigkeit sowie der durch den ara­bischen Handel geförderten skandinavischen Expansion durch tatkräftige Dynastien die Bildung dauerhafter Großflächenstaaten. Ihre Einbeziehung in das diplomatische Spiel der führenden Kulturmächte dieser Zeit wird zu einem Vorgang von eminenter Bedeutung: Die Annahme der christlichen Lehre sowie die Nachahmung und Einführung bewährter Ordnungsprinzipien der als Muster dienen­den Kulturwelt leiten den Prozeß der "Europäisierung" der osteuropäischen Staaten- und Völkerwelt ein, der um die Jahrtausendwen­de für fast alle Slawen und die Magyaren seinen ersten Abschluß findet.

 

Ausgelöst wird diese Entwicklung durch Karls des Großen Avarensieg, wodurch es zum Machtanstieg des Donaubulgarischen Rei­ches (gemeinsame Grenzen mit dem Frankenreich in der Theißebene) und Entstehung des Mährischen Staatsgebildes kommt, die bei­de in das Spannungsfeld der politisch-diplomatischen und missionarischen Bestrebungen der führenden Großmächte, des karolingi­schen und des oströmischen Imperiums, geraten.

 

 

 

3.2. Die Perser:

 

Das Bestehen des Partherreichs bedeutete für das Römerreich der Kaiserzeit eine ständige Gefährdung seiner Ostgrenze vom Schwar­zen Meer bis nach Syrien. Der Mittelpunkt der iranischen Reichsbildung liegt weiterhin in Mesopotamien in der Doppelstadt Seleu­keia-Ktesiphon. Armenien bleibt Pufferstaat zwischen den beiden Großmächten. Die Ablösung der Parther durch die Perser (226 n. Chr.) erhöht die Gefahr noch, obwohl die Sassaniden oder Neu-Perser stets eine zweite Front im Osten gegen Indien haben. Doch ori­entiert sich Armenien nach früher Christianisierung unter einer den parthischen Arsakiden verwandten Dynastie stärker nach Westen zu Rom.

 

20 v. Chr. Phraates IV. (um 38-2 v. Chr.) gibt die 53 und 54 erbeuteten römischen Feldzeichen zurück. Phraatakes (Phraates V., 2 v.- 4 n. Chr.) verzichtet auf Armenien. Gegen den als Geisel in Rom erzogenen Ponones (7-12) erhebt der Adel Artabanus III. von Media Atropatene 9 zum Partherkönig (12-38). Er vertreibt die Alanen, die von Norden, die Römer unter L. Vitellius, die (mit Tridates III. von Armenien) von Westen ins Partherreich einfallen. Selbständigkeitstendenzen der Lehensherren, so in Adiabene (seit 30 zum Ju­dentum bekehrt), schließlich Bruderkrieg im Herrscherhaus unter Vardanes und Gotarzes 43-48. Unter Vologaeses I. (51-79) neue Ansprüche auf Armenien erhoben, von Rom unter Cn. Corbulo 57-63 mit Feldzügen am oberen Euphrat abgewehrt. Vologaeses` Bru­der Tiridates von Rom in Armenien anerkannt. 72 neuer Einfall der Alanen. Rom unterstützt gegen sie die Iberer am Kaukasus. Auf­blühen der Neugründung Vologasia bei Babylon. Handel mit Palmyra und mit China unter Umgehung des Kuschan-Reiches in Indi­en; 97 und 100 Beziehungen zum chinesischen Kaisertum bezeugt. Um 100 Blüte des Araber-Stadtstaates in Hatra in Assyrien (11 Tempel). Thronkämpfe unter Pacorus II. (79-116) veranlassen Traians Vordringen aus Armenien gegen Adiabene (mit Nisibis) und Edessa 114. Dieses leitet trotz Hadrians Verzicht auf die Neuerwerbungen 117 den Zusammenbruch des Partherreiches ein. In dieser Zeit dringt vom römischen Grenzgebiet das Christentum auf jüdischer Grundlage in die Gebirgsgegenden am Tigris, doch kaum in die Städte (zuerst in Arbela nach Bischofschronik von dort), dann ins Gebiet von Susa ein; Voraussetzung ist die Zugehörigkeit des Königtums von Adiabene zum Judentum.

 

Unter Vologaeses III. (148-192) wird Seleukeia-Ktesiphon von den Römern unter Avidius Cassius genommen. Der Vormarsch des Septimius Severus 196-199, obwohl (auch vor Hatra) erfolglos, und Caracallas Einfall in Medien 216 unter Artabanus V. (213 bis 227) erschüttern die Geltung des Königtums. Seit dieser Zeit ist der Euphrat und der Chaburfluß Reichsgrenze, an ihr Dura römische Grenzfestung. Das Ende des Partherreichs führt eine nationaliranische Reaktion herbei, die vom Priesterstaat um Stachr ausgeht. 226 n. Chr. stürzt Ardaschir (Artachschassa), Enkel des Priesters Sasan, den letzten Arsakiden Ardawan V. (208-226) und begründet die nationaliranische Dynastie der Sassaniden, die alsbald eine straff zentralistische Staatsverwaltung aufbaut. Die Religion Zarathustras wird Staatsreligion; die bisherige Linie der Duldung aller Bekenntnisse wird damit verlassen.

 

Vier organisierte Stände, die ihrerseits wieder in Klassen geteilt sind, bilden sich heraus: 1. die Magier (Priester und Juristen); 2. die Krieger unter einem Oberbefehlshaber mit umfassenden Befugnissen; 3. die Beamten; 4. die Bauern und Handwerker. Daneben gro­ßer Einfluß des Hochadels (7 Sippen davon führend) . Großer Beamtenapparat unter 7 Staatssekretären, denen ein Kanzler vorsteht. Stehendes Heer; Hauptangriffskraft die vom Adel gestellte gepanzerte Kavallerie und die Elefantentruppe. Garde der "Unsterblichen" wie in der Zeit der Achämeniden (S. 109) . Gründung von Städten mit eigenem Landgebiet auf Königsland. Der Staat gilt als Famili­engut des Königs und wird später nach oströmischem Vorbild geformt. Die Sassanidenzeit ist bestimmt durch den dauernden Gegen­satz zwischen zentralisierendem Königtum und Feudaladel. Nur eine starke Königsgewalt (unter Ardaschir und Schahpur I., dann un­ter Chosrau I.) kann eine wirkliche Außenpolitik führen.

 

Die achämenidischen und parthischen Vorbildern nacheifernde Bau- und Bildkunst ist im wesentlichen Hofkunst. An die Stelle von Ardaschirs Hauptstadt Firuzabad und der Anbringung von Felsreliefs bei den Achämenidengräbern von Naksch-i-Rustem tritt bald wieder die Partherresidenz Ktesiphon mit dem Palast Taq-i-Kisra in halbparthischem Stil, aber die historischen Felsreliefs werden weiterhin in der Persis angebracht. Die Erhebung der Religion Zarathustras zur Staatsreligion war mit keiner echten Neubelebung dieser schon erstarrten Magierreligion verbunden. Unter Schahpur I. und Hormizd I. (272-273) wäre fast die damals von Mani (216-276) gestiftete gnostische, synkretistische Religion des Manichäismus, die sich dank zielbewußter Mission und dem Anspruch auf Weltgeltung (manichäische Handschriften in Ägypten in koptischer Sprache) schnell ausbreitete Staatsreligion geworden; Mani fällt aber unter Bahram I. (273 bis 276) in Ungnade und stirbt im Gefängnis.

 

In der Außenpolitik steht der Gegensatz zu Rom im Vordergrund. Schahpur I. dringt weit nach Kleinasien vor; 260 Kaiser P. Licinius Valerian wird nach der von den Römern 260 verlorenen Schlacht von Edessa gefangengenommen, Dura erobert und zerstört. Der Aufstieg des Feudaladels unter Bahram II. (276-293) ermöglicht den römischen Gegenstoß unter dem römischen Kaiser Carus (282/283), der die Hauptstadt Ktesiphon 283 einnimmt. Verzicht auf Armenien und Mesopotamien (283). Die römischen Kriegsge­fangenen dieser Zeit werden für die Kulturentwicklung des Sassanidenreiches wichtig, führen Brücken- und Städtebau aus. Entwick­lung römischer Stadtkultur in Schahpurs Neugründungen, so in Veh-Schahpur (Bishapur); in dessen Nähe finden sich weitere Felsre­liefs historischen Inhalts (Investitur des Königs durch Ahuramazda, Triumph über Valerian) in Verbindung spätantiken und iranischen Stils.

 

Einfluß der Kriegsgefangenen ist vor allem die Ausbreitung des Christentums; seine Mittelpunkte werden wie im Römerreich die Re­sidenzen vor allem der Susiana und Mesopotamiens. 297 schwere Niederlage des Narsé (293-302) durch Galerius, nach der auch Landschaften am oberen Tigris römisch werden. Schahpur III. (309-379) gewinnt aber nach Julians Tod im Frieden von 363 den grö­ßeren Teil Mesopotamiens mit Nisibis zurück. Fortan tritt, auch in der Anbringung von Felsreliefs, seit Ardaschir II. (379=383) und Schahpur III. (383 bis 388) die Gegend um das Tor von Asien am Zagros-Paß hervor. Unter Bahram IV. (388-399) wird Ostarmenien wieder sassanidisch.

 

Die Behandlung der Christen ist abhängig von ihrem Verhalten zum Oströmischen Reich. Seit 339 blutige Christenverfolgung des Schahpur III. Unter Jesdegerd I. (399-421) wird eine kirchliche Organisation (unter einem Katholikos mit 5 Erzbischöfen) möglich (Synoden von Seleukeia 410, 420). Dann wird die Religionsfrage in die inneren Kämpfe (Absetzung der Dynastie Jesdegerds durch die Magnaten) hineingezogen unter Bahram V. (421-438) und Jesdegerd II. (439-457).

 

Einfälle hunnischer Völker im Nordosten (z. B. der Kidariten). Lange und wechselvolle Kämpfe gegen die Hephthaliten ("weiße Hunnen"), die aus Kansu in das Gebiet von Samarkand einbrechen und nach einem großen Sieg über Peroz I. (459-84), der im Kampf fällt, jahrelang Tribut einziehen können.

 

Gegen die Willkür des Adels richtet sich mit religiöser Begründung (Einfluß des Manichäismus) die sozialistische Bewegung des Mazdak, auch mit der Forderung von Weiber- und Besitzgemeinschaft. Hörigkeit und Grundadel, also der Feind des Königtums, wer­den beseitigt. Kavadh I. (488-531) neigt dem Mazdakismus zu, duldet auch die Entwicklung einer christlichen Nationalkirche in Per­sien (Priesterausbildung in Nisibis), seitdem unter Barsaum 484 in Front gegen Ostrom sich der Nestorianismus hier durchsetzt. (Anm: In der Osthälfte des römischen Reichs nach Erlöschen des Arianismus christologischer Streit um die Natur des Gottessohnes (Logos) nach seiner Entstehung und damit seines Verhältnisses zu seiner Mutter, zugleich Auseinandersetzung zwischen der allegori­schen Bibelerklärung der Schule von Alexandria (seit 412 Bischof Kyrillos) mit ihrer Lehre von der einen Natur (mone physis) des Logos und der historischen von Antiochia unter Diodoros von Tarsos, Theodoros von Mopsuestia und dessen Schüler Nestorios (seit 428 Patriarch von Konstantinopel). Dieser ersetzt den Titel Theotokos für Maria durch Christotokos. Kyrillos (Cyrill) und Papst Co­elestin I. (422-432) lehnen das ab. Absetzung des Nestorios und Bekämpfung seiner dyophysitischen Lehre nach heftigen Auseinan­dersetzungen zwischen Alexandria und Antiochia: Verwerfung des Nestorianismus durch das 3. ökumenische Konzil in Ephesus (431). Kyrillos wird von Theodoret von Kyrrhos und Ibas von Edessa angegriffen, aus deren Lehre sich der Nestorianismus weiter­entwickelt in Anknüpfung an Theodoros von Mopsuestia (ihre Lehren, die sog. "drei Kapitel"). Cyrills Nachfolger Dioskoros (444-451) versucht seinen Standpunkt durchzusetzen auf der (ertäuschten) sog. "Raubersynode" von Ephesus 449. Seine Kreatur als Geg­ner des Nestorios ist der Mönch Eutyches. Er überspitzt die Entgegnung zur Lehre vom Vorrang der göttlichen Natur in Christus (sei­ne menschliche Natur nur Scheinleib): Eutychianismus oder Monophysitismus, angenommen von den nicht Griechisch sprechenden Christen des oströmischen Reichs: den Kopten in Ägypten, Jakobiten in Syrien, den Armeniern. Anhänger des Nestorios (Nestoria­ner) bewahren ihr Christentum zunächst in Edessa (436-488), seit 457 in Mesopotamien außerhalb des Römerreichs unter der Herr­schaft der Sassaniden, deren christliche Untertanen seit 410 eigene Kirchenverfassung, 423 mit staatlicher Anerkennung haben; 498 dyophysitisches Patriarchat der Reichshauptstadt Ktesiphon mit syrischer Kirchensprache.

 

Durch Unterdrückung des Mazdakismus wird unter Chosrau I. Anoscharvan (Chosroes) (531-579) eine umfassende Staatsreform möglich: Vermessung des Landes, Steuerreform mit Ausschaltung der Grundherrn in der Erhebung von Kopf- und Grundsteuern , Schaffung eines neuen Beamtenadels, kleiner Rittergüter, dazu von Soldatenlehen an der Nordgrenze. Im Dienste des Kampfes gegen die anderen Religionen wird der zarathustrische Kanon, das Avesta, nunmehr autoritativ (Benützung des vor 200 erfundenen Vokalal­phabets mit aramäischen Zeichen).

 

Dank der Stärkung der Königsmacht kann Chosrau I. erfolgreich gegen Indien, die Araber und das Oströmische Reich kämpfen, mit dem er 562 für 50 Jahre einen Frieden schließt (Grenze wie bisher). Nach Eroberung von Antiochia 540 wird bei Ktesiphon eine Ko­pie der Stadt errichtet, um die wertvollen Facharbeiter an Persien zu fesseln. Riesige Beute wird aus den syrischen Städten erpreßt, die Befestigung der Nordgrenze (562-565) aus oströmischen Tributen bestritten. Chosrau schlägt 567 auch die Hephtaliten vernich­tend. Doch fallen unter Hormizd IV. (579-590), als sich der neue Militäradel bereits wieder gegen das Königtum wandte, neue Turk­völker in Persien ein (Besetzung von Herat). Kriegerischer Höhepunkt unter Chorsrau II. Parwez (590-628), der 608 große Teile Kleinasiens, 614 Syrien und 619 den Norden Ägyptens erobert, aber, wegen Grausamkeit und Habgier verhaßt, vom Adel gestürzt und ermordet wird. Seine Eroberungen müssen nach dem Gegenschlag des Herakleios 629 aufgegeben werden. Von seiner Residenz bei Dastadgerd bleibt nur der Palast Impret-i-Khusrau (wie der des Peroz I. von Taq-i-Bostan am Zagros). Nach langen Thronkämp­fen folgt Jesdegerd III. (632-651), der das geschwächte Reich nicht gegen den Ansturm der islamischen Araber halten kann und nach den Niederlagen von Kadissija (637) und Nehavend (642) 651 in Ostiran ermordet wird. Iran wird ein Teil des Kalifenreiches. Weni­ge Anhänger der alten Religion Irans leben heute noch in Indien (Parsen).

 

 

 

3.3 Armenien:

 

Nach römischem Eingreifen 1 n. Chr., 18 und 36 steht seit 66 Armenien unter einer arsakidischen Dynastie, gegen die sich jedoch im­mer wieder Teile des durch Gebirge stark aufgegliederten Landes erheben. Die Umwandlung (114) in eine römische Provinz (nach Abtrennung von Armenia minor schon 72) durch Trajan hat nur kurze Dauer. Die Herrschaft der Sassaniden (238-280) im Lande wird durch Tiridates (gest. 320 ?) beseitigt. Dieser duldet die Einführung des Christentums durch Gregor den Erleuchter (vor 290) unter Zerstörung zoroastrischcr Feuerheiligtümer, Ersetzung durch Kirchen (daher heidnische Relikte bis heute). Gründung einer National­kirche mit 12 Bistümern, die Stellung des Oberhaupts (Katholikos mit Sitz in Aschtischtat, später Walarschapat) in Gregors Familie bis 438 erblich. Starke Gegensätze zwischen Staat und Kirche unter Tiran II., schließlich Lösung der Kirche von der Heimatmetropo­le Neocaesarea in Pontus (unter Katholikos Sahak 390 bis 438); fortan armenische Liturgie und Literatur. König Pap begünstigt das Heidentum, schwankt zwischen Rom und Persien; 374 ermordet. 387 Teilung Armeniens zwischen Persien und (Hauptteil) Ostrom. Erfindung der armenischen Schrift durch Mesrop, Beginn der (Übersetzung griechischer Literaturwerke, nach 450 eigene armenische theologische und historische Literatur (Geschichtswerk des Lazur von Pharni für Zeit 385-485). Aufstieg einheimischer Familien als Teilfürsten unter den Sassaniden. Neue Teilung 591; seit 640 ist Armenien Ziel arabischer Angriffe; 653/5 Eroberung durch die Ara­ber; seither, oft in gelockerter Form, unter gelockerter Form unter der Herrschaft der Araber; diese wird nur vom Schwarzen Meer her durch die Chazaren streitig gemacht (u, 715-764 und 799). Alte kirchliche Kultur: Rundbau von Etschmiadzin um 650. Historiker Bischof Sebeos, für 662-670 Leontios. Die arabische Herrschaft (693-885) bedeutet vor allem Steuerdruck und Verfolgung der Häuptlinge, die sich (auch nach Massaker 704) immer wieder in lokalen Revolten (bes. 851/2) erheben, auch mit persischen Gebirgs­stämmen Fühlung halten. In Hocharmenien seit 859 Bagratuni anerkannt, seit 885 auch als Könige durch Byzanz. Südarmenien kommt 940 an die Staatsbildung der Hamdaniden von Mardin unter Hassan.

 

Armenien erlebt im 10. Jahrhundert unter Asdot III. (952-977) und Gagik I. (990-1020) eine durch die Reste kirchlicher Bauten noch heute eindrucksvolle Blüte: Hauptstadt Ani, dort zahlreiche Kirchen (Kathedrale nicht vor Ende des 9. Jahrhunderts, Fresken von 1010; Grabkapelle "des Schäfers" 1060), größte Stadt und geistiger Mittelpunkt Kars, von Simbal II. (977-990) befestigt (daneben Königtum von Van in Vaspurakan seit 909 und Emirat weiter im Süden des Sees). Dann treffen Bruderkrieg in der Dynastie und Seld­schukeneinfälle (diese seit 1048) zusammen zur Schwächung. Basileios II. besetzt (1020) Vaspurakan und errichtet mehrere kleine Themata-Bezirke. Konstantin IX. annektiert ganz Armenien, verliert damit freilich auch den Pufferstaat zwischen Byzanz und den Seldschuken, die 1064 Ani zerstören und gewinnt eine durch Zugehörigkeit zur schismatischen armenischen Kirche dem Reich fremdgewordene Bevölkerung. Die Fürsten erhalten Landbesitz in Kappadokien, so entsteht aus ihrem Gefolge die armenische Be­völkerung von "Klein-Armenien". Die Kirche wahrt im Zusammenhang mit der alten Heimat (seit 1441 wieder dort in Etschmiadzin Sitz des kirchlichen Oberhaupts, des Katholikos). 1100 seldschukischer Kleinstaat von Khilat (mit Titel Schah von Armenien) bis 1185, dann unter Marmeluken, seit 1207 unter Aiyubiden mit dem gleichen Schah-Titel. 1244 mongolisch.

Exkurs: Die Mongolen, die geschichtsträchtigen Erben der Hunnen und Turkvölker sind, unterwerfen sich aus der inneren Mongolei kommend fast ganz Asien und dringen bis an den Rand Mitteleuropas vor. 1206 wird Temüdschin, nachdem er in schweren Kämpfen gegen Nebenbuhler die Stämme der Mongolei geeint hat, von der Wahlversammlung unter dem Namen Dschingis Khan zum Groß­chan aller mongolischen Stämme erwählt. Besessen von dem Willen, die ganze Welt zu beherrschen, schafft er eine straffe Heeresor­ganisation und aus dem alten feudalen Gewohnheitsrecht ein gemeinverbindliches Recht. 1215 wird Peking erobert. 1220 wird das Reich des Choresmischen Schahs vernichtet, der zuvor ganz Westasien beherrschte. Damit ist ganz Zentralasien von China bis zum Oxus unter der Herrschaft der Mongolen. 1227 Tod Dschingis Khans und Teilung des Reichs. Der Westen fällt an seinen Sohn Tscha­gatai (nach ihm benannt das Reich Tschagatai, das sich mit Übernahme des Islam völlig türkisiert), der Osten an seinen Sohn Ügedei, Großchan 1229-1241. 1368 Vertreibung der Mongolen aus China und Beschränkung auf das Stammland. 1586 Einführung des Lama­ismus in der Mongolei; Ende der weltgeschichtlichen Rolle der Mongolen.

 

Armenien ist im Spätmittelalter in der Hand der Mongolen. Um 1290 Einwanderung der turkmenischen Horden des Weißen und Schwarzen Hammels (Ak- und Kara-Kogunlu, nach ihren Fahnen). 1386 Einfall Timur Lenks, 1394 auch Einnahme von Kars. Herr­schaft der Kara-Kogunlu 1418-1467 in Vaspurakan und Erzindjan, unter mongolischer Oberhoheit. 1441 Neubegründung des Katho­likos-Sitzes in Etschmiadzin (als Schisma neben Sis), zugleich als Haupt des armenischen Volkes. 1469 Armenien zum Reich des Uzun Hasan von der Horde des Weißen Hammels; Einströmen der Kurden; nach persischer Herrschaft 1514 türkisch.

 

 

 

3.4. Kleinasien:

 

Kleinasien ist nach dem raschen Durchzug Alexanders d.G. Schauplatz und Objekt der Diadochenkämpfe bis zum Untergang von Ly­simachos' Reich 281 v.Chr. Danach gibt es ptolemäische, 204-197 v.Chr. auch makedonische, 197-188 v.Chr. seleukidische Besitzun­gen nur an der West- und Südküste. Das Binnenland gehört, wie Kilikien, dem Seleukidenreich, ist unabhängig 239-228 unter Antio­chos Hierax; seine Randgebiete entfalten zunehmende Selbständigkeit: im Osten Kappadokien im Besitz des Hochlandes und der öst­lich angrenzenden Becken, im Westen Pergamon in Mysien, dann auch in Phrygien und im Südwesten Rhodos. Veränderungen wer­den ausgelöst durch die Galater, dann durch Rom. An der Nordküste im Westen gelangt Bithynien, im Osten Pontos zu größerer Selb­ständigkeit. Die Nordküste des Schwarzen Meeres verbleibt im Bosporanischen Reich. Eine Neuordnung der Besitzverhältnisse bringt 63 v. Chr. Pompeius.

 

Die römische Organisation Kleinasiens geht von den Provinzen im Westen und Süden schrittweise vorwärts durch Einziehung der Klientel-Fürstentümer, die Pompeius und Augustus noch belassen hatten: Galatien, Lykaonien und Pamphylien werden (als kaiserli­che Provinzen) 25 v. Chr. organisiert, das Reich des Galaters Deiotarus 7 v. Chr., das iranische Königtum Cappadocia erst 18 n. Chr., sogar erst durch Claudius Lycia (43), durch Nero Pontus Polemoniacus östlich vom Iris-Fluß gewonnen. Dann wird Cappadocia 72 konsularische Provinz mit den Legionslagern im hinzugewonnenen Armenia minor in Satala und Melitene, 76 mit Galatia vereinigt. Die Nähe der Euphratgrenze bestimmt die Bedeutung dieser östlichen Landschaften, die daher ein besonders dichtes Netz von Mili­tärstraßen erhalten; dagegen macht hier die Urbanisierung keine Fortschritte; von den alten Gau-Hauptstädten heißt Mazaka Eusebeia seit 9 v. Caesarea, Archelais wird colonia des Claudius. Erst recht erhöht die Mesopotamienpolitik der Severer die Bedeutung des Os­tens; nur Neros Orientpolitik war von Pontos ausgegangen unter Corbulo (dessen Feldherrn hatten ab 62 n.Chr. die militärische Kon­trolle über das Bosporanische Reich errungen; Corbulo ab 55 n.Chr. Cappadocia und gegen parthisches Eingreifen die armenischen Hauptstädte Artaxata und Tigraocerta).

 

Dagegen genießt der Westen Kleinasiens den Kaiserfrieden; die räuberischen Gebirgsstämme des Taurus (Pisider, Homonadeis) wer­den seit Augustus durch die Anlage von Veteranenkolonien in Schach gehalten (besonders Antiochia Pisidiae), die Hellenisierung an den Westrand der anatolischen Steppe vorgetragen, seit Hadrian auch das Waldland Mysiens (mit dem Jagdgebiet des Kaisers) von ihr erfaßt und die Stammesgebiete in Stadtgebiete verwandelt (urbanisiert) . Durch Handel und Gewerbe (Tuche von Laodikeia) reich geworden, schmückt das Großbürgertum die Städte mit glänzenden Bauten: Ephesus, Pergamon mit seinem Traianeum, Milet mit Markttor und Markthalle unter Hadrian, Aphrodisias in Karien usw., an der Südküste die Reihe der Städte Pamphyliens mit Side bis nach Kilikien mit Pompeiopolis, vor allem Tarsos als Mittelpunkt der Leineweberei, früh auch des geistigen Lebens. Landeinwärts wird das Verhältnis von Stadt und Land mit zahlreichen großen Dörfern zum Problem; daneben halten sich noch Tempelfürstentümer (Pessinus, Olba, Komana). Durch Erdbeben werden Städte 17, 155, 177 (Smyrna) verheert (doch bald erneuert), durch den Parther­einfall unter Vologaeses III. 162 der 0stteil heimgesucht (Sieg bei Elegeia).

 

Die Städte des westlichen Kleinasiens nehmen früh die christliche Lehre an. Paulus hat in ihnen und am Südrand der anatolischen Hochfläche im damaligen Provinzialgebiet von Galatien (daher Brief an die Galater) missioniert, überall auf den Spuren einer lebhaf­ten jüdischen Mission (z.B. in Aparneia Kibotos). Wie Bithynien (z. Z. des Plinius: Statthalter in Bithynien - 112/13 Beginn der Christenprozesse wegen Verweigerung der Teilnahme am römische Kult) ist die Schwarzmeerküste insgesamt früh mit Gemeinden besetzt; im Westen treten die Christen von Smyrna früh hervor (Martyrium des Polycarb und Karpos um 177). Im westlichen Ge­birgsland mit starken heidnischen Elementen altphrygischer Herkunft entwickeln sich christliche Sekten (Montanisten um Pepuza, Novatianer). In Cappadocia wird die Unterschicht von jüdischer und christlicher Mission erfaßt, der Feudaladel iranischer Herkunft hält an der persischen Magier-Religion fest.

 

Nach langer Friedenszeit, aber Erschöpfung des Besitzbürgertums schon durch Steuerdruck und Konfiskationspolitik der Severer bringt der Einfall der Perser (256/7) unter Schahpur I. die erste Katastrophe. Bis zur Westgrenze des Rauhen Kilikien und nach Iconi­um am Südwest-Ende der inneren Hochfläche dringen die Perser damals und 260 neu bis Pompeiopolis vor; 253, 256, 262/3 verhee­ren gotische Heruler die Küsten im Westen und Nordwesten; Milet muß gegen sie neu befestigt werden. Dann folgt im Osten der Ein­fall der Palmyrener; 279 Erhebung der Isaurer von Kaiser Probus unterdrückt in Kremna. So bedarf es des Wiederaufbaus unter Dio­cletian (von Nikomedeia), Galerius (mit heftiger Christenverfolgung in Kleinasien; gallienische Restauration), Maximinus Daia und Konstantin. Die Gründung der Hauptstadt Konstantinopel (330) bringt eine Veränderung der Verkehrslinien und eine Verlagerung des Schwergewichts. Der alte Statthaltersitz von Asia, Pergamon, aber auch Milet und Ephesus (beide von den Überschwemmungen der Flüsse bedroht) treten für den Verkehr mit dem Westen des Reichs zurück hinter der großen Verbindungsstraße von der Donau- zur Euphratgrenze; die gewerbliche und landwirtschaftliche Versorgung der neuen Hauptstadt führt zum Aufblühen des Nordwestens, der Städte Bithyniens (Nicaea, Nikomedeia) und Phrygiens; die Route über Ancyra, nördlich der Steppe, ja auch Straßen durch Paphlago­nien werden wichtig für den Truppennachschub zur Armenienfront des 4. Jahrhunderts. Kilikien bleibt wie zu allen Zeiten Vorland Syriens, Tarsos bedeutend. Die Kulturbedeutung von Ephesus zeigen Kirchenbauten des 4. und 5. Jahrhunderts. 378, 379 gotische Einfälle nach Kleinasien.

 

Im 4. Jahrhundert wird für das iranische Grundherrentum griechische Bildung und christliche Bischofswürde erstrebenswert in Kap­padokien: Kirchenväter Basileios von Caesarea, Gregor von Nazianz, Gregor von Nyssa, Amphilochos von Iconium. An der Südküs­te reges gewerbliches Leben in Korykos nahe dem Wallfahrtsplatz der Hl. Thekla. Die Provinz-Neuorganisation, um 370 abgeschlos­sen mit der Teilung von Cappadocia mit den Hauptstädten Caesarea und Tyana, verselbständigt die alten Stammeslandschaften der vorhellenistischen Zeit und sucht ihre nationale Eigenart, die z. T. noch in den alten Sprachen erhalten war, als Selbstschutz zu akti­vieren. Auch die Gebirgs-Räuberstämme melden sich wieder, gewinnen Anteil an der Kultur des südlichen Steppenrandes und bean­spruchen politische Rechte; Isaurier-Aufstände bis zur Erhebung Zenons zum Kaiser 474. Hier liegen die Voraussetzungen für die Verwendung von Truppen aus Reichsbewohnern (zuerst als foederati), dann die Aushebung solcher (seit Maurikios I.), endlich die Heeresreform des Herakleios. Mit den arabischen Einfällen während und nach dessen Regierung endet für Kleinasien die Antike. Die Fortdauer der Stadtkultur wird ermöglicht durch die Reduzierung der wichtigsten Städte zu Festungen durch Justinian; das Land der Kolonen, der abhängigen Bauern in den Dörfern, die z. T. erst damals durch die monophysitische Mission des Johannes von Asia Christen werden, wird preisgegeben. Neubau der Johanneskirche in Ephesus (Kern der mittelalterlichen Siedlung H. Theologos) als Kuppelbasilika Justinians.

 

Im frühen Mittelalter gehört Kleinasien bis zum Taurus dem Byzantinischen Reich, ja es bildet geradezu dessen Kerngebiet (nach dem Verlust großer Teile der Balkanhalbinsel an die Slawen), aber auch die anatolische Hochfläche ist unaufhörlich arabischen Vor­stößen ausgesetzt, die nur durch innere Veränderungen im Kalifat unterbrochen werden. Noch als Statthalter macht Muawija 647 (Muawija, 661-680, Urenkel des Omaija, eines Verwandten Mohammeds, gründet eine sunnitische Dynastie, verlegt die Residenz von Medina nach Damaskus, kämpft jahrelang gegen das byzantinische Reich, das stärksten Widerstand leistet. Durch die Byzantiner werden die Araber als Sarazenen im Okzident bekannt. Die Eroberung Konstantinopels mißlingt) den 1. Vorstoß ins anatolische Hochland über Kaisareia bis Amorion, ab 649 Flottenexpeditionen: Einnahme von Cypern 649, Rhodos und Kos 654. Nach Siche­rung seiner Macht in Syrien jährliche Einfalle Muawijas zu Lande 663-678, Besetzung von Chios, 670 von Kyzikos, 672 von Smyrna durch die Flotte, Belagerung von Konstantinopel 674-678 bis zum byzantinischen Sieg und Tributfrieden von 679 (neugeregelt 697). Seit 709 (Einnahme von Tyana am Ausgang der Taurus-Pässe, der sog. Kilikischen Pforte) geht Kilikien zeitweise an die Araber ver­loren, 718/9 wird zwar Konstantinopel gegen sie gehalten, aber 726-740 wieder jährliche Einfälle bis zum Sieg Leons III. bei Akroi­non 740. 746-752 ist Byzanz im Gegenangriff im Taurus (747 Seesieg bei Cypern), aber 776, 779, 781, 796, 798 und 806 ist wieder das innere Kleinasien Kriegsschauplatz.

 

Bei der Spärlichkeit von Selbstzeugnissen der Zeit (nur Bistümerlisten außer Angaben über die Feldzüge) ist das Ausmaß der Verhee­rung Kleinasiens nur abzulesen an der Flucht der Bevölkerung vor allem des östlichen Kappadokiens in höhlenreiche Tuffgebiete. Die stattlichen Kirchen des 7. Jahrhunderts werden zunehmend durch Höhlenkirchen (seit 10. Jahrhundert mit Fresken) ersetzt. Die Stadtfestungen bieten nur den Truppen und Verwaltungsorganen Schutz. Die bäuerliche Bevölkerung, seit Phokas aus dem Kolonat befreit, trägt die Folgen der Verwüstungen und die Last des Heeresdienstes; Themen-Organisation schafft Militärgrenzen, nach denen die Themata Armeniakon und Anatolikon heißen. Mit dem Vordringen der Araber nach Westen greift diese Militarisierung des Le­bens aus, bis schließlich die Bildung von kleinen Grenzschutz-Einheiten (und Aushebungsbezirken für sie: Kleisurarchiai, Topotere­siai) - entsprechend einer arabischen Parallele seit 789 - die Voraussetzungen für den byzantinischen Gegenschlag (ab 957) schafft (Aufzählung in arabischen Quellen). Kleinasiatische Bewegungen in Politik und Geistesleben (Sekte der Paulikianer von Tephrike an der armenischen Grenze) bestimmen zunehmend das byzantinische Leben - nach mehr als einem Jahrtausend wird Kleinasien, beson­ders in der Zeit des Bilderstreits, wieder führend. 821 sozialistische Unruhen der Bilderverehrer unter Thomas in Kleinasien bis Kon­stantinopel. 830/3, 838 neue arabische Vorstöße und byzantinische Gegenstöße in festem Rhythmus. 856 Beginn der byzantinischen Offensive zum Euphrat, 860 aufgehalten. 900 byzantinischer Sieg bei Adana, 910 Cypern erobert und verloren. Seit 828 Bedrohung der Westküste von Kreta aus (byzantinische Niederlage bei Samos 911, Sieg bei Lemnos 922). Die dauernden Kämpfe der zwangsan­gesiedelten Bevölkerung auf beiden Seiten bilden den Stoff des Epos von Degenis Akritas.

 

Kleinasien wird durch das byzantinische Ausgreifen zunächst im Antitaurus bis zum Euphrat (Einnahme von Melitene = Malatya 931, 934, Amida, Nisibis 943; Germaniceia = Marash 949, 962, schließlich Kilikiens und Cyperns 965) von den bisherigen sich jähr­lich in festem Rhythmus wiederholenden Einfällen der Araber, zuletzt Saif-ad-Daulahs, befreit und erlebt eine Periode friedlicher Entwicklung, die jedoch durch den Bürgerkrieg zwischen Bardas Skleros und Bardas Phokas 976 bis 979 und 987-989 beeinträchtigt wird ; in ihm erheben die siegreichen Verteidiger der Ostgrenze Anspruch auf innerpolitische Macht, werden aber von der sog. Make­donischen Dynastie unter Begünstigung der Kleinbauern ausgeschaltet. 989 Erdbeben in Konstantinopel. In Kleinasien wird gegen den Pazifismus der Hofbeamten-Aristokratie Isaak I. Komnenos erhoben (1057), ebenso dann (1077) Nikephoros Botaneiates.

 

Seit 1057 fallen die Seldschuken in häufigen Raubzügen in Kleinasien ein (Erstürmung von Kaisareia unter Sultan Alp Arslan). By­zantinische Niederlage bei Malazgerd-Mantzikert (1071) am Van-See in Armenien ebnet den Seldschuken den Weg in das seit 50 Jahren durch Latifundienwirtschaft entvölkerte Kleinasien, in dem 1073-1074 eine normannische Staatsbildung versucht wird (Rous­sel de Bailleul). Türkische Söldner des Botaneiates machen sich 1078 in Nikaia selbständig. Hier befindet sich so die erste seldschu­kische Residenz unter Suleiman. Die byzantinische Schwäche hat diesen nicht organisierten Einfällen die Bildung des Sultanats von Konya oder Rum, dazu des Emirats der Danischmenditen um Kaisareia-Sivas, nach 1100 bis Melitene, so die Hauptwege im Euphr­attal beherrschend, und eines Tzakhas in Smyrna (ab 1081) ermöglicht.

 

Das weite Hochland ist das Betätigungsfeld dieser Reiterscharen, die die Latifundien-Hörigen für frei erklären; dagegen bleiben Nord- und Südküste in byzantinischer Hand. In Kilikien entsteht durch Einwanderung aus dem seldschukischen Herrschaftsgebiet Armenien seit 1071 das Gebiet Kleinarmenien durch Abfall des Rupen und Vahram (Philaretos Brachamios), zunächst in selbständi­gen Kleinstaaten (wie einst nach dem Zusammenbruch des Hethiterreichs).

 

Bei Annäherung der Scharen des Ersten Kreuzzugs (1097) machen die Seldschuken Kleinasien zur verbrannten Erde, beginnen aber 1110 ihre Vorstöße wieder (1117 bis Philomelion). 1129 Fürstentum Kleinarmenien durch Einigung Kilikiens unter den Rupeniden, 1137 byzantinisch, nach seldschukischen Vorstößen 1139-42 erneut 1158. Das Kerngebiet dieser Staatsgründung behauptet sich unter Leo II. (1185-1219, seit 1198 König mit päpstlicher Anerkennung) nach allen Seiten und gleicht die Verwaltung den Kreuzfahrerstaa­ten an (neue Hauptstadt Sis).

 

Unter Kilidsch Arslans (1092-1097) Nachfolgern wird Iconium-Konya zum Mittelpunkt eines neuen Seldschuken-Staates, der als Sultanat von Rum nach dem Besitz bisher byzantinischen (rhomäischen) Gebiets heißt (Kunst unter armenischem Einfluß). Mit ihm haben sich die Teilnehmer des Zweiten und Dritten Kreuzzuges auseinanderzusetzen.

 

Cypern macht sich 1183 von Byzanz unabhängig und wird wie Kleinarmenien 1194 bzw. 1195 deutsches Lehen. Rum steht nach Be­setzung von Attaleia 1207 in Geheimbeziehungen zum Lateinischen Kaisertum seit 1209, hat unter Kaika'us I. (1210-1219) und Kai­kobad (1219-1237) seine größte Blüte (Moscheen in Konya), wird 1243 Vasall der Tataren. Vor 1204 ist an der Nordküste das Kaiser­reich Trapezunt mit georgischer Hilfe gegründet) selbständig, ab 1204 im Reich von Nicaea der byzantinische Besitz im Nordwesten stark eingeschränkt, dazu den Angriffen des Lateinischen Kaisertums ausgeliefert. Das Ergebnis dieser Bewegungen ist die Entvölke­rung und Versteppung Kleinasiens.

 

Die auf den Mongolensturm von 1243 folgende türkische Eroberung erfolgt in kleinen Trupps, die sich unter eigenen Fürsten zu­nächst zwischen anderen Staaten einen Raum suchen. So stehen neben dem Restbesitz des Byzantinischen Reichs (Reich von Nicaea), der seit 1261 wieder nach Westen über den Bosporus hinweggreift, dem Kaiserreich Trapezunt an der Nord-, dem König­reich Kleinarmenien an der Südküste, den Resten der Seldschuken-Herrschaft (Ende der Münzen 1302) unter den zahlreichen Scha­ren, die seit dem 11./12. Jahrhundert nach Kleinasien gekommen waren, dann beim Zusammenbruch der von ihren Stammesgenossen getragenen Abbassidenherrschaft durch diese Verstärkung erhalten hatten, türkische Kleinstaaten in Germijan (Phrygien), Attalia-Sa­tala, die Aidipoghlu in Tralleis und Ephesos, in Magnesia; besser bekannt nur das Fürstentum Mentesche mit dem Mittelpunkt in Mylasa (Moschee von 1378), dann in Milet, vor allem aber die bewußt türkische Staatsgründung des Karaman in Laranda (südöstlich Konya, das 1275 und 1308-1319 gewonnen wurde), das fortan Karaman heißt. Nur eine von vielen ist also zunächst die Emir-Würde über die Kriegergemeinschaft der Osmanen, die Osman 1299 annimmt. Das Sangarios-Tal mit der Hauptstadt Sögüd (Sugyut) und der Beherrschung des Straßenknotenpunktes Eskishehir (alt Dorylaion) ist der Ausgangspunkt seiner Herrschaft. 1301 rückt er näher an Brussa (Bursa) heran, und so ist fortan die Geschichte der byzantinischen Türkenkriege die der Auseinandersetzung mit den Os­manen, die sich Ghazis (Glaubenskämpfer) nennen: nach Abzug der Katalanen aus Kleinasien 1305 wird 1326 Bursa von Osman (1281-1326), dann Gemlik-Civitot, 1331 Nikaia (Iznik) von Urchan (1326-1359), nach Kämpfen mit den Aidinoghlu und den Byzantinern 1337 Nikomedeia (Izmid) erobert. Nun nimmt Urchan den Titel Sultan der Osmanen an, begründet die Janitscharen-Truppe und (1328) die Münzprägung nach byzantinischem Fuß (Aktsche = Asper). Osmanische Söldner nehmen an Byzanz' Kämpfen mit Serbien und Venedig (1353) teil, türkische beginnen die Landnahme von Thrakien auf europäischem Boden (dort Hauptort Adrianopel seit 1362). Damit tritt das Osmanenreich selbst in die Verwicklungen mit den Balkanstaaten ein. Sieg an der Maritza unter Murad I. (1359-1389), 1389 Sieg auf dem Kosovo-Feld; Gräber der Dynastie in Bursa (Moscheen von 1365, 1379, dann 1400, 1423, 1447).

 

Auch nach Süden und Osten (hier Rum = Amasia und Sivas) wird die Osmanenherrschaft unter Murad I. ausgedehnt (Alt- und Neu-Phokaia-Foglia mit Alaungruben werden 1358 bzw. 1351 genuesisch): nacder Vernichtung des Sultanats von Rum durch die Mongo­len (1300) wird 1354 Ankara gewonnen, 1362 gesichert, 390 den Byzantinern Philadelphia abgenommen, 1391 Mentesche einver­leibt. Eroberung von Konya 1396 und Einverleibung der Emirats Karaman 1390 durch Sultan Bajezid (1389 bis 1402). Damit wird aus der Grenzmarkgrafschaft des Seldschukenreichs, als die die Osmanen begonnen hatten, die Nachfolge des Reiches und seiner zentralanatolischen Erben Karaman, seitdem Karaman vom Nordwest-Taurus aus - von Ermenek-Germanikeia - vorgestoßen war und in Teilfürstentümern die Hochebene beherrscht hatte, doch ohne Kaysari, das den Artena gehörte. Auch die Turkmenen von Kaysari, Tokat, Sivas, 1393 auch der Emir von Kastamuni in Paphlagonien verlieren ihr Gebiet an die Osmanen. Von ihnen zu Hilfe gerufen, besetzt der Mongolenherrscher Timur 1400 Sivas.

 

1402 kommt es zur Niederlage (durch Überlaufen der Seldschuken) Bajezids in der Schlacht bei Ankara-Tshikukabad gegen Timur. Sie wirft die Osmanen in Kleinasien auf ihr Ausgangsgebiet in Bithynien zurück. Die Seldschukenfürsten und die Aidinoghlu von Smyrna werden wieder eingesetzt. Erst 1413 wird der europäische und der kleinasiatische Besitz der Osmanen durch Mohammed wieder vereinigt. Sektenunruhen am Stylarios-Berg gegenüber Chios. 1426 Wiedergewinnung von Mentesche. Unter Murad II. (1421-1451) beginnt eine eigene türkische Literatur zu entstehen. Sultan Mohammed II., genannt Mehmed Fatih, der Eroberer (1451-1481). 1487 Ende der Karamanoghlu.

 

Kaiserreich Trapezunt am Schwarzen Meer, seit 1214 nach Westen zum Iris und Thermodon (Jesil Irmak) reichend, im Besitz der Krim, aber wie diese unter stärkster genuesischer Kontrolle (genuesisches Kastell in Trapezunt), jedoch Bewahrung reinen Griechen­tums. Trotz Tributzahlungen an Seldschuken, dann Mongolen wichtig durch die Vermittlung des Handels mit Rußland. Sophienklos­ter unter Manuel I. (1238-1263). 1344 türkischer Angriff, 1390 Heeresfolgepflicht Manuels III. (1390-1417). Fresken in Kirche Hl. Sabas 1411, H. Sophia 1443. Anlehnung an die Reichsbildung der Turkmenen "vom Weif3en Hammel" (Ak-Kogunlu) von Diarbekir aus in Armenien; nach deren Besiegung 1461 Ende des Kaiserreichs Trapezunt (unter David Komnenos, seit 1458).

 

Kleinarmenien kommt als Königtum mit Hethum I. (1226-1270) an eine neue Dynastie (bisher nur in Lambron an der Gebirgsgren­ze). Diese tritt gegen die Seldschuken in Abhängigkeit vom neuen Mongolenreich (1244) und eröffnet so ihrem Handel vom Hafen Lajazzo aus den nach China. So bietet Klein-Armenien die Voraussetzung für die Reisen des Wilhelm von Roebruck, Niccolo Polo (Rückreisen 1255, 1268) , Marco Polo (Hinreise 1272). 1254 reist Hethum I. selbst nach Karkorum. Verheerung des Landes durch Baibars von Ägypten, erneut 1274 mit Zerstörung von Tarsos; aber Siege 1276 über Mameluken, 1278 über Seldschuken von Iconi­um unter Leo III. (1270-1289). Niederlagen 1281, 1289, Mongo-leneinfall 1302 bringen den Niedergang (einheimische Opposition gegen Pläne der Kirchenunion mit Europa und vergebliche Hilfegesuche dorthin), schließlich Anerkennung der Tributpflicht an die Mamelucken. Ende der Dynastie 1342. Erben Prinzen aus dem Haus Lusignan bis 1375 (der letzte König Leo Vl. stirbt 1393 in Paris). Titularkönigtum der Lusignans bis 1489. 1516 wird das Gebiet türkisch.

 

 

 

 

3.5. fehlt

 

 

3.6. Griechenland:

 

Die römische Reichskultur berührt die Heimat der griechischen Bildung (nun Provinzen Achaia und Creta) wenig. Die Veteranenko­lonien augusteischer Zeit werden, auch in den Provinzhauptstädten Thessalonike und Corinthus, rasch vom umgebenden Griechen­tum absorbiert, erst recht als dies durch Hadrian eine klassizistische Wiederbelebung hellenistischer Organisation erfahrt. Sparta wird von Augustus begünstigt (Grenzfestsetzung gegen Messenien 25 n. Chr.). In Athen hat Augustus bis 17 v. Chr. den Roma-Tempel er­richtet, den von Traian vollendeten Römischen Markt begonnen, Philopappos 114/6 sein Grabmal erhalten, Hadrian 129 das Olympi­eion vollendet, einen neuen Markt mit Bibliothek gestiftet und 124-129 die östliche Villenvorstadt als Hadrians-Stadt ummauert (Ha­drianstor). Städtebund Panhellenion unter Führung Athens mit Abgaben für Eleusis. Der Latifundien-Milliardär Herodes Atticus (101-176) schmückt alle Heiligtümer Griechenlands mit Bauten (Stadion in Athen 128, nach 165 Nymphaeum in Olympia ; große Propylaen in Eleusis). Dagegen fehlt es den alten Poleis meist an Mitteln zur Erhaltung ihrer Bauten. Eine große Anzahl verödet, der Rest lebt von den Stiftungen der Grundherren, die in ihnen wohnen. Die West-Orientierung des Landes begründet das Aufblühen von Korinth (Colonia Julia Laus Corinthiensium) und Patras wie das von Nicopolis, der Hauptstadt von Epirus; die Bergländer des Wes­tens bleiben verödet, in Albanien das Bergland um den Mati als Heimat der Albaner von der römischen Kultur unberührt; im Drinos-Tal gründet Hadrian Hadrianopolis (gegenüber Argyrokastro). Sparta zehrt im 2./3. Jahrhundert von der romantischen Belebung sei­nes alten Brauchtums. In Chaironeia lebt Plutarchos. Byzantion wird 198 von Septimius Severus erobert und entrechtet, aber bald er­neuert.

 

Im 3. Jahrhundert zwingen die Einfälle der Heruler zu Neubefestigungen (so 267 in Athen, daher sog. Valerianisch Mauer unter Preisgabe der Agora, unter Probus errichtet). Dann stellt Konstantinopel Athen ganz in den Schatten (Wegführung von Kunstwerken aus griechischen Heiligtümern). Nur als Universitätsstadt gewinnt Athen im 4. Jahrhundert wieder Ansehen (Studentenleben in der Jugendzeit Julians). Es bleibt Hochburg der heidnischen Bildung bis zur Schließung der platonischen Akademie durch Justinian (529). Als Residenz des Galerius (Triumphbogen, Mausoleum), dann Sitz des Vicarius von Macedonia und der Praefekten von Illyri­cum ist Thessalonike seit um 300 bedeutend. 249, 254 und 380, 391 Goteneinfälle nach Macedonien, 295/6 Einfall der Westgoten un­ter Alarich bis zur Peloponnes (Sieg Stilichos am Pholoe-Gebirge). 459 Dyrrhachium von den Ostgoten genornmen. Bald nach 600 bedrohen die Slawen das Land; sie besetzen Epirus nova (ohne Dyrrhachium) und Serbien (Raþka).

 

Das Christentum hat in Griechenland trotz der frühen Missionstätigkeit des Paulus unter Juden und Heiden (Areopag-Predigt) wenig Wirkung gehabt; doch stets Gemeinden in Athen, Korinth, Saloniki, Larissa, um 170 auch schon Sparta, auf Kreta in Knossos und der Provinzhauptstadt Gortyn, sicher im 3. Jahrhundert auch in Nicopolis. Kirchenbauten erst Ende des 5. Jahrhunderts in Thessalonike, Pyrasos (Phthiot-Theben, jetzt Nea Anchialos), Philippi, Korinth, Athen, Nicopolis u. a., auch in den Heiligtümern Delphi, Dodona, Delos, Epidauros, des 6. Jahrhunderts in Saloniki und Philippi, Umwandlung der Tempel von Athen in Kirchen.

 

Für die Nordküste der Ägäis ist zunächst der Verlauf der Via Egnatia (von den Adria-Häfen Dyrrhachium und Apollonia nach By­zanz) dann ihrer Seitenlinien nach Belgrad und zur unteren Donau (über Philippopolis), endlich die Verbindung Serdica (Sofia) - Konstantinopel wichtig; das Schwergewicht verschiebt sich seit dem 4. Jahrhundert immer mehr nach Osten, besonders nach Heraclea-Perinthos; doch bleiben die Knotenpunkte Saloniki, Philippi (ab 42 v. Chr. römische colonia, früh mit Bischofsverfassung), Hadrianopolis stets wichtig, weiter nach Norden Stobi am Wege nach Scupi (Skoplje) nahe der lateinisch-griechischen Sprachgrenze. Diese ist seit Trajan die Südgrenze Südosteuropas. Zu diesem gehören also nicht die Provinzen Makedonia, das um 27 verselbstän­digte Achaia (beide 14-44 kaiserliche Provinzen), ferner Epirus (bei Neros Freiheitserklärung für Achaia 67 abgetrennt, später an der Linie der Via Egnatia geteilt in Epirus vetus im Süden mit Nicopolis, Epirus nova im Norden mit Dyrrhachium) und Thracia. Dies wird erst unter Claudius aus einem Klientel-Königtum (seit 22 v. Chr. der Dynastie des Kotys und Rhoimetalkes) zur Provinz. Es nimmt nur den Süden Bulgariens zum Balkan ein und spricht griechisch unter dem Einfluß der Griechenstädte der Adria- und Schwarzmeerküste. Nur Apri und Deultum, dies früh mit einem Christenbistum, sind römische Veteranenkolonien. Thracia steht stets unter dem Einfluß des stammverwandten Bithynien, auch in der Christianisierung, bewahrt aber Erinnerungen an das alte Reiterkrie­gertum des Tafellandes (lange Verehrung des sog. Thrakischen Reiters als Totengott). Seit der Gründung Konstantinopels liegt es ganz in dessen Schatten (doch kirchliche Sonderrechte von Heraclea); der Ostteil wird in Haemimontus und Europe aufgegliedert; der Süden als Rhodope mit Traianopolis selbständig. Nach Sieg bei Marcianopolis 377 dringen die Westgoten 378 durch Thracia bis vor Konstantinopel vor und bewirken Bauernaufstände bei Hadrianopolis (Edirne). Um 509 beginnen die Einfälle der Bulgaren. 517 Sieg Kaiser Justins I. über die Anten.

 

 

Serbien, Albanien, Griechenland erlebt als Teil des Byzantinischen Reichs 539, 577, 585 Slaweneinfälle als rasche Raubzüge, 591, 609, 678-680, 688 Belagerungen von Saloniki. Im Gebirge südwärts wandernd, siedeln sich Slawen (sprachlich zu den Macedo-Sla­wen gehörend) in den Gebirgstälern, dann auch am Rand der großen Ebenen an (Unterwanderung an Ortsnamen ablesbar). Um 750 ist die Halbinsel Peloponnes "ganz slawisch". Doch halten sich die großen Stadtfestungen und abgelegene Küstengebiete (Tzakonia, Maina). Von ihnen geht dann die Christianisierung und Gräzisierung der Slawen aus. Die verwaltungsmäßige Verbindung mit Kon­stantinopel wird durch die Einrichtung von Themata 687/695 nur für Mittelgriechenland, 783 für Peloponnes wiederhergestellt.

 

Im Jahre 799 kommt es zum Slawen-Aufstand in Ost-Thessalien. 805 Erhebung gegen Patras niedergeschlagen. Saloniki und Duraz­zo sowie Kephallonia werden wohl unter Nikephoros I. (802-811) als Themata Ausgangspunkte byzantinischer Unternehmungen ge­gen Bulgarien für die Adria. Die alte Streitfrage der Ersetzung des alten Hellenentums durch die Slawen ist nur für die weniger fruchtbaren Gebiete positiv zu beantworten; kulturell hat sich das Griechentum immer behauptet, völkisch nur in den Städten - soweit es dort nicht später Opfer des 4. Kreuzzugs, der Katalanen, schließlich der Türken, wurde. Alt-Serbien wird früh christianisiert. Die Inseln haben kaum Slawen aufgenommen. Griechenlands Küsten sind arabischen Seeräubern preisgegeben. Kreta ist 827-962 in der Hand der Araber. 904 Saloniki von ihnen geplündert. Die Inseln vor der Küste Kleinasiens stellen einen Teil der byzantinischen Flot­te (Thema Aigaion Pelagos seit 710/782); nur 654 sind Rhodos und Kos kurz von den Arabern besetzt.

 

Albanien und Griechenland erleben im Hochmittelalter als wiedergesicherter Besitz des Byzantinischen Reichs die Gewinnung der Slawen für Christentum und byzantinische Kultur, ja dank dieser Verbindung auch für die griechische Sprache. Das Griechentum wird dadurch wieder wie im Altertum ein Kulturbegriff gegenüber der völkischen Problematik der Ablösung des Restes der antiken Landbevölkerung durch die slawische Unterwanderung. Nur im Gebirge halten sich Slavenstämme noch geschlossen. Neuaufbau der kirchlichen Hierarchie, Missionstätigkeit, bezeugt für S. Nikon Metanoeite in Sparta (Reste der Klosterkirche des 10. Jahrhunderts) und Hosios Lukas in Mittelgriechenland erfolgen in der Notzeit der Sarazenengefahr. In den Gebirgsgebieten vollzieht sich die Ein­wanderung der eine romanische Sprache sprechenden Vlachen (Wallachen oder Aromunen, Spottname Kutzovlachen, die Hinkenden ?) zunächst als Hirtenbevölkerung; das Vorland des Pindos-Gebirges im Westen und Osten wird im 11. Jahrhundert Groß-Vlachien. Gleichzeitig geht vom gleichen, weiter nördlich (bei Nisch) gelegenen Ausgangspunkt die Besiedelung Rumäniens durch dasselbe Volks (das in seinen alten Sitzen sprachlich slawische Elemente aufgenommen hat) vor sich bis zur Wallachei, dem dortigen Vlachien.

 

In Albanien erscheinen um 1100 zum erstenmal die Albaner, ebenfalls ein Restvolk (im Mati-Gau erhalten, erste Erwähnung 1042, Hauptort dann Kroja), das aber sogar seine vorromanische thrakisch-illyrische Sprache sich erhalten hat. Wie vorher gegen die Sla­wen haben die Stadtfestungen und Machthaber nun die größeren Ebenen gegen die vlachische bzw. albanische Unterwanderung zu verteidigen. Die kaiserlichen Statthalter haben vor allem die Aufgabe des Küstenschutzes in den Themata Hellas (Hauptstadt Theben), Peloponnes (ab 805, Hauptstadt Korinth mit der starken Festung Akrokorinth), seit der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts vereinigt; desgleichen das Dukat Thessaloniki (ebenso damals aus mehreren Themata gebildet), die Themata Kephallenia (seit 880) und Nikopolis (mit Korfu und Ithaka, Hauptstadt Naupaktos), das Dukat Dyrrhachion (Durazzo, in seinem Hinterland in Makedonien seit 1020 Thema Bulgaria mit Hauptstadt Ochrida als Erbe des zweiten Bulgaren-Reichs; die Grenzen des Erzbistums Ohrid 1020 be­wahren mit dem Ausgreifen nach Epiros die Ausdehnung dieses Reiches in der Erinnerung). Die Einfälle der Bulgaren 918, nach 924, 978 und vor allem 996 bis zum Sieg bei den Thermopylen, dann der Normannen auf den Ionischen Inseln, in Epiros und bis Larisa in Thessalien (Bohemund 1082, Robert Guiscard 1085, geschildert in der Alexias der Anna Komnena), schließlich nach Theben und Korinth (Roger II., 1147) bringen starke Verwüstungen und wirtschaftliche Schäden (für die Seidenweberei mit jüdischen Handwer­kern), denen nur große Grundherren begegnen können. So kommt gegen 1200 ein byzantinisches Magnatentum auf (Sguros in Argos, Melissenos in Magnesia). Dasselbe gilt von Kreta, das 961 wiedergewonnen, um 1100 von Konstantinopel aus neu besie­delt und mit Burgen ausgestattet wird. Philippi kommt nach der bulgarischen Besetzung 836 nicht wieder hoch. Kämpfe um Durazzo 1018, 1040. 1018 Basileios II. besucht die Parthenonkirche in Athen. Seine Zeit leitet eine Blüte des Kirchenbaues ein, vor allem in Athen, kleine Kirchen auch in der Peloponnes (Eigenkirchen). Stiftungen des Kaisers oder der Statthalter (wie schon 872 Skripu) sind wohl die mosaikschmückten Klosterkirchen von Hosios Loukas in Phokis (um 1060) und Daphni bei Athen (1080). Die Ent­wicklung der Athosklöster (Anachoreten-Niederlassungen seit um 850) beginnt mit dem Typikon von 971/2 und der Anlage von Lau­ra unter Nikephoros Phokas (Kreuzkuppelkirche nach 1000; 1015 300 Mönche), im zweiten Typikon (1046) erscheint zuerst die Be­zeichnung "Der heilige Berg".

 

Die Begründung des Lateinischen Kaisertums bezeichnet für Griechenland den Beginn einer selbständigen Entwicklung unter der sog. Frankenherrschaft. Die byzantinische Tradition hält auf dem Balkan nur noch das Despotat von Epiros nach 1204 aufrecht. Von einer Seitenlinie des Kaiserhauses unter Michael Angelos mit der Hauptstadt Arta gegründet, schaltet es unter Theodor I. (1215-1230) schon 1224 das Kreuzfahrerreich Thessaloniki aus und treibt seither vor allem eine makedonisch - thessalische Politik (1236 Tren­nung von Epiros und Thessalien). So können sich im Südosten und Süden dieser Staatsbildung die Staaten der Kreuzfahrer entwi­ckeln: in Mittelgriechenland die Markgrafschaften Budonitsa (Mendenitsa), Salona (einst Amphissa), die Herrschaft Athen (Haupt­stadt Theben), das Fürstentum Achaia oder Morea, durch Wilhelm von Champlitte von Norden, Gottfried von Villehardouin von Süd­westen her gegründet und daher lockerer mit dem Königreich Thessaloniki verbunden als die Besitzungen des Otto de la Roche in Athen und die Lehen dreier lombardischer Adliger (daher Tertieri genannt, Dreiherren) aus Verona auf der Euboia. Während Rhodos byzantinisch bleibt, kommen die Ägäis-Inseln als Herzogtum Archipelago (von Aigaion Pelagos, der byzantinischen Verwaltungsbe­zeichnung, Hauptort Naxos) an den Venezianer Marco I. Sanuda (1207-1227), den Neffen des Dogen Dandolo. Venedig selbst sichert sich außer Kreta als Stützpunkt der Fahrt dorthin die Südwestspitze der Peloponnes (Medoni, Coroni) und Kythera (Lehen der Venie­ri), gibt dagegen Korfu 1214 an Epiros preis. Kephallenia, Ithaka und Zante stehen seit 1194 unter den italienischen Pfalzgrafen aus dem Haus Orsini (bis 1323). Vom wichtigen Hafen Negropont (Chalkis) aus gewinnt Venedig auf Euboia Einfluß (ab 1209). Kreta wird gegen den Widerstand des einheimischen Adels (Aufstände unter Führung der Kalerghi) zur Ansiedlung venezianischer Militär­kolonisten verwandt, Anfang 14. Jahrhundert durch Festungsbauten geschützt. Die Insel heißt fortan nach dem Sitz des Duca Candia. Zwischen 1214 und 1259 entfaltet sich nach französischem Vorbild fränkisches Lehenswesen in den Hauptstädten Theben, Naxos, Andravida (Parlament der 12 Barone von Morea nach Assises de Romanie) kommt es bald zu Fehden. Ein Bündnis mit Michael II. von Epiros gegen den Kaiser Michael VIII. von Nikaia führt zum Untergang der fränkischen Ritterschaft in der Schlacht von Pelago­nia (1259).

 

Während Epiros sich rasch erholt, freilich staufische Hilfe unter Manfred von Staufen (Sohn Kaiser Friedrich II. von Staufen und un­ter Kaiser Konrad IV. [Konradin] Statthalter in Italien) mit Verzicht auf Korfu und das albanische Küstenland um Durazzo erkaufen muß (schon 1254 als Königreich Albanien besetzt), herrschen im fränkischen Gebiet nun nur die Frauen. Der gefangene Wilhelm von Achaia (1246-1278) muß auf seine wichtigsten Festungen in der Peloponnes verzichten, um freizukommen. So entsteht als Kern neu­er byzantinischer Machtbildung auf der Peloponnes die Herrschaft Mistra (mit Monemvasia). Seit dem Vertrag von Nymphaion 1261 wird auch Genua eine Levantemacht in der Ägäis. Das wiedererstandene Kaiserreich Byzanz spielt alle Staaten gegeneinander aus. 1262 - 1278 Aufstieg byzantinischen Macht in Griechenland. Der Übergang des staufischen Besitzes in Korfu und Albanien an Karl von Anjou (1267) leitet die Einmischung der Anjou in Griechenland ein; als Franzose wird er Lehensherr des Fürsten von Achaia; nach dem Aussterben der Villehardouins 1278 übernimmt Karl selbst die Regierung in Achaia-Morea, beansprucht auch die Lehens­hoheit über Athen und Kephallenia (häufiger Wechsel der Vertreter des Königs). Auch Epiros sucht seit 1279 unter Nikephoros I. (1271-1296) bei den Anjou Halt gegen Byzanz, erst recht beim Angriff des (aus Thessalien) entstandenen Herzogtums Neopatras (einst Hypata) 1295 auf Epiros. Seit 1301 ist Achaia Sekundogenitur der Anjou (Philipps von Tarent, Johanns von Gravina, dann Ro­berts von Tarent). Die Macht in Griechenland aber liegt in den Händen der Herzöge von Athen (Guido II. 1287-1309); gegen die An­jou wehrt sich nur das von allen Seiten umzingelte Despotat Epiros unter Thomas I. (1296-1318) (Fresken der Kirchen in und bei Arta um 1280).

 

Die Inseln vor Kleinasiens Westküste kommen erst nach 1300 in abendländischen Besitz: 1304 besetzt Benedetto Zaccaria, schon seit 1275 der Alaungruben von Alt-Foglia (Phokaia), die bereits 1261 Genua zugesprochene Insel Chios. Auf Rhodos und den Nachbarin­seln (sog. Dodekanes) richtet der Johanniterorden seine Herrschaft auf (befestigtes Ritterviertel in der Stadt Rhodos).

 

Seit 1306 Niedergang der Frankenherrschaften auf dem Festland; 1311 Einfall der katalanischen Söldnerkompanie unter selbstge­wählten Führern. Nach Sieg bei Kephissos in Boiotien 1311 Besetzung von Südthessalien und Mittelgriechenland (Neopatras, Athen). Der abendländischen Restaurationspolitik Karls von Valois und Philipps von Tarent im Geiste Karls von Anjou ist damit der Boden entzogen. Gleichzeitig Vordringen der Serben durch Albanien nach dem Despotat (Besetzung von Durazzo 1319-1322). Der Angriff der Byzantiner auf das Despotat Epiros 1333-1337 ist erfolgreich, beseitigt aber zugleich ein Bollwerk gegen die Serben. Makedonien, Thessalien, seit 1349 auch Epiros werden serbisch und auch gegen die Einfalle des letzten Despoten Nikephoros II. (1356-1359) gehalten. Mit Schwergewichtsverlagerung nach Joannina im Norden ersteht das Despotat als serbische Sekundogenitur neu unter Thomas II. (1366-1384).

 

Die Gründung des Katalanenstaates (mit zahlreichen Burgwarten, Hauptstadt Lebadeia mit großer Festung) zieht Griechenland in den Gegensatz von Anjou und Aragon hinein; die Katalanen unterstellen sich Friedrich III. von Sizilien. Andererseits zwingt die Nähe des Katalanenstaates Venedig zur Verstärkung seiner Stellung auf Euboia. Mit Hilfe der Griechen von Mistra schlägt Ludwig von Bur­gund als Fürst von Achaia 1316 den katalanischen Angriff auf sein Land (unter Ferdinand von Aragon zurück. Die Byzantiner sind die eigentlichen Gewinner; nachdem schon um 1300 die fränkischen Herrensitze größtenteils gräzisiert worden waren, ist nun auch außenpolitisch das Byzantinertum von Mistra als Despotat entscheidend, erst recht seitdem dies seit 1348 Sekundogenitur des Kaiser­hauses der Kantakuzenen wird. Kephallenia löst unter Leonardo Tocco (1357 bis um 1375) die Verbindung mit Achaia (1324 - 1357) . Auf den Inseln der Ägais und in der Argolis bilden sich kleine Herrschaften. Die Insel Lesbos kommt von Byzanz 1355 an die genuesische Familie Gattilusi (Ikaria 1362 an die der Arangio). Von Chios, Samos, den Alaungruben von Alt- und Neu-Foglia nimmt 1346 eine genuesische Handelskompanie (Maona) Besitz; als Inhaberin der Mastix-Pacht (seit 1357) erwirbt sie die Gesellschaft (nicht Familie) Giustiniani 1526.

 

Krise der Frankenherrschaft: 1373-1381 Venezianisch - genuesischer Krieg in der Ägäis, 1380 Aufstand des kretischen Adels gegen Venedig im Zeichen der Gräzisierung der Kolonisten. Usurpation des Herzogtums Naxos durch Francesco Crispo von Melos 1383. Übernahme der Insel Korfu durch Venedig 1386. 1380 Einfall der Navarresischen Söldnerkompanie in Mittelgriechenland; die Kata­lanen werden 1388 auf Attika beschränkt. Im Kampf gegen sie bemächtigt sich der Florentiner Nerio Acciajuoli, seit 1385 Herr von Korinth, der Stadt und Burg Athen. Sein Verwandter Esau macht sich nach Ermordung des Thomas II. (Despot von Epiros, 1366-1384) zum Herrn von Epiros (Despotes seit 1387) und drängt die Albaner zurück, denen Thomas die westlichen und südlichen Teile von Epiros zur Landnahme (in ersteren bis 1912) hatte preisgeben müssen. Die weiterwandernden Albaner werden zur Wiederbevöl­kerung der verödeten Argolis und Attikas sowie Süd-Euboias verwendet (dort sprachlich z. T. noch heute erhalten). Begünstigung der Griechen durch die Florentiner, Entstehen einer griechisch - italienischen Mischkultur in Attika - Korinth wie gleichzeitig auf Kreta. Ausweitung des byzantinischen Besitzes auf der Peloponnes unter den Palaiologen-Despoten von Mistra seit 1383. Einmischung Ve­nedigs auf dem Festland: Erwerb von Argos und Nauplia durch Kauf 1388, Übernahme Athens aus Nerios Testament 1395, aber 1405 Einsetzung seines Sohnes Antonio. 1390 Tenedos und Mykonos, 1401 Parga an der epirotischen Küste, 1407 Lepanto (Naupaktos) venezianisch. Gegen neue albanische Besitznahme von Epiros wenden sich die Pfalzgrafen von Kephallenia: Carlo I. Tocco (1413-1429) erobert Epiros, 1417 Navarino. Seit 1390 ist ganz Euboia venezianisch unter einem Bailo.

 

In Albanien schließen sich an das Königtum der Anjou Staatsbildungen der Stammesfürsten um Kroja und im Norden an (Geschlecht der Balsa in Scutari 1366-1421, stets im Kampf mit Serben und Bulgaren). Doch sind ihre Gegensätze zu stark, um einen wirklichen Staat zu schaffen. An der Küste wirkt der Einfluß der Anjou, dann der Byzantiner und der dalmatinischen Küstenstädte (vor allem Ragusas). Im 14. Jahrhundert beginnt die Volkswanderung der Albaner nach Nordosten und Süden.

 

Einfall der Türken 1393 unter Evrenosbeg in Griechenland, seither Thessalien osmanisch. 1397 Athen besetzt, Argos erstürmt. Baje­zids Niederlage bei Ankara (1402) rettet auch Griechenland. So wird Thessaloniki 1403 wieder frei und unterstellt sich 1423 Vene­dig, wird jedoch 1430 von den Türken genommen. Kaiser Manuel II. stellt 1415 die Isthmossperrfestung (Hexamilion) wieder her. Kulturelle Blüte des Despotats von Mistra (der Humanist Gemistos Plethon, Vollendung des Despotenpalastes von Mistra). 1414 Er­oberung der Markgrafschaft Budonitsa durch die Türken. In Familienstreitigkeiten verlieren die Tocchi 1480 Joannina an die Türken; mit Carlo II. (1429-1448) endet die Selbständigkeit von Epiros. In der Peloponnes beenden nicht die Türken, sondern die Palaiologen von Mistra die Herrschaft der Franken, d. h. seit 1382 der Navarresischen "Statthalter" der Könige von Neapel. Nach dem Türkenein­fall unter Turakhan 1423 bemächtigen sich die drei Palaiologenbrüder der ganzen Halbinsel und behaupten sie gegen albanische Er­hebungen mit türkischer Hilfe. Mit dem Feldzug Mohammeds II. nach Griechenland (1458) endet die Selbständigkeit christlicher Staaten auf dem griechischen Festland mit Ausnahme der venezianischen Küstenplätze: Argos wird 1463, Negropont und Pteleon 1470, Lepanto 1499, Medoni, Coron 1500, Nauplia und das 1464 erworbene Monemvasia 1540 türkisch. Mit der Niederwerfung der Erhebung des Skanderbeg (Georg Kastriotis, 1443-1448) endet die Freiheit Albaniens. Skanderbegs Anhänger werden von Alfons von Neapel in Sizilien und Unteritalien angesiedelt. Antivari bleibt bis 1571 der Hort der katholischen Nordalbaner (weiterhin in der Mirdita). Mehr als die Hälfte der Albaner nimmt unter türkischer Herrschaft (bis 1913) den mohammedanischen Glauben an.

 

Die Johanniter halten Rhodos auch trotz Belagerung 1480 (gewinnen 1481 Ikaria dazu) und räumen nach erneuter Einschließung 1522 die Insel erst am 1.1.1528. Die Genuesen behaupten Lesbos bis 1462, Samos bis 1475, Chios bis 1558 bzw. 1566.

 

Die Inselbesitzungen der Venezianer werden noch länger gegen die Türken gehalten: Mykonos und die Nordsporaden bis 1537/8, An­dros bis 1514, Paros 1518-1520, 1531-1536. Das Herzogtum Naxos wird 1494-1500 und 1511-1517 von Venedig kontrolliert und hält sich noch bis 1579. Kephallenia und Zante sind seit 1482 venezianisch und bleiben es wie und Kythera bis 1797, Tenos bis 1715, ebenso lang die kleinen Inseln der Nordküste von Kreta. Kreta wird durch neue Festungsbauten (Candia 1538, Rethymnon 1573) ver­stärkt und gewinnt mit der Entfaltung venezianisch - griechischen Mischkultur (auch Interesse für die Reste der Antike) Bedeutung für die Übermittlung byzantinischer Kunsttradition nach dem Westen (El Greco aus Fodele bei Candia); Aufnahme europäischen Ba­rocks in Baukunst und Literatur (Klöster, Epos Erotokritos). Erst 1645 fällt die Insel, 1669 erst ihre Hauptstadt Candia in türkische Hand.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

III. Die Geschichte des Christentums:

 

Die Entwicklung bis zur Regierungszeit Konstantins:

 

 

Die geschichtliche Entwicklung des Christentums bis zur ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts ist im wesentlichen die Entwicklung bestimmt durch Kaiser Konstantin d.G. und die Entwicklung des Christentums zur Staatskirche.

 

Die Geschichte des frühen Christentums war durch eine Reihe von Verfolgungen gekennzeichnet, die ihren Grund ieL in der innen­politischen Krisenlage des römischen Imperiums hatten. Im 3. Jh erlitt das Reich den Ansturm der Randvölker (Perser, Araber, Nubi­er, Mauren, Picten, Germanen, Sarmaten) auf die Randprovinzen. Diesen fehlte mit dem Wegfall des sog. Clientelgürtels (bei Un­möglichkeit Hilfsgelder von Rom zu erhalten) und mit der Ortsbindung der (in sog. vexillationes) aufgeteilten Truppenkörper und ih­rer Rekrutierung aus Lagerkindern seit Severus bei Fehlen einer beweglichen Feldarmee der wirkliche Schutz. Dadurch kam es zu stetiger Zunahme von Truppen in den Randgebieten als Antwort auf die von außen geführten Angriffe. Gleichzeitig kommt es infolge der Bürgerkriege der Soldatenkaiser zu wachsender Unsicherheit im Kerngebiet des Reichs.

 

Die Reichskrise wurde als göttliche Strafe wegen Abfalls von Altrom und seinen Göttern aufgefaßt. Kaiser Decius suchte die Reichs­einheit auf dem Glauben an die Segenskraft der altrömischen Götter neu zu gründen. Während zuvor die Christenverfolgungen des 3. Jh Einzelerscheinungen bleiben, änderte sich die Lage mit dem Regierungsantritt des Decius (249-251) entscheidend. Dieser versucht die Reichseinheit auf dem Glauben an die Segenskraft der altrömischen Götter neu zu begründen.

 

 

 

1. Reichsreligion als Klammer des römischen Reichs und die Geschichte der Christenverfolgung bis 249:

 

Eine Reichsreligion als Klammer des Reiches hatte bereits Augustus angestrebt. Der sich hieraus entwickelnde Kaiserkult blieb je­doch aufgrund seiner hellenistischen Wurzeln (im hellenistischen Herrscherkult) auf den griechischen Osten beschränkt. Seit Tiberius wurde im Westen und Rom nur der Divus Augustus verehrt, erst seit den Flaviern alle Kaiser, damit aber auch der lebende Kaiser (vgl. Plötz, Auszug aus der Geschichte, S. 268). Entsprechend ihrer Orientierung zur hellenistischen Welt hin, betonten die Flavier die Nähe ihrer Dynastie zu göttlichen Mächten.

 

Nach Vorstufen unter Calligula und Nero folgert Domitian aus der Konsekration seiner Vorgänger seine Erhabenheit; in Ephesus ent­steht der 1. Tempel für den lebenden Herrscher. Die Vorstellung des Optimus Princeps und die Bedeutung des Ostens für die Kaiseri­dee nach 96 wandelt die Konzeption wieder ab. Hadrian stellt Roma wieder neben die Divi. Aber erst mit Aurelian (270-275), wird der lebende Herrscher zum Gott (nicht nur Divus). Die Reichsreform Diocletians (284-305) läßt auch in den neuen, kleineren Provin­zen Kaiserkulte einrichten. Noch Konstantin d.G. duldet in einem Provinzteil Italiens die Errichtung eines Tempels für seine Dynas­tie, die "gens Flavia". Erst nach 454 ist das Amt und die Klasse der Kaiserpriester erloschen.

 

Die historische Bedeutung des Kaiserkults liegt in dem Zusammenstoß des Christentums mit der Forderung eines, wenn auch nur symbolischen Opfers am Kaiseraltar. Mit dieser Entwicklung geht die Verfolgungssituation des Christentums konform.

 

Das Zeitalter des späten Hellenismus im Osten, der Bürgerkriege im Westen hatte die Geltung der nationalen Religionen im römi­schen Reich erschüttert. Zudem war das römische Reich religiös sehr duldsam, was sich in der Vielzahl der vorhandenen Kulte äu­ßert. Zwischen 64 bis kurz nach 200 kam es deshalb lediglich zu sporadischen Christenverfolgungen in einzelnen Gebieten und durch einzelne Machthaber. 112/3 fanden Christenprozesse in Bithynien statt. Der kaiserliche Statthalter Plinius d.Ä. erhält den Bescheid Kaiser Trajans (98-117): Verweigerung der Teilnahme am römischen Kult ist nur bei Anzeige strafbar. Die Christenverfolgungen des 2. Jh betreffen Einzelfälle und finden in einer Zeit des Auftretens ekstatischer Propheten (bis 140), dann christlicher Sekten unter dem Einfluß der Gnosis statt. Sie sind meist provoziert. Nach 200 folgte dann eine fast 50jährige Friedensperiode, die lediglich in Rom unter Maximus Thrax 235 kurz unterbrochen wurde (Schmidt, aaO, S. 89). Aber dem Frieden folgte der Kampf auf Leben und Tod zwischen der Kirche und dem Staat.

 

 

 

2. Von Decius bis Valerianus - Die Zeit von 249-260:

 

Indem Decius die alte Forderung nach der Reichseinheit durch Verehrung der alten Götter in einer blutigen Polizeiaktion durchsetzte, kam es zur decianischen Christenverfolgung 250, welche erstmals das ganze Reich umspannte mit dem Ziel der Wiedergewinnung der Christen für den Staatskult und damit der Vernichtung der als gefährlich eingestuften Religion von innen heraus ( Lietzmann, a.a.O., Bd.II, S. 165). Die Verfolgung endete jedoch schon 251 mit dem Tod des Kaisers in der verlorenen Schlacht bei Abrittus ge­gen die Goten. Valerian hat sie 258/258 erneuert.

 

Nach dem Tode des Decius endete als Folge der nun ausbrechenden Prätendentenkämpfe der Kaiserfriede. Teile des Heeres riefen 251 Treborianus Gallus, 253 den Mauren Aemilianus, 253 den Italiker Licinus Valerianus und dessen Sohn Gallienus als Kaiser aus. Zum Zusammenbruch im Innern kamen Angriffe der Völkerwanderung. Dem Reich fehlte der Grenzschutz. Gegen Piraterie und Räuberbanden wurden von den Grundherren Privatmilizen aufgestellt. Das gesamte Leben des Reiches militarisierte sich. Valerianus und Gallienus versuchten durch eine Heeresreform (Aufstellung einer übervölkischen Feldarmee hinter den Grenztruppen ‘limitanei’ aus der erweiterten Garde ‘palatini’ und selbständigen ‘vexillationes’ bewährter Legionen, sowie Aufstellung berittener Formationen) die Lage zu bessern und teilten sich regional die Grenzverteidigung.

 

Valerianus (253 - 260) war den Christen zunächst wohlgesonnen, duldete sie auch am Hof, bis ihn die Notlage des Reiches und die Forderungen seiner Umgebung, insbesondere seines besten Generals Macrianus zum Nachgeben veranlaßte. Es kam zum Erlaß des 1. Edikts gegen die Christen 257, welches jedoch lediglich die Teilnahme an den römischen Staatszeremonien forderte. Zusammenkünf­te der Gemeinden, das Betreten der Katakomben in Rom wurde untersagt. Als sich die Christen hieran nicht hielten, kam es einer Verschärfung. In dieser Christenverfolgung aufgrund des 2. Edikts konnten Kleriker ohne weiteres hingerichtet werden; von den Lai­en wurden, auch wenn sie standhaft blieben, nur Angehörige der höheren Stände hingerichtet (Martyrium des Cyprian von Karthago, geb. 200, Christ 246, Bischof ab 248/9). Der 70jährige Valerian wurde 260 durch den Perserkönig Sapores (Schahpur I) gefangenge­nommen und starb in der Gefangenschaft. Sein Nachfolger Gallienus, dessen Frau Salonina Christin war, erließ daraufhin 260 das Toleranzedikt.

 

 

 

 

3. Die Entwicklung vom Toleranzedikt des Gallienus zur konstantinischen Zeit ( 260 - 312):

 

 

3.1. Von Gallienus bis zur Wahl Diocletians (260- 284):

 

Der Zusammenbruch dieser Verfolgungen geht sicher zum Teil auf politische Schwierigkeiten allgemeiner Art zurück. Aber entschei­dend war ein Stimmungsumschwung in der Bevölkerung. Dort war es zu einem Meinungsumschwung zugunsten der Christen ge­kommen, nachdem bis zu Beginn des 3. JH die Christen ausgeliefert worden waren. Man verbarg die Christen teilweise vor den Hä­schern. Dieser mangelnde Rückhalt im Volk entschied über den Ausgang der Verfolgungen (vgl. Schmidt, aaO., S. 90).

 

In der sich anschließenden erneuten 40jährigen Friedensperiode kam es zu weiterer Ausbreitung des Christentum. Erst unter Diocleti­an machte der römische Staat einen 2. Versuch zur Ausrottung des Christentums. Gallienus (260-268) betrieb eine Politik der Siche­rung der Reichsgrenzen sowie der Restauration im Innern. In der Kunst kommt es zur sog. gallienische Renaissance (z.B. Philoso­phen- und Musensarkophage, Tempel der Minerva Medica 266). Einhergeht eine Renaissance der Philosophie (Neuphytagoreismus, Neuplatonismus des Plotin).

 

Entscheidend ist die Bildung von selbständigen Grenzreichen (als Pufferstaaten), deren Herrscher von Rom aus als Gegenkaiser be­trachtet werden. Nach der Ermordung des Gallienus 268 besetzen die Palmyrer 269 Ägypten mit dem Ziel eines selbständigen Ostrei­ches.

 

Auf Gallienus folgen die illyrischen Kaiser 268-325. Claudius II. Goticus (268-270) beginnt mit der Rückgewinnung der Grenzrei­che, schlägt die Alemannen am Gardasee, die Goten bei Nisch. Er stirbt 270 an der Pest. Ihm folgt L. Domitius Aurelianus (270-275). Unter Verzicht auf Dacia gewinnt er nach dem Sieg bei Placentia 270 über die Alemannen Italien, befestigt Rom (Aurelianische Mau­er), und erobert Palmyra, Ägypten und Gallien (Sieg bei Chalons 274). Er gibt dem Reich eine neue Einheit in der Sol invictus (Mi­thras). Es kommt zur Erhöhung des Principats zum Dominat (dem Kaiser als ‘Dominus et Deus’ gebührt Anbetung). Nach seiner Er­mordung 275 bei Byzanz wird Tacitus (275/276) Kaiser. Er besiegt die Alanen und Goten in Kleinasien. Ihm folgt Probus (276/278), der die Franken aus Gallien über den Neckar zurückwirft, und die Rhein- und Donaulinie durch Neubefestigungen sichert. Sein Nachfolger Carus 282/283 bekämpft erfolgreich die Sarmaten an der unteren Donau und besiegt die Neuperser. Nach der Ermordung des Carus 283 und seines Sohnes Numerianus 284 wählt das heimkehrende Heer in Nikomedia den Illyrer C. Aurelius Valerius Dio­cletianus zum Kaiser.

 

 

 

3.2 Die Regierungszeit Diocletians (284 - 305):

 

Diocletian (Kaiser von 284-305, gest. 316 in Spalato) war unter den Soldatenkaisern der erste Innenpolitiker und wurde so Schöpfer der neuen Reichsverfassung mit absoluter Monarchie nach dem Muster der altorientalischen Despotie als Klammer des Reichs. 285 kam es zur Mitregentschaft des Maximianus. 293 kam es zur Begründung der Tetrarchie - nicht Teilung: Aufgliederung des Reiches in vier Teilgebiete. Maximian erhält Italien und Afrika, der Caesar Konstantius Spanien, Gallien, Britannien (Residenzen Trier und York). Diocletian erhält den Osten (Residenz Nicomedia). Caesar wird sein Schwiegersohn Galerius, der das Illyricum mit Makedo­nien und Griechenland (Thessaloniki) erhielt. Diese Ordnung hat wohl militärische und verwaltungstechnische Gründe der Straffung, ist auch religiös-astrologisch begründet und beeinträchtigt nicht Diocletians Überordnung aufgrund göttlicher Gnade und Zugehörig­keit zum höchsten Gott Jovis. Deshalb stellt die Tetrarchie keine Reichsteilung, sondern ieL. eine verwaltungsmäßige Aufteilung des Reiches dar.

Westen Osten

 

Kaiser Maximianus Kaiser Diocletian

 

Caesar Konstantius Caesar Galerius (Schwiegersohn des

Kaisers)

 

 

Seit Gallienus hatte sich aufgrund des nahezu 40jährigen Friedens das Christentum weiter ausgebreitet. Die Lage des Christentums wurde allgemein als günstig beurteilt. Schon Gallienus hatte die Besitzrechte der offiziell noch verbotenen Kirche anerkannt. Chris­ten befanden sich in großer Zahl am Hof, die Bischöfe erfreuten sich achtungsvoller Behandlung seitens der Provinzstatthalter, Chris­ten wurden bis in höchsten Verwaltungspositionen berufen. Die Kaiserin Prisca, Diocletians Gattin und seine Tochter Valeria wurden für das Christentum gewonnen. Es kam zu zahlreichen Kirchenneubauten.

 

Die erneute Christenverfolgung kam offensichtlich überraschend. Die Gründe hierfür scheinen unklar (vgl. Lietzmann, aaO., S. 45 f). Teilweise wird die Ansicht vertreten, der Kaiser hätte sich energisch der Rettung des Reiches vor dem Zerfall gewidmet (vgl. Schmidt aaO., S. 90 f), das sich wohl auch aufgrund der kurzen Regierungszeit seiner Vorgänger in schlechtem Zustand befunden ha­ben muß. Er stützte sich hierbei auf die bäuerlichen Kreise Nordafrikas und der nördlichen Balkanhalbinsel, aus denen er selbst stammte. In diesen Kreisen aber hatte die einzige Religion, die dem Christentum ernsthafte Konkurrenz machte - der Mithraskult - seine Hauptanhänger gefunden. Daneben war der Kult stark im Heer verbreitet. Wollte sich Diocletian auf diese beiden Gruppen stüt­zen, so sah er sich gezwungen, den Kampf gegen das Christentum aufzunehmen. Diese Ansicht erscheint deshalb zweifelhaft, weil es zur Verfolgung erst nach fast 20jähriger Regierungszeit des Kaisers kam.

 

Laktanz berichtet demgegenüber als Zeitzeuge (vgl. Schneider, aaO., S. 46 f), daß Diocletian auf einer Reise im Orient bei einem sei­ner gewohnten Opferorakel ohne ‘göttliche’ Antwort geblieben sei, weil das der Handlung beiwohnende christliche Personal sich zum Schutz gegen die vom Kaiser angerufenen Dämonen bekreuzigt habe. Darauf habe Diocletian die am Hof weilenden Christen zum Opfer gezwungen unter Androhung der Auspeitschung, und erließ Befehl, das Heer von Christen zu säubern. Hierbei wurde er vor allem vom Caesar Galerius bedrängt, seinem Schwiegersohn, der die Christen (seine Mutter war Kybele-Anhängerin) leiden­schaftlich gehaßt haben soll.

 

Entscheidend ist wohl, daß die Verbreitung der altrömischen Götter seit Mitte der 90er Jahre zum Staatsprogramm Diocletians gehör­te, und bereits seit 295 mehrere Edikte zum Schutz der alten Götter erlassen und durchgesetzt wurden (Idee der Reichsreligion als Klammer des Reiches).

 

Unter Berufung auf das Altrömertum erließ Diocletian am 23.2.303 ein Christenverfolgungsedikt für das Gesamtreich, welches aller­dings von Constantius Chlorus und Maxentius (Sohn des Kaisers Maximianus) kaum befolgt wurde. Die Bekämpfung war u.a. vom Schwiegersohn Diocletians, Galerius, angeregt worden. Die Kaiserin Prisca und Tochter Valeria wurden zum Opfer gezwungen, der Bischof Anthimus von Nicomedia enthauptet, zahlreiche Kleriker und Laien umgebracht. Nachdem es gleichzeitig in Antiochia und im kappadokischen Melitene zu kleinen Putschen gekommen war, witterte Diocletian eine große christliche Verschwörung. Es erging ein zweites Edikt, in welchem die Verhaftung und Folterung aller Kleriker angeordnet wurde. Daraufhin kam es zur schwersten Christenverfolgung aller Zeiten, Zerstörung von Kirchen, Verbrennung der heiligen Bücher. Ein viertes Edikt 304 verhängt schließ­lich die Todesstrafe für alle hartnäckigen Opferverweigerer. 304 erkrankte Diocletian nach einer Romreise schwer, in der Zeit seines Krankenlagers hatte Galerius gegen die Christen freie Hand.

 

 

 

3. 3. Die Zeit nach Diocletian (305 - 312):

 

305 trat Diocletian aus gesundheitlichen Gründen freiwillig zurück. Er zwang seinen Mitregenten Maximianus zum gleichen Schritt. Augusti wurden die bisherigen Kronprinzen Konstantius (Westen) und Galerius (Osten). Caesaren wurden im Westen ein höherer Of­fizier namens Severus, im Osten ein Neffe des Galerius, Maximinus Daia. Als Rangältester trat Galerius an die Spitze des Kaiserkol­legiums.

 

 

305 Westen Osten

Kaiser Konstantius (†306) Kaiser Galerius

Caesar Severus († 307) Caesar Maximinus

Daia

 

 

306 Westen Osten

Kaiser Konstantin Kaiser Galerius

Kaiser Maxentius Caesar Maximinus

Daia

 

 

Der Sohn Kaisers Maximian, Maxentius ging zunächst leer aus. Konstantin, der Sohn des neuen Kaisers Konstantius weilte zunächst am Hof des Galerius, reiste nach einigen Monaten aber fluchtartig ab und suchte seinen schwer kranken Vater, den Kaiser Konstanti­us, auf, den er in Boulogne traf und bis zum Hof nach York begleitete, wo dieser am 25. Juli 306 starb.. Der Sohn wurde sofort von den Truppen zum Augustus ausgerufen. Galerius mußte sich damit abfinden, und erkannte ihn als Caesar im Westen an.

 

Um die gleiche Zeit ließ sich der übergangene Sohn Maximianus, Maxentius, in Rom von der unzufriedenen Praetorianergarde auf den Schild heben. Gegen ihn wollte Galerius militärisch vorgehen, wozu er Severus, den Caesar des Westens veranlaßte. Aber dessen Truppen gingen zu Maxentius über, den sein abgedankter Vater Maximianus unterstützte, der seine Abdankung zurücknahm und an die Macht zurückkehrte. Die Lage des Severus wurde hoffnungslos, er starb 307. Maximianus nahm Verhandlungen mit Konstantin auf, den er zur Rückendeckung im Osten benötigte und ernannte ihn ebenfalls zum Augustus. Der Bund wurde durch die Heirat Kon­stantins mit seiner Jugendfreundin Fausta, der Tochter Maximianus besiegelt. Es kam zum Angriff des Galerius in Italien, der sich je­doch nicht halten kann und sich zurückziehen muß.

 

Im Westen kommt es zur Herrschaftsteilung. Kaiser bleibt Maximianus, Konstantin regiert als Augustus in Britannien und Gallien, Maxentius in Italien, Afrika und Spanien. Der alte Maximianus wurde jedoch bald darauf von seinem Sohn Maxentius abgesetzt und flüchtete zu seinem Schwiegersohn Konstantin. Nach dem Abfall Afrikas (308-311) und dem Ausfall der Getreidelieferungen kommt es 308 zu Hungersnot und Aufstand in Rom. Die Kaiserkonferenz in Carnuntum am 3. November 308 zwischen Galerius, Diocletian und Maximianus, die einem General aus dem Umfeld des Galerius, Licinius, die Augustuswürde im Westen überträgt.

 

 

 

3.4. Die Lage der Christen nach Diocletian:

 

Die Verfolgung der Christen wurde im Westen mit dem Regierungsantritt des Maxentius und des Konstantin beendet. Im Osten dage­gen ging Galerius weiter hart gegen die Christen vor. Ganze Dörfer wurden mitsamt den Bewohnern verbrannt, die Christen in Kap­padokien und im Pontus gemartert. Im Herrschaftsgebiet des Ost-Caesars Maximinius Daja, der nach seinem Amtsantritt zu­nächst die Maßnahmen noch verschärft hatte, besserte sich die Lage. Er ging von der Todesstrafe zum ‘Normalstrafmaß’ der einseiti­gen Blendung und Lähmung eines Beines und anschließender gegen die Christen vor. Ganze Dörfer wurden mitsamt den Bewohnern verbrannt, die Christen in Kappadokien und im Pontus gemartert. Im Herrschaftsgebiet des Ost-Caesars Maximinius Daja, der nach seinem Amtsantritt zunächst die Maßnahmen noch verschärft hatte, besserte sich die Lage. Er ging von der Todesstrafe zum ‘Normal­strafmaß’ der einseitigen Blendung und Lähmung eines Beines und anschließender Deportation in die Bergwerke von Kilikien seit 307 über (vgl. Lietzmann, Band II, aaO., S. 55). 309 kam es zu einer neuen Welle des Hasses und des Versuchs der Wiederbelebung des alten Opferzwangs, der zwischenzeitig nicht mehr durchgesetzt worden war. Die Gemeinden wurden weitgehend zerschlagen, der Klerus vernichtet, soweit er nicht abschwor und die heiligen Schriften der Vernichtung übergab.

 

Eine Änderung trat erst mit dem Tode des Galerius ein. Dieser erkrankte 311 schwer, und erließ auf seinem Krankenlager am 30. April 311 das Edikt von Nikomedia, welches die Verfolgung beendete. Die Änderung erfolgte wohl aus Gründen der Staatsraison, nicht aus Reue, wie es die Christen werteten. Entscheidend war wohl, daß Konstantin die Änderung in Verhandlungen mit dem ster­benden Galerius erzwungen hat. Fünf Tage nach Erlaß des Edikts starb Galerius am 5. Mai 311.

 

Diese Entwicklung und die Politik Konstantin hat als Hintergrund, daß sich dieser im Gegensatz zu Diocletian nicht auf bäuerliche Schichten stützte, sondern seine Herrschaft auf die städtische gewerbetreibende Bevölkerung gründete. Die städtische Bevölkerung aber war die Hochburg des Christentums. Wenn Konstantin die Unterstützung der Städtegewinnen wollte, mußte er dem Christentum zumindest Duldung gewähren, war er 313 zusammen mit Licinius tat. Das hatte für ihn den Vorteil, daß damit die gesamte Macht des organisierten Christentums zum Einsatz für die Person des Kaisers und für das Kaisertum gewonnen wurde.

 

Dieser durch das Edikt vom 30.4.311 erlangte Friede dauerte jedoch nur 6 Monate. Dann verhängte der Caesar des Ostens, Maximi­nus Daia neue Einschränkungen der Kultusfreiheit. Es kommt erneut zu Hinrichtungen. Im Herbst 312 verlangen die Städte Nikome­dia und Antiochia, denen sich andere anschlossen, Christen den Aufenthalt in den Städten zu versagen. Maximinus Daia gab dem Verlangen statt. Der praktisch zumindest für die beiden Hauptstädte undurchführbare Befehl wurde jedoch nur teilweise beachtet. Al­lerdings untersagte der Caesar die gewaltsame Durchsetzung und weitere Verfolgung, er forderte vielmehr zur Milde auf. Anlaß wa­ren erneute Machtkämpfe.

 

 

 

 

3.5. Die Schlacht an der Milvinischen Brücke:

Im Winter 312/313 rückte Maximinius Daia in das Gebiet Licinius, seit der Kaiserkonferenz von Carnuntum zwar formal Augustus des Westens, faktisch aber neben Maximinus Daia Herrscher des Ostens, ein und besetzte dessen Teil Kleinasiens. Licinius mußte weichen und schloß sich in der Folge Konstantin an, mit dessen Schwester Konstantia er sich verlobte. Während sich die drei Augusti Konstantin, Licinius und Maximinus Daia sich gegenseitig anerkannten und formell als echte Erben der diokletianischen Tetrarchie erscheinen, galt Maxentius als Usurpator (da er bereits 308 seinen Vater, den Kaiser Maximianus abgesetzt hatte). Ihm gegenüber ließ Konstantin seine eigene Legitimität betonen: sein Vater war der hochgeehrte Augustus Konstantius, während Maxentius von dem ge­stürzten Maximianus abstammte, dessen Andenken verflucht und geächtet war (so Lietzmann, Band III, aaO., S. 59; dies erscheint fraglich, denn einerseits war Konstantin der Schwiegersohn Maximianus, andererseits war er von diesem unterstützt worden. Kon­stantius seinerseits war Sohn des Gotensiegers, des Kaisers Claudius II Goticus, weshalb sich Konstantin auf Vater und Großvater zur Untermauerung seiner Legitimation berufen konnte. Offensichtlich handelt es sich bei den von Lietzmann verwendeten Quellen um Propaganda, um den Angriff auf Maxentius zu verbrämen.

Konstantin griff Italien an, und gelangte schnell nach der der Einnahme einer Reihe von Städten zur Belagerung von Rom. Er ge­wann die Schlacht an der Milvinischen Brücke, wobei Maxentius auf der Flucht im Tiber ertrank. Konstantin zog am 28. Oktober 312 als Sieger und alleiniger Herrscher des gesamten Westreichs in Rom ein. Vor der Schlacht sollen Eulen des Auszug des Maxenti­us beobachtet haben, der sich an der Brücke Konstantin entgegenstellte. Die Eulen galten als Unglücksvögel, woraus man ein negati­ves Omen der Götter herleitete. Als der Senat 315 Konstantin einen Triumphbogen errichtete, schrieb er im Widmungstext den Sieg auch "der Inspiration der Götter" zu. Später reichte das schon nicht mehr. In einer Prunkrede 312 wird vom kaiserlichen Hofrethor gerühmt, daß Konstantin bei allen seinen Unternehmungen unter göttlichem Schutz gestanden habe, daß aber im Kampf gegen Ma­xentius sein verstorbener Vater, Kaiser Konstantius selbst, an der Spitze einer himmlischen Heerschar Beistand geleistet habe.

 

Die Christen dachten offenbar nicht anders. Eusebius von Caesarea schreibt in seinem 315 verfaßten 9. Band seiner Kirchengeschich­te, die Schlacht habe unter göttlichem Schutz für Konstantin gestanden, der Kaiser habe zuvor im Gebet zum Himmelsgott und sei­nem Logos Jesus Christus den Sieg erfleht. Der etwa um die gleiche Zeit schreibende Laktanz weiß Genaueres zu berichten: im Traum sei Konstantin angewiesen worden, das göttliche Zeichen des Christusmonogramms auf den Schilden seiner Soldaten anbrin­gen lassen. Zwanzig Jahre später berichtet Eusebios in seiner Gedächtnisrede auf den inzwischen verstorbenen Kaiser, dieser sei in der Zeit des Entscheidungskampfes zur Erkenntnis der christlichen Wahrheit durchgedrungen und habe Gott um Beistand gebeten. Es sei ihm ein Zeichen geworden: am frühen Nachmittag vor der Schlacht habe über der Sonne ein Lichtkreuz geleuchtet mit der Be­schriftung: "Hierdurch siege!". In der folgenden Nacht sei Christus dem Konstantin mit jenem Lichtkreuz in der Hand erschienen und habe ihn ermahnt, eine Nachbildung des himmlischen Zeichens als Schutzzeichen zu verwenden. Daraufhin wurde die als Labarum bekannte Standarte der kaiserlichen Garde geschaffen, welche das Kreuz mit dem Christusmonogramm trägt.

 

 

 

3.6. Die Regierungszeit Konstantins bis zur Alleinherrschaft (312 - 324):

 

Nach dem Sieg über Maxentius war Konstantin Alleinherrscher über den westlichen Reichsteil. Im Westen wurde die Christenverfol­gung endgültig beendet. Konstantin hatte aus politischen Gründen ein Interesse an einer einheitlichen Reichskirche als Klammer des Reiches. Er griff deshalb sofort nach seinem Sieg und dem Ende der Kämpfe in die innerkirchlichen Auseinandersetzungen ein mit dem Ziel, die Einheit der Kirche sicherzustellen. Diese Haltung hat sicherlich nicht eine innere Wandlung des Kaisers zum Hintergrund. Es mag sein, daß er vor der Schlacht an der Milvinischen Brücke eine Vision hatte ( so Plötz, aaO., S. 273) und die neue Segenskraft des christlichen Glaubens anerkannte. Alles andere - insbesondere die angebliche innere Wandlung ist spätere Ausschmückung. Getauft wurde er erst auf dem Totenbett (vgl. Lietzmann, aaO., Band II, S. 61)

 

Im Interesse der Reichseinigung überließ er noch 312 dem römischen Bischof Melchiades (Miltiades) den Lateranpalast. Er wandte sich gegen die, im Osten unter Maximinius Daia noch andauernde Christenverfolgung. Die Rückgabe der konfiszierten Kirchengüter wurde im Westen veranlaßt. 313 kam es in Mailand zur Hochzeit zwischen der Schwester des Konstantin, Konstantia und dem Au­gustus des Ostens, Licinius. Anläßlich dieses Treffens einigten sich beide Kaiser über die Behandlung der Christen - sog. Mailänder Toleranzedikt, in welchem beide Kaiser anordneten, den Christen volle Kultusfreiheit und Gleichstellung mit anderen Religionen zu gewähren, damit "die Gottheit, auf ihrem himmlischen Thron, wer immer sie auch sei, uns und unseren Untertanen versöhnt und gnä­dig sein möge". Alle einschränkenden Bestimmungen wurden aufgehoben und auch für den Osten die Rückgabe der konfiszierten Kirchengüter beschlossen. Die Kirchengemeinden wurden als juristische Person anerkannt und der Kirche Rechtsfähigkeit zuerkannt.

 

Maximinius Daia lehnte die Mailänder Beschlüsse ab und erließ für seine Gebiete lediglich ein Verbot von Gewaltmaßnahmen gegen die Christen. Im übrigen setzte er seine Angriffe auf das Gebiet des Licinius fort, und eroberte Konstantinopel. Am 30. April 313 kam es zwischen beiden zur Entscheidungsschlacht auf dem ‘Campus Serenus’ bei Adrianopel, welche mit dem Sieg des Licinius endete. Maximinianus Daja konnte sich in Sklavenkleidern retten und stellte in Kappadokien neue Truppen auf. Licinius ging über den Bos­porus und zog in der östlichen Hauptstadt Nikomedia ein, wo er am 13. Juni 313 das Toleranzedikt von Nikomedia für die Christen erließ, welches die Mailänder Beschlüsse auch für den östlichen Reichsteil umsetzte. Den Sommer hindurch währten die Kämpfe im Osten. Maximinianus Daja wich über den Taurus zurück und setzte sich in Tarsus fest. Dort erließ er im Herbst 313 ebenfalls ein To­leranzedikt, starb jedoch kurz darauf.

 

Licinius ließ den alten Hofstaat des Diocletian, dessen Mutter und Tochter Prisca, die Witwe des Galerius und den Hofstaat des Ma­ximinianus hinrichten. Als einziger überlebte der alte machtlose Diocletian in seinem Palast in Spalato, wo er am 3.12.316 starb.

 

Konstantin und Licinius waren nun Alleinherrscher in ihren Reichsteilen. Das Verhältnis der beiden Schwäger war jedoch schlecht, es kam bereits im Oktober 314 zwischen beiden zu den Schlachten von Ciballae am Donauknie und auf dem Campus Ardiensis bei Adrianopel, die beide mit Siegen Konstantins endeten. Die militärische Kraft Konstantins reichte jedoch zum endgültigen Sieg nicht aus, weshalb es zum Friedenschluß kam. Licinius blieben auf europäischen Gebiet nur Thrakien und die Gegend bis zur Donaumün­dung. Der Frieden dauerte sieben Jahre, dann verschärften sich die Spannungen zwischen beiden Kaisern erneut. Da die Christen weitgehend auf Seiten des betont christenfreundlichen Konstantin standen, entfernte Licinius alle Christen aus hohen Stellungen in Hof und Herr und erließ eine Reihe von schikanösen Verboten, bis hin zum Verbot des Kirchenbesuchs. Es kam erneut zu Verhaftun­gen, um die Durchsetzung der Anordnungen sicherzustellen.

 

324 kam es zwischen beiden Kaisern zu Kämpfen, Licinius verlor die Schlachten bei Adrianopel und Chrysopolis. Der Sohn Kon­stantins, der Caesar Chrispus vernichtete bei Gallipoli die gegnerische Flotte und sperrte den Bosporus. Licinius mußte Konstantino­pel aufgeben und floh nach Chalcedon, wo er Frieden schließen mußte. Er erhielt Thessaloniki als Wohnsitz zugewiesen, wo er bald darauf starb. Konstantin war seit Herbst 324 Alleinherrscher des römischen Reiches. Als er sechs Jahre später sich an der schönsten Stelle des neugegründeten Konstantinopel einen Palast baute, ließ er über das zum Meer führende Tor schreiben, Christus habe ihm geholfen - ein deutlicher Gegensatz zur Inschrift auf dem Triumphbogen von Rom nach dem Sieg von 313. Das Christentum hatte endgültig gesiegt.

 

 

 

4. Entwicklung der Kirche bis Nicaea

 

 

4.1. Entwicklung zur Kirche - Organisationsformen im 1. - 3 Jahrhundert

 

 

Die Urkirche kannte keine Konzilien und Synoden. Diese entstanden erst im Laufe der Entwicklung des Christentums von der jüdi­schen Jerusalemer ‘Jesussekte’ zur reichsübergreifenden Religion, wodurch sich gleichzeitig und zwangsläufig die Notwendig der Herausbildung von Organisationsformen ergab.

 

Die Urgemeinde in Jerusalem verstand sich als Gemeinde der Endzeit - bedingt durch ihre eschatologische Nahzeiterwartung der un­mittelbaren bevorstehenden Wiederkunft Jesus als des Messias (vgl. Bultmann, Theologie des Neuen Testaments, 9. Auflage Tübin­gen 1984, S. 39; vgl. Bultmann, Rudolf: Das Urchristentum, Sonderausgabe München 1992, S. 219). Sie sah sich nicht als neue Reli­gionsgemeinschaft, und grenzte sich nicht als neue Religion gegen das Judentum ab. Die Urkirche hält deshalb am Jerusalemer Tem­pel und dessen Kult fest, entrichtete die Tempelsteuer (Mt 17,24-27), unterstellte sich der synagogalen Rechtsprechung (Mt 10,17; Mk 13,9), traf sich im Tempel (Act 2,46) und hielt auch an den Opferbräuchen fest (Mt 5,23f) (vgl. 2.. Bultmann, a.a.O., S. 56).

Auch scheint zunächst in der Urgemeinde die Heidenmission nicht als Aufgabe angesehen worden zu sein. Das Jesuswort: “Geht nicht auf den Weg der Heiden und betretet keine Stadt der Samariter! Geht vielmehr zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel” (Mt 10,5f) zeigt vielmehr, daß es in der Urgemeinde zumindest eine Richtung gab, die die Heidenmission überhaupt ablehnte. Aus Erzählungen wie der Geschichte des Hauptmanns von Kapernaum (Mt 8,5-10) und von der Syrophönizierin (Mk 7-24-30) läßt sich schlußfolgern, daß die Aufnahme von Heiden in die Urgemeinde zunächst nur ausnahmsweise und zögernd geschah (vgl. Bultmann, Theologie des Neuen Testaments, a.a.O., S. 58).

 

Die Leitung der Urgemeinde lag zunächst in den Händen der zwölf Jünger, deren beherrschende Autorität Petrus war (Mt 16, 17-19; Lk 22, 31f). Neben ihm müssen bald der Zebedaide Johannes und der Herrenbruder Jakobus eine führende Stellung gewonnen haben, wie sich aus Gal (2,9) ergibt, denn Paulus spricht dort von den Dreien als den styloi. Als Petrus dann Jerusalem verlassen hatte, und Johannes mit seinem Bruder Jakobus hingerichtet worden war (vermutlich etwa 44), übernahm der Herrenbruder Jakobus die Leitung der Gemeinde (Act 12, 17; 21, 18). Das eigentliche Gemeindeamt sind die Ältesten, die man nach jüdischem Muster offenbar schon relativ früh wählte (vgl. Bultmann, Theologie, a.a.O., S. 62).

 

Die Ausdehnung der Urgemeinde über Juda hinaus geschah durch die Annahme des Christentums durch das hellenistische Judentum. Hellenistische Juden, die nach Jerusalem zurückgekehrt waren und dort ihre eigenen Synagogen hatten, standen dem jüdischen Ge­setz und Tempelkult freier und kritischer gegenüber, wie es für den zu ihnen gehörenden Erzmärtyrer Stephanos bezeugt ist (Act 6, 1 ff). Hinter der Erzählung von der Wahl der sieben Armenpfleger (Act 6, 1 ff) verbirgt sich offenbar der Konflikt, zu dem es in der Je­rusalemer Gemeinde gekommen ist; diese Sieben sind nicht Diakone gewesen, sondern sind, wie ihre Namen zeigen, Vertreter der hellenistischen Richtung (vgl. Bultmann, Theologie, a.a.O., S. 59).

 

Der entscheidende Schritt von der jüdischen Sekte zur urchristlichen Religionsgemeinschaft geschah dadurch, daß die Botschaft von Jesus dem Gekreuzigten und Auferstandenen über die Grenzen des palästinischen Judentums in hellenistische Welt hinausgetragen wurde. Damit trat der christliche Glaube in eine neue gestrige Welt ein; die Verkündigung mußte in einer den hellenistischen Hörern verständlichen Sprache und Begriffswelt erfolgen. Diese hellenistische Welt war von anderen Fragestellungen und Sehnsüchten ge­kennzeichnet als im Judentum. Der Hauptunterschied des hellenistischen Christentums zur palästinischen Urgemeinde war, daß sein Charakter nicht mehr nur durch die eschatologische Endzeiterwartung sondern durch eine sich herausbildende Kultusfrömmigkeit. Überall dort, wo nicht eine Prägung durch die synagogale Tradition oder christliche Erziehung vorhanden war, war das Bewußtsein, zur eschatologischen Endzeitgemeinde zu gehöre, nicht mehr iS der Jerusalemer Tradition vorhanden (vgl. Bultmann, Das Urchris­tentum, a.a.O., S. 220). Symptomatisch ist es, daß der apokalyptische Titel ‘Mensch’ bald verschwindet; auch Paulus gebraucht ihn nicht. Daß ‘Christos’ die Übersetzung des jüdischen Titels ‘Messias’ Jesus als den König der Heilszeit bezeichnet, wird nicht mehr verstanden. Aus dem Titel wird der Eigenname. Andere Titel treten an seine Stelle: ‘Gottessohn’, und ‘Soter’ (Retter), die im heid­nischen Hellenismus als Bezeichnung von Heilsbringern geläufig waren. Den inhaltliche Änderung wird vor allem an dem zuneh­mend verwendeten Titel ‘kyrios’ deutlich, der Jesus als die im Kultus verehrte Gottheit kennzeichnet, deren Kräfte im Gottesdienst der Kultgemeinde wirksam werden. Der Kyrios Jesus Christos wird nach Art einer Mysteriengottheit verstanden, an dessen Tod und Auferstehung der Gläubige durch den Empfang der Sakramente teilhat (vgl. Bultmann, Urchristentum, a.a.O., S. 221).

 

Neben sakramentaler Kultusfrömmigkeit dringt schon früh gnostische Weisheit in das Urchristentum ein. Gedanken und Begriffe gnostischer Erlösungshoffnungen beschreiben Gestalt, Wesen und Werk Jesu Christi und dienen dabei der Verständlichmachung in­nerhalb weithin bekannter hellenistischer Zeitströmungen. Gleichzeitig wird den hellenistischen Christen die evangelische Tradition der palästinischen Gemeinde vermittelt, das alte Testament, das als Heilige Schrift im hellenistischen Christentum übernommen wird, erweist sich als verbindende Kraft (vgl. Bultmann, Urchristentum, a.a.O., S. 221).

 

Das Auftreten dieser hellenistischen Christen führte zu einer Empörung der jüdischen Gemeinde, die sich offenbar nicht gegen die alte christliche Urgemeinde richtete, der aber die hellenistischen Judenchristen - wie die Steinigung des Stephanos beweist - zum Op­fer fielen, bzw. aus Jerusalem vertrieben wurden (vgl. Bultmann, Theologie, a.a.O., S. 59).

 

Die judenchristliche Gemeinde blieb zunächst in Jerusalem wo es in der Folge auch gegen sie zu Verfolgungen kam. Der Herrenbru­der Jakobus wurde im Jahre 62 gesteinigt. Die judenchristliche Gemeinde wählte nach dem Tode des Jakobus den Vetter Jesu, Sime­on, zu ihrem Vorsteher. Nach dessen Märtyrertod unter Trajan verließ auch die judenchristliche Gemeinde den ‘heißen Boden’ Jerusa­lems und siedelte in Pella im Ostjordanland. Dadurch, daß die Gruppe beim Kampf der Nationalisten mit Rom abseits stand, entging sie der Vernichtung. Die Gruppe blieb nach dem Bar Kochba-Aufstand in der Diaspora, mit der Vernichtung des Tempels in Jerusa­lem war ihr, als dem mosaischen Gesetz und der der jüdischen Tradition verhafteten Gruppe, die Basis entzogen. Sie existierte noch einige Jahrhunderte und verschwand mit dem Vordringen des Islam.

 

Die hellenistischen Judenchristen unter Paulus hatten mit dessen Missionsreisen das Christentum in die hellenistische Welt getragen. Paulus löste die dortige Christenheit vom mosaischen Gesetz und ging von der Mission unter den Diasporajuden zur echten Heiden­mission über. Diese Kirche der ersten Christenheit war eine organisationslose, rein auf die Leitung durch den Hl. Geist vertrauende Größe. Zur Kirchenbildung kam es wohl erst in den Kämpfen mit der heidenchristlichen Gnosis. In der Abwehr dieser Gefahr soll eine feste Organisationsform, die katholische Kirche, um 200 entstanden sein (so die Auffassung Albrecht Ritschls und Adolf von Harnacks). Die neuere Auffassung sieht demgegenüber die Entstehung der Kirche bereits im ersten Jh, ab dem Zeitpunkt, seit wel­chem man Jesus - im Unterschied von den anderen Juden - als Christus und als "Kyrios" verehrte.

 

Gerade die Mission der Vertriebenen führte jedoch zur Bildung von heidenchristlichen Gemeinde im hellenistischen Diasporajuden­tum (Act 8,4 ff; 11, 19 ff) (vgl. Schneider, aaO., S. 74). Diese Gemeinden, die wiederum von gewählten Ältesten geführt wurden, standen wohl - wie die Briefe des Neuen Testaments zeigen, in Verbindung mit den Aposteln bzw. Paulus, und erhielten auf diese Weise Anleitung in theologischen Streitfragen. Paulus arbeitete nach seiner Bekehrung auf hellenistischem Gebiet als Missionar, zu­sammen mit dem Missionar Barnabas, der ihn zur Mitarbeit nach Antiochia geholt hatte (Act 11, 25 ff) (vgl. Bultmann, Theologie, a.a.O., S. 59). Paulus erweiterte die jüdisch-hellenistische Mission zur echten Heidenmission (Schmidt, Kurt Dietrich, Grundriß der Kirchengeschichte, 5. Auflage 1967, S. 55).

 

Mit der Ausbreitung des Christentums im hellenistischen Bereich entstanden eine Vielzahl von unabhängigen Ortskirchen, deren Führung in den Händen von örtlich gewählten Presbytern oder Bischöfen und ihren Stellvertretern, den Diakonen, lag. Die Bischöfe hatten auch die theologische Leitung ihrer Gemeinden inne. Die überörtliche Leitung oblag den Aposteln, Propheten und Lehrern, die durch Briefe und Missionsreisen die unabhängigen Gemeinden zusammenhielten (vgl. Schmidt, a.a.O., S. 74).

 

Dieser Urkirche fehlten freilich noch alle festen Organisationsformen. Es fehlte jede juristische Organisation, alles stand vielmehr unter der unmittelbaren Leitung des ‘Heiligen Geistes’. Allmählich scheinen sich drei charismatische Funktionen mit gesamtkirchli­chen Wirkungskreis herausgebildet zu haben: Apostel, Propheten, Lehrer, und daneben zwei mit örtlichen Aufgaben betraute Ämter: Presbyter bzw. Bischöfe und ihre Stellvertreter, die Diakone. Aber obwohl jeder statuarische Einschlag fehlte, sah sich die Kirche als Gesamtheit, als Gemeinde und ‘Leib Christi’ (soma Christou).

 

Allerdings fehlte außerhalb der Gemeinde jede organisatorische Verbindung, die Gemeinde war die einzige Institution, die Anord­nungsbefugnis und Leitungsfunktion gegenüber den ihr angehörigen Gläubigen hatte. Die Leitung oblag wohl zunächst prophetisch begabten Personen, bei deren Fehlen einem der "Ältesten". Dabei scheint sich allmählich die Stellung eines Primus inter Pares her­ausgebildet zu haben, einer Person der Gemeinde, der schließlich die Durchführung des Gottesdienstes und die Leitung der Gemein­de als Recht im organisatorischen Sinne übertragen war. Die Gemeinde verliert hierbei die ursprüngliche Mitbestimmung mit Aus­nahme bei der Wahl dieses Leiters. Deutlich wird diese Einwicklung anläßlich eines Streits gegen Ende des ersten Jahrhunderts in Korinth, wo die Leitung des Gottesdienstes von der Gemeinde einem Wanderprediger übertragen worden war. Hiergegen empörten sich die Ältesten. Rom (!) trat dabei im sog. ersten Klemensbrief (95 n.Chr) auf deren Seite. In diesem Schreiben fällt bereits erst­mals das harte Wort an die Gemeindeglieder: "lernet, Euch unterzuordnen". Zur Begründung beruft sich der Brief auf die Tradition der Apostel, die Bischöfe und Diakone für den Vollzug der Eucharistie eingesetzt hätten.

 

Auch in den Briefen des Ignatius von Antiochia, die in dem Streit mit den christlichen Gnostikern formuliert wurden, wird nunmehr die Leitungsfunktion des Bischofs und die Unterwerfung der Gemeinde formuliert. Der Bischof entscheidet, wo die Wahrheit ist. Dieser Entwicklung liegt die Aufhebung des allgemeinen Priestertums der Gemeindemitglieder sowie ein Rechtsetzungakt zugrunde. Sie verdeutlicht die Entwicklung hin zur Rechtskirche und zur Priesterkirche. Einher geht damit die Aufhebung des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen. Die Eucharistie ist nur noch gültig, wenn sie der Bischof leitet. In dieser Entwicklung schließt zugleich die Entwicklung der frühen Gemeindebildung.

 

Die Gesamtkirche existiert in der Frühzeit als lockere Verbindung von unabhängigen Ortskirchen, deren Zusammenhalt weniger durch Institution als durch die gemeinsame Glaubensüberzeugung gesichert war. Sie ist mithin nicht Ergebnis theologischer Reflexi­on oder rechtlicher Ordnung.

 

 

 

4.2. Die "inspirierten Synoden":

 

 

Aus dieser Struktur ergab sich zwangsläufig das Problem der Gesamtsteuerung der Ortskirchen, wenn man ein Auseinandertriften vermeiden wollte. Die Verfassung der Kirche zeigt um diese Zeit bereits die Anfänge einer eigentlichen Hierarchie. Zwar blieb den Gemeinden die Wahl der Geistlichen, oder wenigstens ihre Bestätigung, aber mehr und mehr schieden sich diese als "Kleros" von den "Laien" aus; es entstanden Rangunterschiede zwischen den Bischöfen je nach dem Rang ihrer Städte und mit besonderer Rück­sicht auf die apostolische Stiftung gewisser Gemeinden (vgl. Burckhardt, a.a.O., S. 105). Bei Fragen von überregionaler Bedeutung wurden diese durch die gemeinsame Beratung der Ortsbischöfe gelöst, nämlich durch die Bildung von Synoden. Während diese in der Frühzeit eher regionale Treffen gewesen sein dürften, kam es wohl erstmals in der Abwehr der montanistischen Krise in der zwei­ten Hälfte des zweiten Jahrhunderts zu einer ersten Gesamtsynode.

Der Montanismus war eine von Montanus um die Mitte des 2. Jh von Montanus ins Leben gerufenen Bewegung, der eine Weiterent­wicklung der Kirche in spirituellen Bahnen bezweckte. Montanus soll vorher Priester des Apollo oder der Kybele gewesen sein (möglicherweise Verleumdung späterer Zeit). Wahrscheinlich um 156/157 traten in Kleinasien, der eben erst zum Christentum über­getretene Montanus und bald mit ihm zwei Frauen, Priscilla und Maximilla auf, mit dem Anspruch, Gefährten und Werkzeuge des Heiligen Geistes zu sein, d.h. als Paraklet, die höchste Offenbarungsstufe und damit den Abschluß des christlichen Glaubens zu brin­gen. So sagt Montanus von seiner zu Art zu prophezeien: "Siehe, der Mensch ist wie eine Leier und ich (nämlich der Heilige Geist) fliege über sie wie das Plektron".

 

Inhaltlich bringt die montanistische Botschaft nichts Neues. Charakteristisch ist die apokalyptische Grundstimmung. Das nahe Welt­ende wird verkündet und zu einer rigorosen Ethik aufgerufen (Verbot der 2. Ehe, verschärfte Fastenvorschriften, Verbot der Flucht in der Verfolgung, Verbot der Vergebung der Todsünden usw.). Bei Perpuza und Tymion wird das Herabsteigen des himmlischen Jerusa­lem und des 1000jährigen Reiches erwartet.

 

Nur mühsam hat sich die Kirche Kleinasiens dieser Restauration urchristlicher Gedanken erwehrt. Mit Geisteraustreibung, den ersten bekannten Synoden und Gegenschriften wurde der Kampf gegen den Montanismus aufgenommen, der sich bald über Phrygien hin­aus ausbreitete (in Gallien wie in Rom, wo man anscheinendseine Anerkennung erwog). Um 207 hat sich in Karthago ihm Tertullian angeschlossen. Erleichtert wurde die Auseinandersetzung erst mit dem Tode des Gründers und seiner Prophetinnen, als das vorausge­sagte Weltende ausblieb. Bis etwa 200 muß die von der Enderwartung beherrschte erste Epoche des Montanismus angenommen wer­den, bald danach beginnt die zweite Epoche, der schon Tertullian angehört. In ihr ist die im Gegensatz zur Großkirche verschärfte Ethik das Hauptkennzeichen, während Prophetie und Endzeiterwartung verblassen. Die Schriften der montanistischen Urpropheten werden gesammelt und treten neben das alte und neue Testament als dritte Offenbarungsurkunde. Von dem wohl umfangreichen Schrifttum des Montanismus sind noch etwa ca. 20 Orakel aus den (ebenfalls verlorenen) Gegenschriften des 2. Jh nach den Zitaten der späteren Kirchenväter (insbesondere Eusebios und Epiphanius) rekonstruierbar. Dazu kommen als zusätzliche Quellen Tertullian und einige Inschriften. Es scheint, als ob der ursprüngliche Montanismus orthodox war, jedenfalls greift ihn die Polemik des 2. Jahr­hunderts wegen dogmatischer Abweichung nicht an. Einflüsse kleinasiatischer Kulte werden wahrscheinlich zu Unrecht behauptet. Wie lange der Montanismus bestand, ist nicht sicher zu sagen, er wird allerdings regelmäßig in den staatlichen Gesetzen gegen die Ketzer erwähnt.

 

In der Einführung der Synode entsteht eine bedeutungsvolle Neuerung. In ihr konstituierte sich erstmals eine den Gemeinden überge­ordnete Institution, in ihr beginnt der Zentralisationsprozeß der Kirche. Zugleich entwickelte sich hierin über das Entstehen einer so­ziologischen Gesamtkirche hinaus ein theologisches Steuerungsinstrument. Schon in der Urkirche standen sich zwei Geistprinzipien gegenüber, einerseits die geistbegabten Einzelmenschen, die im Namen Gottes durch Visionen bzw. Prophetie sprechen konnten, an­dererseits die Ganzheit der Gemeinde als Teil des Leibes Christi, auch sie als solcher geistbegabt. In der Synode erhielt die Kirche als Gesamtinstitution ein handelndes Organ, wie die Gemeinde es im Bischof hatte. Die Folge war, daß die Synode als vom Geist ge­leitet angesehen wurde, ihre Beschlüsse als inspiriert. Bereits die Apostelversammlung in Jerusalem formuliert: ‘Es gefällt dem Heili­gen Geist und uns’ (Act 15,28), die Synode von Arles 316: ‘wir haben ausdrückliche Zeugnisse dafür’ ( Schmidt, a.a.O., S. 79).

 

Da nunmehr Bischöfe die einzelnen Gemeinden leiteten, ergab sich die Notwendigkeit gemeinsam Probleme allgemeiner Bedeutung zu regeln, was zur Einführung von Synoden führte und damit zur beginnenden Zentralisation der Kirche. In der Synode erhielt die Kirche als Gesamtkörper ein neues Organ im juristischen Sinne, wie es der Bischof für die Gemeinde war. Es kommt zur Legitimati­on die Auffassung zum Durchbruch, daß die Synode als vom Heiligen Geist geleitet angesehen wurde (schon die Apostel begründe­ten die Mission auf das Pfingsterlebnis). Die Beschlüsse der Synoden galten als inspiriert; so schon in Apg. 15,28: "Es gefällt dem Hl. Geist und uns"; (vgl. auch z.B. in der Synode von Arles 316: "Wir haben ausdrückliche Zeugnisse dafür").

 

Eine Einschränkung blieb jedoch auch für die inspirierten Synoden in Kraft. Wie die Aussage des geistbegabten Propheten nur dann Gültigkeit erlangte, wenn die Gemeinde ihr Amen (hebr: "wahrlich", "gewiß"; Schlußformel nach Gebet, Segen, Predigt, aus der jü­dischen Gottesdienstordnung in die christliche Kirche und die Moschee übernommen) zu seiner Rede sprach, so war auch für die Gültigkeit der inspirierten Synodalbeschlüsse ihre Rezeption durch die Gemeinden notwendig.

 

Dies darf jedoch nicht zur Annahme veranlassen, mit der Entstehung der Synodentradition sei bereits eine institutionelle Kirche ent­standen. Die Bischofssynoden sind nach wie vor freie Vereinigungen und entbehren gewisser rechtlicher Kompetenzen. Sie wirken daher nur durch ihre Berufung auf den Hl. Geist und durch die Akzeptanz in den Gemeinden (vgl. Alberigo, a.a.O., S. 24). Die Lei­tungsstrukturen und die Gemeinschaft der Kirchen untereinander blieben nach wie vor fest verwurzelt im Horizont der Ortskirche mit ihrer reichen Vielgestaltigkeit, so daß auch im dritten Jahrhundert noch keine Instanz universeller Reichweite entsteht.

 

Dennoch kommt in diesem Zeitraum gerade dort, wo die synodale Praxis verbreitet ist (z.B. in Nordafrika vor und nach Cyprian), das Bewußtsein auf, daß bei einer betonten Eigenständigkeit des Ortsbischofs und seiner Ortskirche die Einrichtung des Konzils die ein­zige Möglichkeit sei, der Einheit der Gesamtkirche Ausdruck zu verleihen. Auf der anderen Seite fehlt das synodale Moment auch dort nicht, wo kirchliche Instanzen von regionaler oder überregionaler Reichweite entstehen, wie es bei den ‘Mutterkirchen’ von Rom in Italien oder Alexandria in Ägypten der Fall ist. Hier bildet sich bereits die Dialektik zwischen dem Primatsanspruch der großen Bi­schofssitze und der Macht eines Konzils aus. Dies trifft nicht nur für die lokalen, sondern auch für die universalkirchlichen Konzilien zu, obgleich sie bei den ökumenischen Konzilien der Antike zumeist im verborgenen bleibt (vgl. Alberigo, a.a.O., S. 24).

 

Die vielfältigen Versuche des 3. Jh. mit ihren sehr differenzierten Typologien der Konzilien schufen einige der direkten Voraussetzun­gen für die Verwirklichung des ersten ökumenischen Konzils. Die Fragen der kirchlichen Disziplin sind nicht länger das vorrangige oder das einzige Thema der Synoden. Die eigentlichen theologischen Probleme treten immer mehr in den Vordergrund; auf der antio­chenischen Synode von 268/269 (auf der der Bischof dieser Stadt, Paulus von Samosata, wegen seiner theologischen Thesen verur­teilt wird) erhält diese Einrichtung den Charakter einer Gerichtsinstanz. Unter den verschiedenen, bislang geübten Verfahrensweisen handelt es sich hier um jenen Synodentypus, auf den sich die ökumenischen Konzilien der Antike für ihre Praxis am ehesten berufen werden. Einerseits eine theologische Auffassung, die als Widerspruch zur kirchlichen Tradition empfunden wird und deshalb die Ein­heit des Glaubens der Kirche gefährdet, und andererseits eine Verurteilung und Verwerfung, die sich entweder auf die zurückgewiese­ne Lehre oder auf ihre Anhänger bezieht - dies sind die beiden Hauptcharakteristika der ersten Konzilien. Auf den Konzilien von Ni­caea bis Chalcedon stehen zwar die dogmatische Fragen im Vordergrund; die Aufgabe und Tragweite der Konzilien erschöpft sich je­doch nicht in ihnen. Neben der Lehre werden auch kirchliche Rechtsvorschriften ausgearbeitet, die oftmals Entscheidungen von gro­ßer Bedeutung enthalten (vgl. Alberigo, a.a.O., S. 25).

 

Gerade die Funktion der Synoden als Gerichtsinstanz und ihre Disziplinarvorschriften konnten jedoch nur in einer grundlegend ver­änderten geschichtlichen Situation ihre volle Wirkkraft erreichen. Diese günstige Bedingung für die Festigung und Ausweitung der synodalen Praxis ist mit dem Übergang von der Zeit der Verfolgung zur Tolerierung des Christentums gegeben und wird dann unter der immer entschiedeneren christlichen Regierung Konstantins d.G. verstärkt. Die kirchliche Lage wird Gegenstand kaiserlichen Po­litik, da der Kaiser in der Kirche ein grundlegendes Element für seine eigene Regierung sieht. Nun ändert sich auch die Aufgabe des Konzils: bisher war das Konzil innerhalb der Kirche Ausdruck des gemeinsamen Glaubens und der gemeinsamen Disziplin; nun wird es zu einem Instrument, mit dessen Hilfe die Kirche ihre neue öffentliche Rolle ausübt: Unterstützung der Wohlfahrt und Einheit des Staates.

 

Diese Entwicklung mit ihrer ganzen Ambivalenz führt jedoch nicht einer einheitlichen Typologie. Obgleich die Kräfte, die die konzi­liare Einrichtung beeinflussen, auch im christlichen Reich größtenteils dieselben sind, führt doch ihre veränderte Konstellation ge­mäß der jeweiligen historischen Situation zu anderer Gestaltung der synodalen Tätigkeit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IV. Das römische Reich im Osten: Byzanz

 

 

 

1. Frühbyzantinische Zeit (Oströmisches Reich bis 843):

 

Die unverwechselbare Gestalt des mittelalterlichen Byzanz keimt zum erstenmal sichtbar unter Konstantin d.Gr., wächst unter Theo­dosios und Justinian und kann erst im Zeitalter der Kalifen als voll entfaltet gelten. Das Verständnis des byzantinischen Staates und seiner Kultur ist schon dem zeitgenössischem Abendland nicht leicht gefallen. Von den konkurrierenden "Weltherrschern" des Mittel­alters in Ost und West und erst recht von den Kirchen, die sich aus dogmatischen, aber auch völkerpsychologischen Gründen ausein­andergelebt und schließlich gespalten haben, von allen diesen stolzen Traditionsmächten war nur gegenseitiger Haß zu erwarten. Das spiegelt sich nicht zuletzt im verächtlichen Schweigen der westlichen Chronisten über Byzanz wieder, das im krassem Gegensatz stand zu den reichen kulturellen Beziehungen zwischen Westen und Osten (vgl. Rubin: Das Römische Reich im Osten - Byzanz, in: Propyläen Weltschichte, a.a.O., Band 4, S. 607).

 

Tod Kaiser Theodosios I. (395); Teilung der Reichsverwaltung unter seine Söhne Arkadios im Osten (395-408) und Honorius im Westen (395-423). Griechenland mit dem Athos fällt an den Osten. Grundlage des Byzantinischen Reiches: römischer Staatsgedanke, griechische Kultur und Sprache sowie christlicher Glaube, jahrhundertelanges Ausleben der antiken Kultur und deren Amalgierung in die byzantinische Kultur. Politische, wirtschaftliche und kulturelle Vormachtstellung bis ins 13. Jahrhundert. Schutzwall des Abend­landes gegen Araber und Türken. Konstantinopel wird Mittelpunkt des Handels zwischen Orient und Okzident und kulturelles Zen­trum Europas.

 

Theodosios II. (408-450) regiert zunächst unter Vormundschaft seiner Schwester Pulcheria. Drittes ökumenisches Konzil in Ephesos (431), Verurteilung des Nestorios. Vordringen der Hunnen bis Konstantinopel und Griechenland (seit 441). Ausbildung des Mono­physitismus, auf dem vierten ökumenischen Konzil in Chalcedon (451) verworfen. Ausgangspunkt jahrhundertelanger Kämpfe, die in Ägypten und Syrien, verstärkt durch nationale Ressentiments, zur Entfremdung von der Reichszentrale führen. Sanktionierung des Patriarchats Konstantinopel. Ende des weströmischen Reiches 476.

 

Kaiser Marcianos (451-457), der weder der theodosianischen Dynastie angehörte, noch eine eigene Dynastie gründete, ist Soldaten­kaiser. Das wichtigste Ereignis seiner Epoche war das Konzil von Chalkedon (451). Dessen politische Einschätzung ist unter den Historikern umstriiten. So meint z.B. Rubin, der Erfolge für den Katholizismus westlicher Prägung sei mit einem erheblichen Wachs­tum und auf Dauer die Einheit der Mittelmeerwelt sprengenden Wachstum der häretischen Bewegungen im Osten bezahlt worden. Denn nicht nur der Monophysitismus, auch der Islam und selbst die jüdischen Redaktionen lassen sich als christliche Häresien ver­stehen (vgl. Rubin, a.a.O., S. 612). Ostrogorsky, a.a.O., S. 35 vertritt demgegenüber mit zutreffenden Gründen die Ansicht, das Konzil sei ein bedeutender politischer Erfolg des Ostens und ein dogmatischer und kirchenpolitischer Sieg Konstantinopels gewesen. Der Anspruch des ‘Neuen Rom‘ auf die führende Stellung in der östlichen Kirche war schon auf dem 2. ökumenischen Konzil vom 381 formuliert worden; in Chalkedon wurde diese Stellung auch gegenüber Rom unterstrichen. Der berühmte 28. Kanon des Konzil von Chalkedon sicherte zwar dem Bischof von Rom den ersten Ehrenrang zu, bestimmte aber im übrigen die völlige Gleichstellung der Bischöfe von Alt- und Neu-Rom. Chalkedon war allerdings verbunden mit einer Vertiefung der Kluft zwischen dem byzantini­schen Zentrum und den orientalischen Provinzen des Reichs. Nicht nur Ägypten, sondern auch Syrien, der einstige Hort der nestoria­nischen Häresie, bekannte sich zum Monophysitismus und lehnte sich gegen das Dogma von Chalkedon auf. Der Gegensatz zwi­schen den dyophysitischen byzantinischen Kirche und den monophysitischen Kirchen des christlichen Orients wurde von da an eines der brennenden kirchen- und staatspolitischen Probleme des frühbyzantinischen Reichs und zum Auslöser politischer Sonderbestre­bungen in Syrien und Ägypten, wo der Monophysitismus den Separatismus gegen Byzanz und die Schwächung im kommenden Ab­wehrkampf gegen die Araber förderte (zu den theologischen Auseinandersetzungen vgl. Anhang 12).

 

Die Zeit Marcianus´, in der Westrom seinen Todeskampf gegen die Germanen kämpfte, stellte Byzanz noch einmal vor das Germa­nenproblem. Der Alane Aspar gewann maßgebenden Einfluß auf die Regierung in Konstantinopel. Ihm hatte Marcian und vor allem dessen Nachfolger Leon I. die Krone zu verdanken.

 

Auf den frühen Tod des Marcianus folgt der neue Kaiser Leon I. (457-474). Er ist der erste Kaiser, der die Krone aus der Hand des Patriarchen von Konstantinopel (Anatolios 449-458) erhielt. Zuvor war die Krönung nach römischer Tradition durch einen Militär oder hohen Beamten erfolgt. Die Änderung zeigt die neue Stellung des Patriarchen als Folge des Chalkedonense. Leon I. träumte wie später Justinian von einer totalen Flurbereinigung im westlichen Mittelmeerraum. Um sich von der Bevormundung Aspars und des­sen ostgotischen Anhang zu befreien, wandte sich Leon I. an das kriegerische Volk der Isaurer, dessen Häuptling Tarasikodissa mit starkem Anhang in Konstantinopel erschien, den griechischen Namen Zeno annahm und das Bündnis mit dem Kaiser durch Heirat mit dessen ältester Tochter Ariadne besiegelte. Aspars Entmachtung hatte eine Änderung der Westpolitik zur Folge. Konstantinopel, hatte bis dahin unter dem Einfluß Aspars alle Hilferufe Roms, das unter schwerstem Germanendruck litt, und 455 von den Vandalen geplündert worden war, mißachtet. Leos Politik führte 459 zum Konflikt mit den Goten, der mit einem Frieden und der bedeutsamen Geiselnahme des Knaben Theoderich am Hofe endete. Pannonien wurde 472 von den Goten aufgegeben. Die aktivste Gruppe zog unter Theomir und dem zwei Jahre zuvor zurückgekehrten Theoderich nach Illyricum. Kaiser Leon I. blieb keine Wahl, als die ge­fährlichen Eindringlinge in Makedonien anzusiedeln. 468 entsandte Leon I. eine militärische Expedition gegen das Vandalen Geise­richs, die aber trotz hohem finanziellen und militärischem Einsatz kläglich scheiterte.Noch einmal gelang es Aspar den verlorenen Einfluß zurückzugewinne. Sein Sohn Patricios heiratete die zweite Tochter des Kaisers und wurde zum Caesar ernannt. Schon bald aber gewann die germanenfeindliche Partei wieder die Oberhand; 471 fielen Aspar und Patricios einem Anschlag zum Opfer. Die isaurische Partei gewann die Oberhand.

 

Als Leon I. Anfang 474 starb und sein Enkel Leon II., Zenons und Ariadnes Sohn, die Nachfolge antrat, wurde sein Vater Zenon Mit­kaiser seines kleinen Sohnes, und als dieser noch im Herbst desselben Jahres starb, bestieg der Isaurer als Alleinherrscher den Thron von Konstantinopel.

 

Zenon d. Isaurer (474/75 u. 476-491), (heimischer isaurischer Name Tarasikodissa). Das Ostreich hatte seit etwa 400 auf die Germa­nen als Föderatentruppen verzichtet. Infolge seiner höheren Finanzkraft ist Byzanz zu größeren Soldzahlungen, statt Landverleihun­gen innerhalb des Reichs wie im Westen, befähigt. Reichsfremde Barbaren werden künftig nur einzeln angeworben, sie tun unter kai­serlichen Offizieren Dienst, nicht mehr in autonomen Verbänden. Einen Ersatz bildete seither das ferner das reichszugehörigen wilde Bergvolk der Isaurer im Taurus. Diese standen zwar kulturell auf einer wesentlich niedrigeren Stufe als die Goten, die sich frühzeitig assimiliert hatten, waren jedoch Reichsuntertanen und galten rechtlich nicht als Barabren. Dennoch wurde die Machtübernahme Zen­ons als Usurpation empfunden. Schon 475 entriß ihm eine Verschwörung die Krone. Zum Kaiser wurde der unrühmliche Verlierer des Vandalenkrieges von 468, Basiliskos (475/476) erhoben. Bereits 20 Monate später gelang es Zenon, die Macht erneut zu erlan­gen, die trotz zahlreicher Verschwörungen und schwerer Bürgerkriege 15 Jahre lang bis 491 behaupten konnte.

 

Seine erneute Machtübernahme fiel zusammen mit dem Ende Roms, dessen neuer Herrscher, der Germane Odoaker, die oströmische Oberhoheit anerkannte, wodurch zwar der Schein des alten Reichs erhalten blieb, Italien jedoch endgültig an die Germanen verloren war. Dagegen sollte sich die östliche Reichshälfte der Germanen vollständig entledigen, indem Zenon die Ostgoten Theoderichs d. Gr. nach Italien ablenkt (488). Ruhe kehrte dennoch nicht ein. Das Kaiserreich wurde zum Schauplatz blutiger Abrechnungen zwi­schen den isaurischen Häuptlingen, von denen der eine die Kaiserkrone trug, die anderen sie zu erlangen trachteten. Der Kaiser führte mehrere Jahre einen regelrechten Krieg gegen seinen ehemaligen Feldherrn Illos und seinen Landsmann Leontios, der sich zum Ge­genkaiser aufgeworfen hatte.

 

Auch das religiöse Problem blieb ungelöst. Der Monophysitismus, die Lehre vom Vorrang der göttlichen vor der menschlichen Natur in Christus, gewann in den orientalischen Gebieten immer größeren Einfluß. Kaiser Basiliskos (475/76) hatte sich bei seinem Putsch gegen Zenon dem Monophysitismus angeschlossen, da er sich hiervon Rückhalt und Machtzuwachs versprach, und durch kaiserli­ches Edikt (Henotikon) die Beschlüsse von Chalkedon aufgehoben, und dem Tomus Leonis verdammt. Dieses auch als ‘Tomus ad Flavianum bezeichnete Lehrschreiben des Papstes Leo vom 13.6.449 ordnete im Gegensatz zur neutralen westlichen Haltung auf dem Konzil von 432 nunmehr auch im Westen die Geltung der Unionsformel von 541 an (vgl. Alberigo, a.a.O., S. 103).

 

Diese Maßnahme, die Entrüstung unter den Anhängern der Zweinaturenlehre in den Kernlanden des byzantinischen Reichs hervor­rief, trug zum Sturz Basiliskos bei. Kaiser Zenon verfolgte demgegenüber eine Politik des Ausgleichs. Er erließ zur Versöhnung der Monophysiten in den orientalischen Provinzen auf Rat des Akacius, Patriarch v. Konstantinopel, das Henotikon, ein Unionsedikt, welches die Glaubensformel von Chalcedon (451) nicht für verbindlich erklärt, auf das Glaubensbekanntnis des Konzils von Kon­stantinopel (381) zurückgriff und die Streitfrage der Physis Christi offenließ. Papst Felix III. (483-492) bannte daraufhin den Patriar­chen Akacius, was zum akakianischen Schisma (482) zwischen Ost- und Westkirche führte. Innerhalb der Ostkirche bildeten nun ex­treme Monophysiten eigene Gemeinden in Syrien und Ägypten.

 

Als Zenon 491 starb, brach die ethnische und die religiöse Frage wieder auf. Man wollte in Konstantinopel nicht länger durch fremds­tämmige Emporkömmlinge und Häretiker regiert werden. Man einigte sich auf den betagten Hofbeamten Anastasios I. (491- 518). Der Kaiser, zunächst hoher Beamter, gelangte 491 durch die Heirat mit der Witwe des Isauriers Zenon, Araidne, auf den Thron. Er sah sich nahezu unüberwindlichen Schwierigkeiten gegenüber. Der Kaiser war ein tüchtiger Administrator, der sich um die Sanie­rung der Staatsfinanzen verdient machte, das Steuersystem reformierte und das von Konstantin d. Gr. geschaffene Münzsystem der ‘folli‘ an den Goldkurs band. Seine Finanzpolitik führte zur Ansammlung eines gewaltigen Staatsschatzes, ohne den die späteren Re­stitutionskriege Justinians I. unmöglich gewesen wären. Es kam unter seiner Herrschaft zu Kämpfen mit den Isaurern, die sich gegen ihre Entmachtung wehrten. Anastasios löste das Problem schließlich durch Deportationen weiter Bevölkerungsteile nach Thrakien.

 

Während der Kaiser die weltlichen Probleme lösen konnte, kam es zu einer Verschärfung der religiösen Krise. Anastasios war ein überzeugter Anhänger des Monophysitismus. Zunächst vertrat er die Position des Henotikon seines Vorgängers, dann gab er aber sei­ner Kirchenpolitik eine immer schärfere monophysitische Richtung und schloß sich schließlich ganz dem Monophysitimus an, was zu Verstimmungen der orthodoxen Byzantiner und schließlich zu einer Kette von Revolten und aufständen führte. Von den politisch ausgerichteten, einander befehdenden Zirkusparteien der Blauen und der Grünen hatten sich die einen für die Orthodoxie, die ande­ren für den Monophysitismus entscheiden, wobei starke soziale Unterschiede zutage traten, denn die Blauen rekrutierten sich vorwie­gend aus Angehörigen der führenden Schichten und der alten Aristokratie, während die andere Partei mehr die Interessen von Handel und Gewerbe vertrat und von der Beamtenklasse unterstützt wurde. Die Förderung der Grünen durch Anastasios beschwor eine ernste Krise herauf. Wegen der monophysitischen Ergänzung des Trisagion ("Dreimal-Heilig") in der Liturgie brach 512 in Konstantinopel ein Aufstand los, der Anastasios fast den Thron gekostet hätte. Die Krise gipfelte in der Erhebung des Vitalian, den Befehlshaber von Thrakien und Vorkämpfer der Orthodoxie, der ab 513 dreimal mit Heer und Flotte bis zur Hauptstadt vorstieß und Konstantinopel be­lagerte. So konnte Anastasios zwar die Unruhe in den monophysitischen Provinzen Ägypten und Syrien besänftigen, erlitt in Kon­stantinopel aber schwere politische Niederlagen.

 

Die nach seinem Tod an die Macht kommende neue Dynastie stammt aus dem lateinisierten Teil der Balkanhalbinsel, welcher damals nicht zum Patriarchat Konstantinopel sondern zum römischen Bistum gehörte. Justin (518-527), ein Offizier bäuerlicher Abkunft aus Makedonien, trat 518 die Nachfolge des Athanasios an. Seine Wahl verdankte er der Machtstellung als Befehlshaber der Exkubiten­garde. In Wirklichkeit aber führte sein Neffe Justinian (527-565), der erst 527 offiziell auf den Thron gelangte, die Regierung, einer der kultiviertesten Geister seiner Zeit, der alle großen Unternehmungen inspirierte und der Sehnsucht der Byzantiner nach Wieder­herstellung des römischen Weltreichs sichtbaren Ausdruck gab. Er brach mit der monophysitischen Politik des Athanasios, um sich Rom nähern zu können und begann mit der Befreiung des Westens aus den Händen der Barbaren. Seinen Generälen Belisar und Nar­ses gelang in zwanzig Kriegsjahren, das einstige Imperium Romanum fast ganz wieder herzustellen. Bereits 534 mußten sich die Vandalen unter Gelimer nach einem einjährigen Feldzug unterwerfen, der 535 begonnene Feldzug gegen die Ostgoten in Italien dage­gen führte zu einem 20jährigen Krieg, den der byzantinische Feldherr Narses, der den glücklosen Belisar ablöste, erst 555 siegreich beenden konnte. Dennoch befand sich der byzantinische Staat nach Ende der Kämpfe in geschwächter Position. Durch die mit der Westorientierung verbundene Entblößng von Ostgrenze und der Donaufront führte zu großem Aufschwung der persischen Macht. Das persische Reich erstreckt sich nun bis nach Kleinasien, im Norden überrannten slawische Horden wiederholt die Donaugrenze und dehnten ihre Raubzüge bis tief nach Griechenland aus. ++++

 

Auch innenpolitisch führte das autoritäre und zentralistische Regime Justinians zu teilweise höchst gefährlichen Krisen. Die Blauen und die Grünen, die in der Verteidigung der alten munizipalen Privilegien ausnahmsweise eine gemeinsame Front gegen die kaiserli­che Autokratie bildeten, riefen den Nikaaufstand aus. Der Widerstand gegen die Zentralgewalt wurde in Blut ertränkt, zahlreiche Ge­bäude brannten nieder, darunter die konstantinischen Kirchen der Hagia Sophia und der Hagia Eirene.

 

Einer der hervorragensten Mitarbeiter Justinians, der Prätorianerpräfekt Johannes von Kappadokien, verbesserte der System der Ver­waltung, wandte sich gegen die Käuflichkeit der Beamtenposten und suchte die Macht des Großgrundbesitzes zu brechen. An diesem Punkt scheiterte seine Politik. Dem Zwang zur Eintreibung der Steuergelder, auf die Justinians Machtpolitik mit ihren kriegerischen Unternehmungen und der kostspieligen Bautätigkeit angewiesen war, setzte die Bevölkerung heftigen Widerstand entgegen. Die Ko­difikation des Rechts wurde im Corpus Iuris durch Tribonian abgeschlossen. Handel und Gewerbe wurden starkgefördert. Die Sei­denstraße nach China führte durch persisches Gebiet und mußte wegen der bestehenden Feindseligkeiten umgeleitet werden, was durch Verhandlungen mit den Türken, den Völkern der Steppen und des Kaukasus gelang. Die Verbindung blieb jedoch unsicher. De Byzantinern gelang es schließlich in den Besitz des Geheimnisses der Seidenherstellung zu gelangen. Konstantinopel, Antiochia, Ty­ros und Beritos bildeten die Hauptzentren der Seidengewerbes.

 

Nicht wenige derinnenpolitischen Schwierigkeiten hatten religiöse Ursachen. Der Kaiser war zugleich Imperator und christlicher Herrscher, er setzte in nie wieder dagewesener Weise die Idee des Christentums mit der Gemeinschaft aller Christen gleich und besei­tigte die letzten Spuren des Heidentums (Schließung der Universität Athen, die dem Neuplatonismus treu geblieben war; Zwang zur Konversion). Die Häresien hatten seit Konstantin die Kaiser wiederholt zum Eingreifen in die religiösen Angelegenheiten veranlaßt, zumal sie nicht nur Ausdruck subtiler Glaubensunterscheidungen waren, sondern meist auch oppositionellen Strömungen Vorschub leisteten. Wie auch seine Vorgänger nahm Justinian gegenüber dem Monophysitimus eine ablehnende Haltung ein, wenngleich er un­ter dem Einfluß seiner Gemahlin Theodora - die Kaiserin hatte durch ihre Herkunft aus dem einfachen Volk des Orients besseren Ein­blick in die Beweggründe und Probleme jener Glaubensrichtung - die Monophysiten schonte. Nur um die Verbindung zum Westen aufrechtzuerhalten, mußte Justinian in Kauf nehmen, daß sich ihm die östlichen Provinzen entfremdeten.

 

Die Entwicklung wurde bis 650 abgeschlossen. Den Byzantinern verblieben: Istrien und die Venetien vorgelagerten Inseln und Lagu­nen; die Romagna mit Ravenna als Sitz des Exarchen; die Pentapolis südlich anschließend bis Ancona; das Dukat von Rom mit Tei­len Südtoscanas und Campaniens; die Südspitzen der Halbinsel. Die Teilung in ein langobardisches (später fränkisches, dann zum deutschen Reich gehörendes) und ein byzantinisches (später z.T. päpstliches) Italien bleibt von schicksalhafter Bedeutung für Italien).

 

Tiberios I. Konstantinos 578-582 setzt den Krieg mit den Persern fort. Italien wird größtenteils an die Langobarden verloren. Vordrin­gen der Awaren und Slawen, Gründung fester slawischer Ansiedlungen im Reichsgebiet (seit 580).

 

Der kriegerische Kaiser Maurikios I. (582-602) sucht vergeblich Italien den Langobarden zu entreißen und gründet die militärisch straff gegliederten Exarchate Kathargo und Ravenna. Er gewinnt während persischer Thronwirren durch Frieden mit Chosrau II. 591 einen großen Teil Armeniens. Kämpfe gegen die Slawen (seit 592). Der Aufstand der Donauarmee unter Phokas (602-610) führt zum Sturz Maurikios und der Schreckensheerschaft gegen die Aristokratie.Verlust der Erwerbungen justinianischer Reconquista. Vorstoß der Perser 605 bis zum Bosporus. Das Reich steht am Rande des Untergangs.

 

610 wird Herakleios I. (610-641) in Karthago zum Kaiser erhoben. Retter des Reichs. Reichsreform. Herakleios führt die unter sei­nen Nachfolgern weitergebildete Themen-Verfassung ein: Kleinasien in vier Themata, Heeresbezirke eingeteilt (unter den Nachfol­gern auch das übrige Reich), deren Befehlshaber an die Spitze auch der Zivilverwaltung treten. Jedes Thema umfaßt mehrere Provin­zen. Ansiedlung der Soldaten, die Landgüter gegen Pflicht des erblichen Heeresdienstes erhalten. Dadurch starke Vermehrung des kleinen Grundbesitzes. Das römische Armenien und Mesopotamien, Syrien und Ägypten gehen an Chosrau II. Parwez (591-628) ver­loren. Während der Kaiser (seit 622) gegen die Perser in Kleinasien kämpft, Doppelangriff der Awaren-Slawen und Perser auf Kon­stantinopel 626 zurückgeschlagen.

 

 

 

 

 

2. Das Hohe Mittelalter - Die Mittelbyzantinische Zeit 842 - 1204_

 

 

a. Einleitung:

 

Nach der Abwehr der Perser- und Arabergefahr leitet die Überwindung der ikonoklastischen Bewegung eine Periode höchster kultu­reller und politischer Machtentfaltung ein, die gekennzeichnet ist durch die Verselbständigung der byzantinischen Kirche seit Photios, die Leistungen auf dem Gebiet der Gesetzgebung und Verwaltung unter Basileios I. (867-886) und Leon VI. (886-912), die Maßnah­men der Kaiser zum Schutz des Kleingrundbesitzes im Interesse der Sicherung der Finanz- und Wehrkraft des Staates sowie die gro­ßen militärisch-politischen Erfolge gegen die Muslime und die Bulgaren.

 

Mit dem Tode Kaisers Basileios´ II. beginnt der allmähliche Rückgang der politischen Macht im Innern und nach außen. Die zu­nächst anhebende Friedensperiode bedeutet zwar eine Blüte der Kultur, das Vordringen der Feudalmächte gegen die erschlaffende Zentralgewalt aber die Auflösung des von Herakleios gegründeten Staates und die völlige Aushöhlung der Steuer- und Wehrkraft. Auf diesem Wege, an dessen Ende die Vernichtung durch die Türken steht, sind die Eroberung Konstantinopels durch dir Kreuzfahrer und die Errichtung des lateinischen Kaisertums bedeutsame Ereignisse, nach denen dann die Kaiserstadt völlig an die Peripherie rückt. Bestimmt wird diese Epoche durch die Herrschaft der städtischen Beamtenaristokratie bis , danach durch die des Militäradels in der Provinz. Der Umfang des byzantinischen Reiches, das unter Justinian noch etwa Millionen Einwohner gehabt hatte, ist um die Mitte des 11. Jhs. auf ca. 1 110 000 qkm mit ca. 20 Millionen und unter den Komnenen auf ca. 650 000 qkm und rund 10-12 Millio­nen geschrumpft, von denen zu Beginn des 13. Jhs. fast eine Million in der Hauptstadt leben.

 

Der Sieg der Orthodoxie über die ikonoklastische Bewegung auf der Synode von 843 mit der feierlichen Wiederherstellung des Bil­derdienstes leitet nicht nur eine neue Periode kirchlicher Kunst (beginnend mit der Theodosia-Kirche, jetzt Güldjami in Konstantino­pel), sondern auch eine neue Epoche byzantinischer Machtentfaltung ein und sichert Byzanz endgültig die kulturelle Eigenständigkeit zwischen dem Orient und dem Okzident. Zugleich ist der Versuch einer restlosen Unterwerfung der Kirche unter die Staatsgewalt ge­scheitert. Unter Michael III. (842-867) liegt nach seinem Staatsstreich (856) die Leitung des Reichs in den Händen Bardas´, der die Hochschule am Magnaurapalast als Zentrum der Wissenschaft begründet und den berühmtesten Gelehrten und Diplomaten, Photios, 858 auf den Patriarchenstuhl beruft. Unter ihm erfährt die Lösung vom römischen Kirchenuniversalismus 867 (Bannung des Papstes Nikolaus I., Verwerfung der römischen Lehre und Abweisung aller Eingriffe Roms in die Angelegenheiten der byzantinischen Kir­che) eine weitere Steigerung. Es beginnt die gewaltige Ausdehnung des Wirkungsbereiches der byzantinischen Kirche innerhalb der slawischen Welt: Entsendung des Brüderpaares Konstantin und Methodios in das Mährenreich; der Bulgarenchan Boris nimmt unter byzantinischem Druck 865 die Taufe an; mit dem russischen Reich (860 Abwehr des ersten Angriffs der Russen auf Konstantinopel) werden wirtschaftliche Beziehungen aufgenommen, die von missionarischen Bestrebungen begleitet sind. Während des Vordringens der Araber nach Sizilien und Unteritalien nicht aufzuhalten ist, bedeutet der 863 erfochtene Sieg des Petronas über den Emir von Me­litene den Beginn der byzantinischen Offensive in Asien und im Mittelmeer.

 

 

b. Die makedonische Dynastie:

 

Diese glanzvolle Entwicklung erfährt unter dem skrupellosen, doch staatsklugen Emporkömmling Basileios I. (867-886), dem Be­gründer der makedonischen Dynastie, ihre Fortsetzung: 870 erkennt Bulgarien die Hoheitsrechte des byzantinischen Patriarchats an. Der byzantinische Einfluß bei allen Slawen der Balkanhalbinsel erstarkt und fördert die Christianisierung; in Süditalien wird die by­zantinische Autorität wieder hergestellt (873 Benevent, 876 Bari); erfolgreiche Kämpfe gegen die Araber. Im Innern starke Förderung der griechischen Kultur und Rechtserneuerung. Sammlung von Vorschriften des bürgerlichen und öffentlichen Recht, das Procheiron, zwischen 870 und 879 publiziert; das vom Patriarchen Photios entworfene Gesetzbuch, die Epanagoge, worin die ‘Zweigewaltenleh­re’ als Ausdruck politischer Bestrebungen innerhalb der östlichen Kirche enthalten ist, ist vom Kaiser niemals unterzeichnet worden. die von Photios (um 820-897) gepriesene Palastkirche Nea ist nicht erhalten, wirkt aber als Vorbild des neuen Stils der Kreuzkuppel­kirchen fort. Photios´ ‘Bibliothek’ (Inhaltsangaben) eröffnet die literarische Sammeltätigkeit der Periode. Sein Schüler Arethas von Caesarea, auch als theologischer Kommentator angesehen, leistet Entscheidendes für die Erhaltung wertvoller Texte der Antike. Gleichzeitig werden die antiken Epigramme gesammelt (Anthologia Palatina).

 

Unter Leon VI, dem Weisen (886-912), der als Schriftsteller und Rhetor hervortritt, wird das begonnene legislatorische Werk abge­schlossen durch die Anlage der größten Gesetzessammlung für das kanonische, bürgerliche und öffentliche Recht in griechischer Sprache (Basilika), die wegen ihrer übersichtlichen Systematik zur Grundlage des gesamten byzantinischen Rechtswissens wird und das Corpus iuris Justinians ersetzt. Das Gesetzeswerk Leons VI. in der sog. Novellensammlung spiegelt die Allgewalt des Herrschers in Verwaltung, Heer und Justiz und die völlige Bürokratisierung des Staatsapparates; allein gegenüber der Kirche ist seine Stellung aif doe Rolle des Beschützers beschränkt und von der entscheidung der Kirche abhängig. Themenorganisation (12 Themen in Asien, 14 in Europa, dazu 2 Themen auf der See, mit Strategen an der Spitze als Befehlshaber der lokalen Truppen und zulgeich als Leiter der Lokalverwaltung) und Beamtenapparat werden ausgestaltet, Gewerbe und Handel in Zünften organisiert und kontrolliert durch den Eparchen von Konstantinopel und seine Beamten. Die Zentralverwaltung diktiert das Handelsvolumen und bestimmt die Preise. Das Aufsteigen von Magnatengeschlechtern zu einer Großgrundbesitzerklasse bereitet den Feudalisierungsprozeß vor. Das Vordrin­gen der Araber auf Sizilien und in der Ägäis (902 fällt Taormina, der letzte byzantinische Stützpunkt auf Sizilien, 904 wird Thessalo­niki geplündert), der Angriff der Russen auf Byzanz (907) sowie die Kriege mit Symeon von Bulgarien bringen Byzanz in schwere Bedrängnis.

 

Durch geschickte Abwehr und kluge Diplomatie Romanos I. Lakapenos (920-944) (armenischer Bauernsohn, Befehlshaber der kai­serlichen Marine, der den jungen Thronfolger Konstantin VII. zu seinem Schwiegersohn macht, seit 920 Mitkaiser, seit 922 Haupt­kaiser) scheitern Symeons Pläne und wiederholte Angriffe auf Byzanz (913, 917; Vertrag 924), das durch seinen Tod von seinem ge­fährlichsten Gegner erlöst wird und mit Bulgarien in eine Periode friedlicher Beziehungen tritt. Im Innern sucht der Kaiser durch klu­ge Geset-zgebung den Kleinbesitz gegen die wachsende Macht desGroßgrundbesitzadels zu schützen. Eindrucksvolle Siege der By­zantiner unter Johannes Kurkuas über die Russen (941) und die Araber (943) steigern das Ansehen des byzantinischen Reiches und fördern sein Vordringen nach Osten (Reichsgrenze bis Euphrat und Tigris vorgeschoben). Auf der Höhe seiner Macht wird Romanos I. von seinen Söhnen gestürzt (944) und stirbt in der Verbannung (948).

 

Die Früchte ihres Sieges erntet der legitime Konstantin VII. Porphyrogennetos (945-959), der vor allem eine bedeutende Epoche wis­senschaftlicher Aktivität heraufführt (auch berühmte Leistungen der Buchmalerei, Pariser Codex des Gregor von Nascianz nach anti­ken Vorbildern; Legendensammlung des Symeon Metaphrastes, Chroniken des Symeon Logothetes, des Johannes Genesios, des sog. Theophanes contunuatur; Exzerpten-Literatur, auch vom Kaiser selbst).

 

Durch seine Gesetzgebung schützt er ebenfalls den Kleingrundbesitz und die Soldatengüter. Die machtvolle Familie der Phokas wird seine wichtigste Stütze. Die Beziehungen zum Kiewer Staat werden durch den Besuch der Fürstin Olga in Konstantinopel 967 inten­siviert.

 

 

 

 

 

V. Geschichte Griechenlands vom Mittelalter bis zur Neuzeit

 

 

1. Griechenland und Türkei vom Fall Konstantinopels bis zu den Befreiungskriegen

 

Zu Beginn des 16. Jhs. nach der Einnahme von Konstantinopel sind der Balkan, Griechenland, das genuesische Inselreich in der Ägä­is in türkischer Hand, die Walachei, Moldau und Krim unter türkischer Tributherrschaft.

 

Sultan Mehmet (auch Mohammed II.) Fatih (der Eroberer) (1451-1481), ließ 11 Moscheen und den Serail erbauen.

 

Bejazid II. (auch Bajezid) (1481-1512) erbaute in Konstantinopel die gleichnamige Moschee von 1497-1503.

 

Sultan Selim I. Yavuz (der Gestrenge) (1512-1520) erobert im Kampf mit Persien Mesopotamien, Syrien und Ägypten. Seitdem tra­gen die türkischen Sultane auch die (geistliche) Kalifenwürde.

 

Süleyman I. der Große (1520-1566) (in der älteren Literatur auch als Süleyman oder Soliman II. bezeichnet), trägt den Beinamen Kanuni (der ‘Gesetzgeber’, im Abendland der ‘Prächtige’), Urenkel Mehmet II, war der mächtigste Sultan der osmanischen Ge­schichte. Er eroberte 1521 Belgrad, 1522 und steht in Bündnisbeziehungen mit Frankreich, erneuert den Krieg gegen die Magyaren. In der Schlacht von Mohacs 1526 werden die Ungarn unter dem Magnaten Ludwig vernichtend geschlagen; Buda und Pest werden von den Türken erobert und das Land verwüstet. Süleyman unterstützt in der Folge den Gegenkönig Ferdinands von Österreich in Ungarn Johann Zapolya, besetzt Ofen und erscheint 1529 vor Wien. Die erste türkische Belagerung Wiens mußte jedoch bald wieder aufgegeben werden. 1530 werden die Johanniter auf Malta angesiedelt zum Kampf gegen die Türken.

 

1533 kommt es zum Waffenstillstand mit Österreich, der den größten Teil Ungarns unter dem Tribut zahlenden Zapolya den Türken sichert. Die 1536 mit Franz I. geschlossenen, in der folge häufig erneuerten Kapitulationen schützen den französischen Levantehan­del. In türkischen Dienst tritt der Korsar Chaireddin Barbarossa, der an der nordafrikanischen Küste eine Seeherrschaft errichtet. Es kommt zu Kämpfen mit den Spaniern und Venezianern. 1543 wird Ungarn nach dem Tod Zapolyas türkische Provinz. Die Kämpfe mit Habsburg in den nächsten beiden Jahrzehnten lassen den Besitzstand im wesentlichen unverändert. 1550 wird die Moschee Sü­leymans des Prächtigen durch den Baumeister Sinan vollendet.

 

Unter Selim II. (1566-1574) wird 1571 Cypern erobert, auf das Venedig verzichten muß. Es kommt 1751 zu einem Seekrieg Spaniens im Bunde mit dem Heiligen Stuhl und Venedig gegen die Osmanen. 1751 wird die türkische Flotte in der Seeschlacht von Lepanto (Naupaktos) von den Spaniern und Juan D´Austria vernichtet. Die Türken verloren in dieser Auseinandersetzung 130 Galeeren und Tausende von Soldaten. Spanien ist von da an vorherrschend im Mittelmeer.

 

Sultan Murad III. (1574-1595) schließt 1590 Frieden mit Persien, wobei die georgischen Fürstentümer türkische Vasallen werden (1577 Tiflis, 1579 Kars eingenommen).

 

Seit der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts kommt es unter schwächeren Herrschern zu einer Lockerung der Reichseinheit durch Thron­folgekämpfe, Illoyalität und Rebellionen der Stadthalter (Vererblichung der Dienstlehen), Revolten der Janitscharen, die das Zölibat durchbrechen und zu erblichem Berufsstand werden. Finanzkrisen erschüttern das Reich. Häufige Konflikte mit den abhängigen Randländern (Drusen, Krimtartaten, Siebenbürgen) und der starke Druck der Nachbarstaaten in Asien und Europa auf die lange Reichsgrenze (Iran, Polen, Österreich, Venedig, seit dem Ende des 17. Jahrhunderts Rußland) bestimmen die äußere Lage.

 

Trotz neuer Kämpfe mit Österreich (Ziel ist die Eroberung Böhmens) unter Sultan Mehmet III. (1595-1603) wird der status quo unter Sultan Ahmed I. (1603-1617) im Waffenstillstand von Zsitva-Torok 1606 bestätigt.

 

Nachfolgende Sultane sind: Osman II. (1618-1622), Murad IV. (1623-1640), Ibrahim (1640-1648) und Mehmet IV. (1648-1687). Vorübergehende Konsolidierung durch Großwesir Mohammed Köprülü, der Statthalter und Magnaten mit Gewalt zum Gehorsam zwingt, die Finanzen ordnet und die Grenzen durch Sieg über Siebenbürgen und gegen Venedig sichert. 1663 kommt es zum erneuten Einfall in Ungarn, und zur türkischen Niederlage bei St. Gotthard a.d. Raab gegen die Österreicher unter Graf Montecuccoli und bei Mogersdorf im Burgenland. 1669 wird Kreta vollständig besetzt nach der Eroberung der seit 1645 belagerten Festung Kandia (dem heutigen Iraklion); nur die vorgelagerten Inseln bleiben venezianisch.

 

1683 kommt es zum zweiten österreichisch-türkischen Krieg. Die Türken marschieren auf Einladung ungarischer Magnaten gegen Wien, das vom 17.7.-12.9.1683 belagert wird. Die Stadtverteidigung erfolgt unter Ernst Rüdiger Graf Starhemberg und Bürgermeis­ter Liebenberg; Befreiung durch das Reichsheer mit polnischer Hilfstruppe unter dem Oberbefehl des nächst dem Kaiser Ranghöchs­ten, des Königs von Polen, Johann Sobieski, und unter der Leitung des Herzogs Karl von Lothringen. Der Entsatz Wiens durch den Sieg am Kahlenberge 1683 eröffnet den Angriffskrieg gegen die Türken, der zur österreichischen Eroberung Ungarns unter den Feld­herrn Kürfürst Max Emanuel von Bayern und Markgraf Ludwig von Baden ("Türken-Louis") führt.

 

1684 erfolgt die Gründung der sog. ‘Heiligen Liga’ zum Kampfe gegen die Türken unter dem Protektorat des Papstes Innocenz XI., der den Beitritt Venedigs zum österreichisch-polnischen Bündnis bewirkt und Subsidien zahlt. 1686 tritt auch Moskau der Liga bei. Im gleichen Jahr verlieren die Türken Buda, und erleiden bei Mohacs 1687 eine weitere Niederlage. 1687-88 ist Athen venezianisch. Nach einem vergeblichen russischen Angriff auf die Krim, kommt es 1687 in Istanbul zum Sturz des Großwesirs und zur Absetzung des Sultans.

 

Unter der Regierungszeit Sultans Süleyman II. (1687-91, Bruder Mehmet IV.), wird Belgrad 1688 von den Türken verloren, jedoch 1690 wiedergewonnen. Sultan Ahmet II. regiert von 1691-1695. Sultan Mustafa II. (1695-1703) entsetzt selbst Temesvar, wird jedoch 1697 bei Zenta durch Prinz Eugen von Savoyen (1663-1736) geschlagen. Nachdem Rußland 1695 in den Krieg an der Seite Öster­reichs eintritt kommt es am 26. Jan. 1699 zum Friedensschluß von Karlowitz. Kamieniec und Podolien-Ukraine fallen wieder an Po­len, die Morea und die dalmatinischen Städte an Venedig, Ungarn an Österreich. Nach der Absetzung des Sultans ergreift dessen Bru­der Ahmed III. (1703-1730) die Macht. 1710 kommt es zum russisch-türkischen Krieg, der mit der Niederlage der Russen im Juli 1711 endet. Der Türkenkrieg (1714-1718) beginnt mit der Kriegserklärung 1714 an Venedig. Die Morea wird türkisch besetzt, die letzten Inseln vor Kandia von den Türken erobert. Korfu wird vom venezianischen Feldmarschall Matthias von der Schulenburg ver­teidigt und gegen die Türken behauptet. Auch Österreich wird in den Krieg hineingezogen: Prinz Eugen siegt in der Schlacht von Pe­terwardein 1716. Temesvar kapituliert, das Banat wird erobert. 1717 siegt Prinz Eugen bei Belgrad über ein doppelt so türkisches Entsatzheer und erzwingt die Kapitulation der Festung. Es ist der glänzendste Sieg des Prinzen, verewigt im volkstümlichen Solda­tenlied vom ‘edlen Ritter’. Im Frieden von Passarowitz (21. Juli 1718) erhält Österreich das Banat, Nordserbien mit Belgrad, einen Teil der kleinen Walachei, Teile Bosniens, Venedig verliert Morea und Kandia, behält Korfu, die Ionischen Inseln und Dalmatien.

 

Mahmut I. (1730-1754) wird von einem Janitscharen-Aufstand (1730-1732) zum Sultan erhoben. 1736 schließt er einen Friedensver­trag mit Nadir Schah der Persien erobert hatte. 1735 russischer Angriff auf Azov, 1737 Eingreifen Österreichs. 1739 wird Belgrad er­neut türkisch. Österreich verzichtet im Friedensvertrag auf allen Gewinn von 1718.

 

1740 erkennt die Türkei das französische Protektorat über die Christen im Orient an.

 

Von 1754-1757 regiert Sultan Osman III., dann Mustafa III. (1757-1774). 1761 kommt es zum Freundschaftsvertrag mit Preußen, doch ohne Eingreifen. Die Vernachlässigung des Heeres zeigt Spätfolgen. Der 1768 begonnene krimtartarische Angriff auf russisches Gebiet führt zum russisch-türkischen Krieg 1768-1774. 1770 kreuzt die russische Flott in der Ägäis, die Türken erleiden eine schwe­re Niederlage in der Schlacht von Tschesme 1770. In den Balkanländern beginnen mit dem russischen Eingreifen seit 1770 Unabhän­gigkeitsbestrebungen. Auf den Kykladen finden 1770 Aufstände statt. 1771 wird die Krim russisch, 1772 wird ein Waffenstillstand geschlossen, 1773 werden die Russen über die Donau zurückgedrängt. Unter der Regierung des Sultans Abdül Hamit I. (1774-1789) wird nach der türkischen Niederlage bei Schumla der Frieden von Kütschük-Kainardschi geschlossen, der die Unabhängigkeit der Krimtartaren regelt und Rußland an Dnjepr-Mündung einen schmalen Zugang zum Schwarzen Meer, dazu die Meerenge von Kertsch und freie Handelsschiffahrt auf den türkischen Gewässern einräumt. Dagegen werden die russischen Eroberungen in der Moldau und Walachei an die Türkei zurückgegeben. Rußland erwirbt das Recht, zugunsten dieser Fürstentümer und der griechisch-orthodoxen Kirche in der Türkei Vorstellungen zu erheben, die die Hohe Pforte zu beachten verspricht.

 

1787-1792 kommt es erneut zum russisch-türkischen Krieg. Die Rückeroberung der Krim wird durch Suvorov vereitelt. Von 1788-1807 regiert Sultan Selim III. Im Friedensvertrag von Sitowa 1791 werden die Moldau und Walachei ohne Orschowa wieder tür­kisch. Rußland erhält im Frieden von Jassy 1792 das Küstenland am Schwarzen Meer bis zum Dnjestr. 1804 kommt es zum Aufstand in Serbien. 1805 plant Selim III. eine Heeresreform nach französischem Vorbild, wird jedoch daraufhin durch einen Janitscha­ren-Aufstand 1807 zur Abdankung gezwungen. Der 1807-1808 regierende Sultan Mustafa IV. wird als reaktionär gestürzt. Sein Nachfol­ger Sultan Mahmut II. (1808-1839) greift das von Rußland unterstützte Serbien an, was zum Verlust von Nikopolis, Silistra und Rust­schuk führt. Im Frieden von Bukarest 1812 legt den Pruth als Grenze gegen Rußland fest.

 

Die Lage im Vorderen Orient: Kleinasien ist im 18. Jahrhundert fest in der Hand der Türkei, zerfällt aber in Lokalfürstentümer von Derebis (Talfürsten), die erst Mahmut II. beseitigt. Erst durch den Vorstoß Mehemed Alis von Ägypten (1832-33) bis nach Kutahija wird das Land von kriegerischen Ereignissen betroffen. Syrien ist unter Dschessar Pascha nahezu unabhängig. Im arabischen He­dschas breitet sich seit 1740 von Derija aus die religiöse Reformbewegung der Wahbiten unter Mohammed ibn Abdalwahhab aus. Sie erreicht 1788 Kuwait, 1801 Kerbela, das geplündert wird, 1803 Mekka, 1804 Medina (Zerstörung der Grabheiligtümer), dann Alep­po. Medina wird 1812, Derija 1818 von Mehemed Alis Söhnen befreit. Reststaat in Riad bei Derija, dann in Ha-il. Auswanderung vieler Anhänger nach Indien. In Ägypten kommt es 1771 zur Erhebung der Mamelukken, die seither wieder die Herrschaft ausüben.

 

In Nordafrika stehen die Berberstaaten in einem lockeren Abhängigkeitsverhältnis zum Osmanischen Reich: Tripolis unter den Karam­anlin als erblichen Paschas seit 1714, Tunis nur 1775-1782. Mangels einer Flotte kann die Pforte die Verbindungen nicht enger knüpfen.

 

 

 

2. Griechenland im Befreiungskrieg

 

Als Theokratie vermochte das Osmanische Reich die unterjochten Völker nicht nach ihrer ethnischen, rassischen oder nationalen, sondern nur nach ihrer religiösen Zugehörigkeit zu unterscheiden. Daher erkannte das Sultanat von Anfang an die Orthodoxe Kirche als juristische Person und den Patriarchen von Konstantinopel als deren legales Oberhaupt - im Range eines Paschas "mit drei Roß­schweifen" an. Die dem Patriarchen im byzantinischen Reich eingeräumten Vollmachten wurden noch erweitert (Steuerfreiheit, Rich­teramt in allen zivilrechtlichen und familienrechtlichen Angelegenheiten). Die Kirche war daher nicht nur Träger des Rechts, sondern auch weiter Gebiete der Verwaltung, wodurch nach dem Prinzip ‘teile und herrsche’, die Verantwortung für die innere Ordnung und Ruhe der unterworfenen orthodoxen Bevölkerung dem gegenüber der Hohen Pforte verantwortlichen Bischöfen zugeschoben, zu­gleich aber auch jede Berührung mit den "Christenhunden" weitgehend vermieden werden sollte. Der Verantwortungsbereich des Pa­triarchen umfaßte nicht nur die Griechen, sondern sämtliche Angehörige des Orthodoxen Bekenntnisses.

 

Die Griechen sahen deshalb im Patriarchen den Nachfolger der byzantinischen Kaiser, und klammerten sich an ihn mit ihrer Hoff­nung auf nationale Wiedergeburt. Die Orthodoxe Kirche erfüllte diese Erwartungen weitestgehend, sie war, wo immer sie konnte, Schutz und Schirm für das nackte Leben. Sie bewahrte die für die griechische Identität kostbare griechische Sprache, trotzte dem Lehrverbot durch Einrichtung geheimer Schulen und die Einstellung von Lehrern, die das kulturelle Erbe weitergaben. Die Kirche stand - zumindest hinsichtlich des niederen Klerus, der in geringerem Maße der türkischen Kontrolle ausgesetzt war - bereit und in der vordersten Linie, als die Stunde der Befreiung schlug.

 

Die Intensität der türkischen Balkanherrschaft wies große örtliche Unterschiede auf. Die von den Türken geförderte Sonderstellung der Griechen im osmanischen Reich führte besonders seit dem 18. Jh zu weitgehender Gräzisierung der balkanischen Führungs- und Bildungsschichten. Sie bot günstige Voraussetzungen für den griechischen Unabhängigkeitskampf: Handelsaristokratie, besonders das Fanar (Griechenviertel in Istanbul) und die Inselbevölkerung monopolisierte große Teile des Reichshandels; z.T. weitgehende lo­kale Selbstverwaltung (Handelsrepublik Hydra); Einfluß der griechisch-orthodoxen Kirche; Zusammenwirken antiker und byzantini­scher Erinnerungen mit französischen Revolutionsideen bilden die Grundlage für den Aufstand. Mit dem Handel nahm die griechi­sche Flotte eine gewaltigen Aufschwung, der später dem Freiheitskampf zugute kam, zumal die Schiffe, zum Schutz gegen die algeri­schen und marokkanischen Seeräuber mit Kanonen bewaffnet werden durften. 1816 zählte die Flotte 600 Einheiten mit 17000 Matro­sen und 6000 Kanonen.

 

Neben der Kirche wurde auch den Gemeinden - besonders auf den Inseln - administrative Befugnisse übertragen. Die osmanische Praxis, die Steuern distriktweise einzuziehen, förderte die Selbstverwaltung. Ähnliche Auswirkungen hatte das Prinzip der Steuer­pacht, bei dem die Steuererhebung durch griechische Steuerpächter (Kotzambassides) erfolgte. Die ökonomische Entwicklung ver­half dem Griechentum zu einer Sonderstellung im osmanischen Reich. Insgesamt keimte unter dem Panzer türkischer Besetzung die griechische Autonomie wieder auf, und legte die Wurzel des späteren Aufstandes.

Kulturell ging es mit Griechenland in der Türkenzeit steil abwärts. Es gab keine Schulen und Universitäten, Kunst und Wissenschaft kamen fast völlig zum Erliegen, nur in einzelnen abgelegenen Klöstern fand sie dürftiges Asyl. Die Lehrtätigkeit, welche der niedere Klerus mancherorts im geheimen ausübte, ging kaum über die Vermittlung von Elementarkenntnissen hinaus. Auch sorgten die Tür­ken bis zur Mitte des 17. Jh. für eine fast hermetische Abkapslung des Landes nach außen. Die heimische Intelligenz emigrierte weit­gehend.

 

Der Sprengstoff des Aufstandes kam aus der griechischen Kirche, die der nationale Kampf des Volkes mit dem gegen die Ungläubi­gen verknüpfte, und von den Auslandsgriechen. Die Phanarioten, die gemeindliche Selbstverwaltung trugen im Inland die Freiheits­bestrebungen, während von den Inseln und den Kaufleuten, sowie von den Auslandsgriechen Unterstützung und revolutionärer Elan kam. Den Grundstock für das Heer stellten die kampferprobten Klephten und Armatolen, für die Kriegsmarine die schlagkräftige Handelsflotte. Die Auslandsgriechen nutzen die europäische Begeisterung für die antike und das Griechentum, und wurden gewisser­maßen zur public-relations-Abteilung.

 

Alle diese Quellen flossen in der konspirativen Geheimgesellschaft der "Philiki Etairia" zusammen, die 1814 in Odessa von griechi­schen Kaufleuten gegründet wurde, und als sog. Hetärie der Philiker, organisiert in Ephorien (Ortsgruppen) die Kräfte sammelte, auf die öffentliche Meinung Europas wirkte und den Aufstand vorbereitete. Das Netz dieses Freundschaftsbundes umfaßte ganz Grie­chenland und alle griechischen Kolonien im Ausland, von ca. 2 Millionen Griechen gehörten ihr etwa 200000 an. Sie besaß beste Be­ziehungen zu Rußland, was dem späteren Aufstand zugute kommen sollte, zumal sich die Russen als Vorkämpfer der Orthodoxie und Nachfolger der byzantinischen Herrscher verstanden.

 

Aufgrund dieser Unterstützung erklärte die Pforte am 4. Oktober 1770 Rußland den Krieg. Als 1770 in der Ägäis eine russische Flot­te auftauchte, erhoben dich die Inseln und kurz darauf - unterstützt von einem russischen Landungskorps - auch der Peloponnes. Der Aufstand wurde von den Türken mit Hilfe einer Skipetarentruppe blutig niedergeschlagen, die Skipetaren wüteten neun Jahre im Land. Hölderlin legte eine Generation später diese Ereignisse seinem "Hyperion" zugrunde. Die Inselgriechen konnten sich demge­genüber aufgrund des russischen Sieges in der Seeschlacht bei Tschesme 1770 behaupten und erlangten im Frieden von Küt­schük-Kainarschi 1774 Amnestie und weitere Rechte. Geringere Fortschritte brachte der Freiheitsbewegung der Friede von Jassy, der den -ebenfalls von einem griechischen Aufstand begleiteten Krieg von 1788 bis 1792 beendete. Die Griechen setzten jedoch auch weiter­hin auf die russische Großmacht.

 

Die russisch-türkischen Kriege förderten jedoch den Zerfallsprozeß des osmanischen Reiches, dem die Zentralgewalt seit einem Jahr­hundert mehr und mehr entglitt, mit der Folge des Emporkommens der Provinzstatthalter. Es sei nur an Ali Tepenli, seit 1788 Pascha von Ioannina erinnert, der sich das Epirus, Teile Albaniens und Makedoniens und Thessaliens angeeignet hatte. Zur Unterstützung seiner Autonomiebestrebungen berief er Griechen in wichtige politische und militärische Ämter, darunter die späteren Truppenführer im Freiheitskrieg Odysseus von Ithaka und Georgios Karaïkakis.

 

Infolge der führenden Stellung der Griechen auf der ganzen Balkanhalbinsel bedeutete die griechische Erhebung mehr als einen Be­freiungsversuch Griechenlands, der Aufstand rührt vielmehr an die Grundlagen des türkischen Reiches, weil er das ganze inneren Ge­füge des Vielvölkerreiches und zugleich seine Mittelmeerstellung in Frage stellt. Aufrüttelnd wirken die volkstümlichen Kampflieder des (1798 von den Türken hingerichteten) Dichters Rigas. Der in Paris lebende Philosoph und Philologe Adamatios Korais (1748-1833) (Schöpfer der neugriechischen Schriftsprache) wirkt für die geistige Wiedergeburt und die politische Befreiung Griechenlands.

 

Der Unabhängigkeitskrieg dauert von 1821-1829. Ausgangspunkt war eine Meuterei des asiatischen Paschas gegen die Hohe Pforte 1821, nachdem schon vorher, in den Jahren 1804-1817 die Serben einen halbautonomen Status erkämpft hatten. Jetzt schien für die Griechen, die mit russischer Unterstützung rechneten, die Stunde zum Aufstand gekommen. Der der Philiki Etairia nahestehende Graf Giovannis Kapodistrias aus Korfu war Staatssekretär im russischen Außenministerium geworden, und hatte zwar den Vorsitz der Etairia abgelehnt, doch war auf seinen Rat hin Prinz Alexander Ypsilanti 1818 mit dem Vorsitz der Etairia betraut worden, der in der russischen Armee als Generalmajor und Adjutant Zar Alexanders I. diente.

 

Die Etairia hatte als Beginn der Erhebung den 25. März 1821 bestimmt. Als Ypsilanti Verrat witterte, schlug er früher los, und über­schritt am 22. Februar 1821 die russische Grenze am Pruth mit einer kleinen Freiwilligenschar, der "Heiligen Kompanie" und rief am 7. März in Jassy zum Aufstand auf. Die Großmächte, die seit Ende der Napoleonischen Kriege, nach dem Wiener Kongreß eine Re­staurationspolitik verfolgten, verweigern jedoch jede Unterstützung als Ypsilanti von der russischen Grenze her in der Moldau einfiel, zumal dem Abenteurer auch die Volksmeinung nicht entgegenkam, auf er gezählt hatte. Auch England setzte auf eine starke Türkei als Riegel gegen Rußland am Bosporus. Nach wenigen Gefechten mit den Türken wurde Ypsilanti in der Schlacht bei Dragatsani am 7. Juni geschlagen, mußte auf österreichisches Gebiet übertreten, wo er bis 1827 gefangen gehalten wurde und kurz nach seiner Freilassung starb.

 

Nach während Ypsilanti in Rumänien sein Glück versuchte, schlugen am 23. März 1821 die Manioten unter Kolokotronis in Kalama­ta los, am 25. März proklamierte Bischof Germanos von Patras im Kloster Agia Lawra offiziell den Freiheitskrieg. Sogleich flammte der Aufstand auf nahezu der ganzen Peloponnes auf, und griff kurz darauf auf das Festland über. Die Hohe Pforte konzentrierte sich in fehlerhafter Einschätzung der Lage zunächst auf den abtrünnigen Ali Pascha in Ioannina, der ihr gefährlicher erschien als die grie­chische Erhebung. Es kam zur Erhebung des ganzen griechischen Volkes. Kolokotronis wurde Oberbefehlshaber. Am Ende des ersten Kriegsjahres war die Peloponnes weitgehend in griechischer Hand, die türkischen Truppen hatten sich in die Festung Tripolis zurück­gezogen, die nach halbjähriger Belagerung fiel, nachdem ein türkisches Entsatzheer bei Valtetsi geschlagen worden war. Auch in Ätolien und im Südepiros hatten die Griechen Fuß gefaßt.

 

Am 13. Januar 1822 (dem griechischen Neujahrsfest) erfolgte die Verkündung der Unabhängigkeit des hellenischen Volkes und eines Verfassungsgesetzes (Volkssouveränität) auf dem Nationalkongreß zu Epidauros, auf dem zugleich der Phanariote Alexander Mavro­kordates zum ersten Präsidenten gewählt wurde. Die Regierung blieb jedoch ein ‘Papiertiger’, es gelang ihr nicht, die Zentralgewalt gegen die verschiedenen unabhängigen Führer der einzelnen Aufstandsgebiete durchzusetzen. Auf der zweiten Nationalversammlung 1823 in Astros kam es unter den Griechen zum Bruch und nachfolgend zum Bürgerkrieg, in dessen Verlauf der Oberbefehlshaber Ko­lokotronis zeitweise inhaftiert wurde.

 

Inzwischen hatte die Hohe Pforte die Gefahr erkannt, die vom Aufstand ausging, und setzte nach der Liquidierung Ali Paschas, der auf einer Insel im See von Ioannina von türkischen Truppen überrascht und hingerichtet worden war, die nunmehr freiwerdenden Kräfte unter General Hurlit gegen die aufständischen ein. Dessen Anfangserfolge in Westgriechenland endeten jedoch vor dem Mau­ern der Lagunenstadt Missolounghi, bei deren Belagerung die türkischen Truppen aufgerieben wurden. Auch der zweite Gegenangriff der Türken unter General Dramali auf der Peloponnes scheiterte am entschlossenen griechischen Widerstand. Bei Delvenikia erlitten die Türken am 26. Juli 1822 eine vernichtende Niederlage. Es kam daraufhin bis 1825 zu keinen nennenswerten Operationen der Tür­ken zu Lande.

 

Demgegenüber ging der Kampf auf See unvermindert weiter. Die türkische Flotte war den Griechen aufgrund der weitaus besseren Bewaffnung und der Zahl großer Kriegsschiffe weit überlegen, und blockierten die Seehäfen, um die Versorgung der Griechen zu un­terbinden. Die Griechen setzten der türkischen Flotte jedoch mit Selbstmordkommandos auf Branderschiffen stark zu, und konnten bei Mytilene und Tenedos große türkische Kriegsschiffe vernichten. Bei Chios sprengte Kanaris das Flaggschiff der osmanischen Flotte samt Admiral und 2000 Mann Besatzung, was die Türken zum Abzug ihrer schweren Einheiten veranlaßte. Noch wichtiger war jedoch die Brechung der Seeblokade der belagerten Hafenstädte Nauplia und Missolounghi sowie die Abwehr eines türkischen Landeunternehmens auf Samos. Ihren größten Sieg errang die griechische Flotte in der Seeschlacht bei Geronta, als sie die vereinigte türkisch-ägyptische Flotte auseinandertrieb.

 

Entscheiden für den Verlauf des Krieges das Eingreifen der Großmächte, u.a. veranlaßt durch die starke Zunahme des Philhellenis­mus in den europäischen Ländern. Der Krieg war von Anfang an auf beiden Seiten mit großer Härte und Grausamkeit geführt wor­den. Die Kriegsgegner brachten sich gegenseitig in Massen um, auch die Gefangenen, die Bewohner eroberter Städte, Frauen und Kinder. Kurz nach der Erhebung, an Ostern 1821, entlud sich in Istanbul die Wut der Moslems an der Orthodoxen Kirche. Der fanati­sierte Mob hängte den 74jährigen Patriarchen Georgios IV. und sechs seiner Priester am Tor der griechischen Kathedrale auf. Ein Jahr später richtete die türkische Flotte ein furchtbares Blutbad unter der 100000 Einwohner zählenden Bevölkerung der Insel Chios an. 23000 Bewohner wurden niedergemetzelt, 47000 in die Sklaverei verkauft.

 

Die Türkengreuel entfachten den Philhellenismus in den europäischen Ländern fest noch mehr als die Griechensiege. Der humanisti­sche Zeitgeist des Biedermeier erkannte in den Aufständischen die Nachfahren der alten Hellenen, deren Kultur er sich tief verbun­den wußte. Die Unterdrückung der Christen durch die Mohammedaner spielte hierbei ebenso eine Rolle, wie die durch die Restaura­tion in der europäischen Ländern bedingte Unterdrückung liberaler Bestrebungen, die ein außenpolitisches Ventil im Einsatz für das kleine unterdrückte Land suchte. Hilfsvereinigungen wurden gegründet, Hilfsgelder gesammelt, die Dichter nahmen sich der griechi­schen Sache an, der Philhellenismus wuchs sich schließlich zu einer wahren Volksbewegung aus. In England wurde das "Londoner Griechenkommitee" gegründet, das hunderte Freiwillige, darunter den Dichter Lord Byron entsandte. Aus Bayern kam die ‘bayeri­sche Legion’, der bayerische König sandte den Rebellen Geld und Offiziere. Als Lord Byron, der Abgott jener Jahrzehnte am 19. April in Missolounghi, während der heldenhaften Verteidigung der Stadt, dem Sumpffieber erlang, entfachte dieses Opfer die Grie­chenlandbegeisterung vollends. Goethes Faust gibt Zeugnis davon.

 

Entscheidend für den griechischen Freiheitskampf wurde der politische Kurswechsel der großen europäischen Machte, den die öf­fentliche Meinung Europas unter dem Einfluß des Philhellenismus erzwang.

 

Von alters her war Österreich der Vorkämpfer gegen die Türken gewesen, da es sich durch Auflösung der Türkei Gebietsgewinne auf dem Balkan versprach, während England durch gezielte Neutralitätspolitik eine Ausbalacierung der Kräfte betrieb. Diese politische Grundauffassung des 18. Jahrhunderts änderte sich nach dem Ende der Napoleonischen Kriege. Der Wiener Kongreß 1814/15, in ers­ter Linie das Werk Fürst Metternichs (1773-1858), hatte das Ziel der politischen Restauration und der Wiederherstellung der Zustän­de vor 1792. Die polnisch-sächsische Frage führte nach dem Sieg über Frankreich erneut an den Rand eines Krieges. Besorgt um die Erhaltung des europäischen Gleichgewichts wehrten sich Metternich und Lord Castlereagh gegen die Annexion Polens durch Ruß­land, Sachsens durch Preußen. Talleyrand nutzte diese Krise zu einer Aufwertung Frankreichs, das dem britisch-österreichischen Ge­heimabkommen vom Januar 1815 gegen Rußland und Preußen beitrat. Die Wiener Kongreßakte vom Juni 1815 stellte das Gleichge­wicht der fünf Mächte wieder her (Sog. Pentarchie). Rußland war durch die Annexion Polens führende europäische Kontinentalmacht geworden. Metternich befürchtete, daß der Vielvölkerstaat Österreich das Zerfallen des Vielvölkerstaates Türkei nicht überleben wür­de, und sah Gefahren durch die russische Politik auf dem Balkan. Er strebte deshalb auch weiterhin die Erhaltung des status quo an. Rußland nicht an die Donau und über die Donau zu lassen, war seit 1815 das defensive Ziel österreichischer Politik. Hier bereite­te sich ein Konflikt vor, der bis zum Ende der beider Monarchien dauerte. Zur Sicherung des Gleichgewichts und des Friedens schlossen Rußland, Österreich und Preußen im September 1815 die "Heilige Allianz", die u.a. ein Interventionsrecht gegen alle natio­nalen und liberalen Bestrebungen anerkannte. Dieser Allianz traten mit Ausnahme Großbritanniens und der Türkei alle europäischen Machte bei. Metternich benutzte die Hl. Allianz als Machtinstrument zur Sicherung seiner konservativen Politik. Metternich hätte die politische Anordnung auf dem Balkan am liebsten so unverändert gesehen, wie sie überall in Europa sein sollte. Das selbstverschul­dete Schicksal der Griechen kümmere ihn nicht, die Zivilisation höre an den Grenzen Österreichs auf, dozierte er.

 

Ähnlich war zunächst der britische Standort. Auch hier galt, Rußland nicht zum Mittelmeer durchbrechen zu lassen, und die alte Hauptstadt der Orthodoxen, zu deren Schutzmacht Rußland seit langem geworden war, zu erobern. Auch bot der "schwache Mann am Bosporus" manche Vorteile. Die Tories der alten Schule, wie der Herzog von Wellington, waren Freunde der Türken. Jedoch gab es schon andere Bestrebungen, die zunehmend an Einfluß gewannen. Das britische Parlament lehnte das Interventionsrecht der Hl. Allianz jedoch strikt ab, England wurde in der Folge zum Hort liberaler Demokraten. Im September 1822 löste George Canning den Konservativen Lord Londonderry (Castlereagh) im britischen Außenministerium ab. Metternich, der österreichische Außenminister haßte ihn aufs tiefste, und bezeichnete ihn als "Weltgeißel" und "entlarvten Jakobiner auf der Ministerbank". Bereits am 13. März 1823 erkannte Großbritannien als erster Staat die Griechen als kriegsführende Macht an. Am Interessengegensatz zwischen Öster­reich und Rußland in der griechischen Frage führte schließlich zum Zerbrechen der Heiligen Allianz.

 

Die Neutralität der Großmächte änderte sich mit Tod Zar Alexanders im Dezember 1825, der unter dem Einfluß pietistischer, roman­tischer Kreise eine wirre, schwankende Politik betrieben hatte, und - anfänglich von freiheitlichen, philantropischen Ideen beeinflußt - später die in der Heiligen Allianz festgeschriebenen, imperialistisch-despotische Ziele verfolgte. Sein Bruder und Nachfolger , Zar Nikolaus I., war aus anderem Holz geschnitzt. Auch er war Despot, strebte aber außenpolitisch, entgegen der späten Politik seines Vorgängers, eine Erweiterung Rußlands zu Lasten der Türkei an. Zar Nikolaus I. sah in der Schwächung der Türkei Vorteile für russi­sche Großmachtträume und begann die Griechen zu unterstützen. Ohne seine Hilfe wäre der Aufstand am Ende gewesen, denn seit 1824 hatten es die Rebellen nicht mehr nur mit dem Sultan zu tun. Die Pforte hatte erkannt, daß die Niederschlagung des Aufstands ihre Kräfte überstieg, und übertrug diese Aufgabe - gegen den Preis von Zypern und Kreta - ihrem kriegsmächtigsten Satrapen, Meh­met Ali, dem Vizekönig von Ägypten. Dieser wähnte sich bereits als Nachfolger des scheinbar sterbenden "kranken Mannes am Bos­porus.

 

Im Sommer 1824 ging Ibrahim Pascha, der Stiefsohn Mehmet Alis, mit einem großen Expeditionsheer an Bord der ägyptischen Flot­te. Zunächst bemächtigte er sich Kretas. Am 12. Februar 1825 landete das ägyptische Expeditionsheer bei Methoni auf dem Pelopon­nes, zur völligen Überraschung der Griechen, die für den Winter nicht mit feindlichen Operationen gerechnet hatten. Aber selbst bei wachsamer Vorbereitung und zielbewußter Einigkeit wären die, nach wie vor zerstrittenen Griechen, diesem überlegenen, europäisch geschulten Gegner nicht in offener Feldschlacht gewachsen gewesen.

 

Die wohlgedrillten Truppen Ibrahim Paschas verwüsteten den Peloponnes, auch die Städte konnten sich nicht halten. Ibrahim drohte, er werde ganz Griechenland entvölkern. Nur Missolounghi hielt der Belagerung - von Landseite und Seeseite aus - ein volles Jahr stand, bis es ausgehungert war. Sein Fall am 11. April 1826 führte zu einem unbarmherzigen Gemetzel, das in ganz Europa zu einem Sturm der Entrüstung führte. Die Dinge entwickelten sich auch in Sterea-Ellada militärisch schlecht: es kam der Moment als Athen fiel und nur noch die Akropolis Widerstand leistete (1826/27). Im Juni 1827 mußte auch sie übergeben werden, nachdem die türki­schen Belagerer das griechische Entsatzheer geführt von dem Engländer Cochrane im Mai 1827 bei Phaleron vernichtet hatten. Auch die Türken ließen auch die in Athen die überlebenenden Verteidiger über die Klinge springen. Die völlige Niederschlagung des Auf­standes schien bevor zu stehen.

 

Dreieinhalb Jahre wütete Ibrahim im Land, aber die Entscheidung konnte auch er nicht erzwingen. Die Griechen, die im wesentli­chen über leichte Infanterie verfügten, führten den Kampf wieder von den Bergen aus, im alten Partisanenkampfstil der Klephten, dem die Türken - wie auch später die Deutschen - nicht Herr wurden. Das offene Land konnte hierdurch aber nicht vor der Verwüs­tung und Entvölkerung bewahrt werden. Fast alle griechischen Gewinne der ersten drei Kriegsjahre gingen verloren, nur die in der Argolis unter Kolokotronis und in den Bergen Mittelgriechenlands unter Karaïskakis behaupteten sich die Freischärler. Rettung für die Griechen konnte nur von außen kommen.

 

Den Ausgang entschied nicht die Macht der Rebellen, sondern europäische Politik. Inzwischen hatte der Philhellenismus die europäi­schen Regierungen zu einem Umdenken veranlaßt. Nur Metternich hielt starr am alten Kurs fest, sah sich jedoch völlig isoliert, als der neue Zar Nikolaus I. ab Dezember 1825 zur türkenfeindlichen Tradition der russischen Politik zurückkehrte. Im Vertrag von Lon­don (6. Juli 1827) kamen England, Frankreich und Rußland - nicht Preußen und nicht Österreich - darin überein, daß Griechenland unter dem Schutz der Großmächte autonom sein sollte. Zunächst sollte ein Waffenstillstand vermittelt werden, gesichert durch eine friedliche Blockade des noch immer auf dem Peloponnes stehenden Ibrahim Pascha.

 

Die Ablehnung ihrer Vorschläge durch die Hohe Pforte beantworteten die drei "Schutzmächte" mit der Entsendung ihrer Flotten ins Mittelmeer. Da Ibrahim Pascha sich durch diese Machtdemonstration nicht beeindrucken ließ, blockierten die alliierte Flottenverbän­de unter dem Oberkommando des britischen Admirals Codrington ab dem 20. Oktober 1827 den Hafen von Navarino, wo das gesam­te türkisch-ägyptische Expeditionsgeschwader vor Anker lag. Codrington befürchtete, die türkisch-ägyptische Flotte könnte aus dem Hafen ausbrechen, um neue Terroraktionen gegen die griechische Bevölkerung zu unternehmen. Er ließ deshalb, bestärkt von den Befehlshabern der Russen und Franzosen, de Rigny und dem Grafen Heydden, in die Bucht ein, um die Türken demonstrativ zu war­nen. Die türkisch-ägyptische Flotte lag in einem weiten Halbkreis verteilt und bestand aus 89 Schiffen mit 2438 Kanonen, die alliier­te aus 27 Schiffen mit 1276 Kanonen, jedoch hatten die Alliierten das Übergewicht an Schlachtschiffen. Codrington fuhr als erster auf seinem Flaggschiff ‘Asia’ zwischen der Südspitze von Shaktería und dem türkischen Kastro hindurch. Auf sein Geschwader folg­te das französische, als letzte kamen die Russen. 20000 Mann türkischer Truppen in ihrem Feldlager auf dem Abhang unterhalb der Burg beobachten das Einlaufen der Alliierten in die enge Einfahrt des Naturhafens. Kurz nach 12 Uhr Mittags wurde von den Türken der erste Schuß - möglicherweis aus Panik abgegeben. Die britische ‘Dartmouth’ und das französische Flaggschiff ‘Sirène’ erwiderten das Feuer: Binnen weniger Minuten war das Gefecht in vollem Gang. Da kein Platz zum Manövrieren war, lagen die Schiffe völlig unbeweglich und schossen aus kürzester Entfernung. Codrington und de Rigny vermieden geschickt die türkischen Brander und konzentrierten ihr Feuer auf die feindlichen Schlachtschiffe, während Graf Heyddens Geschwader die feindlichen Fregatten und Schaluppen vernichtete. Der Anblick der brennenden Schiffe muß nach Augenzeugenberichten phantastisch gewesen sein, und gegen Abend schien die ganze Bucht in Flammen zu stehen, während ein osmanisches Schiff nach dem anderen explodierte und Myriaden von Funken in den rauchverhangenen Himmel trieben. Die Hitze war unerträglich. Die Besatzungen der Alliierten kämpften die ganze Nacht hindurch, um ein Übergreifen des Feuers auf ihre eigenen Schiffe zu verhindern. Am nächsten lagen nur noch 29 von den 87 osmanischen Kriegsschiffen in der Bucht.

 

Bei Navarino büßten die Türken die Seeherrschaft ein, und verloren vor allem die Fähigkeit, ihre in Griechenland stehenden Truppen auf dem Seeweg zu versorgen oder zu verstärken. Navarino - die letzte Seeschlacht alten Stils vor der Einführung der Dampfschiffe war der Regierung in London völlig unerwünscht und wurde von König Georg IV. als unglückliches Mißverständnis in einer Thron­rede ausdrücklich bedauert. Admiral Codrington wurde abgelöst und nach London zurückbeordert. Die Griechen hatten durch die Seeschlacht praktisch ihre Unabhängigkeit gewonnen. Zwar flackerten die Kämpfe auf dem Festland wieder auf, da das osmanische Expeditionsheer nicht besiegt war. Mit neuem Mut warfen sich die Freischärler auf die Ägypter, die sogar Tripolis aufgeben mußten und sich nach Messenien zurückzogen. Dort gerieten sie in schwere Bedrängnis, als Frankreich 14000 Mann unter General Maison auf dem Peloponnes landete. Da es aber nicht im britischen Interesse lag, die Trikolore über dem befreiten Griechenland wehen zu lassen, bewog Admiral Codrington, der Sieger von Navarino, Mehmet Ali im Abkommen von Alexandria zum Abzug seiner Truppen. Ende Oktober 1828 räumte Ibrahim Pascha den gesamten Peloponnes.

 

Sultan Mahmud proklamierte nach der Seeschlacht den Heiligen Krieg gegen die alliierten ‘Friedensvermittler’. Rußland ergriff be­gierig die Chance, sich dem südlichen Nachbarn überlegen zu erweisen. Zar Nikolaus erklärte im März 1828 der Türkei den Krieg. Es folgte 1828/1829 ein regelrechter Kontinentalkrieg zwischen Türken und Russen; letztere hatten härtere Anstrengungen zu ma­chen, als erwartet wurde, um die unfertige, in Reorganisation begriffene türkische Militärmacht zu brechen. Angesichts der nun von Rußland ausgehenden Gefahr vermochte die Türkei nun auch nicht mehr ihre mittelgriechischen Stützpunkte zu halten. Am 12. Sep­tember 1829 kam es bei Petra in Böotien zur letzten Schlacht im Freiheitskrieg. Die Griechen, angeführt von Demetrios Ypsilanti, dem Bruder des unglücklichen Prinzen Alexander Ypsilanti, schlugen die Türken. Mit einer weiteren Niederlage der Türken, dem Fall von Adrianopel, endete auch der russisch-türkische Krieg.

 

Im Friedensvertrag von Adrianopel (12. September 1829) mußte der Sultan das unterschreiben, was zuvor zwischen den Großmäch­ten im Ersten Londoner Protokoll von 1827, Griechenland betreffend, vereinbart worden war. Der Vertrag gab auch den Donaufürs­tentümern (Moldau und Walachei: die Gebiete des heutigen Rumänien) einen an Unabhängigkeit grenzenden Status und erkannte die russische Besitzergreifung der Gebiete zwischen den Schwarzen und dem Kaspischen Meer an.

 

Rußland als Befreier und Protektor Griechenlands paßte jedoch nicht in britische Politik der Machtbalance. London mußte, um seine Position in Griechenland zu behaupten, den russischen Beitrag noch überbieten. Die Hohe Pforte, auf der Suche nach Verbündeten gegen Rußland, suchte Anlehnung im Westen, und zahlte den geforderten Preis. Im Zweiten Londoner Protokoll (3. Februar 1830) bestätigen die Schutzmächte (Rußland, England, Frankreich), die zunächst nur eine begrenzte Autonomie beabsichtigten, die volle Unabhängigkeit Griechenlands. Epirus, Thessalien, Samos, Chios und Kreta bleiben aber unter türkischer Herrschaft: Wurzel der spä­teren türkisch-griechischen Konflikte. Die griechische Grenze verläuft im Norden entlang der Linie Golf von Arta nach Volos. Bei ei­ner Ausdehnung von 47500 qkm zählte das Land etwa 600000 Einwohner. Zugleich war der Sieg ein Fanal für die Völker des Bal­kan, das fremde Joch abzuschütteln. Die Dynamik des neuzeitlichen Nationalstaats triumphierte die mittelalterliche Theokratie., und gab den Anstoß zum Einsturz des Osmanenreiches.

 

 

 

3. Vom Befreiungskrieg bis zum Ersten Weltkrieg

 

 

Die Grenzen des neugeschaffenen Staates blieben allerdings weit hinter griechischen Vorstellungen zurück, die sich an Byzanz orien­tiert hatten, nicht jedoch - wie dies die Philhellenen dachten - am alten Hellas. Diese Unterschiede führten in der Folgezeit immer wieder zu Spannungen, auch in der griechischen Innenpolitik. An den drei Schutzmächten England, Frankreich und Rußland orien­tierten sich die unterschiedlichen Gruppen der griechischen Innenpolitik, die sich gegenseitig um die Macht im Staate stritten.

 

Die ‘russische’ Fraktion unter dem alten listigen Klephtenchef Kolokotronis istallierte sich als "Volkspartei", die sich kleinen Bauern und besitzlosen Leibeigenen annahm. Die Phanarioten, die als Kaufleute und Beamte in Konstantinopel zu Geld gekommen waren, sammelten sich um die ‘englische’ Partei unter Mavrokordatos, und setzten auf britische Handelsbeziehungen. Die aus dem Ausland zurückgekehrten Intellektuellen gruppierten sich um den Arzt Kolettis, der in Paris studiert hatte zur ‘französischen’ Partei.

 

In diesem Wettlauf siegten zunächst die ‘Russen’, auf deren Betreiben die Nationalversammlung am 11. April 1827 jenen Grafen Ka­podistrias zum Ministerpräsidenten wählte, der bei Ausbruch des Aufstands russischer Staatssekretär gewesen war. Der Adelige Ka­podistrias war nicht der rechte Mann zur rechten Stunde und versagte vor der schwierigsten Frage, welche nach der Befreiung geblie­ben war, der aufteilung der von den Türken geräumten Nutzböden. Er hatte andererseits große Verdienste beim Aufbau des neuen Staates, des Unterrichtswesens und der Bekämpfung des Piratentums.

 

1831 wurde Kapodistrias wegen Verletzung der Verfassung und autoritärer Regierung ermordet. Der nach seinem Tod ausgebroche­nen Bürgerkrieg führte jedoch bei Griechen wie den Schutzmächten zur Überzeugung, daß der neue Staat zu seiner Ordnung und Festigung eines starken Monarchen bedurfte, der zudem frei und unabhängig von den rivalisierenden einflußreichen Familien des Landes war. Bei der Suche nach einem Angehörigen eines europäischen Fürstenhauses einigte man sich auf der Londoner Konferenz vom 13. Februar 1832 auf den erst 17jährigen Prinzen Otto von Wittelsbach, den zweiten Sohn des bayerischen Königs Ludwig I. Hauptgrund war die dynastische Unabhängigkeit von den Schutzmächten, begünstigt durch die bayerische Abstinenz von der großen Politik und den bekannten Philhellenismus des bayerischen Hofes.

 

Prinz Otto, wurde 1832 von der Nationalversammlung zum König gewählt und regierte als Otto I., König der Hellenen von 1832-1862 zunächst ohne Parlament. ++++ S. 155 1843 erzwang eine Militärrevolte die Berufung einer Nationalversammlung, die eine neue Verfassung annimmt; es folgt ab 1844 ein parlamentarisches Regime.

1862 wird Otto I. durch einen Militäraufstand abgesetzt und der dänische Prinz Wilhelm (Schwager des Zaren Alexander III und Eduards VII. von England) als Georg I. (1863-1913) zum König gewählt.

 

1863 erfolgt die Übergabe der Ionischen Inseln von England an Griechenland. Am 28. November 1863 wird die neue demokratische Verfassung in Griechenland beschlossen. 1866 kommt es zum Aufstand der Griechen in Kreta gegen die Fremdherrschaft.

 

1881 erhält Griechenland von der Türkei Thessalien und einen Teil des Epirus, die ihm durch den Berliner Kongreß (13. Juni bis 13. Juli 1878) als Abschluß des russisch-türkischen Krieges (1877/78; beendet durch den Frieden von San Stefano 3. März 1878) zuge­sprochen wurden. Hinerzu kam es folgendermaßen: 1875/76 fanden Aufstände in der Herzegowina und in Ostrumelien gegen die tür­kische Herrschaft statt. Diese veranlassen Serbien und Montenegro der Türkei den Krieg zu erklären. Russische Freiwillige greifen ein. Rußland verständigt sich in den Geheimkonventionen von Reichsstadt und Budapest 1876 mit Österreich-Ungarn, das für den Fall eines russisch-türkischen Krieges Neutralität zusagt und dafür die Zustimmung Rußlands u.a. zu einer Besetzung von Bosni­en-Herzegowina gewinnt. Es kommt in der Folge zur Verselbständigung der Balkanvölker, denen aber kein großer Balkanstaat zugestan­den wird. Panslawistische Tendenzen, seit einem Menschenalter in Rußland wirksam, gewinnen erstmalig Einfluß auf die Politik.

 

Im nunmehr ausgebrochenen russisch-türkischen Krieg 1877/78 überschreiten russische Truppen die Donau, erzwingen die Räumung des Schipkapasses, den sie später gegen überlegene Kräfte verteidigen müssen, können aber trotz verlustreicher Angriffe und rumäni­scher Unterstützung das von Osman Pascha verteidigte Plewna nicht einnehmen, bis General Totleben die Festung am 10. Dezember 1877 zur Kapitulation zwingt. Daraufhin kommt es zum Vormarsch russischer Truppen bis in die Nähe von Konstantinopel, das nur mit Rücksicht auf die Haltung der europäischen Mächte nicht besetzt wird.

 

Im Frieden von San Stefan (3. März 1878) werden Serbien, Montenegro und Rumänien durch türkisches Gebiert vergrößert und sol­len unabhängige Staaten werden, während Bulgarien mit Ostrumelien und Mazedonien bis ans Ägäische Meer ausgedehnt werden soll, jedoch als autonomes und der Türkei tributpflichtiges Fürstentum zunächst für zwei Jahre von den Russen besetzt bleiben soll.

 

Österreich-Ungarn erklärt Rußland daraufhin für vertragsbrüchig, weil die Vereinbarungen in den Geheimkonventionen von Reichs­tadt und Budapest nicht eingehalten worden seien und verständigt sich mit England, das der Türkei gegen Abtretung der Insel Cypern Beistand verspricht. Die aufziehende Kriegsgefahr wird durch die Einberufung des Berliner Kongresses gebannt, zur der sich Bis­marck aufgrund persönlichen Appells Kaiser Alexanders II. bereit erklärt.

1896/97 kommt es erneut zu einer Erhebung in Kreta und deshalb zum Krieg zwischen Griechenland und der Türkei, der zur Nieder­lage Griechenlands führt. Kreta erhält auf Verlangen der europäischen Großmächte eine selbständige Verwaltung unter türkischer Oberhoheit.

 

1908 wird Kreta mit Griechenland vereinigt. Die ausländischen Streitkräfte ziehen sich aus Kreta zurück. 1912 schließt Griechenland ein Bündnis mit Bulgarien. König Georg I. wird im gleichen Jahr in Thessaloniki ermordet. Ihm folgt sein Sohn Konstantin I. (1913-1917); Venizelos wird Ministerpräsident.

 

1912 kommt es zum Ersten Balkankrieg. Der russische Gesandte in Belgrad Hartwig führte im Februar 1912 während des tür­kisch-italienischen Krieges ein Bündnis zwischen Serbien und Bulgarien herbei, dem sich Griechenland und Montenegro anschloß. Ziel des Abkommens war die Aufteilung der Türkei unter die Balkanslawen und die russische Herrschaft über den Bosporus. Der Balkanver­band erklärt der Türkei im Oktober 1912 den Krieg und wirft in einem kurzem Feldzug den Gegner nieder. Die Türken wurden über­all geschlagen, bei Kirk Kilisse und Lüle Burgas von den Bulgaren, bei Kumanova von den Serben. Üsküb, Thessaloniki, Joannina, Skutari (auf österreichische Drohung wieder geräumt), sowie Adrianopel fallen in die Hände der Sieger. Die Türkei muß im Londo­ner Frieden vom 30. Mai 1913 in die Abtretung aller Gebiete westlich der Linie Edos-Midia mit den Inseln einwilligen.

 

Da über die Beute keine Einigung erzielt werden kann, kommt es zum Zweiten Balkankrieg 1913, in dem zunächst Bulgarien im Juni 1913 Serbien angreift. Griechenland, Rumänien, das die südliche Dobrudscha erringen will, und die Türkei treten gegen Bulgarien in den Krieg ein. Die Türken erobern Adrianopel zurück; die Bulgaren werden vollständig geschlagen. Im Frieden von Bukarest (10. Aug. 1913) fällt der Südteil der Dobrudscha an Rumänien, Mazedonien größtenteils an Serbien, Adrianopel an die Türkei, Kreta und ein Teil Makedoniens mit Thessaloniki und Kavalla an Griechenland. Das Fürstentum Albanien wird selbständig, zum Staatsober­haupt wird im März 1914 Prinz Wilhelm zu Wied zum Fürsten gewählt. Rußland und Österreich-Ungarn halten sich in beiden Krie­gen zurück, obgleich ihre Interessen berührt werden. Auf Österreich-Ungarn, das gegen Serbien eingreifen will, wirkt Berlin im Sin­ne des Friedens ein. Die russische Regierung, in der die Meerengenfrage ernsthaft erörtert wird, hält eine Aktion für verfrüht, zumal Frankreich den Krieg nicht wünscht. Im 2. Balkankrieg wird die rumänische Frage sichtbar, die vor allem ein Problem Siebenbürgens ist.

 

 

4. Griechenland vom I. zum II. Weltkrieg

 

Zu Beginn des Krieges hatten die österreichisch-ungarischen Kräfte nicht ausgereicht gegen Serbien mit Erfolg offensiv zu werden. Die entscheidende Frage auf dem Balkan war es, ob und auf welcher Seite die drei vorerst neutralen Staaten Rumänien, Bulgarien und Griechenland in den Krieg eingreifen. Griechenland verhält sich am Beginn des II. Weltkrieges neutral. Um die Verbindung zur Türkei herzustellen und den Türken Hilfe durch Materialnachschub für die Kämpfe auf Gallipoli zu gewähren, entschließen sich die Mittelmächte zur Offensive gegen Serbien (Oberbefehlshaber Generalfeldmarschall von Mackensen mit Generalmajor von Seeckt als Chef des Stabes). Im Oktober 1915 beginnt die Offensive gegen Serbien, Donau und Save werden überschritten und Belgrad er­stürmt. Bulgarien, das Makedonien will und am 6. September 1915 einen Bündnisvertrag mit Deutschland abgeschlossen hatte, er­klärt Serbien den Krieg. Von Oktober bis Dezember 1915 dauert eine erfolgreiche Offensive der Deutschen, Österreicher, Ungarn und Bulgaren in deren Zuge ganz Serbien erobert wird, Montenegro kapituliert und die Italiener aus Albanien vertrieben werden. Den Franzosen und Engländern unter General Sarrail gelingt es, nach verlustreichem Rückzug an der griechisch-makedonischen Grenze nördlich Saloniki eine Stellungsfront zu halten.

 

Griechenland protestiert zunächst gegen die Verletzung seiner Neutralität. Im Februar 1915 allerdings war bereits Ministerpräsident Venizelos aufgrund des Bündnisvertrages von 1913 vor dem 2. Balkankrieg für Serbien eingetreten und veranlaßte in der Folge ge­gen den Willen des Königs und der großen Mehrheit des griechischen Volkes die Engländer und Franzosen zu einer Landung und Festsetzung in Thessaloniki. Venizelos, "ein Freund der Entente", wurde daraufhin vom König entlassen. Durch die Festsetzung der Alliierten befand sich Griechenland faktisch in der Hand der Engländer und Franzosen, die mit allen Mitteln Griechenland zum Kriegseintritt drängten.

 

Der König wollte die Neutralität Griechenlands unter allen Umständen aufrechterhalten, trotz des Angebots der Insel Cypern seitens der Alliierten. Im Januar 1916 bemächtigten sich die Franzosen der Insel Korfu, später auch Kephalonia, Thassos und Nordepirus. Es kommt zu zunehmendem Druck der Alliierten der vom 6. - 22. Juni 1916 in die sog. "Pacific Blockade" Griechenlands durch die En­tente mündet, deren Ultimatum vom 21. Juni 1916 die Demobilisierung der griechischen Armee sowie eine Verfassungs- und Regie­rungsumbildung fordert, ebenso die Absetzung der deutschfreundlichen Polizeibeamten, Kontrollierung des Post- und Telegraphen­wesens, Auslieferung der Kriegsflotte und Anerkennung von England und Frankreich als Schutzmächte der Griechen.

 

Im August und September 1916 kommt es zum Aufstand in Thessaloniki und Revolution auf Korfu und

Kreta. Venizelos tritt an die Spitze der Insel Kreta,

dann auch der "vorläufigen Regierung" in Thessaloniki, die an Bulgarien und seine Verbündeten den Krieg erklärt. Am 13. Septem­ber geht der größere Teil des in Thessalien stehenden 4. griechischen Armeekorps (etwa 6000 Mann), um dem König die Treue zu halten, zu den Deutschen über und wird nach Görlitz gebracht.

 

Als der französische Admiral Fournet nach der Übergabe der griechischen Kriegsflotte und der Besetzung des Piräus die Ausliefe­rung des gesamten Kriegsmaterials ebenso wie die Aufsicht über die Eisenbahn Piräus-Larissa forderte und sogar mit der Beschie­ßung Athens droht, greifen Heer und Volk in der Stadt zu den Waffen. Es kommt zu heftigen Kämpfen in Athen, die den Rückzug der Franzosen zum Piräus erzwingen. Die Alliierten fordern daraufhin Genugtuung und zu einer erneuten Blockade der griechischen Küsten, die erst im März 1917 aufgehoben wurde.

 

Am 12. Juni 1917 erzwingt Jonnart, der "Oberkommissar" der "Schutzmächte" die Abdankung des Königs Konstantin (der durch den Sturz des verwandten Zaren Nikolaus II. seine letzte Stütze verloren hatte) und den Thronverzicht des gleichgesinnten Kronprinzen Georg. Alexander (1917-1920), der zweite Sohn Konstantins, wird König von Griechenland. Venizelos bildet eine neue Regierung. Ende Juni bricht die griechische Regierung ihre diplomatischen Beziehungen zu den Mittelmächten ab.

 

Auf der Friedenskonferenz zu Paris 1919 erhält Griechenland Südalbanien und die Bezirke Argyrokastro und Koritza (Epirus), eben­so das bis dahin bulgarische Südthrakien. Die türkische Frage war in der unmittelbaren Nachkriegszeit besonders belastet durch die russische Entwicklung. Am 15. Mai 1919 besetzen die Griechen Smyrna im Einvernehmen mit der Entente. Am 23. Juli trat darauf­hin der türkische Nationalkonvent unter Führung Kemal Atatürks zusammen, der die Unverletzlichkeit des türkischen Anatoliens for­dert und zur nationalen Verteidigung aufruft.

 

Mustafa Kemal nimmt den Kampf gegen die schwache Regierung des Sultans auf und eröffnet am 23. April 1920 die Nationalver­sammlung in Ankara. Am 10. August 1920 wird der Friedensvertrag von Sèvres durch die Stambuler türkische Regierung unterzeich­net. In ihm verliert die Türkei u.a. an Griechenland Thrakien mit Gallipoli (am Westrand der Dardanellen), die Ägäischen Inseln und Smyrna (nach 5 Jahren Plebiszit), an Italien die Dodekanes und Rhodos. Der Friedensvertrag wird von den türkischen Nationalisten unter Führung Kemal Atatürks in Ankara nicht anerkannt. Ankara besteht auf der Rückgabe Smyrnas; daher erklärt Griechenland 1922 Smyrna für autonom bei griechischer Besatzung.

 

Ende 1920 stirbt König Alexander. Die Regierung Venizelos erleidet in den Wahlen eine Niederlage, es kommt zur Rückkehr und Wiedereinsetzung König Konstantins nach Volksabstimmung.

 

Der nun ausbrechende griechisch-türkische Krieg (1920-1922) führt zur Niederlage der Griechen. Die Türken erobern durch ihre Ge­genoffensive Smyrna (September 1922). Die Griechen geraten in Bedrängnis, zumal die türkischen Kemalisten durch Frankreich ge­stützt werden und in Griechenland revolutionäre Unruhen ausbrechen. Die Venizelisten gewinnen hierbei die Oberhand. König Kon­stantin dankt im September 1922 ab, König Georg II. (1922-1923) wird König von Griechenland.

 

Am 10. Oktober kommt es zur Unterzeichnung des Waffenstillstandes von Mudania (Marmarameer) zwischen Griechenland und der Türkei und zum Ende des griechisch-türkischen Krieges. Am 24. Juli 1923 wird der Friedensvertrag von Lausanne unterzeichnet. In den folgenden Jahren findet ein großer Bevölkerungsaustausch zwischen Griechen (Pontos-Griechen) und Türken mit einer Massen­umsiedlung von über 11/4 Mill. Griechen auf griechisches Staatsgebiet statt.

 

Am 11. Januar 1924 wird Venizelos Premierminister, nachdem König Georg II. im Dezember 1923 abgedankt hatte. Venizelos setzt sich vergeblich für den König ein und verläßt im Februar 1924 Griechenland. Im April entscheidet sich Griechenland in einer Volks­abstimmung für die Republik, welche am 1. Mai 1924 ausgerufen wird. In den folgenden Jahren kommt es ständig zu innenpoliti­schen Unruhen, Putschen und Regierungswechsel.

 

Im Mai 1928 kehrt Venizelos nach Griechenland zurück und wird zum Ministerpräsidenten gewählt. Es tritt seither eine gewisse in­nen- und außenpolitische Stabilisierung ein. Am 30. Oktober 1930 schließen Griechenland und die Türkei den Vertrag von Ankara, nachdem vorher einige Inseln von der Türkei an Griechenland übergeben wurden. Damit tritt zugleich eine Beendigung aller tür­kisch-griechischer Differenzen ein.

 

Die Wahlen vom 25. September 1932 werden von den Venizelisten verloren, die Royalisten gewinnen zunehmend an Einfluß. Am 31. Okt. 1932 tritt Venizelos zurück. In der Folge finden innenpolitische Kämpfe zwischen Venizelisten und Royalisten mit häufigen Re­gierungswechseln statt. Im März 1935 flieht Venizelos nach einer gescheiterten Revolution ins Ausland. Zugleich kommt es zu einer starken Bewegung zur Wiedereinführung der Monarchie. Am 12. Oktober 1935 wird die Monarchie ausgerufen, im November ent­scheidet eine gelenkte Volksabstimmung für die Monarchie. König Georg II. kehrt nach Griechenland zurück.

 

Am 4. August 1936 führt General Metaxas, seit April Ministerpräsident, durch einen Staatsstreich die Diktatur ein. Es kommt zur in­nenpolitischen Stabilisierung, zu Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und zur Aufrüstung. Außenpolitisch betont Griechenland eine Neu­tralitätspolitik. Am 13. April 1939 garantieren England und Frankreich nach der Besetzung Albanien durch Italien die griechische Unabhängigkeit.

 

 

 

5. Griechenland im II. Weltkrieg

 

a. Allgemeine Lage:

 

Die Hoffnungen Hitlers, den Krieg 1940 durch einen Sieg über England im Westen zu beenden, hatten sich nicht erfüllt. Es drohte - nunmehr im Südosten Europas - eine Ausweitung des Zweiten Weltkrieges. Während Hitler im Herbst 1940 noch nach politischen und militärischen Verbündeten Ausschau gehalten hatte, eröffnete Italien auf eigene Faust von Albanien aus einen Angriff auf Grie­chenland. Deutschland hatte großes Interesse daran, den Krieg nicht auf den Balkan auszudehnen, aber der ehrgeizige italienische Bundesgenosse nahm darauf keine Rücksicht. Mussolini wollte nach der Einverleibung Albaniens, im April 1939, einen weiteren Er­folg erzielen, um seinen Traum von einer Renaissance des Römischen Weltreiches näherzukommen. Nach einem von der griechi­schen Regierung abgelehnten Ultimatum, in dem Italien Stützpunkte auf den griechischen Inseln gefordert hatte, marschierten am 28. Oktober 1940 italienische Truppen von Albanien aus in Griechenland ein. Die Griechen wehrten sich so erfolgreich, daß die Italiener schließlich in Bedrängnis gerieten. Noch heute erinnert sich Griechenland am 28. Oktobers an den italienischen Überfall. In den meisten Städten findet man die "Straße des 28. Oktober" zur Erinnerung an den italienischen Angriff, den Rückzug der griechischen Armee ins Gebirge und die von dort aus erfolgte siegreiche Abwehr der Aggression, die mit dem Rückzug der Italiener endete. Die griechischen Truppen drängten nach und vertrieben die Italiener im Winter 1940/41 auch Albanien.

 

Am 29.1.1941 starb der damalige Ministerpräsident General Metaxas, das neue Kabinett bildete Prof. Alexander Korisis. Es kam in Jugoslawien daraufhin zum Sturz der deutsch-freundlichen Regierung durch einen Militärputsch, bei dem Prinzregent Paul, der für den unmündigen jugoslawischen König Peter II. die Regierung führte, zur Abdankung gezwungen wurde. Zugleich wurde der Beitritt zum Dreimächtepakt, dem bereits Ungarn, Rumänien, Bulgarien und die Slowakei beigetreten waren, widerrufen. Hitler sah sich dar­aufhin aus strategischen Gründen um seine verbrecherische Eroberungspolitik an der Südflanke nicht schützen, 1941 gezwungen, Griechenland anzugreifen, um das Gesicht des Verbündeten zu wahren und England aus dem östlichen Mittelmeer zu vertreiben. In einem "Blitzkrieg", der mit einer Präzision und Sicherheit ohnegleichen abrollte, wurden Jugoslawien und Griechenland vom besiegt und besetzt.

 

Der Balkanfeldzug begann am 6. April und endete am 21. April 1941 mit der Kapitulation des griechischen Heeres, der Vertreibung der Briten vom Festland sowie aus Kreta. König Georg II. und die Regierung fliehen zuerst nach Kreta, dann nach Alexandrien/Ägypten, schließlich nach London. General Tsolakoglu bildet am 1. Mai 1941 in Athen eine neue Regierung.

 

Nach Abzug der für den Ostfeldzug benötigten deutschen Verbände wird Griechenland italienischer Militärverwaltung unterstellt (deutsche Reservatsbereiche). Am 18. August wird der Kriegszustand aufgehoben. Die neue Regierung wird wiederholt umgebildet. Durch die unterbrochene Seeverbindung und die dadurch ausfallende Einfuhr von Lebensmitteln entsteht eine Hungernot, die durch Sendungen des Roten Kreuzes nur zum Teil behoben werden kann. Inflation macht die Lage noch schlimmer.

 

Geführt und versorgt durch die britische (ab 1944 alliierte) Militärkommission, bekämpfen die (anfangs getarnte) kommunistische "Griechische Befreiungsfront" (EAM) mit den Kampfverbänden der "Griechischen Volksbefreiungs-Armee" (ELAS) sowie die anti­kommunistisch eingestellte "Griechisch-Demokratische National-Armee (EDES) ab 1942 die Besatzungstruppen. Die nationalen Wi­derstandsgruppen bleiben jedoch schwach und werden von der ELAS vernichtet. Nur die Epirus stehende Gruppe des Generals Zer­vas (EDES) hält sich; sie nimmt mit den deutschen Truppen Verbindung auf. Die ab September 1943 allein in Griechenland befindli­chen deutschen Besatzungskräfte beschränken sich auf die Verteidigung der Städte und Verbindungslinien, deren Unterbrechung sie durch Vergeltungsmaßnahmen gegenüber der Zivilbevölkerung zu verhindern suchen.

 

Im April 1944 meutern griechische Truppen, die die Alliierten in Ägypten aufstellen. Am 17. Mai treffen sich griechische Parteiführer in Beirut/ Libanon und verkünden eine Nationalcharta, um die Gegensätze zu überbrücken. Es kommt nur eine Koalitionsregierung unter Papandreou ohne EAM zustande. König Georg von Griechenland erklärt sich bereit, sich einem Plebiszit zu unterwerfen. Erst am 18. August erklären EAM, das politische Komitee und die Kommunistische Partei ihre Zustimmung zur Regierungsbeteiligung. Am 24. September. Am 24. September unterstellen sich durch das Abkommen von Caserta alle Guerilla-Verbände der Regierung, die den Befehl über diese General Scobie, dem Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte in Griechenland überträgt.

 

 

 

b. Die griechischen und deutschen Streitkräfte

 

Die griechische Armee:

Friedensheer 85 000 Mann

Kriegsheer 600 000 Mann

 

Die griechische Armee gliederte sich im Frieden (Stand 1939) in 4 Armeekorps mit 10 Infanteriedivisionen, 3 selbständigen Infante­riedivisionen (Grenz- und Festungstruppen der Metaxaslinie) und 1 Kavalleriedivision. An Festungstruppen waren vorhanden:

 

2 Garde-Regimenter (Evzonen)

26 Infanterieregimenter

5 Kavallerieregimenter

8 Gebirgs-Artillerieregimenter

2 Feld-Artillerieregimenter

2 schwere Artillerieregimenter

2 Pionier-Regimenter

1 Nachrichten-Regiment

1 Eisenbahn-Regiment

1 Brückenbau-Bataillon

 

Der Gesamtbestand an Waffen umfaßte ca.

3000 leichte MG

1000 schwere MG

360 leichte Geschütze

72 schwere Geschütze

 

Panzer, Pak (Panzerabwehrkanonen) und Heeresflak (Flak = Flugabwehrkanone) waren nicht oder nur in geringem Umfang vorhan­den.

 

Am Balkanfeldzug nahmen auf deutscher Seite folgende Gebirgstruppen teil:

- 5. Gebirgs-Division von Rumänien und Bulga - rien aus (Durchbruch durch die Metaxas-Linie) und bei der Luftlandung auf Kreta

- 6. Gebirgs-Division von Rumänien und Bul-

garien aus gegen Griechenland (Durchbruch durch die Metaxas-Linie, Landung bei Thessa- loniki, Kampf um die Thermopylen und Be-

setzung Athens).

 

 

c. Der deutsche Angriffsfeldzug

 

Generalfeldmarschall List war der Oberbefehlshaber der 12. Armee, die den Griechenlandfeldzug auszuführen hatte. General der Ge­birgstruppe Böhme befehligte als Kommandierender General das XVIII. Gebirgs-Armeekorps, dem die 5. und 6. Gebirgs-Division unterstand. Zwischen dem 6. und 27. April 1941 wurde das griechische Festland besetzt, nachdem ein Angriff der 12. Armee, trotz des tapferen griechischen Widerstandes, die schützende Metaxaslinie an der Nordgrenze durchbrochen hatte.

 

Rumänien war der Ausgangspunkt der 5. Gebirgs-Division unter Führung von General Ringel. Um den Ort Craiova versammelte sie sich im Frühjahr 1941 und zog durch das dem Dreimächtepakt beigetretene Bulgarien nach Griechenland, wobei die durch österrei­chisch-ungarische Festungsspezialisten gebaute Metaxaslinie durchbrochen wurde. Gleichzeit stieß auch die 6. Gebirgs-Division durch das griechische Bollwerk, um sich im Verlauf der weiteren Operationen auf der Hellenen-Halbinsel auszubreiten. Die Durch­brüche der 6. Gebirgs-Division über das winterliche Hochgebirge und der 5. Gebirgs-Division am Rupel-Paß zählen mit zu den größ­ten Truppenleistungen des Zweiten Weltkrieges (Kaltenegger, Roland: Die deutsche Gebirgstruppe 1935-1945, Neuausgabe München 1989, S. 197).

 

 

d. Durchbruch durch die Metaxas-Linie

 

Die Metaxas-Linie (benannt nach General Metaxas; Joannis Metaxas [1871-1941] hatte als Gegner von Venizélos maßgeblichen An­teil an der Rückkehr König Georgs II: [1935]; als Ministerpräsident und Außenminister [seit 1936] regierte er autoritär. Dem italieni­schen Angriff auf Griechenland [Oktober 1940] begegnete er erfolgreich) in Ost-Makedonien war ein mit Bunkern aus Stahl und Be­ton durchsetztes abwehrbereites Bollwerk, das sich geschickt in den gewachsenen Fels und in die bis zu 2000 Meter hohen Berge ein­fügte. Die Befestigungsanlagen dieser als uneinnehmbar geltenden Anlage waren die Berge und Höhen: Kongur (1930 m), Rupesco (1951 m), Popotliwitsa (1697 m), Sultanitsa (1447 m), Istbei (1335 m), Letsitsa (958 m), Kelkaja, Arpaluki und der Punkt 307. Das Werk Kelkaja stellte den linken Pfeiler der ganzen Verteidigungsanlage dar.

Die einzelnen Befestigungswerke wurden wie folgt verteidigt:

Rupesko von 6 Offz., 211 Mannschaften, 4 MG

Popotliwitsa von 4 Offz., 171 Mannschaften, 30 MG

Istibei von 13 Offz., 472 Mannschaften, 43 MG

Kelkaja von 4 Offz., 309 Mannschaften, 32 MG

Arpaluki von 6 Offz., 323 Mannschaften, 29 MG

 

Außerdem waren die griechischen Truppen mit leichten Geschützen, Flak und Granatwerfern ausgerüstet. In den Tagen vor dem An­griff wurde die Artillerie noch bedeutend verstärkt. Insgesamt waren in den einzelnen Werken 62 Offiziere und 3176 Mann einge­setzt. Sie gehörten zu der hier im Grenzraum stehenden 18. Division, sowie mit Teilen zur 14. Division und waren die besten Solda­ten.

 

Diese starke Linie zu brechen, zu stürmen und zu überwinden, war Aufgabe der beiden eingesetzten Gebirgsdivisionen. In ihren vor­dersten Reihen standen die Gebirgspioniere mit geballten Ladungen und Sprenggeräten, um die Bunker für die nachfolgenden Ge­birgsjäger zu knacken. Dazu ein Bericht des OKW (Oberkommando der Wehrmacht) vom 7. April 1941:

 

"Angesichts des Vordringens britischer Landungstruppen aus dem griechischen Raum nach Norden und der bekanntgewordenen Ver­einigung mit der mobilisierten griechischen Wehrmacht sind Verbände des deutschen Heeres heute 5 Uhr früh zum Gegenangriff an­getreten."

 

 

aa. Die 5. Gebirgsdivision stürmt die Bunker:

 

Das Gebirgsjäger-Regiment 100 - das lange hervorragend in der 1. Gebirgs-Division während des Polen- und Frankreich-Feldzuges gekämpft hatte und nun zur 5 Gebirgs-Division (unter Divisionskommandeur General Julius Ringel) gehörte - wurde beim Angriff der 5. Gebirgs-Division mit dem II. und III. Bataillon gegen die Befestigungswerke des Kelkaja und mit dem I. Bataillon auf die Werkgruppe Paljurjones angesetzt. Um 5.20 Uhr des 6. April 1941 begann der Angriff gegen den als uneinnehmbar geltenden Fes­tungswall in den Rhodopen (Gebirge in Ostmakedonien nördlich von Thessaloniki und Drama, östlich des Strymon, über dessen Kamm die Grenze nach Bulgarien verläuft [vgl. De Jongh, a.a.O., S. 722 und 732). General der Gebirgstruppe Lanz berichtet hier­über in seiner Geschichte des Gebirgsjägerregiments 100:

 

Die ersten Grenzbefestigungen fielen bald, doch konnte die beherrschende Höhe 1224 zwischen den Werken Kelkaja und Istibei erst nach hartem Kampf und zweiseitiger Umgehung der 12./100 genommen werden. Fünf Betonbunkerschartenstände samt dazugehöri­gen Feldstellungen fielen in unsere Hand. Ohne Gefechtspause wurde nun das 2,5 km entfernte Hauptwerk Kelkaja angegangen, doch zeigte sich bald, daß weder unser Artilleriefeuer noch die Stukaangriffe, noch die zusammengefaßte Wirkung unserer schweren Regimentswaffen ausreichten, um die feuerspeiende feindliche Festung zum Schweigen zu bringen. Ein Angriff unserer 11. Kompa­gnie blieb vor den Drahthindernissen liegen und erst im 3. Anlauf konnte das Werk erreicht und nunmehr Bunker um Bunker im Nah­kampf erledigt werden! Noch aber war der Eingang ins Werkinnere nicht gefunden und schon vereinigten die Feindbatterien und Ge­schütze aus den Werken ihr höllisches Feuer gegen unser III. Bataillon auf dem soeben eroberten Kelkaja. Auch während der ganzen regnerischen Nacht hielten die Feuerüberfälle an. Doch die Jäger ließen sich nicht vertreiben. Ihre Ausdauer hatte sich gelohnt. Am frühen Morgen des 7. April gelang es einigen Stoßtrupps des Bataillons, nach Abwehr eines griechischen Ausfalls, nachzustoßen und dabei ins Innere der Festung einzudringen. Im Handgranatenduell und mit Hilfe von Nebenkerzen wurde die tapfere Besatzung zur Übergabe gezwungen, wobei sich vier Offiziere und 150 Mann ergaben, nachdem über 100 in den 11 Bunkern des Werkes gefallen waren.

 

Und schon ging der Angriff weiter, lief sich aber am nächsten Werk ‘Dimidi’ erneut fest. Erst nach Ausschaltung der Sperrfeuers aus den Werken Arpaluki und Wassano durch unsere Artillerie gelang es unseren Jägern und Pionieren, die Dimidi-Bunker zu fassen und Scharte für Scharte zu sprengen. Damit war auch die zweite Festungsgruppe mit 9 Bunkern in unserer Hand. Tags darauf, am 8. April, fand das III. Bataillon beim weiteren Vorstoß das Werk Arpaluki von der Besatzung bereits verlassen vor, überholte diese aber beim Abstieg ins Strumatal und nahm nach kurzem Gefecht 5 Offiziere und 210 Mann gefangen. Das II. Bataillon, das in der Nacht vom 7./8. April schon am Arpaluki vorbei talwärts gezogen war, mußte noch einmal zurückgeholt werden, um das noch kampfkräfti­ge Werk Paljurjones von Süden her einzuschleißen und es vom Rücken her aufzubrechen, nachdem sich das I. Bataillon vergeblich bemüht hatte, es frontal zu nehmen." (Lanz, Hubert: Gebirgs-Jäger-Regiment 100, Kurzgeschichte, München 1963, S.4).

 

Der OKW-Bericht vom 9. April über die schweren Kämpfe in der Metaxas-Linie lautete:

An der griechischen Grenze durchbrachen dem Generalfeldmarschall unterstehende Gebirgs- und Infanteriedivisionen nach erbitter­tem Ringen die sogenannte Metaxaslinie, einen in jahrelanger Arbeit in das Gebirge eingebauten neuzeitlichen Befestigungswall.“

 

Und eine Sondermeldung vom selben Tage verkündete über diesen Kampf:

Nach dem Durchbruch durch den Rupel-Paß, der von den Griechen zäh und erbittert verteidigt wurde, und nach der Einnahme von Saloniki hat die ostwärts des Wardar kämpfende griechische Armee in Erkenntnis ihrer aussichtlosen Lage die Kapitulation angebo­ten und die Waffen gestreckt.“

 

Exkurs zum Verständnis der strategisch-geographischen Lage: Zur bulgarischen Grenze liegen nördlich Thessaloniki die Kerkini Ber­ge, ein Teil des Rhodopi genannten Gebirges, an die sich östlich der Vrontos-Bergstock anschließt. Der Fluß Strymon durchbricht oberhalb Sidirókastro (‘eiserne Festung’) den östlich-westlich lagernden Gebirgsriegel, und schuf den Roupel-Paß, den Invasoren aus dem Norden nur zu passieren brauchen, um ganz Makedonien vor sich zu sehen. Im ersten Weltkrieg spielte die Enge eine große Rol­le. Griechenland war damals, wie so oft, in zwei sich befehdende Parteien aufgespalten.: auf der einen Seite standen die deutsch-freundlichen Royalisten um König Konstantin I., auf der anderen Seite die liberalen Venizélos-Anhänger, die es mit der Entente hiel­ten. Als Geste der Verbundenheit mit den Mittelmächten überließ König Konstantin im Mai 1916 das Fort Roupel den Bulgaren. Die Empörung über diese ‘wohlwollende’ Neutralität brachte dem inzwischen zur Abdankung gezwungenen Venizélos soviel Zustim­mung und Unterstützung, daß er eine ‘Provisorische Regierung der Nationalen Freiheitsbewegung’ in Thessaloniki ausrufen konnte. Konstantin I. mußte unter dem Druck französischer und britischer Kriegsschiffe ins Exil gehen. Griechenland trat daraufhin eindeutig auf die Seite der Entente und verbündete sich mit ihr gegen die Mittelmächte (aus De Jongh, a.a.O., S. 732).

 

Am 10. April kapitulierte auch das starke Festungswerk Paljurjones, wobei sich 10 Offiziere, darunter der Kommandant, und über 400 Mann ergaben. Am 9. April 1941 wurde Thessaloniki eingenommen, worauf die noch in Thrakien an der Metaxas-Linie stehen­den griechischen Verbände zur Übergabe gezwungen wurden. In nur 4 Tagen hatte das Gebirgs-Jäger-Regiment 100 der 5. Ge­birgs-Division sechs mächtige Verteidigungsanlagen mit über 100 Betonbunkern und Feldbefestigungen stürmend genommen. Der Weg nach Griechenland war damit freigekämpft. Im Verfolgungsmarsch griff die 5. GD dann an Saloniki vorbei, in Richtung Olymp an, wo die 6. Gebirgs-Division noch letzten Widerstand zu brechen hatte.

 

bb. Die 6. Gebirgsdivision durchbricht die Metaxas-Linie:

 

Die 6. Gebirgs-Division unter General Schörner kämpfte links (ostwärts) von der 5. GD, als sie den Auftrag erhielt, ebenfalls durch die Metaxas Linie durchzubrechen. Diese Division war bei ihrem Vorstoß auf die berühmten gepanzerten Berge Makedoniens ange­setzt, die es zu stürmen und zu nehmen galt. Auf das schwierige Gelände wurde dann auch der Angriffsplan nach vorheriger Erkun­dung festgelegt, um einen optimalen Erfolg zu garantieren. Dieser Angriffsplan sah - kurz zusammengefaßt - folgendermaßen aus:

1. Schwerpunkt auf Grund der Wegeverhältnisse links

erzwingen.

2. Überraschender Vorstoß über den Grenzkamm zwi-

schen Bulgarien und Griechenland.

3. Nach Überschreiten desselben Angriff ins Kumli-Tal mit 6 Kolonnen durchführen.

4. Aufgrund des Fehlens schwerer Artillerie und Flieger-

unterstützung wuchtige Angriffe durchführen, um die

ersten Verteidigungsstellungen frühzeitig zu durchbre-

chen.

5. Verlastete Gebirgsgeschütze werden umgehend nach-

gezogen, um den Angriff wirksam zu unterstützen.

6. Sicherung der Versorgung muß sichergestellt sein, um

Munition, Verpflegung und Gerät heranführen zu kön-

nen.

Die abschließende Angriffsgruppierung der 6. Gebirgs-Division umfaßte dann zwei verstärkte Kampfgruppen:

- Rechts Gebirgs-Jäger-Regiment 143, unterstellt 1. Kom- pagnie Gebirgs-Pionier-Bataillon 91 und die I./Geb.-Art.-

Rgt. 118. Bereitstellung am Hang südlich Gabrene.

- Links: Gebirgs-Jäger-Regiment 141, unterstellt 1 Kompa-

gnie Gebirgs-Pionier-Bataillon 91, II./Geb.-Art.-Rgt. 118

I./Geb.-Art.-Rgt. 95 (von der 5. Gebirgsdivision). Dazu ein

Zug 3./Flak-Abt.85. Geb.-Aufkl.-Abt. 112 hatte hinter dem

Regiment zu folgen. Bereitstellung am halben Hang südl.

Kolarevo. Divisionsreserve: 1./Gebirgs-Jäger-Regiment

141.

 

Trotz unerwarteten, heftigen griechischen Widerstandes hatte die 6. Geb.Div am ersten Angriffstag in breiter Angriffsfront mit 6 Ba­taillonen ein überaus schwieriges, hohes und steiles Gebirge überschritten und darüber hinaus zwei gegnerische Stellungen niederge­kämpft und durchbrochen. So stand die Masse der gesamten Division bereits am 6. April im Kumli-Tal - allen anderen Divisionen voraus -, von wo aus sie dann zum Kampf gegen die Metaxas-Linie aufbrach, an deren Erstürmung sie mit dem frühzeitigen Fall der ganzen griechischen Befestigungsanlage entlang der bulgarisch-griechischen Grenze entscheidend beigetragen hatte. Von der Meta­xas-Linie führte dann der Weg der 6. Gebirgs-Division am Olymp vorbei zu den Thermopylen, die sie unter der Führung des XVIII. Gebirgs-Armee-Korps öffnete.

 

 

f. Der Kampf um die Thermopylen:

 

 

5. Judenverfolgung:

 

 

Thessaloniki:

SALONIKI (seit 1937 Thessaloniki), Hauptstadt und Haupthafen Makedoniens im Norden von GRIECHENLAND. Zwischen 1911 und 1941 veränderte sich die Bevölkerungsstruktur der Stadt: Während 1911 die Zahl der sephardischen Juden noch 80 000 bei einer Gesamtbevölkerung von 173 000 betrug, war Saloniki bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs eine griechische Stadt geworden, mit einer großen nichtassimilierten jüdischen Minderheit, die Ladino (Judeospanisch) sprach. Die Auswanderung von Juden, die sich nach der Jahrhundertwende verstärkte, wurde durch die Einwanderung griechischer Flüchtlinge aus Anatolien und deren Ansiedlung in Saloniki nach dem Volksgruppenaustausch mit der Türkei im Jahr 1923 befördert. Aus den Reihen dieser Griechen bildete sich eine faschistische und antijüdische Bewegung, die Ethniki Enosis Elada (EEE; griechische Nationalunion), die Angriffe gegen die Ju­den verübte (zwischen 1931 und 1934 führten diese Anschläge zu einer Auswanderung von etwa 100000 Juden nach Palästina).

 

Zu den antijüdischen Maßnahmen gehörte eine zwangsweise Schließung der Läden an Sonntagen und eine verstärkte Betonung des Griechischunterrichts sowohl an den hebräischen als auch an den Ladino-Schulen. Nach 1936 beschränkte Joannis Metaxas, der grie­chische Diktator, die Aufnahme von Juden und anderen Minoritäten ins Offizierskorps der Armee, legte aber auch der antisemiti­schen EEE Zügel an.

 

Am 9. April 1941 eroberten die Deutschen Salonikl und brachten damit 50000 Juden der Stadt in ihre Gewalt. Innerhalb einer Woche wurden die jüdischen Honoratioren verhaftet, jüdische Wohnungen konfisziert und das jüdische Hospital den deutschen Streitkräften zur Verfügung gestellt. Drei jüdische Zeitungen auf Französisch und Ladino mußten ihr Erscheinen einstellen; statt dessen erschienen die antisemitischen Kollaborationszeitungen Nea-Evropi und Apoyeuma. Im April und Mai I941 plünderte der EINSATZSTAB RO­SENBERG mit Unterstützung von Einheiten der WEHRMACHT systematisch die 500 Jahre alten Literatur- und Kulturschätze, die in Dutzenden privater und öffentlicher Bibliotheken und Synagogen dieses bedeutenden Zentrums der sephardischen Kultur aufbewahrt wurden. Die meisten Stücke wurden nach Frankfurt am Main geschickt, wo die Nationalsozialisten eine Bibliothek für die Erforschung des Judetums aufbauten.

 

In den folgenden 14 Monaten kam es nicht zu neuen antijüdischen Maßnahmen in Saloniki. Die jüdische Gemeinde sah sich aller­dings ernsten Problemen in der Versorgung mit Lebensmitteln gegenüber. In dem strengen Winter 1941/42 kamen fast 600 Personen durch Kälte und Krankheiten um. Die Gemeinde wurde deshalb von den Maßnahmen der nächsten acht Monate überrascht, als sie ei­ner systematischen Ghettoisierung unterworfen, ihr Vermögen aufgelöst oder Nationalsozialisten bzw. den staatlichen Kassen über­eignet, ihr Grundhesitz von der griechischen Stadtverwaltung eingezogen wurde und fast alle ihre Mitglieder in das Konzentrations­lager Auschwitz deportiert wurden. Am 11. Juli 1942 mußten sich 9000 jüdische Männer zwischen 18 und 45 Jahren auf der Plateia Eleutheria (Freiheitsplatz) versammeln. Etwa 2000 wurden als Zwangsarbeiter für die Wehrmacht rekrutiert. Bis Oktober waren 250 Männer an den Folgen der Zwangsarbeit gestorben. In Verhandlungen mit Maximilian Merten, dem Leiter der deutschen Militärver­waltung Saloniki/Ägäus, kaufte die Gemeinde ihre jungen Männer frei. Ein Teil des Geldes wurde in Saloniki und Athen gesammelt, das ührige erbrachte der Verkauf des 500 Jahre alten Friedhofs an die Stadtverwaltung, die diesen systematisch zerstörte, seine alten Grabmäler als Steinbruch verwendete und mitten in den Ruinen eine Universität errichtete.

 

Im Dezember 1942 wurde der Oberrabbiner Zvi KORETZ Vorsitzender des neugeschaffenen JUDENRATS. Trotz seiner Bemühun­gen und Proteste und trotz Einwänden der griechischen Regierung und der Kirche wurde er von Merten dazu bestimmt, in den bevor­stehenden Verhandlungen mit Adolf EICHMANNS Repräsentanten Dieter WTSLICENY und Alois *BRUNNER am 6. Februar 1943 die jüdische Gemeinde zu vertreten. Ab 8. Februar 1943 erließ Merten eine Reihe von Anordnungen, um die NURNBERGER GE­SETZE zur Geltung zu bringen und die Juden zu isolieren. In die Tat umgesetzt wurden diese Anordnungen durch Vital Hasson, Ed­gar Chounio, L. Topaz und J. Albala, die nach dem Krieg als Kollaborateure verurteilt wurden. Die Rolle, die Rabbiner Koretz in sei­ner Eigenschaft als Vorsitzender des Judenrats spielte, ist umstritten. In der Zeit unmittelbar nach dem Krieg wurde er von Histori­kern wegen mangelnder Führungsqualitäten kritisiert; später gab es Versuche, dieses Bild zu revidieren.

 

Ab dem 25. Februar 1943 versammelte man zur Vorbereitung der Deportationen Juden in den nahe dem Bahnhof gelegenen Ba­ron-Hirsch-Viertel. Die Transporte, insgesamt 19 oder 20 mit einer Gesamtzahl von mindestens 43850 Juden, trafen zwischen dem 20. März und dem 18. August 1943 in Auschwitz-Birkenau ein, wo die meisten gleich bei der Ankunft vergast wurden. Zwar überlebten 11200 (4200 Frauen und 7000 Männer) die »Selektionen«, aber die meisten wurden später ermordet. Einige Frauen wurden bei Carl CLAUBERGS Sterilisations-Forschungen als Versuchspersonen mißbraucht. Im August 1943 wurden Rabbiner Koretz und der Ju­denrat mitsamt der jüdischen Polizei nach BERGEN-BELSEN deportiert. Die gesperrten Bankkonten der Juden wurden von der deutschen Militärverwaltung in Saloniki beschlag nahmt.

 

Juden im Besitz spanischer, italienischer, türkischer und anderer Ausweise wurden nicht ermordet, auch wenn 367 Juden, die von Spanien als spanische Staatsbürger anerkannt wurden, auf ihrem Weg nach Spanien das Konzentrationslager Bergen-Belsen passieren mußten. Italienische Versuche, den salonikischen Juden Schntz zu gewähren, führten zu Differenzen mit den Deutschen. Einzelnen half man, in die italienische Zone zu entkommen, und andere erhielten die italienische Staatsbürgerschaft. Italiens Bemühungen, Ju­den im besetzten Europa zu schützen, war nur partiell erfolgreich. Eine unbestimmte Zahl salonikischer Juden entkam mit Hilfe von Partisanen nach Palästina.

 

Hunderte von Juden aus Saloniki überlebten die zahlreichen Zwangsarbeits- und Vernichtungslager. Nach Ende des Kriegs schlossen sie sich jenen Juden an, die in die Berge geflohen waren bzw. mit den Partisanen gekämpft hatten; die Anzahl der letzteren betrug etwa 500. 1945 zählte die jüdische Gemeinde in Saloniki 1950 Personen. Viele von ihnen wurden während des folgenden Bürger­kriegs in Griechenland als »Kommunisten« beschimpft und waren Übergriffen ausgesetzt. Diese Verfolgungen verstärkten die Aus­wanderung nach Isrzel, in die USA und nach Südamerika (aus Jäckel u.a. [Hrsg.]: Enzyklopädie des Holocaust, S. 1274-1276).

 

Literatur:

S. Bowman, Jews in Wartime Greece, in: M. R. Marrus (Hrsg.), The Nazi Holocaust, Bd. 4, W«tport/London 1989, S. z97-314.

N. Eck, New Light on the Charges against the Last Chief Rabbi of Salonica, in: Yarl Vashem Bulletin 17 (1965), 9-15; 19 (1966), S. 28-35.

R. Eckert, Die Verfolgung der griechischen Juden im deutschen Okkupationsgebiet Saloniki-Ägeis vom April 1941 bis zum Abschluß der Deportationen im August 1943, in: Bulletin des Arbeitskreises II. Weltkrieg 1-4 (1986), S. 41-69.

A. Elmaleh, Les Juifs de Salonique et la Resistance Hellenique, Istanbul 1949.

M. Molho/NJ. Nehama, In Memoriam, Thessaloniki 1973.

Rosh, Lea und Jäckel, Eberhard: Der Tod ist ein Meister aus Deutschland - Deportation und Ermordung der Juden. Kollaboration und Verweigerung in Europa, 5. Auflage Hamburg 1991, Bibliothek Ref GeschNazi8, S. 154

C. Roth, The Last Days of Jewish Salonica. What Hap- pened to a 450-Year-Old Civilization, in: Commentary 10 (1950), S. 49-55.

H. Safrian, Wiener Täter, Wiener Methode. Die Deportationen der Juden aus Saloniki, in: K. Stuhlpfarrer (Hrsg.), Der Balkan im Zweiten Weltkrieg als Teil der österreichischen Zeitgeschichte, Wien 1989, S. 140-195.

 

 

 

Brunner, Alois:

war ab 1943 mit der Ausrottung der Juden in Thessaloniki (80000) befaßt; von Juli 1943 bis August 1944 war er Leiter des 'Sonderju­denkommandos' der Gestapo in Frankreich; er befehligte das Judensammellager Drancy; wegen besonderer Grausamkeit berüchtigt; läßt noch wenige Wochen vor der Befreiung von Paris alle Kinder aus jüdischen Heimen festnehmen und nach Auschwitz deportie­ren. Seit 1945 verschwunden; im Mai 1954 in Abwesenheit in Paris zum Tode verurteilt (vgl. Rosh, Lea und Jäckel, Eberhard: Der Tod ist ein Meister aus Deutschland - Deportation und Ermordung der Juden. Kollaboration und Verweigerung in Europa, 5. Auflage Hamburg 1991, Bibliothek Ref GeschNazi8, S. 154).

 

 

 

6. Deutsche Rückzugskämpfe in Griechenland 1943/1944

 

a. allgemeiner Überblick

Nach der Katastrophe von Stalingrad gerieten die auf dem Balkan mit Deutschland verbündeten Länder immer mehr in den Sog der Alliierten und schlugen sich schließlich - als sich die Niederlage des "Großdeutschen Reiches" abzuzeichnen begann - auf deren Sei­te. So wurde der Balkan abermals stark erschüttert. Von den Gebirgstruppen waren in Griechenland bei den Abwehrkämpfen einge­setzt: Generalkommando XXII. Gebirgs-Armeekorps mit 1. Gebirgs-Division. Von Bulgarien ging die 1.Geb.Div. in die Schwarzen Berge Montenegros, von dort in das albanisch-griechische Grenzgebiet des Epirus, wo sie unter dem XXII. Gebirgs-Armeekorps (General der Gebirgstruppe Lanz) im unwegsamen Karstgebirge der dalmatinischen Küste schwierige Säuberungsaktionen gegen die ortskundigen Partisanen durchzuführen hatte. Hinzu kamen, als Folge der italienischen Kapitulation vom September 1993, die ver­lustreichen Kämpfe mit den Italienern auf den ionischen Inseln Korfu, Kephalonia u.a.

 

 

b. Die Rückeroberung von Korfu und Kephalonia

 

Nach dem Sturz des italienischen Diktators Mussolini und dem Regierungswechsel im Sommer 1943 wurde der deutschen Führung klar, daß in Italien ein Seitenwechsel bevorstand. Aus diesem Grunde erließ das OKW Richtlinien und Befehle, die sich mit der Ent­waffnung des italienischen Heeres durch die deutschen Truppen und mit der Rückeroberung von italienisch besetzten Inseln im Ioni­schen Meer befaßten. Hierbei handelte es sich vor allem um die strategisch äußerst bedeutsamen Inseln Kephalonia und Korfu, die die Flanke des Balkans schützten. Die Unternehmungen des XXII. Gebirgs-AK gegen die beiden Inseln im Rahmen des Falles ‘Ach­se’ - wie die Unternehmungen gegen den ehemaligen italienischen Verbündeten genannt wurden -, im September 1943 waren von der politischen Großlage diktiert. Die deutsche Führung achtete besonders darauf, daß an allen ins Wanken geratenen Abschnitten des Balkans Truppen stationiert waren, die jederzeit einzugreifen vermochten, um die Front zu halten.

 

Im Zuge der Neuaufstellung von Generalkommandos und Militärbefehlshabern im Südostraum wurde unter Auflösung und Ausnut­zung des Stabes ‘Kommandierender General und Befehlshaber Südgriechenland’ die Aufstellung des Generalkommandos XXII. Ge­b.A.K. befohlen, das von General d. Gebirgstruppe Hubert Lanz kommandiert wurde. Sein Auftrag lautete: „XXII. Geb.A.K. ist in erster Linie mit der getarnten Vorbereitung des Einsatzes an der Westküste Griechenlands und der dann vorgesehenen Übernahme des Befehls über die 1. Geb.Div. und 104. Jg.Div. zu beauftragen.“ Im Kriegstagebuch des XXII. Gebirgs-Armee-Korps kommt klar zum Ausdruck, daß für den Fall ‘Achse’ - also das Abspringen Italiens - die italienischen Dienststellen, Unterkünfte und dergleichen zu übernehmen und die ionischen Inseln Korfu und Kephalonia zu besetzen sind.

 

 

 

aa. Die Eroberung von Korfu

 

Es war hierzu vorgesehen, daß das Gebirgsjäger-Regiment 99 unter ihrem Kommandeur Oberstleutnant Remold von Igoumenita aus auf Korfu übersetzt, nachdem die italienischen Küstenbefestigungen an der Südostküste ausgeschaltet sind. Der Befehl an Remold lautete:

 

Auslaufen, sobald die ital. Küstenbatterien am Südostrand der Insel genommen. Mit dem Anlanden des Rgt. Stabes 99 auf Korfu übernimmt Oberstlt. Remold die taktische Führung über alle auf der Insel befindlichen deutschen Kräfte als ‘Kampfgruppe Remold’. Kampfauftrag: Angriff aus dem Brückenkopf Dittmann nach Norden, Wegnahme der Stadt Korfu und Säuberung der gesamten Insel vom Feind.“

 

 

Gerd Fricke schildert die Rückeroberung von Korfu folgendermaßen:

 

Die Flottille mit der Gruppe Dittmann lief befehlsmäßig am Nachmittag des 23.9 aus Preveza aus und erreichte nach Mitternacht die geplante Landestelle an der Lagune Korissia (südwestlich Chlomotiada). Hier wurde ohne Feindwiderstand schon um 1 Uhr der erste Landkopf durch 6./Gebirgsjägerregiment 98 (ohne 1. Zug) gebildet, deren erste Teile nach Überwindung des Küstenstreifens bis an die Lagune gelangten.

Inzwischen war das Landeunternehmen von der italienischen Inselbesatzung erkannt worden. Zwei Batterien und mehrere schwere Granatwerfer eröffneten aus der Gegend von Braganiotika und Argirades ein schlecht gezieltes Feuer, so daß bis 2.00 Uhr die gesam­te Gruppe Dittmann fast ungehindert an Land gehen konnte. Die 6. Kompanie durchwatete die Lagune und kam im weiteren Vorstoß in die Gegend 2 km südlich Braganiotika in Gefechtsberührung mit feindlicher Infanterie, von der zwei Züge im Nahkampf vernich­tet wurden. Die anderen an Land gegangenen Kampfgruppen stießen gegen die Straße vor, die den südlichen Teil Korfus der Länge nach durchquert. Sie wurde gegen 3 Uhr von einem Zug der 6. Kompanie und einem Zug 3./Pionierbatallion überschritten. Die 7. Kompanie wurde in nördlicher Richtung auf die Straße angesetzt, mit dem Auftrag, die linke Flanke des Brückenkopfes zu decken und feindliche Kräfte, die sich an 6./Geb.Jg.Rgt. 98 von Braganiotika herangeschoben hatten, im Rücken zu fassen. Im Verlauf dieses Angriffs wurde eine italienische Kompanie vollständig aufgerieben. Gleichzeitig stieß die 8. Kompanie im Anschluß an die links an­greifende 6. nach Norden vor, um die Ostküste der Insel auftragsgemäß zu erreichen. Im Zuge dieses Vorgehens gelang es, bis 4.oo Uhr die beherrschende Höhe von Maltauna gegen zähen Feindwiderstand zu nehmen und nach Mesoggi durchzustoßen. Die italieni­schen Kräfte flüchteten, soweit sie nicht im Nahmkampf vernichtet wurden, nach Norden. Damit war im Morgengrauen des 24.9.43 der erste Teil des Auftrages, auf Korfu einen Brückenkopf mit der Sperrlinie Lagune Korissia - Mesoggi zu bilden, erfüllt.“

 

Nachdem der Ritterkreuzträger Michael Pössinger mit seiner verstärkten 6. Kompanie 98 in der Nacht vom 23. auf den 24. Septem­ber 1943 auf der Südseite der Insel Korfu gelandet war, gelang es ihm und seinen verwegenen Jägern, den Nord- vom Südteil der In­sel abzuschneiden und nach zwei Tagen härtester Kämpfe diesen Teil Insel in seinen Besitz zu bringen. Neben zahlreichen erbeute­ten Waffen wurden dabei nicht weniger als 4000 Italiener gefangengenommen.

Die anschließende Säuberung des eroberten Gebietes erfolgte ohne nennenswerten Widerstand. Nachdem die beiden Küstenbatterien ausgeschaltet worden waren, konnte das Anlanden der Verstärkungen - wie es im Divisionsbefehl für das Unternehmen "Achse" ge­plant gewesen war, anlaufen.

 

Am gleichen Nachmittag wurden auf nicht beschädigten Fahrzeugen Stab und 7./GebJgRgt 98 der Gruppe Feser in Igoumenitsa ver­laden, um den Brückenkopf Dittmann zu verstärken. Da jetzt eigene Jagdüberwachung (durch Flugzeuge) vorhanden war, erreichte der Transport ohne Feindberührung am Abend die neue Landestelle bei Molo (Bai von Lefkimi). Schon 20.30 Uhr war die Verbin­dung der beiden Bataillonskommandeure in Perivoli aufgenommen.“

 

In der Nacht vom 24. auf den 25. September 1943 wurden die restlichen Kompanien der Gruppe Feser sowie die Gruppe Remold nach Korfu verschifft, wo die Schiffe bei der Anlagestelle Molo an Land gingen. „Im Morgengrauen des 25.9. nahm Oberstleutnant Remold mit den Führern der beiden übergesetzten Bataillone (II./GebJgRgt 98 und II./GebJgRgt 99) Verbindung auf und fand folgen­de Lage vor: 6./GebJgRgt 98 sperrte das Höhengelände nordwestlich Argirades und sicherte die Straße nach Nordwesten 3 km süd­ostwärts Braganiotika. Die Masse des Bataillons befand sich noch in der Gegend Piglades-Spartera. Zwei Kompanien der Gruppe Fe­ser machten sich in Perivoli gegen 6.30 Uhr zum Weitermarsch nach Nordwesten fertig. Die bei Braganiotika stehenden italienischen Kräfte zogen sich ungefähr zur gleichen Zeit nach Norden in das Gebirge zurück. Sie hielten hier eine stark befestigte Sperrstellung in Linie Paßhöhe Stavros-Paßhöhe Kato Garuna (Pavliana)-Pedanti besetzt, von wo sie ein äußerst störendes Artilleriefeuer auf die deutschen Anmarschwege unterhielten. Oberstleutnant Remold entschloß sich nachzustoßen und dann mit den verfügbaren Kräften gegen diese Stellungen anzutreten, mit dem Endziel, nach der Stadt Korfu durchzubrechen. Da mit starkem Widerstand zu rechnen war, befahl er den Angriff auf die Sperrstellung so, daß Teile des Bataillons Dittmann an der ostwärtigen Straße über Stavros, Batail­lon Feser über Paßhöhe Ano Garuna anzugreifen hatten. Der vorgezogene Zug IV./GebArtRgt 79 erhielt den Auftrag, den Angriff der beiden Stoßgruppen zu unterstützen. Zunächst bekamen jedoch alle noch im Südostteil der Insel befindlichen Teile II./GebJgRgt 98 den Befehl, beschleunigt nach vorn aufzuschließen. Hier hatte den vordersten Teile der 6./GebJgRgt 98 auf der großen Straße um 9.15 Uhr schon Strogoli erreicht, Teile des II./GebJgRgt 99 standen bei Ag. Matheos.“

 

Die Rückeroberung der Insel Korfu durch die Gruppe Remold führte auf Grund der klar gegebenen Befehle zu einem großen Erfolg. Nach Norden der Insel entkommene Italiener wurden weiter verfolgt und gestellt. Unter anderen ließ sich ein italienisches Bataillon widerstandslos entwaffnen. Anschließende Säuberungsaktionen der Gebirgsjäger auf der Insel nahmen die letzten Italiener gefangen. Der widerstand wurde gebrochen. Über 10 000 Italiener waren gefangengenommen oder in geschlossenen Abteilungen übergelaufen, 600 gefallen.

 

In Korfu soll es, obwohl dies kaum berichtet wird, nach der Übergabe zur Erschießung der gefangengenommenen italienischen Offi­ziere gekommen sein, die angeblich als Freischärler, nicht als Kombattanten angesehen wurden, da nach dem Abfall Italiens von den Achsenmächten von der italienischen Regierung unter General Badoglio erst am 13. Oktober 1943 der Krieg erklärt worden war (vgl. hierzu Kaltenegger, a.a.O., S. 533, Anm.: 25 unter Verwendung eines Briefes von Fregattenkapitän a.D. Nitzschke vom 11.1.88).

 

bb. Die Rückeroberung von Kephalonia

 

Im Gegensatz zu Korfu nahmen die Ereignisse auf Kephalonia eine viel dramatischeren, ja tragischen Verlauf, der das Verhältnis zwi­schen den ehemaligen italienischen und deutschen Achsenpartnern noch lange belasten sollte. Schlimmer noch: Kephalonia ist nach wie vor ein dunkles und unbewältigtes Kapitel in den Annalen der Gebirgstruppe der Deutschen Wehrmacht.

 

Mit der Durchführung der Operation wurde die Kampfgruppe des Majors von Hirschfeld beauftragt, bestehend aus Teilen des GebJ­gRgt 98 und Teilen der 104. Jg.Div sowie aus Gebirgsartillerie und Pioniertruppen. Von Hirschfeld, der neue Kommandeur des GebJ­GRgt 98 war ein überaus erfolgreicher Offizier, u.a. war ihm wegen des erfolgreichen Einsatzes seines Bataillons bei den Kämpfen von Maikop und Tuapse im Kaukasus als 164. Soldaten der Wehrmacht die höchste Tapferkeitsauszeichnung, das Eichenlaub zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen.

 

Bei der letzten Besprechung vor dem Einsatz betonte von Hirschfeld nachdrücklich: „Es werden - Weisung von ‘oben’ - keine Gefan­genen gemacht!“ Am 17. September 1943 stach die Kampfgruppe von Hirschfeld von Preveza aus in See und landete im Abwehrfeu­er der italienischen Küstenbatterien an der Westküste Kephalonias. Nach einer Lagebesprechung mit dem Kommandierenden General Lanz am 17.9. und nochmals am 19.9. mit anschließender Umgliederung der Kampfgruppe begannen die erbitterten Kämpfe um die ionische Insel. Bereits nach zwei Tagen fiel die Inselstadt Argostolion. Die auf Kephalonia stationierten italienischen Truppen waren von den Gebirgsjägern überwältigt worden, noch bevor der geplante Gegenangriff der italienischen Division ‘Acqui’ zum Tragen ge­kommen war. Eine detaillierte Schilderung der entscheidenden Kampfhandlungen der Kampfgruppe ist im Gefechtsbericht festgehal­ten:

 

Der Kampfgruppe Klebe (III./98 G.J.B. 54) überwindet das schwierige Berggelände in anstrengendem Nachtmarsch und zerbricht in kurzem, aber hartem Nachtgefecht feindliche Sperrstellungen am Paß 5 km nördlich Dilinata, um mit den vordersten Teilen in Dilina­ta einzudringen. II./724 wirft um Mitternacht dem Feind von Punkt 852 nach Süden und steigt im Morgengrauen, von Norden angrei­fend, gegen Punkt 750 an. Gegen die im Morgengrauen erkannten, stark massierte Feindbesetzung auf Punkt 750 wird G.J 54, das sich auf den Serpentinen der Paß-Straße befindet, nach Westen eingedreht, während Teile des Fest.Btl. 910 im Angriff auf Pharsa den Rückweg nach Südosten verlegen. Das III./317 ist auf Punkt 750 völlig eingeschlossen und läuft nach kurzem Gefecht in aufgelösten Zustand über. Um 10.00 Uhr stürmt II./724 gegen hartnäckige Feindabwehr bei starker feindlicher Art. Tätigkeit Lamia und Btl. 910 Davgata. Teile des II./317 werden vernichtet, die Reste auf das Feind-Rgt. 17 zurückgeworfen. Um 12.00 Uhr setzt II./ 724 trotz Mu­nitionsmangels den Angriff auf Pharaklata fort und erweckt beim Feind den Eindruck, daß die über die Paß-Straße vorgestoßene Um­fassungsgruppe aus dem Raum Dilinata hier angreift. Damit kann die Kampfgruppe Klebe völlig unbemerkt hinter der Höhe 832 ver­schwinden und um 14.00 Uhr völlig überraschend in Phrangata eindringen. Gegen 18.00 Uhr wird Pharaklata und eine Höhenstellung südlich Davgata von den Btl. II./724 und 910 in hartem Kampf gestürmt. Um 22.00 Uhr überfällt Kampfgruppe Klebe nach zwanzigstündigem Marsch und 3 Stunden Rast ein in Ruhe befindliches Btl. bei H. Georgius, vernichtet es und befreit 470 deutsche Kriegsgefangene.

 

Damit ist die Entscheidung gefallen. Mit Morgengrauen des 22.9. greift III./98 über Metaxata ausholend Argostolion an, während G.J. 54 über Kakkolata vorgeht und II./724 das stark befestigte Razata nimmt. Btl. 910 kann um 10.00 Uhr Konstantin wegnehmen. Um 11.00 Uhr dringt das III./98 in Argostolion ein. Der Bergrücken, der sich von Kutavos zum Südostende des Hafens von Argosto­lion hinzieht, wird von Süden durch 9./I.R. 54, von Nordosten von II./724 und von Norden von Btl. 910 gegen den letzten harten, vom feindlichen Divisionskommandeur persönlich geleiteten Widerstand gestürmt. Um 12.00 Uhr ist der Feind in voller Auflösung, die Masse der feindlichen Batteriestellungen genommen, die Säuberung von versprengten, noch Widerstand leistenden Feindteilen im Gange. Um 14.00 Uhr ist die Gefechtstätigkeit beendet. Um 21.00 Uhr meldet sich im Strom der überlaufenden, völlig durcheinander geworfenen Feindteile der feindliche Divisionskommandeur zur bedingungslosen Übergabe ...“

 

Abschlußmeldung: „Division ‘Acqui’ wurde in 36 stündigem, in einem Zuge mit nur kurzen Unterbrechungen geführtem Angriff von 2 Geb.Jäg.Btl., 1 Jäg.HalbBtl. und 1 nur 400 Mann starkes Festungs.-Btl., verstärkt durch 2 1/2 Batterien vernichtet.“

 

Schon am Abend des 22. September 1943 meldet ein Funkspruch des Kommandierenden Generals des XXII. Gebirgs-Armee-Korps an die Heeresgruppe E (Hauptquartier in Thessaloniki) das Ende der Kämpfe in Kephalonia, die auf deutscher Seite 40 Tote gekostet haben: „Masse der Division Acqui (ohne Rgt. 18 Korfu) vernichtet. General Gandin mit seinem Stabe gefangengenommen. Erbitte Befehl, wie gegen ihn, seinen Stab und die Gefangenen zu verfahren ist.“

 

Die Antwort der Heeresgruppe war unmißverständlich und verbrecherisch und gegen jedes Kriegsvölkerrecht: „General Gandin und seine verantwortlichen Kommandeure sind gemäß Führerbefehl unverzüglich zu behandel.“ Dennoch gelang es General Lanz durch eine zweimaligen Einspruch gegen den Führerbefehl, nachdem bekanntlich keine Gefangenen zu machen seien, zu erreichen, daß sämtliche 5000 Gefangene, die ohne Waffen zu den Deutschen übergelaufen waren, als Kriegsgefangene behandelt wurden. Was dem Kommandierenden General des XXII. Gebirgs-Armeekorps allerdings nicht gelang, war ein energischen Einschreiten gegen Major von Hirschfeld, so daß weitere 4000 Italiener, die bewaffnet Widerstand geleistet hatten, „während der Gefechtshandlungen erschos­sen“ oder, soweit sie in Gefangenschaft gerieten, „gemäß Befehl des Führers behandelt worden“ waren (Quelle: Kriegstagebuch des OKW. Bd, III, S. 1133 f).

Während der Kämpfe bekam ich das auf meinem Verbandsplatz bei Pharsa erheblich zu spüren“ schrieb Dr. med. Alfred Helmholz, der während und nach den Kämpfen auf Kephalonia Bataillons-Arzt des Festungs-Bataillons 910 und Regiments-Arzt 966 war. „Mehrfach ist versucht worden, in nächster Nähe und sogar auf meinem Verbandsplatz Gefangene zu erschießen. Ich mußte mich dem persönlich entgegenstellen. Nachdem die Italiener kapituliert hatten, erfuhr ich von meinem Btls.-Kommandeur Major Nennstiel, daß durch ein Kriegsgericht General Gandin und seine Offiziere zum Tode verurteilt worden seien und eine Durchsuchung der ital. Lazarette bevorstehe. Ich bin daraufhin mit Major. Nennstiel beim Oberkriegsgerichtsrat ... vorstellig geworden, um zu ver­anlassen, daß sämtliche ital. Ärzte der Division im Feldlazarett 37 gesammelt würden, da die große Gefahr bestand, daß die Ärzte wegen ihrer Offiziersuniformen (sie trugen keine Äskulapstab wie die deutschen!) mit Offizieren verwechselt würden ... - Das ist auch sofort geschehen.“

 

Welches Ausmaß die italienischen Verluste während der Kämpfe und durch Gefangenenerschießungen hatten, ergab sich erst in den folgenden Tagen aus Berichten von Offizieren und Soldaten der deutschen Einheiten. Demnach muß mit kleinen Ausnahmen alles vernichtet worden sein, was Waffen trug, nur Einheiten, die sich geschlossen ergeben hatten oder bereit waren, auf deutscher Seite zu kämpfen (1 ital. Batterie auf d. Halbinsel Lixuri) oder ganz fern vom Schauplatz der Kämpfe lagen, sind in die Gefangenschaft über­führt worden.

 

Eine weitere Tragödie für die Division Acqui war ihr Abtransport zum Festland: zwei Truppentransporter mit mehreren tausend Mann liefen auf Minen und versanken. So ist die Division tatsächlich ‘vernichtet’ worden, wie es im Wehrmachtsbericht hieß.

 

Der ital. Divisionsgeistliche Don Ghilardini hat versucht die Toten zu erfassen und berichtet von 4000 - 5000 Erschießungen, ein Buch von Marcello Venturi berichtet von 9000 Toten. Eine endgültige Klärung der verbrecherischen Vorkommnisse ist aus deutschen Akten wegen des Fehlens jeglicher Hinweise nicht möglich. Der wissenschaftliche Mitarbeiter vom Freiburger Militärgeschichtli­chen Forschungsamt, Dr. Gert Fricke berichtete detailliert über die Kampfhandlungen, die Zahl der Erschießungen entnahm er dem OKW-Bericht. 1969 berichtet der "Spiegel", am 10. 11. 1987 "Monitor" über den Massenmord.

 

 

6. Der deutsche Rückzug und die Räumung Griechenlands

 

Im Westen gelang den Alliierten die Landung in Nordfrankreich bei starkem Widerstand der deutschen Verteidigungskräfte. Im Osten setzten die Sowjettruppen von März bis April zu einer neuen Offensive an, in deren Folge auch die deutsch-rumänische Südfront über die rumänische Grenze hinweg zurückgedrängt wurde. Schließlich stieß die Rote Armee durch die Moldau weiter nach Südwesten in das Kerngebiet Rumäniens hinein. Bulgarien und Rumänien fielen von den Deutschen ab, Griechenland mußte geräumt werden. Da­mit stand den sowjetrussischen Truppen auch der jugoslawische Raum offen. Sie brachten die schwachen und sehr verschiedenarti­gen deutschen Verbände (Luftwaffe, Heer, Waffen-SS, Etappe) in dem ungewohnten Gebirgsland in schwierigste Lagen.

 

Die Kräfte in Griechenland und in der Ägäis unterstanden der Heeresgruppe E (Generaloberst Löhr) in Thessaloniki. Diese wiederum unterstand - wie alle im Südosten eingesetzten Verbände - der im ganzen Südosten führenden Heeresgruppe F (OB Südost, General­feldmarschall von Weichs) in Belgrad.

 

Die deutsche Besetzung Griechenlands wurde ab Herbst 1942 durch die sich steigernde Partisanentätigkeit erschwert. Diese wurden von den Briten angetrieben und unterhalten, waren aber gegenseitig durch aus politischen Gründen gespalten. Zu deren Abwehr wur­de die 1. Geb.Div. ab 1943 im Pindos-Gebirge eingesetzt. Nach der Eroberung von Korfu und Kephalonia kam es durch die Divi­sion im Oktober 1943 zu Kämpfen zur Öffnung des Metsovon-Passes (Katharapaß).

Nach dem Abfall Bulgariens hatten die ägäischen Inseln, die bis dahin als Sicherungslinie sowie als Gewähr für die Neutralität der Türkei gehalten worden waren, ihren militärischen Wert verloren. So wurden die Inseln auf Drängen militärischer Stellen im August 1944 geräumt. Von Kreta konnten 60 000 Mann mit Flugzeugen und Schiffen zurücktransportiert werden, da die Briten die griechi­schen Flughäfen erst später angriffen. Am 12. September wurden Mytilene, am 17. Oktober Lesbos geräumt.

 

Nachdem sich die Gebirgsjäger der 1. Geb.Div bereits 1943 zwischen dem 2. Juli und 10. November in Griechenland aufgehalten hatten, um die italienischen Truppen beim Küstenschutz zu unterstützen, kamen sie 1944 wieder dorthin. In der Zeit vom 3. Mai bis zum 20. Juli wurden sie gegen Partisanen eingesetzt, die ihre Tätigkeit immer mehr verstärkten.

 

Nahezu ununterbrochen durchkämmen die Bataillone der Jäger den Raum, brechen den Widerstand der Partisanen und versuchen das Land zu befrieden. Bei Metsovon, das an dem von Epirus nach Thessalien führenden Pindos-Paß liegt, gleichzeitig bei Argyro­kastron, einer alten Türkenfestung in Südalbanien, kommt es zu harten, oft krisen- und verlustreichen Kämpfen. Nochmals gelingt es der Tapferkeit und der fast unsagbare Strapazen überwindenden Kraft der Männer mit dem Edelweiß, die Lage zu meistern und das lodernde Feuer des Aufstandes wenigstens einzudämmen.“ (aus Hubert Lanz, Gebirgsjäger. Die erst Gebirgsdivision 1935-1945. Bad Nauheim 1954, S. 258. Anm. Verfasser des Balkan-Beitrages war Karl Wilhelm Thilo, von Dezember 1942 bis Oktober 1944 1. Ge­neralstabsoffizier der 1. Geb.Div. Nach seinem Eintritt in die Bundeswehr 1956 war der spätere Generalleutnant Thilo ab April 1965 Divisionskommandeur der 1. Geb.Div der Bundeswehr und Kommandeur des Verfassers).

 

Doch bald darauf mußte Griechenland endgültig geräumt werden. Bis zum 29.9.1944 wurde Westgriechenland bis Pindos verlassen, am 12. Oktober räumten die Nachhuten den wegen der Räumung der ägäischen Inseln lange gehaltenen Hafen von Piräus. Am 31. Oktober wurde Thessaloniki aufgegeben, am 2. November war der Rückzug aus Griechenland abgeschlossen, wobei zahlreiche Brü­cken, Tunnels und dergleichen gesprengt wurden, um den Vormarsch der Kriegsgegner vorübergehend aufzuhalten.

 

Nicht mehr abgezogen werden konnten die Besatzungen der Inseln Rhodos, Westkreta, Milos und von kleineren Inseln (Leros, Kos, Psikopi und Simi, insgesamt 20 000 Mann). Sie halten sich mit Ausnahme von Simi und Rhodos, das am 1. Mai 1945 kapituliert, bis zur allgemeinen Kapitulation am 9. Mai 1945.

 

 

7. Die Geschichte Griechenlands nach dem deutschen Rückzug

 

Ab dem 15. Oktober 1944 kommt es zu Landungen der Briten in Griechenland gemäß dem Abkommen der drei alliierten Großmäch­te über die Operationen im Südosten (Mai/Juni 1944). Die Exilregierung übernimmt die Geschäfte; doch zerbricht die Einigkeit der Parteien nach zwei Monaten: EAM tritt aus der Regierung aus (1. Dez.). Da die das Land beherrschenden ELAS-Verbände auch Athen zu besetzen drohen, kommt es zum Kampf mit den britischen Truppen unter General Scobie.

 

Vom 25.-27. Dezember 1944 bemühen sich Churchill und Eden in Athen vergeblich um Ausgleich. Der noch in London gebliebene König Georg überträgt die Regentschaft dem Erzbischof Damaskinos von Athen. Die Kämpfe zwischen Briten und Kommunisten werden zunächst durch einen Waffenstillstand am 11. Januar 1945 und am 12. Februar 1945 durch ein Abkommen Regierung-EAM beendet. Am 21. Februar 1945 kommt es zur Anklage gegen die ehemaligen Ministerpräsidenten Tsokoglu (1.5.1941 - Dez. 1942), Logothetopoulos (Dez. 1942 bis April 1943) und Rhallys (bis Okt. 1944).

 

Die innenpolitischen Zustände nach Beendigung des Krieges zeigten fortdauernde starke Gegensätze. Jedoch herrscht die Regierung mit britischer Hilfe faktisch nur in den Städten. Die kommunistische EAM beherrscht Nordgriechenland und demobilisiert nicht. Sie interveniert bei den verschiedenen, schnell aufeinanderfolgenden Regierungen (Erzbischof Damaskinos Regent), unterstützt zeitwei­lig die liberale Regierung Sophoulis bei der Vorbereitung freier Wahlen, zieht jedoch ihre Vertreter bald wieder zurück, da die Säube­rung der Verwaltung und des Heeres von "reaktionären Elementen" nicht durchgeführt sei. Sie umfaßt 5 politische Parteien. Sie be­schwert sich beim Sicherheitsrat der UN über einen Mangel an Demokratie in Griechenland und über die Anwesenheit britischer Truppen; die Liberalen (durch Venizelos gespalten) und die Volkspartei, die die Nationale Union bilden, wenden sich gegen einen entsprechenden Antrag der UdSSR im Sicherheitsrat und vereinbaren Wahlen und Volksbefragung über die Rückkehr des Königs. Die Minister der Linken sind aus Protest zurückgetreten.

 

Neben den Kommunisten besteht gleichzeitiger Einfluß rechtsextremer Kreise, die jeden von den gemäßigten Demokraten vorge­schlagenen Mittelweg ablehnen. Die extreme Rechte wird in Armee, Nationalgarde und Polizei die bestimmende Kraft.

Die Wahlen vom 31. März 1946 ergeben bei 40,3 % Enthaltungen 191 Sitze für die royalistische Volkspartei, 56 für die rechtsstehen­de Nationalpolitische Union und 42 für die Liberalen unter Sophoulis. Die Linksgruppen wollen die Wahl annulliert sehen und for­dern wiederholt den Abzug der britischen Truppen. Der Sicherheitsrat stellt fest, daß deren Anwesenheit nicht den Weltfrieden ge­fährdet. Tsaldaris wird Ministerpräsident und übernimmt die Regierung.

 

1946 beginnt von neuem der allgemeine Bürgerkrieg, in dem erst im Winter 1949/50 die mit amerikanischer Hilfe neuaufgestellte griechische Armee unter Feldmarschall Papagos über die von der UdSSR, von Albanien, Bulgarien und (bis 1948) Jugoslawien unter­stützen Kommunisten endgültig zu siegen vermag.

Am 17. April 1946 erhebt die griechische Regierung Anspruch auf Nordepirus. Eine Volksabstimmung vom 19.9.1946 heißt mit überwiegender Mehrheit die Rückkehr des Königs gut. Georg II. kehrt am 27.9.46 heim, stirbt jedoch am 1.4.47: ihm folgt sein Bru­der Paul I.. Von 1944 bis 1952 folgen 21 griechische Kabinette aufeinander. England verlängert am 14.10.46 das Geheimabkommen über kostenlose Waffenlieferungen. Der Sicherheitsrat der UN beschließt eine Untersuchung der Verletzungen der griechischen Gren­ze auf die griechische Beschwerde hin, daß Bulgarien, Jugoslawien und Albanien bewaffnete Banden bildeten und organisierten und verfolgte Flüchtlinge beherbergten. Die Untersuchung kommt zu keinem Ergebnis.

 

Am 12.2.1947 wird die EAM für staatsfeindlich erklärt, ihre Organisation in Makedonien und Thrakien aufgelöst, Mitglieder wegen Unterstützung der Partisanen verhaftet. Nachdem ab März 1947 britische Hilfe nicht mehr möglich ist, bittet die griechische Regie­rung von den USA finanzielle und personelle Hilfe. Die Trumandoktrin vom 12. März 1947 führt zur Entsendung von Zivil- und Mi­litärpersonal sowie zu erheblichen finanziellen Leistungen. Am 24.12.47 wird die Gegenregierung unter Markos in dem von den Auf­ständischenbesetzten Gebieten eingesetzt, die demokratische Rechts und Freiheiten verwirklichen will und eine Bodenreform ver­spricht. Der König wird bereits im August in diesem Gebiet für abgesetzt erklärt. Die Regierung Tsaldaris, die inzwischen die Presse­freiheit aufgehoben, Meldungen über militärische Operationen und einen Beamtenstreik untersagt hat und die Gewerkschaften aufge­löst hat, verbietet auch die kommunistische Partei, welche sich für die Partisanen ausgesprochen hat.

 

Im Juni 1948 erreicht eine Offensive gegen die Aufständischen des Hauptquartier Markos´. Am 6. September 1949 gelingt den Re­gierungstruppen ein entscheidender Sieg über die Aufständischen. Am 9. Oktober 1949 enden die Kämpfe.

 

Ein besonderes Problem der griechischen Innenpolitik ist die Beseitigung der Kriegsfolgen sowie der Zerstörungen durch den Bür­gerkrieg. 1950 wird ein Programm aufgestellt, das den Wohnungsbau und die allgemeine Landesplanung (Wasserversorgung, Ver­kehrsanschluß u.a.) einordnet (1949 sind 42000 Gebäude in 880 Ortschaften unbewohnbar). Aus Mittel der ECA werden 80 Millio­nen investiert. Weitere Organisationen suchen die Flüchtlingskot zu lindern; seit dem Bürgerkrieg sind 40 Kinderkolonien für 18000 elternlose Kinder gegründet. 3/8 der Staatsausgaben werden für die Flüchtlingsfürsorge verwendet.

 

1952 wird die neue Verfassung verabschiedet, die an Stelle der Verfassung von 1911 tritt und dem König das Recht zu Notstandsmaß­nahmen einräumt. Durch das Bodenreformgesetz vom August 1952 wird jeder Grundbesitz von mehr als 25 ha Acker- oder 100 ha Weideland enteignet. Die neuangesiedelten Bauern erhalten das Land als Eigentum, die Voreigentümer werden entschä­digt.

 

 

 

 

 

 

 

VI. Geschichte Thessalonikis im Überblick

 

 

315 (oder 316) v.Chr. Gründung durch Cassandros, benannt nach seiner Frau Thessaloniki, der Schwester Alexanders d.Gr.

 

285 v.Chr. Thessaloniki wird Hauptstadt Makedoniens unter Antigonos während der Dauer des Krieges gegen Pyrrhos

 

279 v.Chr. die keltische Invasion Makedoniens wird vor den Mauern der Stadt von König Ptolemaios Keraunos zerschlagen

 

197 v.Chr. Philipp V. von Makedonien wird von den Rö-

mern unter Konsul Quintus Flaminius bei Ky-

noskephalai besiegt und muß römische Ober-

herrschaft anerkennen

169 v.Chr. vergebliche Belagerung der Stadt durch die Rö-

mer unter Marcus Philippus

168 v.Chr. römischer Sieg bei Pydna über Perseas v. Ma-

kedonien; Übergabe Thessalonikis durch Eume-

nes und Athenagoras an die Römer Aemilius

Paullus

148 v.Chr. Makedonien und Thessaloniki werden röm. Pro-

vinz; Thessaloniki wird Hauptstadt der röm. Pro-

vinz Macedonia secunda und im folgenden Jh.

Hauptstadt von ganz Nordgriechenland

58 v.Chr. Cicero wird nach Thessaloniki verbannt

57-55 v.C. Angriff der Thraker und Belagerung der Stadt;

Flucht der Bevölkerung in die Akropolis

49/31 v.C. röm. Bürgerkrieg; Thessalonki ist 49-48 v.Chr.

Hauptstützpunkt des Pompeius; später auf Sei-

ten der Triumvirn

42 v.Chr. Schlacht v. Philippi; die Sieger Antonius und

Octavian ziehen in Thessaloniki ein

33-28 v.C. Sieg des Crassus über die Thraker und Daker;

erstmals längere Friedensperiode; Thessaloniki

erhält autonome Selbstverwaltung; Hauptstadt

von Makedonien; erhält den Titel einer Colonia

50 St Paul visits Thessaloniki and preaches at the

Synagogue

57 St Paul's second visit

238 Thessaloniki recelves the title of neokoros, si-

gnifying that the city is to be honoured with an

imperial chorch

250 The city is proclaimed a Roman colony 252 The Goths make their appearance

253 Probable date of construction of the city's ol-

dest surviving wall

262 Thessaloniki is besieged by the Goths for the

second time

293 Tetrarchie: Thessoloniki wird Hauptstadt der

Provinz Makedonia prima

298/9 Galerius establishes a mint in Thessaloniki 298/9-311 Construction of Galerius's complex (Palace -

Triumphal Arch - Rotunda)

303(?) Martyrdom of St Demetrius

322 Ausbau des Hafens durch Konstantin d.Gr.

324 Konstantin d. Gr. wählt Thessaloniki als Basis

für seinen Angriff auf Licinius; nach dem Sieg

wird Licinius auf der Akropolis inhaftiert und

hingerichtet

379 Theodosius the Great directs the struggle against

the Goths from Thessaloniki

390 Thessalonians are slaughtered in the hippodro-

me by order of Theodosius the Great. This year

is a terrninus a quo for the construction of Thes- saloniki's early Christian walls

395 Thessaloniki becomes the capital of the province

of East lllyricum; die Westgoten unter Alarich

erobern Makedonien und bedrohen Thessaloniki

412/13 The eparch Leontius builds a church on the site

of St Demetrios's martyrium

448-60 Foundation of the great Church of the Theoto-

kos (Acheiropoletos)

479 Theodorich d.Jüngere und seine Ostgoten be-

drohen Thessaloniki

536 Justinian I. ernennt Thessaloniki zur Hauptstadt

der Provinz Illyricum; längere Friedensperiode

540 Hunnish tribes arrive outside the city walls 597 Incursion by Avars and Slavs

610-26 Attacks by the Slavs

620 The city is struck by an earthquake 629-34 The Church of St Demetrius is destroyed by fire

and rebuilt

675 The city is besieged again by the Slavs 677 The city is struck by an earthquake and again

besieged by the Slavs

688 Emperor Justinian II comes to Thessaloniki 7th c. Foundation of Hagia Sophia

797 Theodore Studites lives in exile in Thessaloniki 811 Bulgar forces threaten Thessaloniki

864 The Thessalonian brothers Cyril and Methodi-

us bring Christianity to the Slavs 904 The Saracens besiege and capture the city 963-9 St Athanasius founds the Great Laura on Mount

Athos, an important event for Thessaloniki 991 Emperor Basil II 'the Bulgarslayer' comes to

Thessaloniki

996 The Bulgar tsar, Symeon, besieges the city early 11th St Photius of Thessaloniki founds Akapniou

Monastery

1028 Foundation of the Church of the Panagia Chal-

keon

1040-41 The Bulgars Peter Odeljan and Alusian besiege

the city

1160 Benjamin of Tudela comes to Thessaloniki 1167-9 The city walls are repaired

1185 The Normans capture the city

ca. 1194 Death of Archbishop Eustathius

12.th c. Description of the Festival of St Demetrius in

the Timarion

1204 The Franks capture Thessaloniki and Boniface

of Montferrat establishes the Frankish state of

Thessaloniki

1207 The Bulgar tsar, Kalojan, besieges the city 1224 Dissolution of the Frankish state of Thessaloni-

ki by Theodore Angelus, ruler of Epirus 1228 Theodore Angelus is crowned Emperor of Thes-

saloniki

1230-7 Manuel Angelus is ruler (after 1234 Emperor)

of Thessaloniki

1237-4 John Angelus is Despot of Thessaloniki 1244-6 Demetrius Angelus is Despot of Thessaloniki 1246 The Kingdom of Thessaloniki is surrendered to

the Emperor of Nicaea, John Batatzes. The great

domesticas Andronicus Palaeologus is governor

of Thessaloniki

1256 Theodore II Lascares comes to Thessaloniki. His

uncle Michael Lascares is strategus of the city.

The historian George Acropolites comes to

Thessaloniki

1258 Michael Palaeologus comes to Thessaloniki 1261 Constantinople is recaptured and the Empire

restored

1299 The Serbian ruler Stephen Milutin (1284-1321)

marries Simonis, the daughter of Emperor An-

dronicos II Palaeologus (1282-1328) 1303 The Chapel of St Euthymius in the Church of

St Demetrius is frescoed at the expense of Mi-

chael Glabas Tarchaniotes

1303-17 Empress Irene lives in Thessaloniki 1310-14 Patriarch Niphon founds the Monastery of the

Theotokos (?) (the present-day Church of the

Holy Apostles)

1310-20 The Church of St Nicholas Orphanos is frescoed

1320 Michael Vlll Palaeologus dies in Thessaloniki 1321-8 First perlod of civil war between Andronicus II

Palaeologus and his grandson Andronicus III 1342-50 Second period of civil war. The Zealot move-

ment. The Hesychast movement.

1345 Stephen Dushan takes Serres. Of central Mace-

donia only Thessaloniki is left to the Byzanti-

nes

1347-48 Cholera epidemic

1350 John Vl Cantacuzene comes to Thessaloniki 1349-59 Gregory Palamas is Metropolitan of Thessalo-

niki

1369-73 The Despot Manuel Palaeologus lives in Thes-

saloniki

1382-7 Manuel II Palaeologus reigns in Thessaloniki 1387 The Turks capture the city 1403 Thessaloniki is restored to Manuel II 1405 (?) The Russlan monk Ignatius of Smolensk visits

Thessaloniki and leaves us a short description

of the city

1423 The city is surrendered to the Venetians 1429 Metropolitan Symeon dies 1430 Thessaloniki finally falls to the Turks. The great

Church of the Theotokos is converted into a

mosque

 

 

THE PERIOD OF OTTOMAN RULE

 

1431 Heptapyrgion is repaired

1444 Construction of Bey Hammam

1467-8 Construction of Hamza Bey Mosque

1490 The Spartan John Moschos is invited to teach

in Thessaloniki

1492-3 The Church of St Demetrius is converted into a

mosque

1492 Spanish Jews settle in the city

1497 Outbreak of plague

1515 The Jews establish their first printing-house

1523-4 Hagia Sophia is converted into a mosque

1590-1 The Rotunda is converted into a mosque

1633 All the coffee-houses are closed down

1641 The Jesulits found schools in the city

1644 The Turkish fleet musters at Thessaloniki for the

campaign against Crete

1655 Sabbatai Zvi, a rabbi from Smyrna, comes to

Thessaloniki and clalms to be the Messiah

1656 Thessaloniki is threatened by the Venetians

1655 The French traveller Robert de Dreux describes

the city

1668 The Turkish traveller Evliya Chelebi describes

the city

1682 Romanos Nikiforos publishes in Thessaloniki a

grammar of the demotic language

1688 Morosini threatens Thessaloniki

1704-20 The monk Akakios teaches in Thessaloniki 1714 Paul Lucas describes the city

1715 Ahmed III musters an army in Thessaloniki

against the Venetians

1742 The Catholic Church of St Ludwig is founded 1757-62 Athanassios Parlos teaches in Thessaloniki 1797 Felix de Beaujour describes Thessaloniki and its commerce

 

1818 The Church of St Athanasius is founded 1821 Greeks are slaughtered in Thessaloniki 1858 Abdul Mejid visits Thes­saloniki

1871 The city is linked by rall with Skopje 1873 The sea wall is demolished

1895 The city is linked by rall with Constantinople 1897 The first artificial harbour is constructed 1908-10 Hagla Sophia is restored

1912 Liberation of Thessaloniki

1917 A great conflagration reduces most of the city to ashes

 

 

 

 

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